Graffiti: DURAK (aus der BACKSPIN MAG #110)

In Deutschland gibt es immer noch Landstriche, die nicht wirklich für ihre Graffitiszene bekannt sind. Osnabrück ist eine Stadt in einem solchen Landstrich. Selbst nach einem Brainstorming fällt mir gerade mal ein, dass dort einer der seltsamsten Hauptbahnhöfe Deutschlands existiert, es an der dortigen Autobahn nur so vor ABM-Bildern wimmelt und dann, entschuldigt bitte meine Unwissenheit, kommt da fast nichts mehr, sehen wir jetzt mal vom Wissen ab, was man sich dank Wikipedia und sonstigen Enzyklopädien, ja, auch den gedruckten, innerhalb von Minuten aneignen kann. Aber kommen wir auf die ABM– Bilder zurück. Durak ist einer dieser Sprühergruppe, und er ist schon seit 1996 dabei und auch heute noch sehr aktiv. Durak malt schon seit geraumer Zeit, und ihm ist es unter anderem auch zu verdanken, dass man den Namen Osnabrück überhaupt schon mal im Bezug mit Graffiti wahrgenommen hat. Sein Drang, Pieces zu produzieren, deren Qualität für sich spricht, macht ihn nicht nur für die lokalen Polizeibehörden interessant. Er ist eine Größe, die man respektieren muss. Hier nun ein Gespräch, das Osnabrück, die ABMCrew und insbesondere ihn selber, Durak, in den Mittelpunkt stellt.

Stell dich einfach mal vor!

Ich bin Durak von der ABM-Crew Osnabrück.

Wofür steht ABM?

Da gibt es mehrere Ausführungen, zum Beispiel Abteilung bessere Menschen oder a big motherfucking crew. Anfangs haben wir ja viel Autobahn gemalt und da hieß es meist Autobahnmafia. Wir haben uns da allerdings nie wirklich auf eine einzige Bedeutung festgelegt.

Wie wichtig ist dir denn die Crew an sich?

Sehr wichtig, da ich auch der Meinung bin, dass man mit einer guten Crew viel mehr zustande bekommt. Klar gehe ich auch mal gerne alleine los, aber wenn man sich auf seine Kollegen so gut verlassen kann wie ich, dann ist das schon etwas Besonderes. Wir sind so etwas wie eine kleine Familie. Heute bin ich froh darüber, wo wir stehen und auch über die Mitgliederanzahl. In den letzten drei, vier Jahren sind wir mehr und aktiver geworden. Es gab auch vorher schon mal Zeiten, in denen wir mehrere waren, aber wie das halt so ist – manche hören auf, die Interessen verändern sich usw. Wir kennen uns alle jetzt auch schon viele Jahre, und da merkt man auch, woran man beim anderen ist.

In Osnabrück und Umgebung gibt es natürlich auch andere Crews. Steht ihr mit denen im direkten Wettbewerb oder ist das eher ein freund- schaftliches Nebeneinander?

Viele gibt es hier ja dann doch nicht, daher ist es klar, dass sich auch jeder irgendwie kennt. Manche kenne ich zum Teil auch recht gut. Man kommt so miteinander aus. Natürlich besteht da immer ein gewisser Konkurrenzkampf. Im Grunde genommen aber läuft es hier dennoch recht entspannt ab. Vor einigen Jahren gab es mal bisschen Beef, das hat sich aber auch nach kurzer Zeit gelegt, weil wir hier die Nr.1 sind (lacht)! Meistens geht es doch eh nur um Kindergartenkram wie Gecrosse und Respektlosigkeit.

Du bist jetzt auch nicht mehr der aller Jüngste. Wie fühlt man sich dann in einem solchen „Kindergarten“?

(lacht) Eigentlich ganz normal. Es ist nicht immer leicht, ruhig zu bleiben. Manchmal muss man eine Ansage machen und manche Leute zurechtweisen, aber im Endeffekt find ich es einfach nur lustig. Ich ziehe mein Ding durch und fertig!

Wie hast du überhaupt zu Graffiti gefunden?

