Goldroger: „Sich als Musiker selbst in Schubladen zu stecken ist voll das Armutszeugnis.“

Goldroger

Ich war auch vom Album überrascht. Der Sound, weg von richtigen Kopfnickern hin zum Sphärischen, wirkt auf mich sehr erfrischend. Man kann’s hören, wenn man wirklich zuhören möchte, aber auch nebenbei um sich berieseln zu lassen.

Goldroger: Echt? Das habe ich noch nie ausprobiert. Das ist geil. Ich finde auch, dass die Musik dieses Mal so gut ist, dass man den Rap einfach ignorieren kann.

Sehr gittaren-lastig.

Goldroger: Ja, das ist auch so’n Ding. Da muss man halt drauf stehen. Ich habe ja auch in jedem Interview betont, dass es sich anbahnt, dass ich irgendwas mit Gitarren machen werde. Da habe ich nie ein Geheimnis draus gemacht, weil’s immer die Musik war, die ich gerne machen wollte. Ich bin auch überrascht, wie positiv das aufgenommen wird.

Olski: …und ich bin überrascht, wie gut das funktioniert hat. Rap mit Gitarre ist halt in neun von zehn Fällen scheiße. Das ist dann so Cross-Over und es passt einfach nicht. Auf dieser Platte gibt’s aber nicht die Gitarre im klassischen Sinne. Es ist keine Rock-Platte. Die Gitarre ist vielmehr das Melodieinstrument.

Goldroger: Einfach ein Instrument. Das haben Dienst & Schulter aber auch geil gemacht. Die können halt geil Gitarre spielen. Die kommen auch einfach vom Jazz.

Also geht’s für dich, obwohl du bei MPM bist, immer weiter weg vom klassischen Sound?

Goldroger: Immer mehr hin zum eigenen würde ich sagen. Das ist das Richtige, glaube ich. Wie gesagt, bei „Räuberleiter“ war’s halt das Ding, dass ich Bock hatte etwas zu releasen. Ich hatte coole Beats von coolen Leuten und hatte Bock eine Rap-Platte zu machen.

Olski: Das waren ja auch mit die ersten richtigen Songs, die du gemacht hast, oder?

Goldroger: Voll. Es bringt auch gar nichts, wenn ich jetzt nochmal das gleiche mache. Ich habe ja eine coole Rap-Platte gemacht. „Räuberleiter“ ist cool und ich hoffe ja, dass irgendwann irgendjemand mal sagt: „Boah, das war die coolste Platte. Alles was danach kam war Rotz!“ Das ist ja mega cool, wenn man so eine Platte in der Diskographie hat. Jeder der nochmal „Räuberleiter“ hören möchte, soll die Platte einfach nochmal auflegen.

Vielleicht ist es dir noch gar nicht aufgefallen, aber wenn du über Vorbilder sprichst, landest du immer bei sehr modernen, populären Rappern.

Goldroger: Bei wem denn so?

Casper, Marteria, Tua. Inklusive der Aussage, dass du selbst mit Casper zusammenarbeiten wollen würdest, wenn er ein totaler Idiot sei.

Goldroger: Absolut. Also Casper ist für mich der Krasseste. Ich habe da einen unfassbaren Respekt vor. Auch weil er damals Türen geöffnet hat. Wenn ich jetzt den Move bringe und etwas mit Gitarren mache, dann ist das kein komplettes Neuland mehr. Ich versuche das schon so zu machen, dass es eigen klingt, aber es ist nicht mehr so gewagt wie „XOXO“ damals. Im Nachhinein sagen jetzt alle, dass es Kommerz sei. Er hätte damit so krass auf die Fresse fallen können, aber so die Eier zu haben und zu sagen: „Ich mache das jetzt“ – Hammer. Diese künstlerische Konsequenz, das ist was vielen momentan fehlt. Casper, ey. Krasser Typ. Ich hoffe, er ist kein Arschloch. Ich habe ihn immer noch nicht kennengelernt.

Ich wollte auch gar nicht so sehr auf Casper, sondern viel mehr auf seinen Ansatz hinaus. Entweder eine geile Stadion-Platte zu machen oder es geht halt schief. Für dich wären Beats sicherlich auch die sicherere Variante gewesen.

Goldroger: Ja, auf jeden Fall. Also das muss man auch nochmal sagen. Gerade in Deutschland ist es ja so, dass ein Ding konsequent zu verfolgen eine Sache ist, die auf Dauer zum Erfolg führt. Also überhaupt kein schlechtes Beispiel, krasser Rapper. Umse ist aber zum Beispiel so jemand, der ist sich selbst treu geblieben, bei dem man sieht, dass man so an sein Ziel kommt. Ich hätte „Räuberleiter 2“ mit Beats von S.Fidelity usw. machen können – das wäre wahrscheinlich super geil gewesen – das ist aber einfach nicht das, wo ich langfristig hinmöchte. Ich muss nun die Weichen stellen und „Räuberleiter 2“ hat damit nichts zu tun.

Thema Ziele: Du hast mal bemängelt, dass du noch kein „Grau“ oder ein „Apokalypse Jetzt“ geschaffen hast. Ist der Anspruch da nicht auch ziemlich hoch?

