Die sagenumwobenen Märchen des jungen Goldroger

goldroger

Goldroger, der vor fünf Jahren als Battlerapper mit einem Hang zur Emotionalität in die deutsche Rapszene geschlittert ist, kommt diesen Winter nach satten drei Jahren ohne Release endlich wieder zurück. Und wie! Mit „Diskman Antishock“ präsentiert uns der Wahl-Kölner direkt eine ganze Trilogie. Teil Eins erschien vergangenen Freitag und begeistert Freunde des auf Gitarren-basierenden Weirdo-Rap wie auch schon sein Debüt „Avrakadavra.“  Teil Zwei ist auch schon fertig und erscheint im kommenden Frühjahr. Natürlich ist das Anlass genug einmal bei Goldi durchzuklingen und zwischen Tourprobe-Sessions über „Diskman Antishock“ und alles drumherum zu quatschen.

 

Am Ende unseres fast einstündigen Telefongesprächs wird Goldroger mir sagen, er hoffe nicht viel zu ausschweifend geantwortet zu haben. Für ihn ist es in Vorbereitung auf die Tour der zweite Tag ohne Kippen und der Nikotinentzug macht sich bemerkbar. Diese Art, Gespräche zu führen, passt allerdings auch nur allzu gut, sowohl zu seinem aberwitzigen Twitterfeed, der ohne Punkt und Komma daherkommt, als irgendwie auch zu seiner Musik. Wörter werden verschluckt, bisweilen ganze Sätze verhaspelt, und dennoch macht gerade diese Art des Mumbelns, wie man es für zeitgeistige Rapper zu sagen pflegt, auch einen sehr großen Authentizitäts-Faktor in Goldrogers Musik aus. Man versteht nicht jede Zeile auf Anhieb. Das ist auch so gewollt.

Für Goldroger ist wichtig, dass es auch so weirde Rapper gibt

„Ich bin kein Freund mehr davon das Thema von einem Song zu klar zu showcasen,“ erzählt mir Goldroger grade im Hinblick auf Songs wie „Potion“ oder „Coup de grâce“, auf dem der großartige Naru eine Gasthook beisteuert. Und grade das ist eine der großen Stärken, die „Diskman Antishock“ entwickelt. Die Songs lassen ihren Zuhörer*innen vor allem in den Hooks immer genug Platz, eigene Positionen hinein zu projizieren. Auf der anderen Seite wird Goldroger innerhalb der Strophen noch konkreter und emotionaler. Durch die gesamte Platte schwingt eine stark emotionale Dringlichkeit mit, die der Wahl-Kölner sehr nachfühlbar artikuliert.

In unserem Interview beschreibt GoldrogerDiskman Antishock“ als eine Art Testphase. Er zieht einen Vergleich zur Malerei. Bei vielen bekannten Malern finden sich, häufig erst im Nachlass veröffentlicht, ganze Notizbücher voll mit den immer gleichen Übungen von winzigen Details, wie Händen oder Augen. „Deswegen hatten wir auch so viele Demos. Mich haben Sachen gestört in meiner Musik und „Diskman Antishock“ war jetzt so ein Versuchszeitraum.“ Vor allem die Arbeit an den Hooks hört man dem Album an. Allen voran „Laverlampe Laser“ wird nach wenigen Rotationen zu einem unwiderstehlichen Ohrwurm.

„Wenn ich vor nem Monat sieben gemasterte Songs rumliegen gehabt hätte, wäre ich ja der größte Bastard, wenn ich die den Leuten vorenthalte.“

So wirken die Hooklines sehr spezifisch und offen zugleich. „Ich habe versucht bildhafter zu texten, ohne dass ich weniger sage,“ erklärt der Protagonist. Hier sieht er übrigens auch eine der größten Schwächen von „Avrakadavra.“ „Ich finde es im Nachhinein manchmal erdrückend. Ich habe dort Sätze zwar schön formuliert, die Wirkung bleibt aber aus bleibt, weil die Sätze gleichzeitig so kompliziert sind.“ Daher haben Goldroger und Dienst&Schulter auch nochmal an einigen Stellschrauben gedreht. In diesem Prozess wurde sich vor allem bei Frank Ocean bedient: „Man kann da manchmal nicht sagen, ob das einfach mega simple Bilder mit einer krassen Tiefe sind oder nur random shit, der cool klingt.“ Dieses Vorbild hört man „Diskman“ auch an. Fast jeder Song arbeitet in der Hook mit einer Referenz, sei es der Arcade-Klassiker „Bomberman“ oder eben eine Lavalampe.

