Frauenarzt: “Die Leute konzentrieren sich mehr auf Gossip als auf geile Releases!”

Frauenarzt ist zurück.
Nach diversen musikalischen Ausflügen als die Atzen mit Partner Manny Marc an seiner Seite, darf man sich heute tatsächlich wieder auf ein Solo-Album von Frauenarzt freuen.
Immerhin ist es inzwischen auch schon acht Jahre her, dass die Berliner Untergrund-Legende und Porno-Rap-Veteran uns mit einer Platte im Alleingang beglückte.
Dementsprechend fiel auch die Resonanz aus, als nicht nur die kommende Platte „Mutterficker“, sondern wenig später auch die Neugründung des eigenen Labels Proletik angekündigt wurde.
Beides wirft natürlich etliche Fragen auf.
Wir trafen Frauenarzt also in Berlin – (wo auch sonst?) zum Interview und sprachen mit ihm über Proletik und MC Bomber, natürlich „Mutterficker“, das Social Media Verhalten von Rappern und ließen uns den extrem wichtigen Unterschied zwischen sexueller und sexistischer Musik erläutern.

 

Die Resonanz, als du dein Album „Mutterficker“ erstmals angekündigt hast, war extrem positiv. Beeinflusst das deine Erwartungen ans Release?

Frauenarzt: Erwartungen habe ich gar keine. Eher bin ich aufgeregt, wie die Musik als Gesamtpaket bei den Leuten ankommt. Dann bin gespannt, wie es danach weitergeht. Ich bin niemand, dessen Fokus darauf liegt, schnell viel zu verkaufen und auf alles danach scheißt, denn ich glaube, danach geht’s erst richtig los. Auch auf’s live spielen freue ich mich – bei den Tourproben habe ich schon gemerkt, dass das live wirklich heftig eskalieren könnte.
Auch dass die Box zum Album schon fast ausverkauft ist, ohne dass die Leute wissen, was sie musikalisch erwartet, ist krass. Es sind gerade mal zwei Songs ausgekoppelt, dennoch sind sie sofort darauf angesprungen.

Wann kam dir denn die Idee in den Sinn, jetzt wieder mit einem Soloalbum an den Start zu gehen?

Frauenarzt: Die Idee habe ich schon sehr lang und wollte es auch schon viel früher durchziehen. Dadurch, dass ich wegen einer älteren Geschichte fünf Jahre vorbestraft war aufgrund von strafrechtlich relevanten Texten – B-Liste Indizierung und sowas, konnte ich solo nicht das machen, was ich wirklich wollte. Kreativ entfalten war nicht möglich. Folglich habe ich aber eben auch schon etwas früher angefangen, an den Sachen zu arbeiten.

Sprich, jetzt kommt das Album, das du immer machen wolltest?

Frauenarzt: Jetzt habe ich endlich alle Möglichkeiten. Die finanziellen, die technischen und dazu habe ich mich so weit entwickelt, dass ich künstlerisch das umsetzen kann, was ich machen will.

Ich glaube, ich bin jetzt erst an dem Punkt angelangt, an dem ich sagen kann: Das ist das erste richtig geile Frauenarzt-Album.

Ja, es ist genau so, wie ich es immer gern gehabt hätte.

Das klingt so als hättest du dieses Mal auch von vornherein eine andere Herangehensweise gewählt?

Frauenarzt: Das ist eine gute Frage. Erstmal habe ich ein paar Anläufe gebraucht, um mich selbst zu finden und über die Richtung zu entscheiden, in die ich gehen möchte. Ein großer Unterschied zu den alten Produktionsprozessen ist es nicht, da ich immer schon mit Produzenten zusammengearbeitet habe. Irgendwelche Beats picken und darauf rappen gab es bei mir nicht. An den Songs habe ich immer gleichzeitig mit den Produzenten gearbeitet. Von der ersten Idee bis zur letzten Aufnahme habe ich mit an den Songs gearbeitet. Das ist das Ding, das ich schon immer gemacht habe und jetzt besonders gut ausfeilen konnte.

