Frau Kolumna fragt: Separate im Interview

Zwei Jahre nach seinem letzten Album „El Mariachi“ erscheint mit „Wahrheit“ heute die neue Platte von Separate. Wir trafen ihn in Berlin zum Interview und sprachen über das Album, alte Weggefährten und die Überdosis an Hip-Hop.

Separate, wir befinden uns im Januar 2015 und somit kurz vor Release deiner neuen Platte „Wahrheit“. Ursprünglich war das Release bereits für November 2014 angekündigt. Was war da los?

Wir haben so viel Arbeit in das Album gesteckt und das wäre einfach suboptimal gewesen, wenn die Promozeit nicht angemessen gewesen wäre. Um ehrlich zu sein, mussten wir auch auf ein paar Features warten. Ein Produzent hat außerdem noch einen Beat wieder runtergenommen, weil ich in dem betreffenden Song etwas über einen Künstler gesagt habe, was er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, ich jedoch auch meine Texte nicht ändern wollte. Im Endeffekt erscheint der Track jetzt übrigens gar nicht (lacht). Wir haben eine Weile überlegt, aber es war einfach die klügere Entscheidung, das Ding zu verschieben. Normalerweise hätten wir’s nur um einen Monat verschoben, dann wären wir aber im Weihnachtsgeschäft gelandet und da will man ja auch kein Album rausbringen. Als wir das auf Januar gelegt haben, war uns aber auch noch nicht klar, dass halb Rapdeutschland im Januar releast: Du Maroc, Vega, Prinz Porno und so weiter. Nochmal verschieben wollen wir das jetzt aber auch nicht.

Deine letzte Platte „El Mariachi“ kam 2013, davor gab es eine fünfjährige Pause. Lass uns mal rekapitulieren, was in diesen fünf Jahren grob passiert ist.

Musikalisch ist da ehrlich gesagt nicht so viel passiert. In der Zeit davor habe ich nichts anderes gemacht als Musik, deshalb habe ich in der „Pause“ nicht viel gemacht. Ich habe mich von 2001-2007 ausschließlich um Rap gekümmert und das ist auf jeden Fall killer anstrengend.

Also hat quasi eine Überdosis zur Pause geführt?

Das war auf jeden Fall eine. Jeden Tag mzee, BACKSPIN, rap.de und alles gecheckt. Irgendwann hatte ich einfach keinen Bock mehr auf das alles. 2006/2007 ist ja auch der Musikmarkt krass zusammengebrochen, überall gab es nur noch Schulden. Alles ist krass zurückgegangen, es war existenziell begründet, dass ich darin vorerst keine Zukunft mehr gesehen habe. Das heißt nicht, dass ich es nicht trotzdem noch geliebt habe, Musik zu machen, aber du musst ja auch irgendwie davon leben können. Wenn es nicht geht, dann kann man sich das einfach nicht erlauben.

Wie fühlt sich das an, die Musik erst einmal ruhen zu lassen, nachdem man sich vorher lange Zeit tagtäglich damit intensiv beschäftigt hat?

Ich war quasi abgeschottet von der richtigen Welt. Wenn man sich nur noch um Rap kümmert, fällt einem gar nicht auf, wie belanglos das eigentlich ist und in was für einem Mikrokosmos man sich bewegt. Momentan versuche ich, ein gesundes Mittelmaß zu finden und neben Rap auch andere Dinge im Kopf zu haben. Ich habe ja auch nicht nur Musik gemacht, sondern auch das Marketing für viele Künstler wie Vega oder Prinz Pi gemacht. Das macht alles noch viel weniger Spaß als Musik machen. Musik machen an sich ist ja eigentlich etwas durchweg Positives, aber sobald du mit Marketing und Promotion und dem ganzen Zeug zu tun hast, kann das auf jeden Fall echt anstrengend werden. Das kann einem krass die Lust an der Sache nehmen.

Würdest du sagen, Dinge wie Marketing und Promotion haben jemals die Liebe zu dem Ganzen in Frage gestellt?

Bei mir hat sich das krass vermischt und das eine war dann immer unabdingbar mit dem anderen verknüpft. Das hat mir schon irgendwann ein bisschen die Lust an dem Ganzen genommen, das stimmt. Dazu kommt, dass ich dann auch nicht so erfolgreich war, wie ich es gern gewesen wäre oder wie ich es gedacht hätte, sein zu können. 2007 wurde ja wie gesagt der Markt gefickt und das schlägt natürlich doppelt rein, wenn du so viel Arbeit reinsteckst und es kommt wenig zurück. Im Hinterkopf ist halt immer der Gedanke, dass du irgendwie davon leben können musst.

Jetzt kannst du ja mit ein wenig Abstand über die Situation damals sprechen: Wie deutlich hat man denn damals in der Postion als Künstler bemerkt, dass der Markt den Bach runter ging?

Total. Das hätte ein Blinder mit Krückstock gesehen. Keiner hat mehr gut verkauft, überall gab es nur noch Retouren und jedes Indie-Label ist eingebrochen. Ob das Deluxe Records oder Optik war, jeder hat aufgehört, weil es wirtschaftlich einfach nicht mehr rentabel war.

Wie reagiert man denn auf so ein worst-case-Szenario?

Für mich als Person war das der absolute Horror. Die ersten zwei Jahre ging es mir absolut dreckig, weil mein Traum zerplatzt war. Ich habe so viel Arbeit und Liebe in dieses Label gesteckt, auf dem wir Caspers erste CD veröffentlicht haben, Pi und Vega. Ich bin da megastolz drauf und das damals den Bach heruntergehen zu sehen und nichts dagegen tun zu können, war der absolute Horror. Ich habe mit allen Mitteln dagegen gekämpft, aber das war aussichtslos.

