FloFilz: „Es ist alles cool, wie es jetzt gerade ist.“

Fünf Alben konnte FloFilz in den letzten vier Jahren veröffentlichen. Drei davon wurden ausschließlich von ihm produziert. Zwei der drei Soloprojekte verfolgen ein besonderes Konzept: Der in Aachen lebende Produzent schnappt sich Kumpel und Fotograf Robert Winter und macht einen Stadturlaub. Dort entstehen Videos, Fotos und Ideen, die später mit den bereits ausgetüftelten Songs nicht nur zu einem neuen Album, sondern viel mehr zu einem Corporate Design verschmelzen. Viel zu gut schmiegen sich die unaufgeregten Stadtportraits den ruhig rumpelnden Loops an. Das Konzept verfolgt eine durchaus romantische Idee – während sich das Vinyl unter der Nadel dreht, blättert man durch das beiliegende Booklet. Für „Metronom“, dem ersten Album nach diesem Konzept, waren die beiden vor drei Jahren in Paris. Heute vor einer Woche ist „Cenário“ erschienen, wofür sich das Duo im März diesen Jahres nach Lissabon aufgemacht hat. Wir haben uns mit dem Jazz-Liebhaber und Violinisten nicht nur über das neue Album, sondern auch über eine mögliche Zukunft im Orchester, dem Culture Clash zwischen Klassik und Hip-Hop und für ihn denkbare alternative Soundentwürfe unterhalten.

Kann man deinen Alben die Entstehungsphase, den Eindruck der Städte und deren Einfluss auf die jeweiligen Alben anhören? Ich habe zum Beispiel den Eindruck, dass „Cenário“ etwas sonniger daher kommt als „Metronom“ seinerzeit, das für mich hier und da so klingt als seien die dreckigen Pariser Nächte durchaus eine Inspiration gewesen.

Ich weiß gar nicht ob man das so vergleichen kann. Lissabon hat auf jeden Fall seine dreckigen Seiten, genauso wie Paris auch seine schönen hat. Allein die kleinen Gassen, die sind ja auch ein bisschen wie in Paris – heruntergekommen und ein bisschen dreckiger auch. Insgesamt ist der Vibe auf „Cenário“ aber schon ein guter, sonniger und freundlicher. In Paris war’s jetzt auch nicht negativ, aber die Stadt ist schon noch einmal anders. Das ist schwer zu vergleichen, denke ich.

Der Vergleich war auch durchaus etwas gewagt.

Ich verstehe auf jeden Fall, was du meinst.

Hast du in Lissabon schon angefangen zu produzieren oder die Eindrücke mit nach Hause genommen?

In Lissabon selbst habe ich jetzt nicht produziert. Wir waren viel in Plattenläden unterwegs. Ich habe mich da eher ein wenig inspirieren lassen. Als ich dann wieder da war, habe ich noch einige Sachen gebastelt. Man hat ja vorher auch schon immer ein paar Sachen fertig produziert. Mit dem Gedanken, dass man das dann mit dem nächsten Album gerne raushauen würde. Wenn man diesen Gedanken sowieso schon in sich trägt und dann in Lissabon unterwegs ist, dann beeinflusst das sicherlich auch nochmal ein wenig, welche Tracks man dann am Ende wirklich auswählt. Nach unserem Aufenthalt in der Stadt habe ich mir dann Gedanken gemacht, welche Tracks für das Gesamtkonzept am besten passen könnten. Generell produziere ich meine Sachen eher zuhause.

Planst du denn noch eine weitere Platte nach diesem Konzept? Nach zwei Alben ist die Trilogie ja nicht fern.

Ja, klar. Als wir vor „Cenário“ darüber nachgedacht haben, was man nun machen könnte, haben die Jungs von MPM (Melting Pot Music, Anm. d. Verf.), Olski und Robert, auch gesagt, dass es cool wäre alles ein bisschen wie eine Serie aufzuziehen, sodass man quasi eine Fortsetzung hat. Das ist ja auch ein schönes Konzept mit den Stadtreisen. Es ist aber noch nichts konkret geplant. Ich hätte jetzt nichts dagegen (lacht), aber mal schauen, was sich noch so ergibt. Es ist auf jeden Fall nicht ausgeschlossen. Man müsste nur erst einmal überlegen, welche Stadt sich noch eignen würde. Wir haben bei Lissabon auch hin und her überlegt. Erst hatten wir kühlere Gefilde, wie Kopenhagen, im Kopf, Lissabon hat dann aber besser gepasst. Robert hatte die Stadt eh vorgeschlagen und dann haben wir uns am Ende darauf geeinigt.