Bei mir fing das alles durch Hip-Hop an. Ich habe damals viel „Wordcup“ und „Yo! MTV Raps.“ geguckt. Durch diese Sendungen habe ich mich natürlich sehr dafür interessiert. Damals habe ich dann auch noch gebreakt. Irgendwann musste ich mich dann für eine Sache entscheiden, was nicht einfach war. Das war dann das Malen. Zweigleisig fahren bedeutet für mich nur, etwas Halbes und nichts Ganzes zu machen. Durch die damaligen Hip-Hop-Jams war man auch immer mittendrin. Ich höre selber viel Hip- Hop und denke, dass ich es auch lebe. Bei manchen ist das Ganze vielleicht nur eine Phase und bei mir wurde das dann zu einer Lebenseinstellung. Ich lebe das zu 100%. Das ist weit mehr als nur ein Hobby, sei es ob ich mir Gedanken über Farbkombos mache oder darüber, wo ich als nächstes hin möchte.

Du lässt dafür auch andere Dinge im privaten Bereich liegen?

Ehrlich gesagt habe ich dafür einige Sachen im privaten Bereich vernachlässigt. Teilweise war das ok, aber manchmal auch nicht so toll. Insbesondere bei alten Freunden ist es so, dass man den Kontakt ein wenig verloren hat. Klar, man redet noch miteinander, aber es ist nicht mehr so wie früher. Insbesondere in der Anfangszeit war ich permanent unterwegs, egal, ob ich jetzt arbeiten musste oder nicht. Da bleibt natürlich vieles auf der Strecke.

Hattest du das Gefühl, dass du dadurch einen Nachteil hattest, eben weil du dich so fokussiert hast?

Klar hätte ich in der Zeit auch diverse andere Sachen machen können. Wenn ich zuhause sitze und darüber nachdenke, dann fällt mir vielleicht auch ein, was. Nun ja, jetzt habe ich ein Ziel verfolgt und meiner Meinung nach gibt es nur entweder oder!

Gibt es irgendetwas, bei dem du gesagt hättest, dass hat eine ähnliche Faszination auf mich?

Tanzen wäre auf jeden Fall die zweite Wahl gewesen. Ich habe ja auch vier Jahre lang getanzt.

Tanzen ist ja auch sehr kreativ. In wie weit ist dir Kreativität generell wichtig?

Die ist mir schon wichtig. Auch was die Styles angeht, ist mir Kreativität recht wichtig. Wenn ich mir heute Graffiti angucke, sind eine Menge Leute dabei, die keine Künstler sind, allerdings gibt es auch ein paar, die echt gute Sachen machen. Bei manchen Leuten, deren Styles mir nicht so zusagen, denke ich mir oft, ob das einfach nur ein Weg ist, es sich einfacher zu machen oder weil es grade in ist. An der Hall machen die dann oft nur ein schnelles Würstchen anstelle von einem schönen aufwendigen Style. Für mich war von Anfang an klar, wie ich malen werde, und das mache ich auch heute noch so, Buchstaben mit einem bestimmten Style. Die meisten neuen Sachen sind einfach nicht so mein Ding. Hin und wieder finde ich es auch ok, wenn man den 80er-Jahre-Style auspackt.

Würdest du eher immer ein Piece malen oder kannst du auch mal raus- gehen und nur Tags und Throw-Ups machen?

Ich tagge sehr gerne. Im Yard würde ich allerdings erst mal ein Panel vorziehen. Zerstören mit Tags und Throw-Ups macht schon Spaß, aber mir sagt es mehr zu, ein qualitativ hochwertiges Piece zu malen.

Was ist momentan überhaupt deine Motivation loszuziehen?

Ich fühle mich bei der Sache einfach frei. Wenn ich vor einer Aktion im Gebüsch hocke, dann stelle ich die Birne einfach ab und konzentriere mich nur noch darauf. Klar, sehe ich meine Pieces auch gerne fahren. Wenn ich spotte und eines meiner Bilder kommt reingefahren und man dann noch Kids hört, die das bewundern, da freut man sich und fühlt sich cool (lacht).

Ist dir die Aktion wichtiger, oder malst du lieber in Ruhe?

Ich ziehe eher den entspannten Weg vor. Natürlich gehören Action und Adrenalin dazu. Deswegen macht man das Ganze ja auch. Ab und an plant man auch wag- halsigere Aktionen, um alles zu sprengen.

