Festivals: Hip Hop Kemp (aus BACKSPIN #115)

Once Upon a Time

Jeder hat ihn in sich, diesen einen Moment in seinem Hip-Hop-Leben, der den Unterschied macht. Der der Grund dafür ist, warum man bis heute so viel Liebe und Energie in eine Kultur steckt, für die man auch mal belächelt wurde. Wir wollen mit den Leuten sprechen, die Dinge geschaffen haben, die bis heute Pfeiler der Kultur sind, um ihre Empfindungen zu verstehen. Den Anfang macht Affro, Gründer und Macher vom Hip Hop Kemp in Tschechien.

Affro, wenn du auf deine persönliche Hip-Hop- Historie zurückblickst: Was war für dich dieser eine Moment, die Situation, die dich am meisten geprägt hat?

Es war im Jahre 2002. Die beiden besten Freunde Babs und Affro, die sich seit Kindergarten-Zeiten kennen, hatten einen gemeinsamen Traum: ein dreitägiges Hip-Hop-Festival auf die Beine zu stellen. Im Alter von 24 Jahren standen zunächst nur die Leidenschaft für die Musik und eine klare Vision. Mit wenig bis gar keiner Erfahrung standen sie gleichzeitig aber auch quasi mit dem Rücken zur Wand. Es gab keine großen Sponsoren oder reiche Eltern. Auch einen Plan B gab es nicht. Es musste also funktionieren. Ansonsten wären sie richtig gefickt gewesen.

Und dann kam das Unwetter …

Richtig, es kam zu den schlimmsten Über utungen seit 200 Jahren. Im ganzen Land verloren Men- schen ihr Zuhause und ihr Hab und Gut. Pardubice war einer der wenigen Orte, die nicht von den Un- wettern betroffen waren – der Ort für das Hip Hop Kemp. Wir knieten uns also weiter rein, während wir von allen möglichen gebuchten Künstlern An- rufe bekamen, ob das Festival denn nun überhaupt statt nden würde oder nicht. Die schweren Unwetter waren ja überall in den Nachrichten, selbst CNN hat berichtet. Wir waren insgesamt etwa 20 Leute, die sich jeden Tag den Arsch dafür aufrissen, dass alles klappt. Aber wir haben ja die Sonne in unserem Logo, damit müssen wir in puncto Wetter ja immer Glück haben. (lacht) Das Event wurde atemberaubend. 3.500 Leute waren gekommen, alle im Geiste von „Peace, Unity, Love and Having Fun“. 3.500 Leute, alle auf der Suche nach dem perfekten Beat. Damit war eine Legende geboren. Als der letzte Auftritt des Festivals über die Bühne gegangen war, waren wir alle den Tränen nahe. Wir konnten kaum noch aufrecht stehen, geschweige denn gehen, so müde waren wir. Aber wir hatten es geschafft. Unser Traum war wahr geworden. Und wir wussten, dass das keine einmalige Sache blei- ben sollte. Es war vielmehr der Anfang einer Saga, die sich hoffentlich noch lange fortsetzen wird. Heute, 13 Jahre später, habe ich immer noch das Gefühl, dass wir alles richtig gemacht haben. Wir sind der lebende Beweis dafür, dass alles möglich ist. Schließlich hatten wir eines der größten Hip- Hop-Festivals Europas ins Leben gerufen, und zwar in einem kleinen, ehemals kommunistischen Land.

Kannst du dich an das Gefühl erinnern, das du hat- test, als der erste Headliner auf dem allerersten Hip Hop Kemp auf der Bühne stand?

Wie könnte ich das je vergessen!? Phi-Life Cypher enterten die Stage. Sie gingen nicht einfach da rauf, sie stürmten einfach die Bühne, sie übernahmen sie. Life machte einen Kopfstand und freestylte und das Publikum ippte vollkommen aus. Ich bekam eine Gänsehaut und fühlte mich, als hätten wir gerade den Madison Square Garden ausverkauft. In dem Moment war ich sozusagen auf Wolke sieben. Du fühlst, wie die Magie des Moments dir durch die Finger gleitet, aber du willst ihn noch nicht mal fest- halten. Vielleicht kann man das am ehesten damit vergleichen, Schmetterlinge zu beobachten – man will sie nicht fangen und mit nach Hause nehmen, man freut sich einfach, ihnen beim Fliegen zuzusehen.

Würdest du sagen, dieser Moment hat dein Leben beeinflusst?

Danach war nichts mehr, wie es vorher war. Ich hatte mit einem Mal viele Musiker getroffen, die ich davor einfach nur bewundert hatte.

Und das hat dich noch hungriger gemacht?

