Fünf Jahre „Embryo“: Mo Dirty Shit, übernehmen Sie !

Haben Marteria und Casper mit ihren Alben „Zum Glück in die Zukunft“ und „XOXO“ 2010 bzw. 2011 das brachliegende Schiff namens „Deutscher Hip-Hop“ wieder instand gesetzt und aufs Wasser gebracht, so hat MoTrip den Kurs dieses Schiffes mitentscheidend geprägt. Auch wenn diese drei Künstler ihr Beitrag für deutschsprachige Rap-Musik eint, ist dennoch zu differenzieren.

Marteria, das ist der Rapper, auf dem sich Mainstream-Medien wie die Bild, der Spiegel oder der Focus am ehesten einigen können. Der sich nicht davor scheut, über ein gewisses Radiopotential in seinen Songs zu verfügen. Der allein seiner Vergangenheit wegen als ambitionierter Nachwuchsfußballer, Model und ausgebildeter Schauspieler interessant für die breite Öffentlichkeit ist. Casper wiederum bietet dem Feuilleton interessante Ansätze. Ein MC, der seine ersten elf Lebensjahre in den USA verbringt, in Punk- und Hardcore-Bands als Sänger tätig ist und sich in seinem kreativen Schaffensprozess gerne von Musik aus dem Indie-Kosmos inspirieren lässt. Dessen Textzeilen vielen Menschen aus der Seele sprechen und sogar zuhauf als Tättoomotiv dienen.

Und MoTrip? Anlässlich des fünften Geburtstags seines Debütalbums „Embryo“ beleuchtet BACKSPIN, was diesen Artist und sein Erstlingswerk eigentlich ausmachen.

 

Kenner der Triptheorie

„Der erste hier nach Savas, der aus Aachen kommt“ startet selbstbewusst in sein 1. Album. Denn im Opener „Kennen“ gibt der im Libanon geborene Mohamed El Moussaoui direkt eine Probe seines Könnens zum Besten, das sich in Reimketten, pointierten Aussagen, Flow und einer gewissen Leichtigkeit im Vortrag wiederspiegelt. „Könntet ihr das Licht dimmen, jemand sollte die Gesangskabine dämmen / Ich steh‘ auf den Dämmen, um das Land zu überschwemmen / Ich verschwende meine Zeit nicht mehr mit Schach oder Backgammon / Ich mach‘ Business, wenn die anderen noch pennen“, heißt es da. Doch warum auch auf Understatement machen, wenn bereits vor Release des ersten eigenen musikalischen Werks ein Majordeal mit Universal in der Tasche ist und Kollaborationen mit Szene-Größen wie Kool Savas, Samy Deluxe oder Sido bestehen?

„Alle, die auf durchdachte, sinnhafte Raptexte, einen souveränen Flow, eine prägnante Stimme und satt produzierte Beats ohne allzuviel Schnörkel stehen, [werden] jede Menge an ‚Embryo‘ finden“. – rap.de

Doch MoTrip präsentiert sich auf „Embryo“ facettenreich, gibt viel Preis und beweist, dass Rap über Rap noch immer zeitgemäß ist. Dies äußert sich in Songs wie „Kunst“ und „Schreiben, schreiben“, vor allem aber in „Triptheorie / Meine Rhymes & ich“. Ein musikalischer Dialog, in dem in Form von Marsimoto die Reime El Moussaouis dargestellt werden. Innovative Idee, die auch durch ihre elektronischen Elemente so besonders daherkommt und im Refrain mit einer mathematischen Gleichung der etwas anderen Art aufwartet. Denn „deine Stimme plus die Technik / Mal die Flows geteilt durch Skills ist gleich der Inbegriff von Freshness / Nimmst du das noch minus Wackness, minus Fake, minus Shit, minus Hate – ergibt [das] Trip“. Soweit die Triptheorie.

 

Intime Momente

In seinem Schaffen ist der Aachener von einem Hang zur Perfektion angetrieben, weiß sowohl mit seinem Flow als auch mit seiner Gesangsstimme zu überzeugen. Da das Gesamtkonstrukt so rund, so makellos klingt, wird MoTrip von kritischen Stimmen als Künstler ohne Ecken und Kanten bezeichnet. Doch diesen Neid muss man sich erstmal verdienen. Für diesen homogenen Sound zeichnen maßgeblich Paul NZA und Marek Pompetzki verantwortlich. Paul NZA wird vor allem mit Musikern wie Fler oder Sido in Verbindung gebracht, für deren Label Aggro Berlin der Produzent entscheidend am Soundbild mitwirkte. Dank des Gespürs des Mannes an den Reglern erhält der selbsternannte „Kanacke mit Grips“ einen Mix aus ruhigen, harten, freakigen und melodischen Beats serviert, auf denen er sich frei entfalten kann. MoTrip blickt gleichsam zurück („Tagebuch“) und nach vorne („Die Frage ist wann“) und rechnet auf „Albtraum“ auf sehr ehrliche und emotionale Art und Weise mit „meiner[r]  Vergangenheit mit verräterischen Freunden, verflossener Liebe und Betrug auf“, wie er im Interview mit der Juice erzählt.

„Vielmehr ist ‚Embryo‘ die beeindruckende Leistungsschau eines neuen Spielers, der soeben das Feld betreten hat und in nahezu allen Gangarten glänzt“. – laut.de-Redakteur Max Brandl

Als emotionaler Höhepunkt von „Embyro“ ist mit Sicherheit der Titeltrack auszumachen, der an Intensität und Intimität nicht zu überbieten ist. Grundehrlich setzt sich MoTrip mit dem Thema Abtreibung auseinander, gewährt tiefe Einblicke in seine Vergangenheit und seine damalige Situation. Selbstkritisch gesteht der MC Fehler ein („Wie konnten wir nur so naiv sein und für dich entscheiden“) und hadert mit seiner Entscheidung („Es bringt mich um, doch ich kann nichts mehr daran ändern“). Der Deutsch-Libanese spielt mit offenen Karten und gibt seinen Kritikern so erst gar keine Grundlage für falsche Behauptungen und Diffamierungen

Grundstein gelegt

Mit „Embyro“ ist MoTrip ambitioniert in seine Karriere gestartet und hat die Messlatte für künftige Projekte hoch angesetzt. Der MC schildert persönliche Geschichten so eindrucksvoll und nähert sich augenscheinlich schwierigeren Themen mit solch einem Feingefühl, dass Erzählungen nicht pathetisch wirken oder die Kitsch-Schiene bedient wird. Er etabliert sich in der Szene und muss sich vor den eingangs erwähnten Casper und Marteria in keinster Weise verstecken. Denn MoTrip folgt seiner Passion und sagt selbst gegenüber der Juice: „Ich schreibe aus meinem Herzen. Und wenn Rap in meinem Herzen ist, dann rappe ich darüber“.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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