Fünf Jahre „Brille“: Lacoste die Welt?

BrilleSeit jeher wird im Hip-Hop mit gewissen Images kokettiert. Von Medienseite aus werden Klischees bedient, die manche Rapper gerne erfüllen, um sich medialer Präsenz sicher zu sein. Andere wiederum leben Authentizität vor, wenn sie über einen Straßen-Background verfügen und diesen auch offenherzig präsentieren. Interessant für Medien, da die nächste Sensationsstory hier nicht weit entfernt zu sein scheint.

Ein Image per se muss nichts Schlechtes sein, schon gar nicht in Hip-Hop-Kreisen. Entsteht dieses doch oft erst nach den ersten Veröffentlichungen und unterschiedlichen Interpretationsansätzen, wie die Musik zu verstehen ist. Oder der jeweilige Künstler wird nach seiner Kleidung kategorisiert. Wer sich z.B. im Pullunder von Lacoste oder Tommy Hilfiger zeigt und dazu Brille trägt, der fällt unter Rappern auf. Umso mehr, wenn dieser jemand Hip-Hop persifliert und durch seinen ganz speziellen Humor auffällt.

Die Rede ist natürlich von Dcvdns, und um diesen interessanten Charakter im hiesigen Rap-Game besser zu verstehen, hat BACSKPIN einen Blick auf dessen Debütalbum „Brille“ geworfen, das u.a. mit dem Feature einer South Park-Figur aufwartet.

Der „Rap-Antiheld“

Wie so oft in unserem digitalen Zeitalter, präsentiert auch Dcvdns via YouTube einige Videos, durch die Horrorcore-Rapper Basstard auf den Saarländer aufmerksam wird und diesen auf seinem Label Dunkle Materie signt. In Folge dessen entsteht das Album „Brille“, das laut Angaben des Pullunderträgers in nur zwei Wochen aufgenommen wurde. Dabei erweist sich der Titeltrack als Posse Song, auf dem die passionierten Brillenträger Tamas, Boba Fettt, Justus, Labelboss Basstard, allesamt Berliner, Trip und Dcvdns-Buddy Wolfgang H. den MC unterstützen. Auf teilweise humorvolle Art und Weise wird hier beschrieben, was die jeweiligen Artists ihrer Sehhilfe zu verdanken haben. Unkonventionell, kann man mal so machen.

„Lanze für die Brillenschlangen und albernen Streber des Deutschrap“. – The Gap

Vom Spiegel wurde Dcvdns als „Rap-Antiheld“ tituliert, dabei ist er doch viel mehr als das. Denn der Grad zwischen reiner Parodie und Hommage ist schmal. Rap-Referenzen sind auf jeden Fall gegeben. So ist nicht von der Hand zu weisen, dass „Mein Mercedes“ stilistisch Run-D.M.C.s „My Adidas“ ähnelt. Selbiges gilt für „ZDS“, eine Abkürzung für „Zeig‘ dein Schwanz“, die an Kool Savas‚ Song „LMS“ („Lutsch mein Schwanz“) anlehnt. Dieser wiederum hat sich in mehreren Interviews zuhauf positiv über den aus St. Ingbert stammenden Künstler geäußert und speziell den „Brille“-Track als „witzig“ und „unterhaltsam“ bezeichnet. Auch die East Coast findet indirekt ihre Erwähnung, dies in Form des Twitter-Beef-Tracks „What’s Tweef“, eine Hommage an „What’s Beef“ von Notorious B.I.G.

Humor liegt im Auge des Betrachters

Durch den für ihn charakteristischen Humor fällt es oft schwer, eine klare Grenze zwischen Tatsachen und nicht ernst zunehmenden Aussagen zu ziehen. Und auch über die Frage, wie weit Humor gehen darf und was genau eigentlich noch als Humor zu bezeichnen ist, lässt sich streiten. So auch im Fall von „Ein wenig Tourette“. Ein Track, der sich der neuropsychiatrischen Erkrankung annimmt und dabei mit Jörg Stuttmann, seines Zeichens Synchronsprecher der Animationsfigur Eric Cartman aus „South Park“, überrascht. Die Animationsserie als auch der angesprochene Charakter sind für ihren derben Witz bekannt, und so verhält es sich auch in dem Song. Der Hörer wird mit Schimpfwörtern und Fäkalsprache en masse bombadiert, die zum Schmunzeln anregen, mit Sicherheit aber auch für Stirnrunzeln sorgen. Im Sinn der Kunstfreiheit kann die Thematisierung dieser Krankheit jedoch als durchaus legitim eingeordnet werden. Und jetzt mal ehrlich: Wer hätte vorher gedacht, dass Dcvdns und Wolfgang H. auf einem Song mit dem kultigen Eric Cartman zu harmonieren wissen?

„Affentittengeile Beats mit stets allgegenwärtiger harter Snare, Doubletime, ansprechenden Features und Eric-Fucking-Cartman“. – rappers.in-Autor Enu

Und sonst so? Dcvdns zählt Gemeinsamkeiten auf, die er mit anderen im Musikgeschäft tätigen Künstlern teilt („Wie ich“), führt als Folge medialen Desinteresses ein „Interview mit sich selbst“ und gibt seine Doubletime-Fertigkeiten zum Besten („Du machst dir keine Gedanken solange die Nutella nicht nach Scheiße schmeckt“). Während Frauenarzt den eher unerfahreren Clubgänger mit der Brille als Maske auf „Hier kann ja jeder tanzen“ das Partyleben zeigt, erfährt der Berliner MC auf „Pullunder & Brille“ eine Huldigung. Da war doch was? Genau! „T-Shirt & Jeans“, ein Klassiker aus dem großem Repertoire Arzts. Generell zieht der Exot im deutschen Rap seine Linie straight durch, spielt auf sein spezielles Image an, weiß Selbstironie an den Tag zu legen und behält sich trotzalledem eine gewisse Coolness bei.

 

Ade, Pullunder

Am Ende ist es doch wie so oft: Geschmäcker sind verschieden, und das ist auch gut so. Gerade im Hip-Hop gibt es eine Vielzahl an Strömungen und Facetten, die dieses Genre vielfältig gestalten. Mit „Brille“ fährt Dcvdns seinen eigenen Film, auf dem scheinbar gegebene Werte und Normen nicht gelten. Und etwas Markantes, mit dem ein Künstler in Verbindung gebracht wird, kann etwas gutes sein. Warum nicht eine Brille und ein Pullunder?   Übrigens: Mit besagtem Pullunder tritt Dcvdns seit geraumer Zeit nicht mehr auf, um sein musikalisches Spektrum zu erweitern bzw. seine genauen Standpunkt zu verdeutlichen. Wer Interesse am Kleidungsstück hat, muss mal bei Stefan Raab nachfragen. Einen weiteren Grenzgänger.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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