„Unsere Kunst soll wie Yung Hurn sein, nicht rückständig wie Afrika Bambaataa“ – Urban Art Galerist Christoph Tornow im Portrait

(C) Golden Hands Gallery

Das klassische Narrativ eines Sprayers ging früher so: Er kam, sah und sprühte – auf Züge, Hauswände, Verkehrsschilder, auf alles was er vorfand. Hauptsache, sein Name war gut für alle sichtbar zu sehen. Out for the fame, wie es KRS-One noch Mitte der 1990er romantisierte. Den Kick suchen, die Freiheit erfahren, der marginalisierten Existenz Gehör verschaffen – darum soll es  gegangen sein. Ein Easy Rider mit Spraydose. Christoph Tornow war einer von ihnen. 

Hip-Hop und Graffiti, das gehört nicht nur zusammen, das bedingt einander gar. So jedenfalls sieht es Afrika Bambaataa, der Begründer des Vier Elemente-Schöpfungsmythos, der also, der die Saat säte, die all die Jay-Zs, Kanye Wests oder Dres heutzutage so furchtbar reich macht. So sah es auch Tornow

Ich gehöre definitiv zu denen, die mit den drei Elementen  aufgewachsen sind, manche sagen ja es seien vier. In jungen Jahren war ich auch uneingeschränkt der Meinung, das Graffiti Hip-Hop sei. Mit der Zeit jedoch hat sich das geändert.“ 

(C) Kevin Goonewardena

(C) Kevin Goonewardena

Tornow zündet sich eine Zigarette an. Seit etwas mehr als vier Jahren leitet der ehemalige Sprüher, Hip-Hop-Fan und praktizierende Augenarzt mit seiner Lebensgefährtin Isabella Augstein die Golden Hands Gallery in der Hamburger Neustadt, die sich auf Urban Art, Street Art und Post-Graffiti spezialisiert hat. Das hier”, sagt Tornowist kein Graffiti. Das ist letztendlich die Transformation von der Straße, vom Train in die Galerie. Man sieht die Herkunft immer noch, aber es wurde eine andere Abzweigung genommen.” 

Von Hip-Hop zu Pop

Hier, in dieser Gegend der Hansestadt, findet man Graffiti und Street Art kaum. Rap mit Hamburger Gütesiegel ist woanders zu hause. In Tornows später Jugend war das noch Eimsbush, doch das ist lange her. Die Jungs, mit denen er früher rumhing und quer durch die Republik auf Jams fuhr, sind heute Stars oder nur noch eingefleischten Fans ein Begriff. In der Galerie Bilder auf Leinwand, Pieces sucht man hier vergeblich – Sprayer gibt es trotzdem zu sehen. Moses & Taps™ zum Beispiel, ein Künstlerkollektiv, das zuletzt mit einer zugemauerten S-Bahn-Tür für überregionale Presse und veritablen Netzhype sorgte, gehört zu den Zugpferden der Golden Hands Gallery.  

(C) Golden Hands Gallery

(C) Golden Hands Gallery

Ob man nun Graffiti zu den Säulen des Hip-Hop zählt oder nicht, die progressiven Künstler und Stilrichtungen, die aus dem Graffiti hervorgingen, haben sich schon lange diesem vermeintlichen Ursprung entledigt, wie die Rapmusik selbst ihrer Wurzeln. Viele aus der Graffitiszene sind heute Künstler oder Grafiker”, weiß Tornow, der bereits von 2006 an für einige Jahre eine Galerie führte. Zusammen mit zwei Partnern leitete er die Vicious Gallery im Hamburger Schanzenviertel, bevor dieses Projekt 2011 aufgegeben wurde. In den nachfolgenden Jahre widmete er sich ausschließlich seinem erlernten Beruf. Die Idee einer Galerie habe ich auch danach nie abgelegt. Ich habe in meiner Jugend selbst gesprüht, ich wusste früh, dass ich mit dieser Kunst mal was machen will.“ Tornow glaubt, dass Urban Art, Post-Graffiti und Street Art in der zeitgenössischen Kunst in einigen Jahren den Stellenwert von Pop Art in den 80ern haben kann.

 “Daran arbeiten wir. Das was vor zwanzig Jahren Pop Art war wird in zwanzig Jahren hoffentlich rückblickend unsere Kunst gewesen sein. Wenn dem so ist haben wir alles richtig gemacht.“ 

Ist die Zeit der Vicious Gallery vor allem als lehrreich zu betrachten, arbeitet das Team der Golden Hands Gallery heute daran ihrer Version von Urban Art eine Bühne zu geben. Tornow selbst übernimmt dabei kuratorische Aufgaben.

Ich treffe eine erste Auswahl an Künstlern, weil ich schon so lange in der Szene unterwegs bin stelle ich auch oft den Kontakt her. Meine Lebensgefährtin kümmert sich vorrangig um die Betreuung von Künstlern und Kunden, die Geschäftsleitung und damit das Tagesgeschäft übernimmt unsere Mitarbeiterin Jovanka Matzke.

„Yung Hurn: Das ist einer, wie ich mir die Kunst hier vorstelle.” 

Wie in der Hip-Hop-Kultur sind es Weiterentwicklungen, die der Graffitibewegung entstammenden Künstler in die Galerien gebracht hat; deren Ursprünge also jener Szene-stiftende Kern ist, der nur noch von Nostalgikern am Leben gehalten zu sein scheint.

