Fler und Böhmermann: Zwischen Parodie, Beef und Harmonie

Böhmermann

Eine fast schon merkwürdig, harmonische Kommunikation zwischen Jan Böhmermann und Fler, die am Wochenende via Twitter stattgefunden hat – Eine Seltenheit, mit Verweis auf das andauernde angespannte Verhältnis zwischen dem Satiriker und dem Rapper. Haben die beiden nach etlichen Parodien und öffentlich ausgesprochenen Drohungen nun endlich einen gemeinsamen Nenner gefunden? Viel interessanter: Haben sie nun einen künstlerischen Weg gefunden, um jenseits vom „Auf die Fresse hauen“ und hochmütiger Persiflage, ihrer nun schon mehrjährigen Beef-Bekanntschaft ein stilechtes Highlight zu versetzen? Böhmermann lädt ein – Fler nimmt an. Bevor wir uns diese Begegnung vorm inneren Auge weiter ausmalen, widmen wir uns erstmal der Historie jener angespannten Bekanntschaft.

Die Beef-Chronologie

So wie Stefan Raab seinen Andrea Berg hatte, hat Jan Böhmermann seinen Fler. Im wöchentlich ausgestrahlten Neo Magazin Royale ist Deutschrap per se kein unbeschriebenes Blatt. Wie man so schön sagt, gaben sich die Rapper als Showgäste die Türklinke in die Hand – Ob als Gesprächspartner zu Seiten Böhmermanns oder am Mic auf der Studiobühne, Deutschrapper sind immer wieder auftauchende Gäste in der Late-Night-Show. Nicht zu vergessen Dendemann der bis Ende 2016 mit den Freien Radikalen seine wöchentliche Antwort auf aktuelle politische Geschehnisse in Form von Raptrack-Neuinterpretationen lieferte. Prinz Pi, Kollegah, Motrip, Fettes Brot, Blumentopf und auch Deichkind, sie alle folgten der redaktionellen Einladung – Nur einer, der trotz mehrfacher Erwähnung und Parodie Teil der Show war, ist bislang noch nicht vor die Kamera im Kölner Studio getreten: Fler.

Mit dem Belächeln der Person Fler, wie im oberen Video zu sehen ist, fing das Ganze an – Auslöser war in diesem Fall der wenig reflektierte Move seitens Fler, der als Antwort auf eine stichelnde Glosse eines „Welt“-Redakteurs, diesen beleidigte, bedrohte und Bilder seiner Haustür ins Netz stellte.
Nach dieser Parodie folgte zusammen mit Götz Alsmann eine „für das öffentlich-rechtliche Fernsehen aufbereitete Neuinterpretation“ von dem 2010er Track „Mit dem BMW“.

Bis zu diesem Zeitpunkt, Anfang 2015, hielt sich der Rapper zu dem Trubel um seine Person ziemlich bedeckt. Nachdem Fler nach eigener Aussage wiederholt die direkte Kommunikation zu dem Moderator und seiner Redaktion gesucht hatte, um in der Sendung selbst zu Wort zu kommen, wurde er als Showgast – nach seinen Vorstellungen – abgewiesen. Die Parodien blieben weiterhin Gegenstand des satirischen Entertainment-Pakets.

„Dann hat Böhmermann mich immer wieder erwähnt – und ich fühlte mich irgendwann verarscht. Warum denkt er, er kann die ganze Zeit Bedingungen stellen, wenn er meine Bedingungen nicht erfüllt?“ (Fler, Bento)

Der Rapper wich auf eine andere Plattform aus, um ein impulsives, direktes Statement in die Öffentlichkeit zu jagen:

Mit dieser amtlichen Reaktion hat der genreübergreifende Beef mächtig an Rückenwind gewonnen – Fler, der nicht immer ganz so viel Spaß versteht, wenn es um die eigene Person geht und mit Realtalk und Impulsivität die eigenen sozialen Kanäle dominiert, scheint das gefundene Fresse für Böhmermann zu sein: Actio und Reactio.
Jenes Wechselwirkungsprinzip kündigte sich bereits ein paar Monate zuvor an, mit einem Tweet von selbigem Kaliber:

Eine Antwort im Böhmermann-Stile lies nicht lange auf sich warten – Der Beefträger kommt:

Die beiden Protagonisten schöpften die Potentiale ihrer eigenen Plattformen aus: Der „überhebliche“ Satiriker gegen den „empfindlichen“ Gangsta-Rapper – Bis es Ende 2015 plötzlich POL1Z1STENS0HN vs. Frank White hieß. Wer bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Zeuge der Reibereien wurde, konnte spätestens mit „Ich hab Polizei“ ins Boot geholt werden. Jan Böhmermann, der unter dem Pseudonym POL1Z1STENS0HN mit eigenem Gangstarap-Track und dem dazugehörigen parodierten Image um die Ecke kommt und sich damit sogar über Wochen in den Charts festsetzen konnte, hat nicht nur bei dem Berliner Rapper für Unmut gesorgt. Während sich die Deutschrap-Szene zu großen Teilen formierte und sich auf den Schlips getreten fühlte, schalteten sich nun auch die genrefernen Medien ein, um das Geschehen zu dokumentierten und interpretierten. Es wurde die „Beerdigung des deutschen Gangsta-Rap“ ausgerufen und das Genre von oben hinab belächelt – Die Szene hat sich vielleicht so gefühlt, wie sich Fler schon seit einigen Jahren. Dieser hat den Song persönlicher genommen, als alle anderen Akteure der Szene:

„Böhmermann hat den Song nur wegen mir gemacht. Er will mit dem Song zeigen: Fler hat mich bedroht. Ich habe Polizei, mir kann keiner was.“ (Fler, bento)

Ob es sich bei „Ich hab Polizei“ um einen an Frank White adressierten Track handelt, sei ungeachtet der Tatsache, dass weitaus mehr kritische Töne abseits des Genres mitschwingen, mal dahin gestellt. Für den Berliner war die Sache dennoch klar.

Tweef, Beef, Parodien und Bedrohungen sind gängige Elemente der rivalisierenden und bislang scheinbar nicht ganz auf Augenhöhe stattfindenden Kommunikation der beiden – Doch nun scheinen sich die beiden nach jahrelanger Kabbelei geeinigt zu haben.

Fler meets Classic

Vermutlich nicht ganz so umfangreich wie MoTrips Rap meets Classic-Projekt vom vergangen Jahr, aber immerhin mit einer fünfzehnköpfigen orchestralen Besatzung, soll der Berliner nun drei Tracks zum Besten geben. Da „Mit dem BMW“ nun schon im Rahmen der Show einen Neuanstrich bekommen hat, haben wir drei Ideen für drei weitere Neuinterpretationen.

1. Fler – „Warurm bist du so“

Ein emotionaler Song für den sanfteren Einstieg in die neuen Gefilde. Die von Piano und Streichern dominierten Instrumentals scheinen realistisch umsetzbar.

2. Fler – „NDW 2005“

Hier könnte Fler seine Rap-Skills ordentlich unter Beweis stellen – Die musikalischen Ebenen könnten kaum gegensätzlicher sein. Nichtsdestotrotz lassen sich die tiefen, dröhnenden Bässe hervorragend mit einer kleinen, tiefen Blechbläser-Fraktion umsetzen. Die melodischen Geigeninstrumentals sind ebenso, wie die präzisen Drums, wie gemacht für eine orchestrale Neuinterpretation.

3. Fler – „Hipster Hass“

Könnte interessant werden – ein Plädoyer von Angesicht zu Angesicht.


Ob das nun die lang erkämpfte Plattform im Neo Magazin Royale ist, die Fler sich vorgestellt hat, bleibt fraglich. „kein laber nur musik“ steht schon für sich – Für Rechtfertigung, oder direktes Entkräften der Parodien scheint das Spektakel nicht ausgelegt zu sein. Zumindest liegt es nun in Flers Hand, ein wenig Selbstironie zu zeigen und so vielleicht den Beef-Bann zu brechen und dem Ganzen auch aus der eigenen Perspektive einen reinen Entertainment-Faktor aufzuerlegen.

„Mit diesem Tweet setze ich ihm und mir keine Frist. Ich werde ihn irgendwann mal sehen, dann habe ich den Luxus zu entscheiden, was ich mit ihm mache.“ (Fler, Stern)

– Ich bin gespannt, was das Ganze geben wird.

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Meine Mehr- oder Wenigkeit heißt Anna. Ich bin hier, um straight aus dem Gangstarap-Richterstuhl mein Urteil fällen zu können.

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