Wie sehr liegt dir denn Osnabrück am Herzen? Die Stadt ist ja jetzt nicht gerade als Graffitihochburg bekannt.

Ich mag die Stadt schon. Früher gab es mal ein paar Leute, die ganz gut waren. Heute gibt es zwar, wie überall, mehr und mehr Nachwuchs, aber den kannst du meistens in die Tonne kloppen. Die Kid- dies heute gehen einfach zu schnell und respektlos an die Sache heran. Was Graffiti angeht, kann man hier allerdings nicht wirklich viel reißen. Ich fahre deswegen auch gerne mal woanders hin.

Du bemalst gerne Passagierzüge. Wie stehst du zu anderen Untergründen wie Güterwagons, Wänden usw.?

Wenn man nicht fertig wird, was ist das für ein Gefühl?
Das ist ein richtiger Abturner. Wenn ich nicht fertig werde, kann ich das schlecht aus meinem Kopf löschen. Dein Name fährt zwar trotzdem durch die Gegend, aber es befriedigt einen nicht wirklich. Wie jeder andere will ich natürlich auch, dass es fertig ist. Naja, das Risiko besteht in dieser Berufsgruppe und gehört irgendwie auch dazu, denn ansonsten wäre es ja zu einfach.

Du bemalst gerne Passagierzüge. Wie stehst du zu anderen Untergründen wie Güterwagons, Wänden usw.?

Wände mach ich zwischendurch schon ganz gerne. Für mich steht aber das Illegale an erster Stelle. Güterwagons finde ich auch ganz cool, denn in der Regel, kannst du dir richtig Mühe geben und die Dinger fahren, das auch jahrelang und überall hin. Auch wenn das für Güter spricht, über einen schönen Stahler geht nichts!

Wenn jetzt in einem privaten Hinterhof oder zwischen Trashern ein alter blanker Stahler steht, würdest du den einem modernen fahrenden Zug vorziehen?

Definitiv ja. Auch wenn er sicherlich nicht mehr fahren wird, nehme ich ihn dennoch mit. Ich würde aber einfach probieren, das Moderne und das alte Modell zu bemalen, wenn es die Situation zulässt.

Wie wichtig ist es dir, groß zu malen? Immerhin hast du ja schon einen recht langen Namen, der viel Platz in Anspruch nimmt.

Das stimmt. (lacht) Ich habe leider viel zu wenig Whole-Cars gemalt. Ich male gerne groß und ab und zu kann es auch mal ein Blockbuster sein, aber generell male ich lieber aufwendiger und versuche, nach Möglichkeit so viel rauszuhauen wie möglich. Aber Whole-Cars finde ich schon gut und da muss auch noch was kommen.

Wie bist du eigentlich auf den doch recht seltsamen Namen gekommen?

Ich wollte einfach etwas anderes machen als die anderen. Viele haben typisch deutsche oder englische Namen. Ganz früher habe ich eine kurze Zeit lang Diot gemalt und ab und an mal ein I davor, also Idiot. In Russland gibt es ein Kartenspiel, dass heißt Durak und bedeutet Dummkopf. Idiot, geht ja in die gleiche Richtung, würde ich sagen (lacht). Also bin ich dem Namen so gesehen indirekt treu geblieben. Mittlerweile habe ich gesehen, dass es dann doch noch einen gibt, der das auch malt. Der schreibt das mit einem G am Ende. Ist schon irgendwie lustig, geht aber nicht, also weg damit. Ansonsten gibt es niemanden. Also bin ich den richtigen Weg gegangen.

Wie gehst du denn mit der Akzeptanz oder besser Inakzeptanz der Gesellschaft um?

Die meisten haben ja das klassische Schubladendenken und sagen Graffiti ist Schmiererei und ganz, ganz schlimm. Manchmal trifft man aber Leute, die sagen, dass sie sich gerne die Pieces angucken, aber die Tags hassen. Man muss sich damit auseinandersetzen, aber es ist nicht immer einfach.

Wie sehr akzeptiert es denn deine Familie?

