Fünf Jahre „Hinterhofjargon“: Multilinguale Neuprogrammierung

hinterhofjargon

Über Rap-Klassiker kann man sich natürlich gut und gerne streiten. Bei Celo & Abdis „Hinterhofjargon“ würde ich selbst als Riesenfan nicht von einem Klassiker per se sprechen. Doch getrost sollte man anerkennen, dass dieses Album den üblichen Straßen- und Gangsterrap revolutioniert hat. Wieso, das wird sich im Laufe des Artikels erklären. 

2011 machten sich Celo 385 und Abdi Süd zum ersten Mal einen überregionalen Namen, als sie ihr „Mietwagentape“ zum kostenlosen Download veröffentlichten. Prompt konnten sie bei HipHop.de den Preis für das Mixtape des Jahres einheimsen. Es war das erste Release der  beiden übers „Azzlackz“ Label , wo sie bis heute noch unter Vertrag stehen.

Kein ganzes Jahr verging und schon stand das Debütalbum „Hinterhofjargon“ in den Startlöchern. Gastbeiträge gab es lediglich vom Azzlackz- und Alles Oder Nix Camp. Auf dem Remix von „Last Action Heroes“ waren noch Marsimoto und Kollegah drauf.

Doch widmen wir uns nach diesem Vorspiel nun endlich diesem Album und zeigen auf, was dieses Album so besonders gemacht hat. Wie schon im Titel des Beitrags erwähnt, konnten die beiden Frankfurter der Straßenrapsparte eine multilinguale Neuprogrammierung einpflanzen. „Hinterhofjargon“ war kein wahllos gewählter Titel, er stand für jenen Straßenslang, den man im Frankfurter Ghettokosmos mitbekam. Und hatte man nicht das Glück im Frankfurter Plattenbau großzuwerden, so konnte man sich spätestens mit diesem Album ein großes Straßenvokabular aneignen, welches Celo & Abdi bereits im zweiten Track, der gleichzeitig auch der Titeltrack der Platte war, in einem Vortrag an den Zuhörer herantragen.

„Abdi aka Oberstudienrat
Bringt euch Slang bei, dealen nennt man Tijara
Zéro“, Zéro“ ist Baba Piece aus Ketama
„Koks“ ist gemeint, wenn ich „Flex“ in meinen Liedern sag“

Abdi

Alleine in der ersten Strophe bringt Abdi dem Hörer mehr als ein halbes Dutzend neue Begriffe bei.  Celo fügt sich Abdis Strophe nahtlos an.

„Nummer 6, gekochtes Flex, Azrou-Steine, Taş
Caktirma, halt dein Göt gebunkert
Vor Iba’ash, Bullen, Amcas oder Murija
Der Rakle mit der Duba, der Typ da mit dem Stoff
Nummer 7, 8, 9, Ganja, Trava, Ot
Und die Zehn folgt, hier und heut, nur für euch
„Carsaf versene“ – „gib mal Paper“ auf Kanackendeutsch“

Celo

Bis heute versteh ich wohl immer noch nur einen Bruchteil dieses Sprachgemisches aus dem Arabischen, Ost- und Sudeuröpäischen Raum. Aber das ist eigentlich irrelevant. Denn allein mit diesem Track haben Celo & Abdi Straßenrap eigentlich neu erfunden – und das alles, ohne wirklich neue Themen anzusprechen. Der Gebrauch von verschiedenen Sprachen aus ihrem Umfeld gaben diesem Album dieses Alleinstellungsmerkmal, von dem es heute noch lebt und weswegen ich es als Meilenstein des deutschen Straßenraps bezeichnen würde. 

 

Mit „Über Wasser Halten“ beweisen die beiden auf einem wunderschönen Beat von m3, der übrigens auch das ganze Album produziert hat, dass sie auch normale Straßengeschichten beherrschen, dabei aber trotzdem eine ganz eigene Note behalten, welches auch an der Textstruktur liegt, die, wenn man sie ohne Song liest, stellenweise krass abgehakt klingt. Doch im Zusammenspiel mit m3 klingt es einfach nur zu gut und auch Flowexperten werden dem Ganzen etwas abgewinnen können.

„Vom Schwarzfahrer zu A8-Araba
I’m a Hustler, I’m a, I’m a Hustler
Ich bin Azzlack, ich bin Hustler
Morgen Konto, Schweizer, gestern Naspa
Papa, semhey, vullah
Leider nicht mit Profi-Champions-League Fußball“

Traffic Cartel„, das Erste von zwei Liedern mit Haftbefehl geht so nach vorn, dass es schon fast weh tut. Auf einem Überbrett von Beat wird Drogenschmuggel-Talk vom Feinsten betrieben. Wie Haftbefehl in seinen Verse reinkommt, ist auf der einen Seite absurd, auf der anderen Seite kann man eigentlich nicht stärker und prägnanter in eine Strophe hineinplatzen.