 

Die erste Single „Potion“ ist hier wohl das beste Beispiel. Der Song an sich erzählt eine recht klare Geschichte von einer depressiven Phase. Das Bild eines Zaubertranks bricht wiederum mit dieser Klarheit. Spricht Goldroger hier von einem Heilmittel? Oder vermischen sich hier seine inneren Dämonen zu einem ultimativen Teufelszeug? Die Auflösung ist deutlich komplexer und umso schöner. Die zu Grunde liegende Idee entstammt der Welt von Online-Rollenspielen, kurz RPGs:

„Ich hatte die Idee, dass es sich, wenn ich Musik mit den Jungs mache , anfühlt wie ein RPG. Wir sind dann eine Party. Die Jungs sind meine Party-Member, alle haben ihre Spezialfähigkeit und wir touren durch die Gegend und haben so random encounter mit Problemen. Jetzt kommt die Reise an so einen Punkt, wo so ein massiver Boss-Gegner bevorsteht und ich bin einfach an so einem Punkt, wo ich schon komplett ausgebrannt bin, bevor es überhaupt losgeht. Das war das Gefühl nach „Avra.“ Es ist alles so eingetreten, wie ich es mir gewünscht habe und dann kam das Imposter-Syndrome: Was ist, wenn ich dem Ganzen nicht gerecht werde?“

„Deutsch ist eine mega hässliche Sprache.“

Dass diese Intention jedoch keinesfalls totalitär und für den Hörer so gesetzt sein muss, stellt Goldroger auch noch einmal heraus: „Es is alles sehr kryptisch. Ich nagel da niemanden drauf fest. Ich habe da auch so viel reinprojiziert, was vielleicht niemand sieht.“ Man spürt durchweg, dass es Goldroger eigentlich missfällt die eigene Musik zu entschlüsseln. Und damit hat er auch recht. Es macht viel zu viel Spaß die Lücken, die absichtlich gelassen werden, selbst zu füllen.

Der Ausgangspunkt von „Diskman Antishock“ ist eine Frage, die erst im finalen Song gestellt wird, und das Album daher für Rotation im Loop prädestiniert: „Was gibt dir Halt?“ Auf den ersten sieben Songs des als Trilogie konzipierten Projekts schaut Goldroger dabei zurück und seziert die eigenen Mechanismen seiner Realitätsflucht: Von Gras und Alkohol über Musik und Erinnerungen an Liebe und Freundschaft bis hin zu Film und Videospielen. So klingt Teil Eins nach einem extremen Kater-Gefühl nach einer ganz langen Phase der Euphorie aus über 100 Konzerten in nur einem Jahr nach dem Release von „Avrakadavra.“ Und grade die Konzerte haben ihre Spuren hinterlassen. Nervosität und das Unbehagen im Mittelpunkt zu stehen hat Goldroger in Alkohol ertränkt: „Ich hab immer viel gesoffen vor Konzerten, das habe ich aber irgendwann gelassen, weil ich begriffen habe, dass es das Problem nur verlagert.“

Goldroger ertränkt Probleme in Gras und Alkohol

„Teil 1 ist das „Diskman“-Origins-Ding. Es geht sehr viel um Selbstbetrachtung und Rückblick. Das habe ich auf „Avra“ auch gemacht, aber das wollte ich jetzt auch mal abschließen. Ich will nicht mit Ende 30 noch über mein Abi rappen. Auf „Diskman 2“ mache ich noch ein paar Türen auf, die aktueller sind.“ „Halt“ dient Goldroger dabei als Brücke und Zentrum, das die beiden Teile zusammenhält. Im finalen Teil der Trilogie soll es dann um Manifestation gehen: „Auf „Diskman 3“ möchte ich auf jeden Fall auch der Freundschaft mit den Jungs von Dienst&Schulter ein Denkmal setzten. Das ist unser Herr der Ringe!“

 

Und wie in jeder guten Trilogie setzte auch „Diskman Antishock“ erst einmal an einem negativen Startpunkt an. Die inneren Dämonen manövrieren Goldroger getrieben von Alkohol, Gras und Soziophobie in einer stark depressiven Phase, die auf „Coup de grâce“ schließlich in konkreten Freitod-Gedanken mündet. Der Gang zum Therapeuten wird jedoch mit einem Fingerzeig Richtung Meister-Regisseur Stanley Kubrick vermieden. Stattdessen betreibt man munter weiter Selbstmedikation. Dennoch hat Goldroger versucht dem Ganzen auch einen Gegenpol zu geben: „Ich wollte das nicht so krass alles abfeiern. Man romantisiert ja auch heutzutage so Sachen wie Drogen und mental health issues. Mit „Bomberman“ wollte ich sagen, dass man auch mal die Bremse ziehen muss.“

