Fünf Jahre „Grüner Samt“: Irgendwie anders

Quasi pünktlich zum neuen Jahrtausend, erscheint im Jahr 2000 mit „The Unseen“ Madlibs erstes Album unter seinem Alter Ego Quasimoto. Dessen Markenzeichen: Eine künstlich hoch und schnell klingende Stimme, welche die Hörerschaft schnell vermuten lässt, die Einnahme von Helium hätte ihren Teil dazu beigetragen. Ebenfalls ein immer wiederkehrendes Element in der Musik Quasimotos ist der Stimmenwechsel zwischen Madlib und eben dieser Kunstfigur.

Vom sogenannten „Pitchbending“ des Kaliforniers, also dem Beugen der Tonhöhe, inspiriert, und durch das Herumprobieren mit verschiedenen Effekten eines Aufnahmewerkzeugs beeinflusst, wächst Marteria die Idee für ein eigenes Alter Ego – Marsimoto wird geboren. Bewusst als Hommage und nicht als Kopie verstanden, wird dem Rostocker schnell viel positive Resonanz entgegengebracht, was letztendlich zur Aufnahme des Marsimoto-Albums „Halloziehnation“ führt. Darauf folgen mit „Base Ventura“ und „Zum Glück in die Zukunft“ zwei Marteria-Veröffentlichungen sowie der zweite Marsi-Streich „Zu zweit allein“, ehe sich dieses umtriebige grüne Wesen 2012 mit „Grüner Samt“ selbst ein musikalisches Denkmal setzt.

BACKSPIN beleuchtet den Meilenstein im deutschen Hip-Hop, der heute sein 5-jähriges Jubiläum zelebrieren darf.

Grüner Rauch zieht übers Land

Der Albumtitel ist eine Referenz an Torchs „Blauer Samt“ (übrigens auch 2000 erschienen), an ein pures Hip-Hop-Werk, als das sich auch „Grüner Samt“ verstehen lässt. Nicht etwa, weil sich der Konsum berauschender Substanzen über die 18 Anspielstationen erstrecken würde. Auch nicht, weil soundtechnisch allein Beats aus dem Hip-Hop-Kosmos stattfinden. Nein, vielmehr nimmt sich Marsimoto die künstlerischen Freiheiten, die es für solch ein Album bedarf, und die gerade in dieser Musikrichtung so sehr wie in sonst keiner anderen ausgelebt werden.

„Ein Manifest für den Untergrund, in einer deutschen Rap-Traditionslinie von Advanced Chemistry über Dynamite Deluxe bis King Orgasmus One“. – „Grüner Samt“-Einordnung des ehemaligen Juice-Chefredakteurs Stephan Szillus

Der Opener und Titeltrack, merklich von Reggae-Melodien geprägt, stellt nur eine Facette des maskierten, in grün gekleideten Marsis dar. Und das, obwohl mit den einleitenden Worten „Endlich wird wieder gekifft / Du hast doch längst vergessen, wie das ist“ die Marschroute bereits abgesteckt zu sein scheint. Doch Marsimoto wäre nicht Marsimoto, hätte er nicht einige Überraschungen in petto. Denn Marten Laciny hat mit u.a. Robot Koch und The Krauts, beide maßgeblich an „ZGIDZ“ beteiligt, innovativ denkende Beatkonstrukteure an der Hand, die sich ihrer Zunft weit voraus zeigen. Samples und Zitate treffen auf  Dubstep-Elemente (z.B. „Alice im WLAN Land“) und psychedelische Klänge („Blaue Lagune“, „Angst“, „Absinth“), die kompatibel mit gängigen Hip-Hop-Drums sind.

Was ist denn mit der Realness? Wer malt heute noch den Zug?

Thematisch bewegt sich Marsimoto zwischen der Vertreibung der Indianer, das sich als eine mögliche Anspielung auf die Hip-Hop-Szene verstehen lässt, und einem ehemals für seine Kunstfertigkeit gefeierten Wal, der nun gejagt wird – Theorien über eine Symbiose zur Scheinheiligkeit und Schnelllebigkeit im Showgeschäft lassen nicht lange auf sich warten. „Der springende Punkt“ ist eine Art Huldigung bereits verstorbener Musiker, während sich in „Alice im WLAN Land“ alles ums Thema Überwachungsstaat dreht.

„Darin, eine solche Fülle unterschiedlichster Querverweise zu präsentieren, ohne dabei auch nur einen Augenblick lang verkopft oder verkrampft zu erscheinen, steckt Marsimotos größtes Kunststück“. – laut.de-Redakteurin Dani Fromm

Die Texte Marsimotos sind dabei oft mit viel Zweideutigkeit, Wortwitz und diversen Anspielungen versehen. Lines wie „Du denkst, Scott Storch bringt die Kinder“ in der nicht ganz ernstgemeinten musikalischen Kritik an diversen Hobbyproduzenten „Wo ist der Beat?“, oder „Morgens kauf‘ ich mir die Welt, abends nehm‘ ich mir die Zeit“ im kraftvoll daherkommenden „Wellness“ sind da nur zwei der kreativen Auswüchse Marsis. Das bereits erwähnte „Der springende Punkt“ wartet gar mit einer Referenz an Sido auf, wenn es heißt „In meinem Viertel weiß es jeder, ich rauch Gras!“. Nicht nur Siggi-Fans der ersten Stunde sollten die „Mein Block“-Anspielung sehen.

Frag‘ Torch, wo wir unseren Style herhaben

Gegenüber der Juice ließ Marsi verlauten, dass „Grüner Samt“ als „Randgruppenplatte“ zu sehen ist. Losgelöst von der Vielfalt an Themen, manifestiert sich diese Aussage allein schon durch den andersartig klingenden Sound. Anders, deswegen aber nicht schlecht(er). Natürlich wird sich auf diesem Album im Hip-Hop-Sektor bewegt. Dies aber mit einer weltoffenen Anschauung der Dinge, die anno 2012 mit Sicherheit nicht der Regelfall in der Szene war.

Klaus Buchholz vom österreichischen Musikmagazins The Gap hat nicht ganz Unrecht, wenn er in Zusammenhang mit „Grüner Samt“ sagt, dass „der neue Maßstab für Realness im schillernden deutschen Hip Hop […] fortan Surrealismus [heißt]“. Entgegen der traditionellen Normen agieren – dass ist es doch erst, was diesen Marsimoto so interessant macht.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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