Im Gegensatz zu früher wird ja auch so eine Promophase heute ganz anders aufgezogen.

Frauenarzt: Anfang der 2000er gab es YouTube noch nicht so richtig und die ganzen Vermarktungsmöglichkeiten, die wir heute haben, fielen weg. Als Hardcore-Independent-Untergrund-Rapper hast du natürlich sehr spartenbezogen gearbeitet. Es gab eine kleine Fanbase, die aber mehr Tonträger gekauft haben als heute. Es gab keine Streamingdienste und iTunes und Co. fielen weg. Mit Atzenmusik haben wir auch viel Promo gemacht, auch mit Boxen und allem drum und dran. Dennoch ist das was anderes im Vergleich zu jetzt. Mit diesem Album befinde ich mich wieder im HipHop, in dem Bereich, in dem ich mich auskenne und wo mein Herz ist. Geil ist, eine eigene Box zu haben, aber was noch viel krasser für mich ist, ist die erste eigene Schallplatte. Es gibt mein Album auf Platte und ich bin so happy, dass dieser Vinyl-Boom wieder am Start ist. Es gab eine kleine Auflage von 300 weißen Vinyls, die sofort ausverkauft waren. Danach war ich total verwundert, dass sich 300 Schallplatten heute so schnell verkaufen.
Ich war immer schon Fan von Vinyl und bin dann irgendwann von CDs zu Platten gewechselt. Zuhause stehen auch vier oder fünf Plattenspieler.

Wie empfindest du denn das ganze Drumherum, das sich heutzutage so auf den Social Media Plattformen abspielt?

Frauenarzt: Prinzipiell finde ich es erstmal geil, sein Produkt zu bewerben. Auch bei den Atzen haben wir uns immer nur in Musikformaten aufgehalten. Natürlich haben auch Promo-Beef-Geschichten irgendwo was mit Musik zu tun, weil es eine Art Battle ist, allerdings übersteigt es das, was ich noch cool finde. Teilweise ist es lächerlich und ich mag es einfach mehr, mit dem Produkt zu überzeugen als mit irgendwelchen Stories. Nichtsdestotrotz finde ich das alles unfassbar unterhaltsam und gucke mir fast alles an.
An dem Tag, als „Zieh dein Shirt aus“ von mir und „Ich bin ein Berliner“ von Ufo361 und noch ein paar krasse Sachen rauskamen, kam Kollegah für ein Konzert nach Berlin und es gab diese absolut lächerliche Schnitzeljagd. Das fand ich sehr schade. Die Leute konzentrieren sich lieber auf Gossip als auf wirklich geile HipHop-Releases.

Dieser Gossip nimmt im HipHop langsam Überhand. Ich glaube, die müssen alle aufpassen, dass sie nicht irgendwann zu Karikaturen von sich selbst werden, die nur noch mit solchen Aktionen assoziiert werden.

Die machen ja auch alle noch viel Musik, besonders Fler hat ja einen wahnsinnig Output. Trotzdem muss irgendwann auch mal was passieren, sonst nimmt man es nicht mehr ernst.

„Mutterficker“ erscheint über dein neues Label Proletik – Wo sind denn die prägnanten Unterschiede, blickt man mal zurück und zieht den Vergleich zu Bassboxxx und Ghetto Musik bzw. Atzenmusik?

Frauenarzt: Da gibt es schon sehr große Unterschiede. Bassboxxx zum Beispiel war ja eigentlich kein Label, sondern eher eine Kommune, in der sich sehr viele Rapper zusammengefunden haben und unter dieser Flagge Musik released haben. Später ist es dann auch zu einem Label geworden. Ghetto Musik war im Grunde genommen Atzenmusik, bevor es Atzenmusik wurde. Proletik ist jetzt mein eigenes Baby, unter dem ich mit meinen Leuten wirklich professionell arbeiten kann und das den Sachen gerecht wird, die ich rausbringen will.

Anfangs hatte ich ja die Vermutung, dass Taktloss auch eine Rolle bei Proletik spielen wird.

