Freundschaft! „Das German-Russian Hip-Hop Project 2013“ (aus BACKSPIN MAG #112)

Priwjät meine Freunde. Auch dieses Jahr bekam ich wieder einen Anruf von meinem alten Bekannten Akim Walta aka Zebster aus dem Hip-Hop-Stützpunkt Berlin. Er fragte, ob ich Lust hätte, als Kulturbotschafter der Stadt Hamburg nach Russland zu reisen, um mein Wissen als B-Boy und Writer in Workshops zu vermitteln. Da ich schon sehr viel Interessantes von Russlands Szene gehört hatte, zögerte ich nicht lang und sagte zu.

Russland ist bekanntlich das ächengrößte Land der Erde. So war ich besonders gespannt auf die Reise innerhalb des Landes. Natürlich reiste ich nicht alleine. Akim stellte für die zwei Wochen wieder ein komplettes Hip-Hop-Team auf, bestehend aus dem DJ Marc Hype aus Berlin und seinem Partner Jim Dunloop, der zur Zeit in Paris lebt, dem Beatboxer Soulrock aus Berlin und dem Graff-Writer Gregor Siegel von den Siegel-Twins sowie dem Writer Kayo aus Köln. Die Reise Route lautete: Hamburg – Moskau – Nizhny Novgorod – Moskau – St.Petersburg – Kirishi – Moskau – Volgograd – Moskau und zurück nach Hamburg! Leider gibt es in Russland keine Direktflüge, so dass man immer über Moskau fliegen muss. Dazu kommt noch, dass jeder Flug verspätet ist. Die ersten drei Tage verbrachte ich also in Nizhny Novgorod, einer kleinen Stadt an der Wolga gelegen, mit tausenden von Mücken und 1,2 Millionen Einwohnern. Was viele nicht wissen ist, dass Nizhny Novgorod als Architektur-Mekka Russlands bezeichnet wird, was das Erkunden der Stadt umso spannender machte. Genau an der Wolga gelegen fand ein Fest zur Deutsch-Russischen Freundschaft statt, welches man mit einem Urban-Art-Festival vergleichen könnte. Es gab mehrere Bühnen, auf denen verschiedenste Künstler auftraten. Von Hip-Hop-Tänzern über russische Volkstänze bis zu einem Skatepark und russischen Musikern konnte man alles bewundern. Es gab eine Bühne, auf der ein B-Boy-Battle stattfand, bei dem ich Jury machte und kaum glauben konnte, wie viele gute B-Girls sich angemeldet hatten. Das Level der einzelnen Tänzer war unerwartet hoch. Bei 30 Grad in der prallen Sonne und unter traumhaft blauem Himmel schenkten sich die Tänzer nichts. Es war wirklich eine tolle Battle-Atmosphäre. Viele der Teilnehmer erzählten mir nach dem Battle, dass es leider nicht besonders viele Möglichkeiten gäbe, zusammen zu trainieren, da es finanziell nicht drin wäre und sich die Tänzer so meistens auf öffentlichen Flächen treffen und dort zusammen rocken. Die Tage kamen mir durch das volle Programm extrem kurz vor, und so saß ich auch schon wieder im Flieger auf dem Weg nach St. Petersburg. Kaum waren wir in St. Petersburg gelandet, wurden wir auch schon herzlich Empfangen von einigen lokalen Künstlern. Ich schlief bei einem Graffiti Künstler und B-Boy namens Kitol und seiner Familie, der in einer Plattenbausiedlung etwas außerhalb vom Stadtzentrum wohnt. Das waren wirklich spannende und unvergessliche Eindrücke. Die Gastfreundlichkeit der Russen ist wirklich sehr groß, egal wo ich war, wurde ich herzlich aufgenommen.St. Petersburg ist mit 5 Millionen Einwohnern nach Moskau zweitgrößte Stadt Russlands und die viertgrößte Europas – und, was man nicht vergessen darf, Hamburgs Partnerstadt. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich mich so wohl gefühlt habe. Am zweiten Tag gaben wir Workshops in einem Club im Zentrum von St.Petersburg und rockten am Abend mit einigen lokalen Tänzern den Floor mit tollen Beats von Marc Hype und dem Pianisten Jim Dunloop, der mit funky Melodien das ganze zu einem unvergesslichen Abend machte. Am nächsten morgen fuhren wir mit einem kleinen Transporter ca. 3 Stunden über gefühlte 1000 Schlaglöcher und Beulen an meinem Kopf in die kleine Stadt Kirishi. Dort gab ich am ersten Tag ein B-Boy Workshop mit Kids und Jugendlichen und anschließend Cypherten wir alle zusammen. Besonders cool fand ich es, dass B-Boy Kosto von der Top 9 Crew aus St. Petersburg ebenfalls zum Workshop kam und sich mit mir austauschte.