Absolut. So ein Erlebnis be ügelt einen darin, jedes Jahr noch besser zu werden. Dafür habe ich auch die Fehler anderer studiert, um daraus zu lernen und sie nicht selbst erst machen zu müssen. Au- ßerdem wussten wir natürlich, dass die Popularität eines Musik-Genres mal groß und dann auch mal wieder kleiner ist. Das hieß für uns, dass wir nicht immer nur wachsen konnten. Wir können nicht jedes Jahr noch mehr Besucher haben, eventuell verlieren wir im Vergleich zum Vorjahr sogar mal welche. Daraus folgt, dass sich Besser-Werden nicht zwangsläu g daran festmachen lässt, wie viele zahlende Gäste man hat. Dennoch denke ich, dass es uns gelungen ist, besser zu werden. Jedes Jahr, wenn die Vorbereitungen beginnen, frage ich mich auch, ob das, was wir gerade aufziehen, im Jahr darauf überhaupt noch zu toppen sein wird.

Und?

Bisher hielt ich das Vorjahr immer noch für über- treffbar. Sollte ich mal an den Punkt kommen, an dem ich denke, dass die besten Momente bereits in der Vergangenheit liegen, dann ist es für mich an der Zeit, aufzuhören. Dann muss ich die Fackel an den nächsten übergeben, der über mehr Hunger verfügt, als ich es dann tue. Aber keine Sorge, der Funke, den wir 2002 entfacht haben, hält das Feuer in mir nach wie vor am Brennen.

Würdest du sagen, dass der Spirit des Hip Hop Kemp das Festival für die Fans so spannend macht?

Als wir anfingen, wollten wir zu niemandem in Konkurrenz treten. Am Ende waren wir dann einfach glücklich, dass wir ein wenig Geld übrig hatten – schließlich hatten wir nicht vor, das Festival rein geschäftsmäßig aufzuziehen. Vielmehr wollten wir ein Festival veranstalten, das wir selber gerne besuchen würden. Und da das niemand tat, mussten wir es selbst in die Hand nehmen. Daran halten wir fest. Wir hatten ohnehin nie die ganz großen Budgets, also mussten wir einfach smarter sein als die anderen und Dinge anders und besser machen. So geht es uns auch nach wie vor darum, ein Zusammentreffen von Hip-Hop-Heads auf die Beine zu stellen. Dazu dachten wir von Anfang an, dass wir etwas Besonderes hier drüben haben, nämlich die Atmo- sphäre – und die wollen wir mit unseren Besuchern teilen. Wir wollten erreichen, dass jeder, der einmal auf dem Hip Hop Kemp war, gerne wiederkommen möchte. Normalerweise haben Festivals ja im Line- up einige lokale Acts und dazu ein paar größere US- Künstler. Nur bringen die Amerikaner nicht unbedingt mehr Besucher aufs Festival. Wenn man aber Gruppen bucht, die aus den umliegenden Ländern kommen, dann bringen diese in der Regel einen Teil ihrer Anhängerschaft mit. Und wenn es denen dann auch noch gefallen hat, erzählen die das ihren Freunden und bringen beim nächsten Mal noch mehr Leute mit. So haben wir es geschafft, hier in Tschechien ein Festival mit rund 20.000 Besuchern auf die Beine zu stellen – und mehr als die Hälfte der Besucher kommen aus dem Ausland. Natürlich gibt es da immer Länder, aus denen mehr Besucher kommt als aus anderen. Allerdings sorgt das dann auch wieder dafür, dass sich die Leute untereinan- der connecten und ihre Vorurteile gegenüber den anderen vergessen. So sieht man bei uns auch mal einen polnischen MC mit einem aus Australien zusammen freestylen, während ein dänischer DJ ihnen dazu einen Beat jugglet. Man darf das aber auch nicht falsch verstehen. Natürlich sind wir gut organisiert, nur wirkt das Hip Hop Kemp deswegen nicht gleich wie eine unpersönliche, cleane Veran- staltung. Wir lieben einfach diesen funky Vibe des Hip Hop Kemp, wo die Grenze zwischen Künstlern und Publikum irgendwann zu verschwinden begin- nt und man sich zusammen einen einschenkt, wo man auch hinter der Bühne beobachten kann, wie da 30 Leute durchdrehen, weil sie den Auftritt, der gerade auf der Bühne statt ndet, so abfeiern. All diese Dinge sorgen am Ende dafür, dass das Publi- kum das Hip Hop Kemp so sehr liebt und warum wir als Veranstalter es auch so sehr lieben. Wir sind schon stolz auf unser Baby. B

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