Frauenarzt: Taktloss ist ein sehr guter und langjähriger Freund von mir. Allerdings hat Taktloss ja bereits sein Label Fick Die Biaaatch Rekordz und er wird vermutlich auch sein Leben lang Sachen über Fick Die Biaaatch Rekordz veröffentlichen. Es war so, dass ich ihn einfach unbedingt auf meinem Album haben wollte, eine gute Song-Idee mit ihm hatte und wir auch im Studio sehr gut zusammen funktionieren.

Neben Taktloss ist MC Bomber das einzige Feature auf deinem Album und gleichzeitig das erste Signing bei Proletik.

Frauenarzt: Ich habe das Video zu „Phase eins“ gesehen. Davor gab es ja schon ein paar Sachen von ihm, aber seit dem Video war ich so richtig angefixt. Da wollte ich alles von dem Typen hören und habe mir seine Mixtapes runtergeladen. Alle aus meinem Freundeskreis haben das gepumpt und ihn gefeiert. Zeitgleich hatten auch die Jungs von easydoesit Bock, was mit ihm zu machen und hatten ihn auch schon kennengelernt. So entstand dann auch die Idee für Proletik, da ich das eh gemeinsam mit denen machen wollte. Nachdem ich mich dann mit Bomber getroffen habe, um ein Feature für mein Album aufzunehmen, haben wir ihm das vorgeschlagen und gefragt, ob er nicht auch Lust hätte. Die Chemie zwischen uns hat einfach gestimmt – sein Album wird auch unfassbar krass.

Was braucht es denn deiner Meinung nach, um erfolgreich ein Label zu führen?

Frauenarzt: Du brauchst ein gutes Management und natürlich sind auch Kontakte in alle Richtungen sehr wichtig. Gute Vertriebsstrukturen auch, die haben wir für Proletik bei Universal Urban gefunden, mit denen ich wirklich gern zusammenarbeite. Im Endeffekt kommt es, glaube ich, auch darauf an, was du für ein Produkt hast und welche Künstler du an den Start bringst. Wenn du es auf geschäftlicher Ebene betrachtest, ist auch wichtig, wie gut sich diese Künstler vermarkten lassen.

Seit jeher gibt es in Verbindung mit deinen Texten die Sexismus-Debatte – Meinst du, es ist heute leichter, mit Texten dieser Art Anklang zu finden, ohne sich erklären zu müssen?

Frauenarzt: Ich finde es gut, dass du diese Frage stellst, weil ich mich persönlich von Sexismus distanziere.

Man muss einen ganz großen Unterschied zwischen sexueller und sexistischer Musik machen.

Sexismus stelle ich mit Rassismus und Faschismus gleich. Deshalb finde ich, dass weder Frauen noch Männer sexistische Musik feiern sollten. Wenn Frauen eine Neigung dazu haben und sexuelle Musik cool finden, können sie diese ganz klar auch feiern – warum nicht? Dazu gehört ja auch eine gewisse Erniedrigung des Mannes, weil du zugibst, der Idiot zu sein, der gerade nur mit dem Schwanz denkt. Diese ganze Debatte um Dinge, die man entweder darf oder nicht darf, was die sexuelle Ebene angeht, ist viel zu übertrieben. Ich mache mir da eher Gedanken um gewaltverherrlichende Texte, von denen es viel mehr gibt.

Besteht dennoch die Gefahr, mit „Mutterficker“ wieder auf dem Index zu landen?

Frauenarzt: Das wird sich zeigen. Ehrlich gesagt bin ich da nicht mehr so into it. Die letzten Sachen wurden 2009 indiziert, das war Material, das von 2005 bis etwa 2007 entstanden ist. Bei mir wird, glaube ich, immer ganz besonders drauf geachtet. Allein wegen des Künstlernamen Frauenarzt und dem Albumtitel „Mutterficker“ habe ich schon arg Probleme gehabt. Ich kann meine Videos zum Beispiel auf YouTube nicht bewerben und teilweise sind die Videos erst ab 18 Jahren freigegeben. Sogar der Chef von Facebook hat sich bei mir gemeldet und darum gebeten, dass wir ein Video wieder offline nehmen.

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