Frauen, Tiere, Emotionen: Melbeatz über ihre Erfahrungen im Hip-Hop

Melbeatz

Illustrationen: Joey Peine

Die Artikelserie „Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop“ hält verschiedene Erfahrungen und Blickwinkel von weiblichen Akteuren zur Thematik Sexismus im HipHop fest. Noch immer ist er auf und abseits der Bühne präsent, doch wann wird die künstlerische Freiheit zu bitterem Ernst? 

Deutschland, HipHop, Frauen – wäre jemand angesichts dieser Schlagworte um Melbeatz gekommen? Ich nicht. De facto treffe ich die bestens aufgelegte Queen of Beats und siebenfache Producer of the year, zu einem als Frühstück getarnten Vegan-Kaffeekränzchen und einem Pläuschen über Mutterinstinkte und Haudrauftypen.

Kürzlich wurde Moderatorin des Frauenfeld Open Airs Helen Fares mehrmals sexuell angegangen und belästigt. Von einem im Vorbeilaufen dahingerotzten „Hey Süße“ bis hin zu einem Vorfall, an dem ihr jemand backstage an den Kehlkopf fasste und sagte „Du hast bestimmt keinen Würgereflex, oder?“. 

Melbeatz: Nein, wirklich? Das ist mir noch nie passiert. Zwar ist das selbstverständlich in keinster Weise eine Legitimation, aber es gibt verschiedene Typen von Frauen; es scheint als wären gewisse Frauentypen öfter Opfer solcher Vorfälle. Das soll mal jemand bei mir probieren.

Hast du eine mögliche Erklärung, weswegen dir so etwas noch nie passiert ist, andere Frauen hingegen gefühlt täglich von neuen Vorfällen berichten?

Melbeatz: Ich war ja schon immer so ein „Hip-Hop Mädchen“ – auch bevor ich mit Savas zusammenkam, wäre mir das nicht passiert. Ich hing eigentlich immer viel mit Typen und von ihnen wurde ich auch wie ihresgleichen behandelt. Ich bin aber auch ein „Gerechtigkeitstyp“, ein „Haudrauftyp“. Wenn mir jemand sagt „Halt’s Maul“, kriegt er definitiv einen gleichwertigen oder schlimmeren Konter von mir.

Ergo machst du von vornherein gleich klare Kante.

Melbeatz: Ja, aber das ist auch keine Attitude, sondern einfach wie ich bin. Das kommt wahrscheinlich daher, dass mein Vater damals immer meine Mutter geschlagen hat. Diese Ungerechtigkeit habe ich in meinem Leben nie zugelassen. Wenn mir die Würgereflex-Story passiert wäre hätte ich eventuell mitgelacht, wäre es einer meiner Jungs gewesen und gesagt: „Sag mal bist du behindert oder was?“. Hätte ich aber gemerkt, dass der Respekt wirklich nicht da ist und kein Spaß ist, hätte er auf jeden Fall sehr viele Ausdrücke oder eine Klatsche gekriegt. Da habe ich auch keine Angst. Auch wenn es unweiblich sein mag, wenn es Schwierigkeiten gibt, gehe ich rein. Das lasse ich mir nicht gefallen.

Hast du auf irgendeine Weise Degradierung erfahren, als du dann die „Frau von Savas“ warst?

Melbeatz: Ich weiß nicht ob ich eine Ausnahmestellung hatte, weil ich mit dem besten Rapper zusammen war und wir den Sound zusammen kreiert haben und man mich dadurch als „vollwertiges, geschlechtsloses HipHop Mitglied“ wahrgenommen hat. Cool war auch, dass der „Porno-Rapper“ doch eine Freundin hat, die seine Beats macht. Was ihm wiederrum die Legitimation als Künstler gegeben und ihn nicht als spätpubertierenden Idioten dargestellt hat. 