Du machst das ja momentan alles neben dem Studium.

Ja, genau. Ich habe nun den Master-Abschluss gemacht, bin aber noch eingeschrieben, da ich noch nicht alle Credits hatte. Das Album ist aber auf jeden Fall während des Studiums entstanden.

Hast du denn schon Pläne für die Zeit nach dem Studium? Soweit ich weiß, kannst du dir eine Zukunft im Orchester vorstellen.

Im Herbst mache ich noch eine kleine Tour. Das veröffentlichen wir jetzt bald. Da bin ich noch ein bisschen in Deutschland, Frankreich und auch in London unterwegs. Das steht dann erst mal im Oktober und November an. Dann kümmere ich mich auch darum, dass ich mich bewerbe. Ich hätte schon Bock professionell im Orchester zu spielen. Da muss man nun schauen, wo es Stellen gibt. Man muss ja auch vorspielen und schauen ob, wie und wo das klappt.

Was hältst du denn von Projekten, in denen Orchester Hip-Hop Produktionen nachspielen oder zumindest stark beeinflusst sind? Aktuell macht ja zum Beispiel ein Projekt von MoTrip mit dem polnischen Dirigenten Jimek die Runde.

Das kann schon cool sein. Es gibt einige Projekte bei denen das gut funktioniert. Es gab ja auch ein Orchester, das Dilla-Beats und Produktionen eingespielt hat. Das fand ich auf jeden Fall cool. Ich bin da grundsätzlich nicht dagegen, solange es gut gemacht ist. Auch elektronische Musik in Verbindung mit einem Orchester gehört dazu. In dem Orchester, in dem ich Praktikum gemacht habe, in Köln, haben die auch schon einmal mit elektronischen Musikern zusammen gespielt. Das erweitert immer noch ein wenig den Horizont der Musik. Wenn jetzt zum Beispiel etwas nachgespielt wird, kommen ja noch einmal ganz andere Ebenen dazu. Manchmal driftet es vielleicht schon etwas zu sehr ins kitschige ab, aber das hängt immer davon ab, wie es gemacht ist.

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Da kommen ja theoretisch zwei verschiedenen Welten miteinander in Berührung. Einerseits die der klassischen Musik und andererseits die Zielgruppe von Rapkonzerten. Glaubst du, dass das wirklich so funktioniert oder sitzen letztendlich wieder „nur“ die Rapfans da?

Bei so Rapsachen denke ich persönlich, dass es dann doch eher in den Kreisen bleibt, die die Sachen eh hören. Ich denke nicht, dass da nun viele Leute kommen, die sonst eher klassische Musik hören. Es kann natürlich gut sein, dass mehr Leute angezogen werden, die sonst nicht mit der Mucke zu tu haben, weil es so für sie interessanter ist. Das ist ja auch keine alltägliche Konstellation dann, aber das Hauptpublikum wird wohl doch eher aus den „typischen“ Hörern bestehen.

Du hast diesen Clash ja auch in der eigenen Familie. Deine Eltern sind klassische Musiker.

Die finden meine Beats, die Alben und Sachen, die ich mache auf jeden Fall cool. Die haben das auch immer ihren Freunden gezeigt (lacht). Die stehen dem auf jeden Fall nicht negativ gegenüber. Ein Freund von meinem Vater ist auch Jazz-Musiker und hat in Deutschland schon viel gemacht, viele Konzerte gegeben und komponiert. Dem hat mein Vater das auch gezeigt und der fand das total gut. Oft ist es ja so, dass solche Leute – solche richtigen Musiker, sage ich jetzt mal (lacht) ­ dem ganzen nicht so positiv gegenüberstehen, wenn man mit Samples arbeitet. Der wollte auch die Platte haben, was mich dann natürlich auch irgendwie geehrt hat.

Deine Platten sind im Gesamtpaket ja auch immer sehr kunstvoll gestaltet. Da kann ich mir vorstellen, dass so noch einmal eine ganz andere Wertschätzung der Sachen gegenüber entsteht.

Ja, das stimmt. Das habe ich Robert Winter auf jeden Fall zu verdanken (lacht). Der macht immer einen guten Job.