Goldroger: Ja, schon. Ich will halt echt ein Album machen, dass in seiner eigenen Nische funktioniert und dann irgendein 16 Jähriger sagt, dass das sein absolutes Lieblingsalbum ist und er so etwas machen möchte. Vor allem, dass er so etwas machen möchte, weil er keine anderen Beispiele hat und fragt dann auf Gutefrage.net: „Kennt irgendwer jemanden der so klingt?!“ und alle sagen: „Nein, es gibt keinen!“

… und wenn es da keine Antwort gibt…

Goldroger:… ja, dann gibt’s keine Antwort! Nicht einmal 42 (lacht). Ja, das wär’s halt. Das sind auch schon die krassen Alben in Deutschland.

Wobei man aber auch sagen muss, dass diese Alben, die du zu diesem Kreis zählst, nicht wirklich bewusst mit dem Ansatz entstanden sind. Außer „Hinterland“ vielleicht.

Goldroger: Klar, ich glaube auch nicht, dass man sich hinsetzen kann und – obwohl doch! „Pet Sounds“ von den Beach Boys. Der Dude hat wohl damals gesagt: „Ihr geht jetzt mit der Band auf Tour und ich bleibe ein Jahr im Studio und produziere das krasseste Album aller Zeiten.“ Die waren zu der Zeit noch eine Coverband und der Typ hat sich dann wirklich ein Jahr im Studio eingeschlossen und dann wirklich ein überkrasses Album produziert. Mit Ansage, was halt ein mega cooler Move ist.

Olski wollte „Räuberleiter“ ursprünglich umbenennen, oder?

Olski: Ja, ich fand das nicht gut. Ich fand das zu kindermäßig.

Goldroger: Echt?! Naja, jetzt haben wir ja „Avrakadavra“.

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Genau! Und deshalb: Wie findest du jetzt diesen Titel?

Olski: Den finde ich jetzt super. Ich habe mich mit „Räuberleiter“ sehr schwer getan, weil’s für mich zu sehr in Richtung Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ging – Lummerlandstyle. Räuberleiter machen ist halt etwas für Kinder, aber das war ja auch deine Erinnerung daran, oder?

Goldroger: Ja, ich fand das Bild halt cool. Man hilft sich für ein Ziel.

Olski: Ich hatte die Befürchtung, dass die Leute das Bild nicht cool finden. „Avrakdavra“ halte ich für einen super Titel.

Goldroger: Siehst du und das ist das coole bei MPM. Er sagt dann zwar, dass er es nicht cool findet und wir machen uns nochmal zwei Monate darüber Gedanken, was es noch so für Titel gibt, aber am Ende darf das Album dann trotzdem so heißen.

Olski: Klar. Ich fand’s ja auch nicht scheiße. Letztens Endes ist es eine Entscheidung des Künstlers und Teil des Werkes.

Goldroger: Danke. Das sehe ich nämlich genauso. „Avrakadavra“ war direkt cool, das haben alle gefeiert. Ich hatte den Titel im Kopf und dachte nur: „Scheiße, das wird niemand feiern“, aber es waren alle direkt dabei.

Ist das Album für euch nah am Thema Zauberei dran?

Goldroger: Also ich finde, dass das Album schon sehr magisch ist. Es gibt bei jedem Song noch einmal so eine Verwandlung, so einen B-Part. Mit Magie meine ich ja auch nicht Harry Potter mäßig auf eine Schule zu gehen, sondern schon diese Themen wie den Tod. Es ist ein sphärisches Ding, was man auch als LSD-Trip sehen könnte, was wiederum auch etwas magisches haben kann. Man ist in einer Parallelwelt. Das ist das, was ich mit Magie meine. Die Magie von Dingen. Ich habe mit Magie aber auch solche Assoziationen wie trippige Parallelwelten. Ich finde schon, dass sich die Platte so anhört.

Du nennst es ja auch Futurehippieherofunk.

Goldroger: Heroinfunk, Kraut-Rap, Cloud-Rock, Space-Jazz. Wir haben da ganz viel.

Das ist gut. Wir brauchen ja immer Genreschubladen für euch Rapper.

Goldroger: Ich kann dir mehr Schubladen geben als der Kleiderschrank hat. Das können sich die Journalisten dann aussuchen, was sie drauf schreiben. Genres sind sowieso ein Ding für Journalisten und für Leute, damit sie Dinge einordnen könne. Sich als Musiker selbst aber in Schubladen stecken ist irgendwie voll das Armutszeugnis. Wer macht so etwas? Das ist voll dumm. Man limitiert sich doch. Man kann sagen, dass man das und das feiert, aber für mich ist das Rap. „Avrakadavra“ ist für mich auch voll die Hip-Hop Platte.

Die Gitarre ist ja jetzt auch nicht das Teufelsinstrument, das automatisch aus einer Musik eine andere Musik macht. Man kann jeden Scheiß samplen, aber wenn man eine Gitarre benutzt, ist es auf einmal kein Rap mehr.

Wir leben aber ja in einer Szene, in der die Kommentare sehr schnell in genau diese Richtung gehen, wenn es „musikalischer“ wird.

Olski: Nein, das sehe ich nicht so. Ich meine, wie breit ist selbst Deutschrap heute musikalisch und inhaltlich gefächert? Ich finde, du kannst heute alles machen, was du willst und immer noch Hip-Hop dazu sagen. So empfinde ich das. Das ist ja auch immer noch eine importierte Kultur – vielleicht sogar eine Kulturtechnik – derer wir uns bedienen und deshalb finde ich, dass eine Platte wie „Avrakadvra“ oder eine Maeckes– oder eine Casper-Platte sogar realer sind, weil Leute aus unserem Kulturkreis damit ihre Roots einfließen lassen.

Goldroger: Wir berufen uns da halt auch auf klassische Genres, die mit weißen Musikern assoziiert werden.

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