Bewahrt dich womöglich auch deine Rolle als Produzentin vor Attacken, da du selbst keine verbalen Statements setzen musst?

Melbeatz: Ja, klar. Aber ich bin jetzt mal so selbstbewusst und behaupte, dass ich auch als Rapperin akzeptiert worden wäre. Wobei ich auch schon gedisst wurde, obwohl ich mich als Produzentin raptechnisch gar nicht wehren konnte. Kay One, Eko immer wieder, Farid, wobei das jetzt kein Diss an sich war. Fand ich immer gemein, weil ich nichts machen konnte. Ich kann ja keinen Diss-Beat zurückmachen. Aber ist jetzt nicht schlimm, hat mich ja auch nicht kaputt gemacht.

Wie ist das im Studio? Erfährst du von Rappern während des Arbeitsprozesses einen anderen Umgang, als sie mit männlichen Produzenten umgehen?

Melbeatz: Ja, durchaus. Wenn wir über Plug-Ins fachsimplen zum Beispiel, kommt dann schon sowas wie „Wie geil, dass du dich als Frau so gut auskennst“. Ich bin ein sehr schlechtes Beispiel für die Problematiken von Frauen im HipHop, weil ich generell nur Positives erfahren habe…

…und damit wieder ein sehr gutes Beispiel, weil du ein Gegengewicht darstellst. Aktuell hört man ja regelmäßig von Frauen, die in der Szene sexuell belästigt oder sexistisch angegangen werden. Helen hat beispielsweise beschlossen, aus anderen Gründen wohlgemerkt, nicht mehr als HipHop-Journalistin zu arbeiten und sich dementsprechend auch von hiphop.de getrennt.

Melbeatz: Och man, das tut mir leid. Andererseits ist es eben aber auch eine roughere Szene. „Tagebuch-Rap“ macht fast keiner. Ich könnte beispielsweise auch kein Bauarbeiter werden, wenn meine Physis zu schwach dafür ist. Dann ist das eben nichts für mich, was natürlich nicht schlimm ist. Im Hip-Hop mach ich eben mit, ich bin halt selber ein halber Junge. Bin auch oft Wingman, oder besser gesagt „Wingwoman“ (lacht). 

Du arbeitest auch viel mit US-Rappern, wie Kanye oder Prodigy. Gab es Unterschiede im Umgang?

Melbeatz: Die waren meistens super angetan von mir, so nach dem Motto: „Was du machst diese Beats, ich kenne gar keine Frau die Beats macht“. Aber ja, es ist immer ganz hilfreich, wenn man nicht ganz aussieht wie eine Tonne. Ein Mix ist perfekt, sie finden dich geil, aber respektieren dich gleichzeitig. Und kommen höchstens auf die Idee, respektvolle Anspielungen zu machen. Die finde ich auch gut (lacht)…

…ja, in diesem Fall dürfte sich jeder geschmeichelt fühlen. Es gibt ja viele Female MCs, die die Thematiken ungeschlechtlich behandeln und sich aus dem Genderkampf raushalten.

Melbeatz: Ja, wie bei „Ein Messer“ zum Beispiel. Da beschreibt sie einfach nur einen abgefuckten Mood. Wenn es gut ist, ist es gut und wenn nicht, dann nicht. Und überhaupt, die meistgestellte Frage in Interviews von mir: „Warum denkst du gibt es so wenig Frauen im Hip-Hop?“ Ganz ehrlich, da fragen die die Falsche, denn ich bin hier und ich fühle mich wohl. Und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht. Ich bin sowieso nicht der „Girlpower Typ“. Genauso wenig wie ich der „Manpower Typ“ bin. Ich bin einfach der „Power to the people-Typ“.

Die folgenden Beiträge von Edoardos Kolumne Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop werden in den kommenden Tagen und Wochen hier auf BACKSPIN.de erscheinen.

Alle Illustrationen dieser Artikelserie stammen von Joey Peine.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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