Man kann sagen, dass du seit „Metronom“, spätestens seit jetzt, zur Speerspitze der Produzentenkreise im deutschsprachigen Raum zählst. Viele Abonnenten, internationale Wertschätzung. Trotzdem befindet man sich in einer Sparte einer Sparte. Einerseits hohe Bekanntheit, andererseits etwas unter dem Radar, wenn man es auf das gesamte Hip-Hop-Spektrum innerhalb von Deutschland münzt.

Insgesamt haben die Produzenten jetzt schon eine größere Aufmerksamkeit wie vor zehn Jahren. Es ist einfach ein wenig in den Vordergrund gerückt. Auch durch solche Sachen wie den Hi-Hat Club. Auch dadurch, dass die Produzenten ohne Rapper und Vocals ihr Ding machen, es gehört wird und so definitiv eine Daseinsberechtigung hat und mehr geschätzt wird. Das ist auf jeden Fall schon besser geworden. Es erreicht natürlich nicht so eine große Reichweite wie die Rapper hierzulande oder auch im Ausland. Außer solche Ausnahmen wie Kaytranada, der ja größtenteils auch nur Beats produziert und damit trotzdem international erfolgreich ist. Das ist aber natürlich eine Seltenheit. Das sind nur ein paar Leute unter Tausenden. Ich bin aber schon damit zufrieden, wie es jetzt ist. Das ist mehr als ich mir je vorgestellt habe als ich damit angefangen habe. Früher war’s nur Hobby, weil ich einfach Bock drauf hatte. Nun ist’s schon ein bisschen ernster mit den Platten, Interviews und man muss sich noch mehr mit allem beschäftigen. Ich will aber nicht meckern, dass es zu sehr unter dem Radar ist. Klar, man hat eine Gruppe von Leuten, die man hauptsächlich erreicht. Es wird insgesamt aber auch internationaler. Ich habe ja auch einen Boiler Room in London gespielt. Nicht nur bei mir, aber auch durch Soundcloud hat es schon eine größere Reichweite bekommen. Es ist alles cool, wie es jetzt gerade ist (lacht).

Du betonst ja gerne mal, dass du im Jazz und den klassischen Beats zuhause bist. Gibt’s trotzdem hier und da mal Ausflüge in andere Genres?

Klar. Ich höre mir alles an. Ich höre jetzt nicht nur Jazz, Boom-Bap und Oldschool Hip-Hop. Wenn man bei Soundcloud unterwegs ist, findet man ja am laufenden Band Sachen, die total abgefahren sind. Vielleicht dann auch mal was elektronischeres oder so etwas in Richtung Trap, ganz Lo-Fi. Ich höre auch ganz gerne mal etwas in Richtung House. Ich habe selbst auch schon probiert etwas schnellere Sachen zu machen. Es gibt auf Spotify ja auch diese Liste, die einem pro Woche 30 Tracks vorschlägt. Da habe ich auch schon viele neue Dinge gehört. Da sind oft coole Vorschläge dabei, die ich so noch nicht kannte. Da kann man viel diggen, was man sonst nicht hört. Ich bin eigentlich offen für alles, solange es cool gemacht ist und mich catcht. Ich bin aber auch nicht auf ein bestimmtes Genres verbissen.

Also besteht die Möglichkeit auch mal Dinge von dir zu hören, die man so nicht erwartet?

Also momentan ist nichts in diese Richtung releast. Relaén ist zum Beispiel so eine Band, die in Richtung Hip-Hop und Soul Sachen machen. Die haben schon vor längerer Zeit ihr Album „Signs“ heraus gebracht und das wird nun noch einmal auf Platte veröffentlicht. Aus diesem Anlass haben sie ein paar Leute nach Remixen gefragt. Unter anderen Hulk Hodn, Melodiesinfonie und mich. Bei dem Remix habe ich auch mal etwas mehr experimentiert. Am Anfang ist er etwas langsamer, gegen Ende wird er aber schneller und ich habe noch etwas mit der Geige rumprobiert und eingespielt. Das ist vielleicht nicht der typische Sound, den man von mir erwartet, sondern etwas experimentierfreudiger. In Richtung House habe ich ein paar Sachen gemacht, die auch eventuell mal über das Berliner Label Closer von Moomin herauskommen. Ich habe ihm auch mal ein, zwei Tracks für eine Compilation beigesteuert und er hat gefragt ob ich nicht mal Lust habe ein paar House-Tracks für eine EP zu machen. Da muss man aber mal schauen, ob sich das ergibt. Das ist auf jeden Fall stellenweise schon etwas geplant in die Richtung.

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