Fünf Jahre „Hinterland“: Endlich angekommen

Schlägt man das Wort „Erfolg“ im Duden nach, so definiert dieser den Begriff als „positives Ergebnis einer Bemühung“ und als das „Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung“. Definitionen, die nicht zuletzt auf die kreativen Schaffensprozesse von Musikern und deren Endprodukten – Singles, Alben oder Tapes – anwendbar sind. Ist es doch das Bestreben dieser Berufsgruppe, mit ihren Werken eine möglichst große Zahl an Personen zu erreichen, sich eine intakte Fanbase aufzubauen und zumindest die monatlich anfallenden Rechnungen problemlos bezahlen zu können.

Als Erfolg ist XOXO, das zweite Studioalbum des Wahl-Berliners Casper und das erste im Fokus der breiten Öffentlichkeit, definitiv zu bezeichnen. Von null auf die Pole Position der Charts, Kritikerliebling wider Willen, zahlreiche Festivalauftritte, darunter der Headliner-Slot beim splash! 2013 samt „Hinterland“-Ankündigung.            „Hinterland“, das ist der Albumtitel des Nachfolgers von Gamechanger „XOXO“ und zugleich auch ein mit überbordenden Erwartungen verbundenes Projekt. Mit der zumeist im Falle des Erfolgs auftretende Grundsatzfrage „Weitermachen wie bisher oder einen musikalischen Neuanfang respektive Stilbruch wagen?“ wird sich auch Casper konfrontiert gesehen haben. Eine für ihn schon zu Beginn des Produktionsprozesses eindeutig zu beantwortende Frage: „Marschrichtung ist: es wird weder ein neues ´Hin zur Sonne´, noch ein zweites ´XOXO´. Ich sehe persönlich einfach keinen Sinn darin, mich zu wiederholen“.

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums von „Hinterland“ blick BACKSPIN auf die Entstehungsgeschichte des Nummer 1-Albums, den neuen Sound und die Themen dieses mit elf Anspielstationen versehenen Werkes.

Raus aus der Komfortzone

Was Calonge, einer Gemeinde im Nordosten der spanischen Region Katalonien, und die 300.000 Einwohner-Stadt Mannheim eint? Beide stellen wichtige Stationen im Prozess hin zu „Hinterland“ dar. Während in Spanien erste Entwürfe des Albums konzipiert werden – u.a. mit Markus Ganter, der bereits für Produktionen von Dagobert und der Indie-Rock-Band Sizarr verantwortlich zeichnete – entschleunigt Benjamin Griffey, so der bürgerliche Name des Rappers, in der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs sein Leben. Hier „habe [ich] in einer WG mit vier spitzenmäßigen Mitbewohnern gewohnt. Da habe ich in meinem Zimmer Kette geraucht, abends wieder Whiskey getrunken und Songs geschrieben. Markus wohnte direkt nebenan, und in seinem Keller haben wir diese Platte produziert“, verrät der Deutsch-Amerikaner im „Juice“-Interview. Zusammen mit Konstantin Gropper, besser bekannt unter dem Pseudonym Get Well Soon, wird gemeinschaftlich an „Hinterland“ gewerkelt.

Unter der Prämisse, mindestens einen (musikalischen) Schritt weiterzugehen und die „comfort zone“ zu verlassen, kreiert das Trio GanterGriffeyGropper ein Album entgegen aller Erwartungen. Kein „XOXO 2.0“, kein stumpfes Weiterführen des Soundbilds von 2011. Vielmehr lässt Casper allerlei Einflüsse zu, um ein Album zu schaffen, das sich bei weitem nicht nur auf den Rap-Kosmos beschränken lässt. Vielleicht auch, um den besonders engstirnigen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen und Formulierungen à la „Klingt wie…“ direkt ad acta zu legen, veröffentlicht der Rapper via Spotify eine Playlist mit Songs, die im Aufnahmeprozess zu Album Nummer drei als Inspiration dienten. Darunter illustre Namen wie Arcade Fire, Tom Waits und Vampire Weekend, aber eben auch die Genre-Größen A$AP Rocky und J. Cole.

Eine bunte Mischung, die als Spiegelbild für Lyrik und Sound von „Hinterland“ taugt.  Vom „Rolling Stone“ als „Post-Indie-HipHop-Pathos-Pop“ tituliert worden, strotzt Caspers Musik, die sich rein oberflächlich betrachtet irgendwo zwischen Indie-Rock und Rap einordnen lässt, nur so vor Reminiszenzen an Heroen der vergangenen 50 Jahre. Zitate bewegen sich zwischen Slime und Wir sind Helden, zwischen Turbostaat und Oasis. Einflüsse aus Folk und dem Indie-Bereich sind unverkennbar, Up tempo-Nummern reihen sich an ruhigere, z.T. andächtig wirkende Tracks und umgekehrt.

Augusta oder Bösingfeld? Hauptsache Heimat!

Schon mit dem Opener „Im Ascheregen“ macht der ehemalige Shouter diverser Punk- und Hardcore-Bands unmissverständlich klar: Sich an Konventionen anpassen? Nicht mit mir! Hier trifft ein im letzten Refrain aktiv werdender Kinderchor auf die heiser-raue Stimme Griffeys, die wiederum erst nach rund zweiminütigem Spannungsaufbau via Instrumenteneinsatz zum ersten Mal erklingt. Emotionalität, Bläser, Klavier, auf inhaltlicher Ebene die Abrechnung mit der Gesellschaft und der oftmals ihm gegenüber nicht toleranten Rap-Szene – das ehemalige Selfmade-Signing beginnt furios.