Ich halte das schon sehr geheim. Die wissen schon irgendwie, dass ich Graffiti mache, aber nicht, dass ich Züge bemale, denn ansonsten hätte mir meine Mutter bestimmt schon mal eine geknallt. (lacht). Manche Freunde, die nicht malen, wissen auch nicht, dass ich sprühe. Es wird einfach zu viel getratscht, dann verquatscht sich einer und dann du hast die Probleme. Wenn man die Sache länger betreiben möchte, sollte man einfach diskreter sein.

Versuch doch mal den Unterschied zwischen Autobahnmalen und Zug- malen zu erklären!

Auf der Autobahn kannst du dich mehr ausleben. Für mich ist es aber geiler, wenn ich eine Karre bemalt habe, die danach durch die Gegend fährt. Autobahnpieces sehen zwar auch viele Leute, aber irgendwie ist es doch etwas anderes, wenn das Piece zu einem kommt. Ich flashe eben auch auf solche Szenarien, wenn dein Whole-Car bei Sonnenschein in der City über eine Brücke fährt – und baaaam da ist er. (grinst) An der Autobahn kannst du auch eher mal etwas ausprobieren, da kommt nicht unbedingt mal eben wer vorbeigelaufen. Da muss man schon auf viel mehr Details achten. Das dauert seine Zeit.

Wie wichtig sind dir Fotos von deinen Sachen?

Sehr wichtig. Ich versuche immer, vernünftige Fotos von meinen Bildern zu be- kommen. Ich knipse immer soviel ich kann und filtere später. Das Licht muss passen, die Perspektive muss stimmen. Norma- lerweise stehe ich auf Frontalfotos, aber gerade bei bunten Panels sind auch leicht schräge Fotos recht fresh.

Würde dich eine Aktion also nicht befriedigen, wenn du nur ein Nachtfoto bekommst?

Es wäre schon ein wenig abturnend, aber im Endeffekt ist es doch wichtiger, wenn es gedampft hat. Dank der digitalen Fotografie hat man ja die Möglichkeit so viele Fotos zu schießen, wie du willst und man kann sofort überprüfen, ob es was geworden ist oder nicht. Ich stehe aber auch immer noch auf die alten Abzüge in Fotoalben.

Ziehst du deine Fotos noch ab oder hast du nur die Speicherkarten voll?

Generell habe ich das Zeug nur digital, aber ich habe schon vor, das irgendwann auch abziehen zu lassen, und wenn es nur ein paar besondere Bilder sind. Ich kenne auch noch die Zeiten, da hast du Fotos gemacht, die Filme zum Entwickeln abgegeben und zwei drei Tage auf deine Bilder gewartet. Da war noch mehr Spannung dabei. Manchmal sind die Fotos ja auch nichts geworden. Die moderne Fotografie hat aber auch seine Vorteile, insbesondere, schärfere Bilder, Langzeitbelichtung oder man kann die Karte auch mal ganz schnell verschwinden lassen. Dann bei- ßen sich unsere Freunde von der Polizei vor Wut in den Schlüpfer (lacht).

Also hattest du schon Feindkontakt?

Ja.

Aber das ist es dir schon wert?

Ja.

Du denkst nicht, dass du dir damit deine Zukunft verbaust?

Das ist eine fiese Frage. Ich habe mir ehrlich gesagt nie wirklich Gedanken darum gemacht, weil ich einfach immer nur malen wollte. Ich versuche schon, es so gut es geht zu vermeiden gebusted zu werden. Leider gehört das einfach dazu und damit muss man sich abfinden. Wenn man nicht darauf klarkommt, sollte man es einfach lassen!

Wie siehst du ansonsten deine Zukunft?

Ich werde noch viel, viel, viel, viel malen! Zumindest hoffe ich das (lacht).

Und warum willst du überhaupt dabei bleiben?

Ich habe da einfach mega Bock drauf, feiere das und für mich ist es gleichzeitig auch ein guter Ausgleich. Seht es als Ventil oder Sucht.

Grüße?

Grüße an die DWW Crew, EQT, BMS, FC, T2R, PRC Leipzig, Radicals, BM 45, 481,EPSC, Key, Pas1, Dryer & Bobe, Diego, Bensa & Pekor, Sato & Evil, meine Crew natürlich und die ganzen Atzen die uns von Anfang an bis heute unterstützt haben.

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