„Golden Brown – Heroin
Vergifte die Welt, denn ich muss mehr verdienen
Flieg nach Diyarbakir, und treff mich mit Afghanis
Ich will die Ware sehen, sie das Massari
Der Afghi holt sein Handy raus, schiebt Hass und wie
Weil er es nicht bedienen kann, ich lach mich schief“

Der Boss steigt aus, ein Baba Typ
Er sagt: „Wo ist die Geld?“ sonst platzt der Deal
Ich geb‘ ein Zeichen, hade yallah flieg ein Flugzeug
Lässt ein Fallschirm fallen Paraşüt

Haftbefehl

Was Celo & Abdi können, das wird Labelchef Haft wohl mindestens genauso gut können, immerhin hat dieser diesen Slang erst in Deutschland so voran getrieben. Aber wie er das macht, das ist dann wiederum fast zu ekelhaft, positiv gemeint natürlich. Der multilinguale Straßenslang der Azzlackz wurde ja schon thematisiert, hier möchte ich das ganze noch kurz weiter ausführen. Straßen- und Gangstarap, allen voran von Kanacken, gibt es schon seit Deutschrap-Urzeiten. Doch all diese Rapper konnten nie wirklich krass herausstechen, ausgenommen Bushido, aber der ist auch anders an die Sache herangangen. Das sich die meisten nicht wirklich von den anderen absetzen konnten, kann verschiedene Gründe haben, jedoch hat es wohl den einen, alles entscheidenden Grund. All diese Rapper haben versucht, ihre Straßengeschichtchen in perfektem Hochdeutsch zu formulieren. Die Azzlacks haben getrost darauf geschissen – und haben damit jenen Straßenslang für heutigen Straßenrap unverzichtbar gemacht. Egal ob die KMN-Gang, Nimo oder Soufian, sie alle machen Gebrauch von dem, was Celo & Abdi perfekt mit „Hinterhofjargon“ in die Wege leiteten. 

 

Abschließen möchte ich diesen Lobgesang mit zwei Tracks vom Album, die eher fernab von Representer- und Drogenthematiken stattfinden. Zum Einen ist das der Song „Besuchstag“ mit den damals inhaftierten Xatar und Veysel, der auch kurze Zeit davor eine Haftstrafe absaß, sowie „Parallelen“ mit Haftbefehl. Diese Tracks stehen für sich selbst und machen das Album um die eine wichtige Facette reicher; nämlich die Facette der Tiefgründigkeit, ohne jedoch eine Sekunde in die Austauschbarkeit oder Kitschigkeit abzudriften. 

Besuchstag“ beschäftigt sich nicht mit der Glorifizierung des eisernen Straßenlebens, es beleuchtet die Schattenseiten dieser Thematik. Reflektiv behandeln Celo, Abdi, Veysel und Xatar das Thema des Freiheitsentzuges. Wie schnell man vom gefeierten Straßenbaron zur Gefangengennummer und Randerscheinung der Gesellschaft wird. Wie sich selbst die besten Freunde auf einmal komplett zurückziehen und man seine Mutter nur noch durch die Glasscheibe zu sehen bekommt, nur weil man auf das schnelle Geld aus war, obwohl man doch durchaus mit anderen Talenten sein Leben voranbringen könnte. Ein sehr starker Song, der gerade der jungen Hörergeneration aufzeigen müsste, dass das roughe Straßenleben und das viele Geld nicht halb so viel wert sein kann wie die eigene, individuelle Freiheit und der Zusammenhalt mit seinen engsten Vertrauten. Mit Veysel und Xatar dürfte der Song einigen immer noch Gänsehaut bereiten.

„Drogenhändler statt Bänker geworden
Wollte und konnte nicht den Eltern gehorchen
Erforschen, wo meine Grenzen sind
Jetzt kratze ich täglich Striche an die Wände hin“

Abdi

„Der grüne Mann bringt mich ins Besuchszimmer
Ein Kuss auf ihre Hand „Danke, dass du mich besuchst, Mama
Für die hier drin bin ich nix als eine Buchnummer
Manchmal denk ich, auf mich lastet eine Fluch yimma
Ein Blick ins Engelsgesicht – Mama ist Alt geworden
Und ihre schönen Haare sind mit Schnee bedeckt“

Veysel

„Mutter sagt immer es wär‘ kein Zufall, dass ich sitze
Sie sagt: Gott beschützt mich vor Rache durch Schüsse
Hand Küssen: geht nicht, aufgrund von Trennscheibe
Doch bist du weg, küss ich den Boden auf den du gehst Daye
Damals Schampus, heute Umschluss
Mama erzählt, wie meine Freunde enttäuschen
nicht mal helfen bei Umzug“

Xatar

 

Der letzte Song, der unbedingt spezielle Erwähnung erfahren muss, ist nun „Parallelen„. Ein sozialkritischer wie politischer Song, der uns allen wundervoll aufzeigt, dass diese Welt, die wir bewohnen, manchmal unterschiedlicher und ungerechter nicht sein kann. Während Menschen in Afrika ihre Familien nicht ernähren können, gönnt sich der reiche Westler Kaviar für 250 Euro fünfzig Gramm feinsten Beluga Kaviar. In Deutschland scheint die Menschenwürde seit Ende des zweiten Weltkrieges unantastbar zu sein, während an anderen Orten der Welt nach wie vor Genozide begangen werden.

