„Genius – Tausend Seiten einer Freundschaft“: Alter Hut oder geniales Werk?

Seit heute ist „Genius – Tausend Seiten einer Freundschaft“ deutschlandweit in den Kinos zu sehen. Der hochkarätig besetzte Film basiert auf einer wahren Geschichte und spielt im New York der 1920er Jahre. Es geht um den  Lektor Maxwell „Max“ Perkins und seine Zusammenarbeit mit dem Autor Thomas Wolfe. Das klingt im ersten Moment vielleicht nicht nach dem attraktivsten Thema für gute Kino-Unterhaltung, in dem Spielfilm-Debüt von Regisseur Michael Grandage steckt aber einiges drin.

Die Charaktere werden allesamt mit nur wenigen Szenen vorgestellt und zwar so prägnant, dass man von der ersten Minute des Films direkt in die Geschichte eintauchen kann. Das passiert in einer unaufdringlichen Erzählweise, die der Film auch im Verlauf beibehält. Er zeigt die Ego-Probleme, die ein Künstlerdasein mit sich bringen kann und den schmalen Grat zwischen der Überzeugung, die man für seine Werke braucht und reiner Überheblichkeit.

Unpassend ist der Titel des Streifens. „Genius“ klingt zu abgedroschen und heutzutage eher nach außergewöhnlich hochwertigen Pfannen oder Wichtigtuern in blauen Pullovern mit Apfel-Logos, als nach ‘ner Geschichte über große Literatur. Der deutsche Untertitel „Tausend Seiten einer Freundschaft“ ist eine schöne, passende Metapher und schon besser.

Eine Freundschaft wie mit Kanye West.

Die aufkommenden Star-Allüren von Wolfe wirken sich nicht nur auf seine Beziehung, sondern auch auf die Freundschaft  zu Lektor Perkins aus. Die gemeinsame Arbeit der beiden an ihrem Herzensprojekt hinterlässt aber keinesfalls nur negative Eindrücke. Mindestens jeder, der schon mal berufliche Herausforderung zur persönlichen Leidenschaft gemacht hat, findet sich hier wieder.

Jude Law („Sherlock Holmes“, „Der talentierte Mr. Ripley“) spielt den exzentrischen Schriftsteller gut. Es hat meine Begeisterung nur wenig geschmälert, dass ich mir den Floh ins Ohr gesetzt habe, Robin Williams hätte den Film zu ‘nem Meisterwerk gemacht.

Colin Firth („The King’s Speach“ „Kingsman“) ist als Maxwell Perkins wunderbar unaufgeregt und dabei trotzdem leidenschaftlich und durchweg liebenswert. Nur was es mit dem Hut, den er nicht mal beim Essen abnimmt, auf sich hat, erschließt sich mir nicht. Die Nebenrollen machen durchweg einen gute Job, allen voran Nicole Kidman als Wolfes (leicht) psychopatische Freundin Aline Bernstein.

Wie bei der Thematik nicht zu verhindern, bleiben effektreiche, spektakuläre Momente aus. Wer sich auf das Thema einlässt wird aber, auch dank der wohlproportionierten Länge von etwa 100 Minuten, nicht gelangweilt. Was aber schon bei dieser Länge stört, sind die Farben. Nur weil der Film in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts spielt, muss man ihn nicht fast gänzlich der Farbe berauben. Die Kulissen sind zwar schick und authentisch, aber überwiegend konventionell und nicht außergewöhnlich kunstvoll fotografiert. Das Ganze hätte durch etwas mehr Farbe sicher ein wenig an Energie gewonnen.

Fazit

Das hier ist kein Popcorn-Kino, aber ein schöner, ruhiger Film. Man taucht in eine historische Welt der amerikanischen Literatur ein, nimmt im Vorbeigehen ein paar Namen und Fakten daraus mit und erlebt authentische, zeitlose Charaktere.

Hier geht es zum aktuellen Kinoprogramm im Cinemaxx Hamburg-Dammtor.

Hanfosan

Erzähl Digger, erzähl

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