Es mag schon sein, dass ein Teil der Kunst in der Galerie Hip-Hop-Kunst ist, denn unterbewusst bin ich sicher von der Hip-Hop-Kultur beeinflusst; ich höre fast ausschließlich Rapmusik, Leute aus der Szene sind meine Freunde und Bekannte. Aber sehen wollen wir hier den progressiven Hip-Hop eines Rin oder Yung Hurn. Wir wollen als Galerie progressiv sein.“ 

Für Nostalgiker stellen wir fest, bleibt nur die Liebhabernische übrig, in der man sich zwar am eigenen Pflegen der Roots erfreuen kann, sich jedoch selbst künstlerisch so eingeschränkt hat, dass die Passion zum Hobby verdammt ist, statt zum Beruf werden zu können  – auch, weil mit klassischem Graffiti kein Geld zu verdienen ist, sagt Tornow

Doch auch eine progressive Herangehensweise allein macht noch keinen Künstler.

(C) Golden Hands Gallery

(C) Golden Hands Gallery

Nicht jeder Künstler, der auf der Straße funktioniert, funktioniert auch auf Leinwand und umgekehrt gibt er zu bedenken. Er ergänzt, dass vor allem wichtig sei, dass der Künstler das Künstlerdasein als Beruf anerkenne und damit ernst nehme.

“Die Leute, die wir vertreten, müssen in ihrer Steuererklärung „Künstler“ stehen haben. Sie müssen von der Kunst leben können oder zumindest kurz davor stehen. Einen gewissen Professionalisierungsgrad erreicht haben. Das schließt nicht aus, dass wir nicht mal jemanden vertreten, bei dem das etwas anders aussieht. Aber wir bauen keine Künstler mehr auf, wir arbeiten nur mit Leuten zusammen, die sich voll und ganz auf die Kunst konzentrieren wollen.“ 

Für den Erfolg gehe es weniger darum, eine Vorreiterrolle in der Kunst selbst innezuhaben, denn in dem sich schnell entwickelnden Geschäft sei eine solche Rolle heute oft kaum mehr zu klären, sondern auf Marketingebene, so der Galerist.

Wer es als Künstler schafft, mehr positive Präsenz zu erzeugen, der verkauft auch mehr und erzielt letztlich auch höhere Preise.“ Dabei wolle der Käufer nicht unbedingt den wie einen Popstar entrückten Künstler, dessen außergewöhnliches Talent Kunst und Preis allein schon legitimieren und dessen Auftreten womöglich einen exzentrischen Unterhaltungswert hat. Gute Kunst gäbe es durchaus schon zu einem niedrigen Preis, entwickeln könne sich jedoch nur namhafte Kunst – und das macht sie teuer.

Man muss auch ganz klar sagen, dass auch Werke aus dem Bereich Urban Art zu kaufen in der heutigen Zeit eine Form der Geldanlage darstellt und das bezieht sich nicht nur auf die Spitze der Szene. Gerade die Leute, die viel Geld ausgeben, die dabei sind sich eine Sammlung anzulegen, versprechen sich davon einen Mehrwert. Das Geld dafür haben heutzutage zwar noch vor allem die Älteren, aber auch das verschiebt sich gerade.“ 

So gewinnen nicht nur junge Vermögende, sondern auch Prominente wie Eric Maxim Choupo-Moting, Interesse an Kunst. Der bei PSG spielende Fußballer gilt als ausgewiesener Street Art-Experte und teilt seine Leidenschaft mit seinen Fans. Ein Enthusiast und Botschafter der Kunst, zu dem auch junge Menschen eine Verbindung haben, der hierzulande allerdings noch weitgehend fehlt. 

Grenzen überwinden

Die Speerspitze des US-Raps hat seit Jahren nicht nur die eng gesteckten musikalischen Grenzen überwunden. Hierzulande bewegen sich Leute wie MC Bomber, der an der Kunsthochschule Weißensee studiert und dessen “P-Berg Battle Tape”-Coverartworks dilettantisch daherkommende Microsoft Paint-Lookalike Meisterwerke sind, Yung Hurn oder Haiyti außerhalb von einer engstirnigen Hip-Hop-Definition. Sie gehen auch bei der visuellen Inszenierung ihres Werkes weiter, als die mit jedem Album anders daherkommenden, aber sich schlicht wiederholenden Stereotype der Kollegen. 

(C) Golden Hands Gallery

(C) Golden Hands Gallery

Die vorherrschende Verbindung von Kunst und Rappern in Deutschland ist jedoch auch trotz einer stilsicheren Ausnahme eines Millionen-Sellers wie es Shindy ist, noch immer die klassisch konservative eines Rappers zu Graffiti, wenn denn überhaupt eine existiert. Wie bei Samy Deluxe der einst rappte „Hatte noch nie ’n anderes Hobby als Musik und Graffiti“ (Zurück, 2004) und mittlerweile selber auf Leinwand ausstellt oder der 187 Straßenbande, die nicht nur Sprayer zu ihrem Umfeld zählen, sondern Graffiti als wiederkehrendes gestalterisches Element verwenden.

Ein Artwork wie das von Wests My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ ist in Deutschland bei den größten Stars der Szene trotz progressiven visuellen Vorreitern wie Rin einer ist, noch undenkbar. Das sieht auch Tornow so. Nicht etwa aus Kosten-, natürlich aus Imagegründen, vor allem aber, weil die visuelle Umsetzung von Rapmusik vom Gros der deutschen Rappern nicht in einem künstlerisch anspruchsvollen Sinne weiter gedacht wird, so wie es bei Graffiti und all den anderen urbanen Kunstrichtungen der Fall war, die ihren Weg vom öffentlichen Raum in die Galerie gefunden haben. Die Macher der Golden Hands Gallery gehen genau diesen Weg, den die angesprochenen progressiven Hip-Hop-Künstler beschreiten und den es braucht um Erfolg zu haben.

Erzähl Digger, erzähl

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