Goldene Fürsprecher

Das goldene Album

Nun, allem Anschein nach waren zuerst die „Eier“. Ursprünglich als Bekanntmachung seines Goldjungens Estikay gedacht, erwies sich die Kombo zusammen mit DJ Desue an den Knöppen im Hinblick auf Sidos neuesten Streich offenbar als hieb- und stichfest. Indes bestätigt die Farbe, die seit Ende November den Titel des Albums ziert, was im Vorhinein proklamiert wurde: Eine Rückbesinnung auf die goldene Ära. Ohne Promo (nicht ganz), Interviews (nicht ganz) oder Hits (nicht ganz). Und in der Tat könnten die Referenzen auf das Krs-One Sample in „Hamdullah“, Common’s „Resurrection“ in „Ja man“ und die Hook in „Siggi, Siggi, Siggi“ als Oden an das Alte verstanden werden. Doch von Näherem betrachtet, erschließt sich die Sido/Desue-Signatur der letzten Jahre, die das Produkt allgemeinverträglich, Trend resistent und somit zeitlos erscheinen lässt. Die Formel funktioniert, da der Produzent exakt nach dem Wesen des Rappers handelt: Eingängig, unkompliziert, verständlich. Also warum die 4-Bar-Hooks und den Rap über Rap nicht gleich auf Langspielzeit ausdehnen?Nach meinem Befinden würde das Album ohne tiefergreifende Songs der Marke „Papa ist da“, mehr von der allsonntäglichen Home-Session im zum Tonstudio umfunktionierten Hobby-Keller deines unbefangenen Onkels zeugen. Da serviert Sido zu viel „Salat zum Steak“. Aber scheiß drauf. Die „Is’ doch nur Rap“-Bodenständigkeit konnte nicht sicherer treffen – schließlich spiegelt sich förmlich die vergangene Dekade deutschen Sprechgesangs in Sidos Vita.

2001 schwoll zwar die Besucherzahl auf dem Splash seit dessen Launch um das dreißigfache an, jedoch höhlte der kommerzielle Poker der verheißungsvollsten MCs die Identität der Szene-Basis aus. Der Erfolg wuchs schneller als die Künstler und sie schneller als ihre Fans. Deutscher Rap stand vor dem ersten kollektiven Sell-Out. Ausgerechnet die Battle-Avantgarde aus dem noch heute sinnbildlich für den Untergrund stehenden Royal Bunker, sollte die vorherrschende Elite ablösen. Die eigentliche Revolution schulterten jedoch nicht die Bunker-Protagonisten MOR um den bereits kommerziell erfolgreichen Kool Savas, sondern das aussortierte Duo Sido und B-Tight, die als erster Act bei dem frisch aus der Taufe gehobenen Indie-Label Aggro Berlin unterschrieben. Die Hauptstadt begründete somit ihr sportlich-kreatives Braggadocio mit angriffslustigen Ghetto-Allüren aus der Schmuddelecke. Eine neue Identität griff in Rap-Deutschland um sich. Der Gegenentwurf gipfelte in dem als Blumentopf-Persiflage plakatierten „Mein Block“, der nach Bushidos „Bei Nacht“ und dem „Weihnachtssong“ als dritter Paukenschlag des Labels auf MTV dauerrotierte. Schließlich hämmerte Sido mit seinem Debüt „Maske“ die Aggro-Ära endgültig in die Ahnentafel des hiesigen Rap und hielt als immerkehrender Albtraum, die um den Nachwuchs besorgten Eltern im Ehebett in Atem. Die beiden gefragtesten Künstler Bushido und Sido kämpften von nun an um musikalische Ehrungen, den höheren Umsatz und vor allem den größeren Eklat.In der Folge sprossen deutsche Straßenpoeten, angespornt von (vermeintlicher)Authentizität als neue Währung, wie Löwenzahn aus dem Kopfsteinpflaster – mit mäßigem Erfolg. Auf Dauer kommentierte die überreizte Anhängerschaft das Kasperle-Theater nur noch mit müdem Achselzucken. Zum zweiten Mal war deutscher Rap zur Detonation vermaledeit. Im Zuge der Entstraßifizierung 2007-2010 gingen alteingesessene Legenden nebst vielversprechenden Newcomern unter.Lediglich ein kleiner Teil der Elite rettete sich in die Airplay-Tauglichkeit – der Kinderchor in „Augen auf“ kurz vor der Aggro-Pleite deutete es bereits an.Und auch Sido torkelte auf seinem ersten Major-Erguss „Aggro Berlin“ zwischen Rat- und Orientierungslosigkeit. Vier Jahre lang sollte er kein Solo-Album mehr veröffentlichen.Dennoch überwinterte er auf dem Casting-Sessel als Juror und dank der Versöhnungsbagatelle „23“ mit Bushido, sowie dem Kinofilm „Blutzbrüdaz“, um der vor Vielfalt strotzenden jungen Generation mit der deutschen Ausgabe von „Grown-Man-Rap“, eine weitere Facette hinzuzufügen.Seitdem versorgte Sido die Szene von seinem Schrebergärtchen aus mit väterlicher Fürsorge und erklomm mit 650.000 Einheiten von „Au Revoir“ Verkaufsrekorde mit Deutsch-Rap-Beteiligung. Aber für jemanden, der nie den Geschmack von Toast mit Zwiebeln vergessen hatte, konnte das nicht das Ende vom Lied bedeuten.


Und darum nochmal „Masafaka“ sagen. Doch wozu der mediale Aufruhr? Ja, immerhin fletschen die beiden Oldies Sido und Savas im interszenischen Gruppenkuscheln bei Circus Halligalli die Zähne – aber offenbar liegt das Gebiss noch im Glas. Es stimmt, dass noch immer ein hoffnungslos überholtes Bild von HipHop gezeichnet wird, obwohl sich genau die Eltern, die sich noch vor dem schlechten Vorbild gefürchtet haben, nun „Bilder im Kopf“-summend ihre Enkel von der Wippe holen. Aber ist es klug der Öffentlichkeit genau dieses Bild noch einmal vorzuhalten?Zumal die „gefährliche Randgruppe“ inzwischen nur noch einen Teilbereich des Genres widerspiegelt und konstruierte Images offen zugegeben werden, bevor sie ihr eigenes Imperium niederbrennen. Und dennoch führt „Masafaka“ unweigerlich zu einer invertierten Frage: Würde es HipHop nicht die Grundlage entziehen, wenn sie plötzlich vom Hallaschka-Spießerbürgertum ernstgenommen würde? Will die Szene den kümmerlichen Aschehaufen ihrer Identität überhaupt gegen Feinripp-Pyjamas eintauschen? Sei denn wie es sei: Die modrige Maske aus der Mottenkiste erweist Sido wieder die Ehre und untermauert seine Stellung als einer der ganz wenigen Rap-Fürsprecher. Vom schlechten Vorbild zum Vorstadt-Siggi – seine künstlerische Vita steht seit gut über einer Dekade nahezu beispiellos für eine Ära und Trends, aber auch als Aushängeschild unserer Szene in der medialen Öffentlichkeit.

Ich mag dein neues Album – allet jute Sido!

„Das goldene Album“ von Sido könnt ihr hier kaufen. Wir bewerteten das Album des Berliners ebenfalls bei uns im Soundcheck.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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