Goldroger: „Sich als Musiker selbst in Schubladen zu stecken ist voll das Armutszeugnis.“

Goldroger

Warum sollte man sich Musik von Goldroger anhören? Weil er vor gut zwei Jahren den Video-Wettbewerb „Moment of Truth“ gewonnen hat und daraufhin beim Kölner Label Melting Pot Music (MPM) unter Vertrag genommen wurde? Vielleicht. Weil er mit „Räuberleiter“ ein starkes Debütalbum Mixtape abgeliefert hat, auf dem viele bekannte Beatmaker unseres Landes vertreten sind? Schon eher. Oder weil Goldroger ein MC ist, der immer mehr seinen eh schon sehr eigenen Sound findet und ein Puzzleteil der hiesigen Deutschrapszene darstellt, das mit so vielen Ecken und Kanten daherkommt, dass es nirgends so recht passen mag. Denn die Texte des Dortmunder Rappers orientieren sich an klassischen Schriftstellern, wirken teilweise fast schon poetisch, etwas altbacken und unangepasst, sind aber dennoch stets am Puls der Zeit. Er selbst weiß auf die eingangs gestellte Frage nicht so wirklich eine passende Antwort. So selbstzufrieden sei er mit sich noch nicht.
Um herauszufinden, wo er noch Verbesserungspotenzial sieht, wie sein am Freitag erscheinendes Album „Avrakadavra“ klingt und warum die Gitarre kein Teufelsinstrument ist, haben wir uns auf der Hamburger Sternschanze getroffen. Außerdem mit dabei: Der Labelchef von Melting Pot Music Oliver von Felbert, der vielen besser unter dem Namen „Olski“ bekannt ist.

Wir starten mit der Standardfrage, die du dir in letzter Zeit gefallen lassen musst: Du bringst mit „Avrakadavra“ gefühlt ein zweites Debütalbum. Wie kommt es dazu?

Goldroger: Ja, stimmt. „Avrakadavra“ ist das erste Debütalbum. „Räuberleiter“ ist ein Mixtape. Das Label hatte jedoch gesagt, das es ein Album sei, weil „Räuberleiter“ natürlich ein Langspieler ist, den es zu kaufen gibt. Es gibt ihn aber auch als Free Download und von meiner Seite aus war es auch immer als Free Download geplant, wofür ich halt Beats geschickt bekommen habe, was es für mich zum Mixtape macht. Jetzt habe ich ein Album von Grund auf mitproduziert und ich habe auch mit Dienst & Schulter jeden Beat mitproduziert. Deswegen ist dies ein richtiges Solo-Debüt.

Du hast mal gesagt, dass Rapper den Titel „Mixtape“ nur als Schutz für ein schlechtes Album nutzen.

Goldroger: Voll, aber ich habe ja jetzt ein gutes Album gemacht. Das Ding ist ja, dass die meisten Rapper, die so etwas machen, auf dem Album nach dem Mixtape einfach das Gleiche machen. Ich mache aber ja hörbar etwas anderes als auf dem Mixtape und habe eine ziemlich eigene Soundhandschrift hinterlassen, wie ich finde.

Ich habe das nämlich damals gar nicht so wahrgenommen, dass du „Räuberleiter“ so offensichtlich als Mixtape proklamiert hast. Da kam mir die Aussage von dir wie gefundenes Fressen vor als du – für mich – auf einmal vom dem Mixtape „Räuberleiter“ sprichst.

Olski: Das ist doch alles Quatsch. Das einzige, was ich als Definition von Mixtapes gelten lasse ist, dass man sich locker macht.

Goldroger: Ja, aber du kommst aus einer anderen Zeit. Das hat sich gewandelt!

Olski: Aber schau doch mal: Eines meiner Top Drei Releases dieses Jahr ist das Ding von Chance The Rapper. Das ist ein Mixtape, sagt er. Bullshit!

Goldroger: Der Kölner Rapper Tami hat eine Line: „Du machst ein Album und benennst es dann als Tape und musst am Ende zu der Blendgranate stehen“. Ich glaube, da disst er auch ein bisschen mich (lacht). Ich stehe aber dazu. Ich habe in letzter Zeit genug rumgetönt, was ein richtiges Album alles ausmacht und das habe ich im Vergleich zu „Räuberleiter“ auch eingelöst.

Olski: Da sehe ich auch den Punkt, dass „Avrakadavra“ ein Album ist, wo von vorne bis hinten ein Team dran gearbeitet hat und im Ansatz eher wie ein klassisches Album ist. Nicht einmal ein klassisches Rap-Album, sondern ein klassisches Album.

Goldroger: Ein Musik-Album. Jetzt bist du auch ein meinem Interview drin, Olski!

Du hast gerade schon von Dienst & Schulter gesprochen. Als du frisch bei MPM unter Vertrag gekommen bist, hast du dich auf die ganzen Produzenten und Beats von dort gefreut, aber keine bekommen. Jetzt hast du immer noch keine von dort.

Goldroger: Voll! Ich schwöre, ich habe noch keinen einzigen Beat von Suff Daddy oder Dexter bekommen (lacht).

Olski: Stimmt doch gar nicht. Auf „Räuberleiter“ war ein Suff-Beat.

Goldroger: Yo, aber den gab’s ja schon einmal auf seinem eigenen Release „Gin Diaries“. Also ich dachte halt auch, dass das alles laufen wird. Dann hat Olski aber so eine Friss oder Stirb Nummer mit mir durchgezogen. Ich konnte allen erzählen, dass mein Album als Platte über MPM kommt und so bin ich an die Beats gekommen – mit dem Plattenargument. Jetzt habe ich aber meine eigenen Jungs ran gebracht und Olski fragt: „Hey Jungs, habt ihr nicht Lust für Leila Akinyi und Veedel Kaztro zu produzieren?“ So läuft das jetzt nämlich! Ich manage auch Dienst & Schulter (lacht).

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