Fünf Jahre „Raop“: Die Leichtigkeit des Seins

Seit jeher stoßen sich eingefleischte Hip-Hop-Heads an Rappern, die Pop-Elemente in ihrer Musik verarbeiten und deutlich auf eine Mainstream-Reichweite aus sind. Kommerz > Kunst, poppige Hooks > Bassdrums und Snares aus der 808? Jedem Rapper, der mit seinen Songs in Hitparaden stattfindet, ob gewollt oder nicht, einen Ausverkauf der eigenen Musik anzukreiden oder gar von seelenlosen Inhalten zu reden? Dies ist oftmals zu weit über das Ziel geschossen. Denn im Zeitalter der Klicks und Likes ist mediale Präsenz unabdinglich, und wer seine Fans und Follower nur im Hip-Hop-Kosmos verortet sieht bzw. diese nur dort akzeptiert, der zwängt sich selbst und seine Musik in ein Korsett.

Dass es auch anders geht, stellt Cro seit einigen Jahren eindrucksvoll unter Beweis. Der Mann mit der Pandamaske macht keinen Hehl daraus, dass seine Tracks eine Verbindung aus Rap und Pop darstellen. Nur logisch, sein Debütalbum mit „Raop“ zu betiteln, einer Wortschöpfung, die sich aus den genannten Genres zusammensetzt. Und ebenso logisch ist es für BACKSPIN, anlässlich des fünfjährigen Jubiläums von Cro-Album numero uno auf ein musikalisches Werk zurückzublicken, welches nicht nur auf den ersten großen Erfolg in Form von „Easy“ zu reduzieren ist.

Unbeschwertheit auf Albumlänge

Um es vorwegzunehmen: Die ganz großen, weltbewegenden Themen sucht man auf „Raop“ vergeblich. Dafür schafft es Cro, zum Zeitpunkt des Releases 22 Jahre jung, einer Generation aus der Seele zu sprechen. Ähnlich wie Casper auf „XOXO“, und doch so ganz anders, fungiert Carlo Waibel als Sprachrohr für eine große Gruppe an Gleichgesinnten, die sich den Sonnenseiten des Lebens verschrieben hat. Unbeschwert, unverkrampft, einen positiven Vibe verbreitend – der auch als DJ, Produzent und Designer tätige Musiker sorgt für nonstop gute Laune. Das Chimperator-Signing beweist ein gutes Gespür für catchy Hooks und einen Sound, der ein Lebensgefühl der Sorglosigkeit erzeugt. Neben dem Rapper selbst zeichnen auch illustre Namen wie Dexter, Shuko und Jopez für die Beats verantwortlich, welche gut mit den Texten Waibels, frei von Ecken und Kanten, zu harmonieren wissen.

„Wenn man so will, liefert Cro das Porträt einer Generation, die ihr Fernweh in Social-Media-Netzwerken auslebt und ihre Abenteuerlust in Computerspielen“. – Zeit-Redakteur Thomas Winkler

Direkt im Intro zeigt Cro, dass Doubletime nicht nur die Sache von Kollegah und Konsorten ist, um im Anschluss auf „King of Raop“ zum Besten zu geben, dass er in seinem eigenen Genre unantastbar ist („Und plötzlich macht dir das Rap-Ding fun, is‘ echt entspannt / Denn der Typ macht das, was der Rest nicht kann“). Danach beginnt das, was fernab von Auflehnung, Pöbeln und Benz fahren liegt: Die fabelhafte Welt des Carlo Waibels. Sicherlich, Innovationen hätten „Raop“ mitnichten geschadet und ganz neue Facetten des in der Metropolregion Stuttgart im Mittelstand aufgewachsenen Künstlers offenbart. Hätte, wenn und aber – die musikalische Komfortzone nicht zu verlassen, ist allein die Entscheidung des Rappers und lässt das Gesamtwerk in sich stimmig wirken. Ein Rädchen greift ins andere und die Tracks „Easy“, „Du“ und „Einmal um die Welt“ durften sich über Gold- und Platin-Auszeichnungen erfreuen.

 

Das Komplexe liegt im Einfachen

Über den bis heute wohl bekanntesten Song Cros ist fast nichts mehr zu sagen, über 53 Millionen Klicks auf das Video zu „Easy“ sprechen für sich. Der Startschuss für eine beispiellose Karriere, die durch das direkte Erklimmen des Chartgipfels mit „Raop“ ihren ersten kommerziellen Höhepunkt fand. Vom Feuilleton der „neuen Reimgeneration“ um Casper und Marteria zugeordnet, bedient sich der Maskenträger an Samples, Klaviermelodien und elektronischen Elementen, ohne dabei vom eigenen Sound abzukommen. Thematische Ausreißer finden sich nur im Kleinen, so z.B. in „Mein Teil“. Ein Track, auf dem eine gescheiterte Beziehung verarbeitet wird, dies aber in bester Sunnyboy-Manier. Eine angenehme Abwechslung zu 0815-Melancholie-16ern oder Abrechnungen, die einzig und allein auf Diffamierung des einstigen Partners abzielen.

„So wie der Panda als niedliches Tier […] ein Gegensatz zu Sidos furchteinflößender Totenkopfmaske ist, so wird Cro entspannter, gutgelaunter, poppiger Style als Gegenentwurf gehandelt zu den Gewaltphantasien und Gangsterposen aus Berlin, die den deutschen HipHop-Mainstream lange Zeit bestimmt haben“. – Spiegel-Redakteur Felix Bayer

Laut Eigenaussage ist das Erstlingswerk Waibels in maximal eineinhalb Monaten entstanden. Ein gefundenes Fressen für Kritiker, die dies als Fundament für ihre Argumentation aufgreifen, Einfallsreichtum sei hier nicht gegeben. Doch muss immer alles bis ins kleinste Detail durchdacht, jede Line verkopft sein, um von anspruchsvoller Kunst zu sprechen? Mitnichten. Cro rappt über die Leichtigkeit des Seins, lässt negative Gedanken und Stimmungen gar nicht erst aufkommen und gibt sowieso nicht viel auf Hater. Ganz der Rapper eben. In „Meine Zeit“ heißt es „Egal was kommt, man, ich bleib‘ relaxt / Ich lehn‘ mich zurück, schreib ’n Text / Noch keinen Plan wohin, doch bis jetzt war’s fett, uh yeah“. Eine Einstellung, die der mittlerweile 27-Jährigen glaubhaft nach außen trägt. Es kann eben doch alles so einfach und leicht sein. Das Motto: Relax, take it easy.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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