Das titelgebende „Hinterland“ nimmt den Fuß vom Gaspedal und führt den Hörer auf eine Reise durch Caspers Heimat. „Das ist Bösingfeld, ein Dorf im Extertal, aber eben auch Augusta, eine totale Redneck-Stadt mit extrem kriminellem Aufkommen“, so der bis zu seinem 11. Lebensjahr in den USA lebende MC gegenüber der „Juice“. Elementar ist das Gefühl des Ortes, wo „jeder Tag aus Warten besteht und die Zeit scheinbar nie vergeht“, sich also gänzlich von der charakteristischen Dynamik der Großstadt lossagt.

 

„Es bietet eine neue Facette eines Künstlers, der noch lange nicht an die Grenzen seines Talents gestoßen ist und seine Popularität nicht zuletzt auch der entwaffnenden Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit seiner Texte verdankt“. – Spiegel-Redakteur Andreas Borcholte über „Hinterland“

 

Und sonst so? Nun, Casper teilt auf die ihm eigene, charmante Art gegen deutsche Popmusiker aus, die sich seiner Auffassung nach mehr schlecht als recht politischem Engagement hingeben („… nach der Demo ging’s ab!“), verfällt aber nur kurz darauf in melancholische Momente, wenn er über eine verflossene Liebe rappt („20qm“) und im Folgenden das Festhalten an einer längst gescheiterten Beziehung thematisiert („Lux Lisbon“). Unterstützt wird dieser dabei von Tom Smith, Frontmann der britischen Indie-Rock-Band Editors, der mit seinem Bariton den Höllenritt zwischen Kitsch und Pathos mit Bravour meistert. Spätestens an dieser Stelle des Albums wird klar, dass die klassische Hip-Hop-Instrumentierung hier nicht unbedingt zu erwarten ist.

Stattdessen: Chöre, Händeklatschen, orchestrale Einsätze – Caspers Reaktion bzw. Nicht-Reaktion auf ein musikalisches Korsett der Rap-Szene, welches den Takt vorgibt. Denn bei ihm macht es „nicht Bum-Tschack, ich bumse keine Mütter, fahre nicht in der Limousine herum und schlürfe auch keinen Champagner“, wie der damals 31-jährige im Interview mit der „Zeit“ unmissverständlich klarmacht.

Mission erfüllt

Der, wenn man so will, Anti-Popstar zeigt sich auch durch den Erfolg der Vergangenheit nicht geblendet, lebt im Moment, genießt diesen und wagt es „kaum zu glauben, wenn ein Traum endlich laufen lernt und fliegt“. Eine Textzeile aus dem Track „Ganz schön okay“, einer Zusammenarbeit mit den Chemnitzer Jungs von Kraftklub, die ähnlich wie Casper durch ihr Album „Mit K“ einen steilen Karriereschub erleben durften. Und die sich ebenfalls bodenständig zeigen, wenn Leadsänger und Rapper Felix Brummer verlauten lässt: „Wir brauchen nicht viel, nur Fanta und Pappbecher“. Ein Lebensgefühl, das sowohl den Menschen Benjamin Griffey als auch den Rapper Casper gut beschreibt.

Denn „Hinterland“ hat u.a. die Verarbeitung, den richtigen Umgang mit dem Erfolg der eigenen Musik zum Thema. Musik ist das entscheidende Stichwort, sollte sie doch bei all dem Gerede um die Grenzen eines Genres und der damit verbundenen Kredibilität im Vordergrund stehen. Einen Fakt, den Casper berücksichtigt und der ihn konsequent daran arbeiten ließ, einen (weiteren) Klassiker abzuliefern, der sich neben Peter Fox‘ „Stadtaffe“ einreihen kann. Oder neben „´Bambule´ von Absolute Beginner, ´Blueprint´ von Jay-Z, ´21´ von Adele – als Musik-Nerd will ich auch so einen Klassiker aufnehmen. Das ist doch der Grund, warum man anfängt, Kunst zu machen“, so der Musiker gegenüber der „Zeit“.

Dass er de facto noch nie so weit weg von Rap war wie auf „Hinterland“ und diesen dennoch in seiner reinsten Essenz lebt, zeigt sich auf „Jambalaya“. In bester „Casper Bumayé“-Manier wird kein Stein auf dem anderen gelassen, das gewohnte Understatement wird lässig zur Seite geschoben. Zu rappen „Erst kam die Kopie, dann die Kopie der Kopie / Indie basierte Beats, gespielte Melancholie / Tagebuchpoesie, billig klingende Melodien / Alle wollen sein wie mein Team, aber wissen leider nicht wie“ kann sich nur der leisten, der das Deutschrap-Game durchgespielt und auf links gekrempelt hat. MC-Tauglichkeit unter Beweis stellen? Check.

Im Kern Hip-Hop

Wenn Casper im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ offenbart, „nur im Hip-Hop-Kontext Songs schreiben“ zu können und sagt: „Ich nehme ein fertiges Instrumental, und dazu entwickele ich dann einen Text. Wie über einen Beat“, ist man dem Künstler als Hörer schon beinahe zu Dank verpflichtet. Denn mit dieser Herangehensweise, mit dem Duktus von Hip-Hop sowie einem pompösen, vielseitigen Sound ist ein Album entstanden, das als Referenzwerk für nachfolgende (Rapper-)Generationen Pflicht sein wird. Oder es zumindest sein sollte.

Seinen Platz als Anschauungswerk für Innovation, Unbekümmertheit und Verspieltheit hat „Hinterland“ bereits fünf Jahre nach Veröffentlichung sicher. Denn hier zeigt sich: „Alles ist gut. Anders, aber gut“. Gut so.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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