Lass uns die Aufarbeitung an dieser Stelle erst einmal abbrechen und auf „Wahrheit“ zu sprechen kommen. Bei meiner Recherche stieß ich auf folgendes Zitat:
„Wer die Wahrheit hören will, den sollte man vorher fragen, ob er sie ertragen kann“.
Das klingt für mich in erster Linie nach Abrechnung mit alten Weggefährten.
Abrechnung ist das falsche Wort, da bin ich nicht der Typ für. Viele haben sich sehr negativ über mich geäußert, denen ich krass die Türen geöffnet habe. Von dem einen oder anderen habe ich mich sehr unfair behandelt gefühlt. Es sind ein paar Sätze gefallen, die sagt man einfach nicht, wenn man so viel Zeit miteinander verbracht hat. Da sollte man erwachsen genug sein, getrennte Wege zu gehen und das auf sich beruhen zu lassen. Privat ist das noch einmal etwas anderes, aber öffentlich sollte man solche Worte nicht verlieren. Ich habe mir das lange genug angeguckt. Auf „El Mariachi“ habe ich kein schlechtes Wort über irgendwen verloren. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Jetzt mache ich ein Album und werde nicht mehr durch die Blume sprechen. Ich werde nichts mehr beschönigen, deshalb heißt das Album auch „Wahrheit“. Ich könnte Geschichten auspacken, die Leute wirklich schlecht dastehen lassen. Das mache ich aber nicht, weil ich es eben nicht wie eine Abrechnung aussehen lassen will. Rede halt schlecht über mich, aber dann wunder dich nicht, wenn von mir auch die Retourkutsche kommt.

Prinz Pi wurde mal in einem Interview mit Staiger, glaub ich, gefragt, was das Schlimmste ist, was man einem Rapper in einem Diss antun kann. Darauf antwortete er, dass Kollegah ja mal über diesen einen Rapper gesagt hätte, dass er nur ein Ei habe, weil man sich dagegen nicht wehren kann. Damit meinte er mich. Pi hat mich „diesen einen Rapper“ genannt. Das war damals einer meiner besten Freunde und jetzt bin ich „dieser eine Rapper.“ Das ist schon Jahre her, aber das hat mich so krass enttäuscht, da könnte ich mich heute noch ärgern. Als es unser Label schon zwei Jahre nicht mehr gab, hat Pi mir mal nach jahrelanger Funkstille eine ungerechtfertigte Rechnung über 6000€ geschickt. Ich wollte das mit ihm telefonisch klären, aber er wollte nicht mit mir reden. Ich hab ihm dann einen ausführlichen Brief zurück geschrieben, in dem ich ihm erklärt und aufgeführt habe, warum er kein Geld mehr von uns zu bekommen hat. Zwei Wochen später hab ich gehört, dass er bald Vater wird und Kinder sind halt nun mal teuer. Danach habe ich nie wieder was von ihm gehört. Bis zu dem Interview mit Staiger.

Besteht von deiner Seite denn Interesse daran, das mal persönlich zu klären?

Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der mir so Schlimmes angetan hat, dass ich mich nicht mit ihm an einen Tisch setzen und das Ding aus der Welt schaffen würde. Ich versuche auch selbst, nicht nachtragend zu sein. Das mit Pi und mir ist auch schon so lange her – würden wir uns sehen und uns verstehen, würden wir die Sache sicher auch aus der Welt kriegen. Bei den zweiten 100 Bars geht es auch ein bisschen mehr um ihn und als ich die geschrieben habe, habe ich mich selbst dabei ertappt, dass ich bestimmte Dinge nicht sagen wollte. Dann musste ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass er über mich auch sagt, was er will. Die Scheiße ist, dass ich nicht so erfolgreich bin wie die und es dann sehr schnell so wirkt, als sei ich verbittert und wollte mich an denen hochziehen. Das ist wirklich nicht der Fall.

Wie stark hängt deiner Meinung nach der kommerzielle Erfolg mit solchen Verhaltensweisen zusammen?

Man muss auf jeden Fall sagen, dass so gut wie jeder Rapper schlecht über jeden anderen Rapper redet. Mir ist auch aufgefallen, dass in der Hip Hop Szene sehr viel Missgunst herrscht. Hip Hop ist aber Angeben und cool sein – das liegt in der Natur der Sache. Wenn Leute bekannt werden, ist es ganz selten der Fall, dass die dann ihre Leute mit nach oben ziehen. Das einzige Beispiel, das mir spontan einfällt, ist French Montana. Sobald Künstler in Deutschland fame sind, umgeben sie sich plötzlich nur noch mit Leuten, die mindestens genau so fame sind, um sich ja keinen Zacken aus der Krone zu brechen.
Man muss auch sagen, dass Kool Savas früher das Gegenteil war. Der hat auch immer versucht, junge Künstler an den Start zu bringen: Ob das Eko war, oder ich, oder Amar.
Bei mir war es dann irgendwann dasselbe. Bevor ich angefangen habe, mit den Jungs zu arbeiten, kannte Casper und Vega auch kein Mensch. Es macht mir mindestens genau so viel Spaß mit jungen, krassen Talenten ins Studio zu gehen wie mit Samy zum Beispiel zu gehen. Das ist wie beim Fußball, wenn man gute Nachwuchsspieler entdeckt.

Gibt es eine Möglichkeit, dich mit der neuen Platte live zu sehen?

Ja, tatsächlich. Ich gehe mit Olli Banjo auf Tour und spiele für ihn den Support.

Ich bedanke mich an dieser Stelle für das Interview. Was sind deine letzten Worte an die BACKSPIN-Leser?

Ach, das Übliche. Es wäre schön, wenn ihr euch das Album anhört und die Videos auscheckt. Vielen Dank für das Interview!

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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