Graffiti: Dems (aus BACKSPIN #118)

Ekstatischer Punk

Wie es mit den Mittelmeerstaaten Europas während der Finanzkrise aussieht, bekommt man tagtäglich in den Nachrichten zu sehen. Italien, als eines dieser Länder, hat dennoch viele Vorzüge zu bieten – und sei es neben gutem Essen und ansehnlicher Mode nur Graffti. Von Letzterem gibt es dort eine Menge. Dems ist ein Writer, der hauptsächlich die nördlichste Millionenstadt des Stiefels bemalt. In Mailand gibt er richtig Gas, vor seinem unverwechselbaren Style ist kein Train sicher. Er ist jemand, der gerne gibt, aber auch er hat unter der jetzigen Krise zu leiden und kann nicht ständig so, wie er gerne wollte. Warum? Lest selbst!

Hast du einen Job?

Momentan habe ich keinen festen Job. Den letzten habe ich wegen der italienischen Krise verloren. Allerdings arbeite ich als Künstler und freier Grafiker und versuche, mich damit über Wasser zu halten.

Wie schlecht ist die ökonomische Situation in Italien?
Hier läuft alles richtig scheiße zurzeit. Wenn man Glück hat, leben ganze Familien mit 1.000 Euro im Monat. Jobs sind nicht sicher. Mieten und gutes Essen sind teuer. Die Lebensqualität nimmt stetig ab. Leider nehmen uns die Politiker nur das Geld, anstatt es den Armen zu geben.

Macht es diese Situation einfacher, zu malen?

Das hängt ganz davon ab. Manchmal ist es ein- fach, da die Orte, an denen du malst, ziemlich runtergekommen sind und kein Geld für Wachschutz da ist. Andererseits ist es jedoch so, dass manche Yards verschwinden, da kein Geld für mehr Züge vorhanden ist. Es ist ein ewiges Hin und Her.

Wie wichtig ist Graffiti in deinem Leben?

Zu wichtig. Dank Graffiti habe ich eine Menge wahrer Freunde gefunden. Graffiti hat meine Mentalität geformt und mich gelehrt, wer ich auf dieser Welt bin.

Gibt es irgendetwas, was dich dazu bringen könnte, aufzuhören?

Momentan nicht, schließlich bin ich noch jung. (lacht)

Warum hast du überhaupt mit Graffiti angefangen und warum machst du es heute noch?

Als ich elf Jahre alt war, lebte ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Mailand, dort gab es vor meiner Schule eine Hall of Fame. Immer wenn Schulschluss war, ging ich dorthin und redete mit den älteren Writern, die dort malten. Ich wurde zu einer Art Maskottchen. Ich fing an, Skizzen zu machen und meine ersten Wände zu bemalen. Das jedoch, was mein Leben total veränderte, war mein erster Zug. Da kann ich mich immer noch dran erinnern. Ich brauchte einen ganzen Monat, bis ich die Dosen für diese Aktion zusammen hatte. Ich war so klein, dass es echt schwer für mich war, überhaupt über die Mauer des Depots zu klettern. Als ich das Yard verließ, verstand ich, was es bedeutet, Graffiti zu machen. In mir ist ein Feuer entfacht worden, was heute noch brennt.

Im Moment bist du für eine Weile in Deutschland. Versuche doch mal, die Unterschiede zwischen Deutschland und Italien zu beschreiben, wenn es um Graffiti und das Leben an sich geht!

Meiner Meinung nach besteht der größte Unter- schied darin, dass ihr in Deutschland diese doppelte Persönlichkeit lebt. In Italien, und hier spreche ich natürlich nur für mich und meine Jungs, sind wir gastfreundlich und relaxt. Wir versuchen, so wenig wie möglich paranoid zu werden. Ein großer Unterschied ist auch die Kleidung. In Italien sind wir eher obdachlose Zigeuner, hier scheint je- der in einer Bank zu arbeiten. In Deutschland gibt es schon sehr lange einen Vandal Squad, der genau weiß, was er zu tun hat. Hinzu kommt, dass die meisten Deutschen denken, dass Graffiti ein schweres Verbrechen ist und es kaum erwarten können, dich zu diffamieren. Zurzeit versuchen die italienischen Medien, die gleiche Mentalität in die Köpfe der Leute zu p anzen.

