Frauenarzt – „Mutterficker“

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Lange neun Jahre musste die Hip-Hop-Gemeinde auf ein neues Soloalbum des selbsternannten „Dr. Sex“ (so auch der Titel des 2007 erschienenen Werks) warten. Doch mit „Mutterficker“ offeriert Frauenarzt seiner Hörerschaft bis zu 39 Tracks, wobei zwischen 13 Originalversionen, derer Remixe und „Zerhackt & Runtergeschraubt“-Versionen zu unterscheiden ist. Dabei bleibt sich das Berliner Rap-Urgestein treu und beschreitet weiterhin seinen Pfad der sexuell freizügigen Texte und basslastigen Beats, welche den Vicente de Teba Költerhoff als Rapper erst ausmachen.

Direkt im Opener „KKF“, in Anlehnung an Savas‚ früheres Kürzel „KKS“ als Abkürzung für „King Kool Frauenarzt“ benutzt, lässt uns der 37-jährige wissen, wie er Kritikern und anderen Rappern gegenübersteht („King Kool Frauenarzt Doppeldecker-Fick / Ich wunder‘ mich warum es so viele Opfer-Rapper gibt / Bin ich dir zu hart? Dann verpiss dich du Spasst!„). Harte, explizite Lyrics, die provozieren sollen – etwas, das sich trotz Arzts Atzen-Projekt nicht im Geringsten geändert hat.

Und dennoch: die 808 und der Tempelhofer bilden weiterhin ein eingespieltes Duo und gewisse elektronische Einflüsse aus seiner und Manny Marcs „Disco Pogo“-Zeit sind unverkennbar. Kein Wunder, zeichnen für die musikalische Umsetzung doch Hell Yeah, bestehend aus Dumme Jungs und Ex-Aggro Berlin Creative Director Specter, verantwortlich. Und diese haben dem polarisierenden Musiker einen Klangteppich gezaubert, der mit seinen schrillen Synthies und dem kratzigem Sound vor allem live gut zur Geltung kommen wird. Exemplarisch lassen sich Tracks wie „Blaulicht“, „666“ oder „Zieh dein Shirt aus“ nennen, die zum Pogen animieren.

Neben dem zur Genüge zelebrierten Ficken von Müttern wie z.B. auf „Fickfinger“ („Lieber keine Faxen machen, ich komm‘ aus ’ner andern Welt / Es gibt kein Battle – Ich fick deine Mutter!“), bleibt inhaltlich jedoch reichlich wenig übrig. Aber muss ein Frauenarzt-Album überhaupt den Anspruch haben, über Reihen an Lines mit doppeltem Boden und Wortspiele en masse zu verfügen? Mit Sicherheit nicht. Diese überlässt der Labelchef (Proletik) vielmehr aufstrebenden Artists à la Karate Andi, Audio88 & Yassin, SXTN oder Label-Signing MC Bomber. Doch auch alte Weggefährten wie Taktlo$$ oder King Orgasmus One bekommen die Chance, die Fahne für die seit mehr als 15 Jahren im Rapgame etablierten Berliner Künstler hochzuhalten.

Unterm Strich bleibt mit „Mutterficker“ ein Album stehen, dass sowohl durch seinen Sound als auch durch seine Lyrics nicht jedermann gefallen wird. Doch war Frauenarzt noch nie Schwiegermutters Liebling und wird es wohl auch nicht mehr werden. Denn dann müsste er sich verbiegen und anbiedern. Stattdessen behält der polarisierende MC sich seine gesunde Arroganz bei und fickt lieber weiterhin „Mütter am Fließband“. Oder, um es mit einem deutschen Sprichwort auszudrücken: Schuster, bleib bei deinem Leisten.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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