Es  werden aber auch nicht ausschließlich weltpolitische Themen aufgeführt, sondern auch alltägliche Probleme finden Anklang in diesem Song. Dieser Song hat eine Aussagekraft, wie man sie seit Jahren im Deutschrap sucht. Und dann kommt so ein Song auch noch von drei Migranten, die in der Gesellschaft und in Mainstreammedien wohl für ihren Straßenslang und ihr nicht vorhandenes Goethe-Deutsch belächelt werden. Dieser Track ist stellenweise wirklich eine Offenbarung! Gerade auch jetzt in Zeiten des aufkommenden Terrors auf der Welt und in Europa ein Track, der uns immer wieder vor Augen führt, wie skurril dieses Leben auf diesem Planeten doch manchmal ist. Während ich gerade diesen Artikel schreibe, geht im nahen Osten wohl wieder die nächste Bombe hoch!

„Okay, Abderrahim verkauft Hazro am Hauptbahnhof
Parallel dazu sein Bruder hungert grad‘ in Marokko
Cousin Hasso sitzt im Flieger, wird grad abgeschoben
Parallel dazu die Schwester wird gecasht beim Haschtransport
120 Kilo, vier Taschen Hasch, ah, Cho
Alman Passaport, also nicht ab nach Nador
Ihr kleiner Sohn kennt nichts außer Hass und Zorn
Liebe bleibt ein Fremdwort, denn vor Jahren ging schon Papa fort

Hoffnung Tod, Para wello – Egal, eacho
Halt parallel dazu dein Kopf hoch, Cho – Gott ist groß“

Haftbefehl

Die im Artikel genannten Tracks wollte ich unbedingt erwähnt haben. Natürlich hat das Album auch weitaus mehr zu bieten. Tracks wie „Hektiks“ oder „Durchsuchungsbefehl“ mit Ssio lassen den Hörer in den Großstadt-Straßendschungel hineingleiten, aus dem man kaum entkommen möchte, weil Celo & Abdi auch dort ihre Stärken haben und mit ihren Flows und Straßenlyrics punkten können. Auf „In meinem Land“ wird sich dem Thema der Herkunft gewidmet, dabei kriegt man auch einen Einblick ins seelische Innenleben der Beiden. „Streetfighter“ und „Last Action Hero“  zeigen auf, wie hoch der Entertainment-Faktor bei Celo & Abdi sein kann. Von Straßenschlägereien bis hin in den Kosmos der Actionhelden, das alles packen die Zwei äußerst lebhaft und innovativ auf die Platte. 

Einen wirklichen Schwachpunkt kann ich bei diesem Album nach fünf Jahren intensiven Hörens nicht erkennen. Einige Tracks gefallen halt mehr als andere, aber das ist ja selbst bei Lieblingsalben so. „Hinterhofjargon“ kann man gut und gerne durchhören, die einzige Ausnahme könnte eventuell „Frauen“ sein, doch der Part von Schwesta Ewa ist mehr als nur erfrischend.

Am Ende des Tages ist es wie immer Geschmackssache, aber Celo & Abdi haben mit ihrem Debütalbum mehr als nur abgeliefert. Es war ein wegweisendes Album für deutschen Straßenrap. Sonst würde ich nach fünf Jahren wohl nicht so einen Text zum Album schreiben! 

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4 Comments

  1. Jindoojun

    13. Juli 2017 at 19:56

    Habe gerade nach „hinterhofjargon deutschrap classic“ gesucht, weil ich wissen wollte, ob das Album die Anerkennung kriegt, die es verdient, da ich es gerade wieder rauf und runter höre. Kurzum, ich habe mich sehr über den Artikel gefreut und teile die Meinung des Autors. Jedes Lied außer „Frauen“ ist ein ‚Hit‘ – da können die wenigsten Alben mithalten.

  2. Jakob suckt Balls Backspin auch weil sie das zulässt

    25. Mai 2017 at 14:23

    du kleines opfer,hör auf auf ner rap seite deine schlechten texte und drecks meinung abzusondern, du spast hsat keine ahnung von rap musik das liest man direkt raus,du kleiner verwöhnter hundesohn hast null ahnung was die beiden durchgemacht haben und andere die ihre mucke fühlen

  3. simon backers

    25. Mai 2017 at 14:20

    du lappen,wie du schon anfängst mit das ist kein klassiker, bitte geh erstmal n paar jahre rap studieren bevor du sowas ablässt du esel

  4. michael

    25. Mai 2017 at 9:00

    cooler Artikel, wirklich on ponit. Kleine aber wichtige Korrektur: Haft hat die beiden VOR dem MWT gesigned 🙂

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