Fünf Jahre „Hinter Blauen Augen“ – Fler als verkannter Pionier?

Heute vor fünf Jahren releaste Fler sein achtes Soloalbum „Hinter Blauen Augen“. Es war der erste Teil der Blue Magic-Trilogie, die mit der nächsten Platte „Blaues  Blut“ zwar fortgesetzt, aber nie vollendet wurde. Auch wenn das Album definitiv nicht zu seinen besten zählt, sollte es den Grundstein für den Fler legen, der heute einer der gefragtesten Acts des Landes ist. „Hinter Blauen Augen“ war reine Pionierarbeit.

Deutschrap hat ein Problem

2012 – Deutschrap besteht zum größten Teil aus mal mehr, mal weniger guten Kollegah-Imitaten und ein guter Rapper definiert sich über die Silbenanzahl seiner Reime und der Komplexität seiner Wie-Vergleiche. Es erscheinen etliche Tracks, die sich „Bitte spitte“ schimpfen und Kollegahs Blaupause nacheifern. Auto-Tune ist zum größten Teil wegen JuliensBlog – traurig aber wahr – und  seiner ‚Analyse‘ zu „Bossaura“, in der er scharfe Kritik an Sun Diegos Autotune-Hooks übt, quasi verboten. Jeder Song, der den Effekt anschließend beinhaltete, wurde kategorisch abgelehnt. Zudem etabliert der YouTuber Begriffe wie ‚Zweckreim-Massaker‘ und verdirbt eine ganze Generation zu silbenzählenden Rap-Mathematikern. Zeitgleich katapultiert sich MoTrip mit seinem Debütalbum „Embryo“ zum Kritikerliebling und überzeugt durch makellosen Flow und Deutschlands saubersten Reimen. Fazit: guter Deutschrap = technikbesessener Deutschrap.

Doch einer will da nicht wirklich mitmachen. Fler, inspiriert von einer dreimonatigen USA-Reise, ist auf einem ganz anderen Film hängengeblieben. Der Berliner setzt auf modernen Trapsound á la Booba oder Rick Ross. Mit B.I.G.-Versacebrille auf der Nase und Chris Macari hinter der Kamera, zelebriert er das Leben eines ‚Neureichen Wichsers‘: auf der Yacht mit Champagner auf halbnackte Frauen spritzen und von Kopf bis Fuß in Louis Vuitton mit dem Bentley durch Miami cruisen. Soundtechnisch liefert unter anderen X-Plosive die Beats, der heute regelmäßig für Booba produziert. Ignorant wie eh und je flowt Fler schwer reduziert auf die modernen Beats und gibt einen F*ck auf Reimsilben.

„Ich bin ein Slumdog-Millionär, CEO

La Vida Loca, easy come, easy go

Louis V alles – Vom Gürtel bis zum Portemonnaie

Die Schuhe sind zum Laufen da – Jordan 10“

Seiner Zeit voraus

Statt als Trendsetter gefeiert zu werden und Deutschland mit modernem Trapsound etwas mehr auf den gleichen Stand wie die Vorbilder aus Übersee oder Frankreich zu bringen, wurde Fler gehatet. Daraufhin kritisierte der Berliner lautstark die ‚deutsche Neidkultur‘ und die Tatsache, dass deutscher Rap stets fünf Jahre hinterherhinkt im Vergleich zu den USA oder Frankreich. Statt Zuspruch kassierte er Häme und wurde zur Lachnummer. Ein Twitteraccount mit dem Namen „Miami Fler“ machte es sich zur Aufgabe, Flers Aussagen, Deutschland sei noch nicht bereit und verstehe ihn nicht, ins Lächerliche zu ziehen und in mal mehr, mal weniger originelle Tweets zu verpacken. Auch der kommerzielle Erfolg blieb aus und aus der Szene kassierte er ebenfalls keinerlei Props oder Zuspruch.

Dabei ist spätestens seit 2016 und Flers Erfolg mit „Vibe“ klar: er hatte Recht. Auch wenn er es auf „Hinter Blauen Augen“ noch nicht ganz schaffte, seine Vision von amerikanisch geprägtem Trapsound zu verwirklichen, lassen sich klare Ansätze und Tendenzen erkennen. Auch mit French Montana als Featuregast beweist Fler seine Pionierfähigkeiten und, dass er oftmals seiner Zeit voraus zu sein scheint. Kennern bereits damals ein Begriff, sollte der Marokkaner jedoch erst ein Jahr später mit seinem Debütalbum „Excuse my french“ den Superstarstatus erreichen, den er heute genießt.

Heute zählt Fler zu den gefragtesten Acts des Landes und erlebt seit seinem letzten Soloalbum „Vibe“ seinen zweiten Frühling. Rapper, die ihn damals belächelten, fragen heute nach Features. Der zukunftsorientiere Sound, für den er heute steht, ist – wie man so schön sagt – ‚state of the art‘. Damit macht Fler vor, dass auch alteingesessene Veteranen mit der Zeit gehen und dabei authentisch sein können, ohne 15 Jahre lang das gleiche Album zu releasen. In seinen 20ern war er der junge, wilde Straßenjunge und brachte Deutschrap zusammen mit Bushido und dem legendären Kollaboalbum „Carlo Cokxxx Nutten“ nach vorne. Doch statt darauf hängenzubleiben, tritt er heute wieder in die Rolle des Typen, der Deutschrap einen neuen Sound nahebringen will. Hinter blauen Augen verbirgt sich ein Trendsetter.

 

 

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...eigentlich schreib' ich nur Texte über Liebe.

2 Comments

  1. sdfvd

    3. November 2017 at 2:31

    Kommt klar, Trap war und ist immernoch wack!
    Fler erst recht.

    • Sdfvd's Lehrer

      3. November 2017 at 11:22

      Hahaha welch eine unqualifizierte Husoaussage!

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