Magst du deutsches Essen? Pizza oder Bratwurst?

Ich esse eigentlich alles, aber ich vergesse meine Wurzeln nicht und bevorzuge echte italienische Pizza. Ach ja, Smiley’s Pizza ist keine Pizza, das ist Blasphemie.

„Dank Graffiti habe ich eine Menge wahrer Freunde gefunden. Graffiti hat meine Mentalität geformt und mich gelehrt, wer ich auf dieser Welt bin.“

Wenn du nicht zu Hause bist, was vermisst du am meisten?

Meine Freundin, das Essen, meine Mutter und meine Haustiere.

Stimmst du mir zu, wenn ich sage, dass Italien das versprochene Land ist, wenn es um Graffiti auf Zügen geht?

Ich denke, dass eine Menge Länder so genannt werden könnten. Vielleicht ist Italien das faszinierendste mit der größten Geschichte, aber oft ist nicht alles Gold, was glänzt.

Bevorzugst du Züge oder Wände?

Züge, ich liebe den Geruch der Schienen und die ganze Atmosphäre.

Wann und warum musstest du das letzte Mal rennen?

Das letzte Mal war mit meinem Kollegen Rud. Wir malten eine U-Bahn auf Mailands Linie 2, als acht Securitys und zwei Polizeiautos auftauchten. Einer der athletischeren Checker fing sofort an, hinter uns herzurennen, musste allerdings nach der Hälfte der Strecke schon kotzen. Die anderen halfen ihm. Wir spielten auf einem Feld mehr als zwei Stunden Katz und Maus mit den Bullen. Leider wurde bei diesem Chase einer von uns erwischt. Der Kollege erzählte mir am nächsten Tag, dass der Security, der gekotzt hatte, ins Krankenhaus muss- te, da er Steroide genommen hatte.

Was war bisher die bizarrste Situation, in die dich Graffiti gebracht hat?

Einmal wurden Viper und ich von den Securitys geschnappt. Während die die Polizei riefen, kamen wir mit der Idee rüber, dass wir Schwule wären, die lediglich ein ruhiges Plätzchen gesucht hatten. Als dann die Polizei kam, blieben wir bei der Story und wir kamen davon, da uns alle glaubten. Vor- her hatten wir jedoch die Autoschlüssel verloren, also mussten wir zurück und danach suchen. Zum Glück fanden wir diese und konnten sogar noch in Ruhe Fotos von unseren Pieces machen.

Gibt es in Italien überhaupt einen Vandal Squad?

Vor zwei Jahren wurde in Mailand einer gegründet, aber aufgrund von Geldmangel haben die ihren Job nicht gemacht. Die letzten Monate wurde es schlechter und der Vandal Squad versuchte, in die Szene einzudringen. Es gibt Mitarbeiter, die gerade mal 20 bis 22 Jahre alt sind und alles wissen. Bei der U-Bahn wurden 40 neue Securitys angeheuert. Hausdurchsuchungen sind nun an der Tagesordnung und eine Menge Leute wurden festgenommen. Jetzt haben wir den europäischen Standard erreicht.

Gehst du lieber alleine oder mit Kollegen los zum Malen?

Ich gehe am liebsten mit meinen Partnern oder korrekten Leuten los, da man dann mehr Spaß hat und danach noch ein wenig Party machen kann. (lacht)

In welchen Crews bist du und was bedeuten dir diese?

Meine Crews sind meine Familie. Egal, was passiert, sie sind für mich und ich bin für sie da. Die Leute aus der Bicale-Crew kenne ich schon seit meiner Kindheit, mit denen habe ich alles in und außerhalb der Graffiti-Szene geteilt. Mit den T.R.B- Jungs habe ich meinen ersten Zug bemalt und deswegen bleiben sie immer in meinem Gedächtnis. Mit denen bin ich auch für immer verbunden. Last but not least bin ich Mitglied der CSC. Diese Crew ist in Italien und ganz Europa verteilt. Es ist einfach ein tolles Gefühl zu wissen, dass du, wo du auch hinfährst, mit offenen Armen empfangen wirst. Man hat immer einen Platz zum Pennen und bekommt etwas zum Essen. Dadurch bekomme ich Kraft. 

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