An dem darauf folgenden Tag war eine Graffiti Jam mit einem 7 to smoke B-Boy-Battle angesetzt, für den Kosto und ich Jury machten. Wieder spielte das Wetter super mit, es waren 28 Grad und mehr als 20 Graffiti-Künstler standen an den Wänden. Beim Battle ging es auch heiß her. Darüber hinaus waren auch die jüngeren Kids vom Niveau her schon sehr weit und überzeugten mit viel Energie und einem guten Gefühl für die Musik. So kam es in den Battles dann auch häufig zu einem Unentschieden. Und auch nach dem eigentlichen Battle kam es im Circle immer wieder zu kurzen Battles bei einer tollen Stimmung. Anschließend fuhren wir mit dem kleinen Transporter zurück zum St. Petersburger Flughafen. Von dort aus ging unsere Reise weiter nach Volgograd – dem ehemaligen Stalingrad. Ach ja, die Fluggesellschaft Aeroflot kann ich nur empfehlen, besonders das leckere Essen, bestehend aus einem Lebkuchenherz und einer art Sunkist… Ansonsten ist die russische Küche sehr gut, besonders Borschtsch, ein Suppe, bestehend aus Karotten, Kohl, Kartoffeln, roter Beete und was man noch so an Reste auf findet. Die kann ich nur empfehlen. Gelandet in Volgograd wurden wir auch schon direkt am Flughafen mit einer Hitzewelle von gefühlten 45 Grad begrüßt und in einem kleinen Bus ohne Klimaanlage ins Hotel gebracht. Besonders auffällig in dieser Stadt ist die Militär- und Polizei-Präsenz. Auch dort fand ein Fest zur deutsch- russischen Freundschaft statt und wir versüßten das Festival mit einigen Workshops unter freiem Himmel mit direkten Blick auf die Wolga. Ich gab zwei B-Boy-Workshops am Vormittag, zu denen reichlich Teilnehmer kamen, die größtenteils schon einiges an Grundwissen mitbrachten. Am Nachmittag gab es dann ein 2 vs. 2 Battle für Fortgeschrittene. Es hatten sich 20 Gruppen angemeldet, von denen ich behaupten kann, dass sie alle sehr kreativ und original waren. Besonders die Verbindung aus Footworks und kleinen Powermove- Kombinationen prägten die Battles. Auch dort war ich wieder erstaunt, auf was für einem Level die einzelnen Tänzer waren. Am Abend hatten wir mit der gesamten Crew noch einen Auftritt im Szene-Club Mishka, der ebenfalls direkt an der Wolga liegt. Mit Marc Hype an den Plattentellern tanzten und feierten wir den ganzen Abend bis in die frühen Morgenstunden. Gebreakt wurde übrigens auf einem Teppich, nicht auf dem obligatorischen PVC-Boden. Am nächsten Tag hieß es für mich Abschied nehmen. Ich kann eigentlich nur jedem eine Russland-Reise empfehlen, besonders der Austausch in der B-Boy-Szene ist eine große Bereicherung für mich gewesen. Trotz der teilweise armen Bevölkerung und den schlechten Umständen haben die Russen viel Herz und besonders viel B-Boy-Style gezeigt. Each One Teach One! Peace! Stok La Rock!

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