„Hip-Hop hat eine krassen Schritt auf Gitarren-Musik und klassisches Songwriting zu gemacht.“

Ein sehr wichtiges Thema, das Goldroger außerdem behandelt sind seine sozialen Ängste. „Manche kennen das vielleicht, wenn man statt den schnellsten Weg zum Rewe den Weg durch zwei Nebenstraßen nimmt,“ beschreibt er mir ein Gefühl, dass grade innerhalb der Kreativ-Industrie zum Gift werden kann. Alles dreht sich um Connections. Je mehr oberflächliche Freunde und Instagram-Follower man sich ansammelt, desto größer die Möglichkeiten. Um ein wirklich gutes Endprodukt geht es immer seltener. Grade Musiker*innen befinden sich oft im Zwiespalt zwischen Erfolg und der Unmöglichkeit auch mal ein normales Leben zu führen: „Am Liebsten würde ich es so haben, dass jeder meine Musik hört. Aber irgendwie bedeutet das ja auch, dass dann jeder meine Fresse kennt. Das will ich aber überhaupt nicht.“

Die Verbesserung seit „Avrakadavra“ sind für Goldroger spürbar

Musikalisch hat Goldroger gemeinsam mit dem Produzenten-Duo Dienst&Schulter dennoch einen extremen Schritt nach vorn gemacht. Mit „Diskman Antishock“ haben die drei einen komplett eigenen Sound kreiert. Auf „Avrakadavra“ können Referenzen von Jimi Hendrix bis zu den Beatles noch ziemlich einfach benannt werden. Im Nachhinein klingt sein Debüt-Album auch für Goldroger wie ein klassisches Übergangs-Album auf der Suche nach der eigenen musikalischen Identität: „Es mussten sich erstmal ein paar Sachen verschieben musikalisch, damit das alles Sinn macht,“ spielt er auch auf den Gitarren-Trend der Ära Emo-Trap an. Es ist nur logisch, dass sich die neue Platte dann wieder stärker in einen Rap-Kontext schiebt. Die Drums stehen viel stärker im Mittelpunkt, ohne dabei jedoch die melodiösen Gitarren auszustechen. Die Symbiose gelingt in Perfektion. Dafür reicht es schon einen Blick auf das Gitarrensolo von „Coup de grâce“ zu werfen. Wann hat je eine verzehrte Gitarre so gut über rumpelnde Hip-Hop-Drums gepasst?

 

Goldroger selbst beschreibt das am Beispiel „Wie leicht“ in etwa so: „So einen Song hätte ich nie gemacht, wenn ich in den letzten Jahren nicht „Magnolia“ von Playboy Carti gehört hätte. Als ich das erste mal diese Pierre Bourne Dudel-Beats gehört habe, hat das für mich total Sinn gemacht. Die Gitarre wiederum erinnert mich voll an „Mr. Brightside“ von The Killers.“ Eine Kombi, die erst einmal weird klingt, beim Hören allerdings total Sinn macht. Die Wärme der Musik, die Dienst&Schulter hier gezaubert haben, umarmt Goldrogers Texte von Leid und Liebe wie ein riesig großer Mantel, der einen in diesen Tagen vor der einziehenden Kälte schützt. 

„Ich bin jetzt noch der „Diskman 1“-Typ, hoffe aber irgendwann der „Diskman 3“-Typ zu sein.“

Abschließend sieht Goldroger den Ganzen „Diskman Antishock“ Kosmos als ein Märchen an. Der zweite Teil soll sogar noch märchenhafter werden als Teil Eins. „Es fühlt sich für mich auch alles an wie ein Märchen. Weil ich irgendwann halt richtig down war. Ich habe mein Studium in den Sand gesetzt und war pleite. Dann habe ich angefangen Songs zu machen und hatte auf einmal wieder was. Und das hat bis zu diesem Punkt geführt, dass ich das Privileg habe Musik machen zu dürfen. Es ist ja auch ein dunkles Märchen irgendwie, aber ich hoffe auf ein Märchen-Ende und keine Gruselgeschichte.“

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