Ferris MC: „Lokalpatriotismus herrschte bei mir nie“

Credit: Pascal Kerouche

Spricht man über Urgesteine der deutschen Rap-Szene, darf der Name Ferris MC nicht fehlen.
Mittlerweile seit über zwanzig Jahren aktiv, fokussiert er sich nicht nur auf Rap, sondern war außerdem als Schauspieler tätig und ist immer noch fester Bestandteil von Deichkind.
Welche Rolle Rap jedoch immer noch in seinem Leben spielt, zeigt Ferris mit seinem heute erschienenen Album „Asilant“.
In Berlin trafen wir ihn zum Interview und sprachen über sein all time favorite Album, über die berühmt-berüchtigte Deutschrap-Blase und deren Platzen und über falsche Illusionen.


Müsstest du dich für dein alltime-favorite Album entscheiden, welches wäre es?

Ferris MC: In dieser schnelllebigen Zeit gerade, gibt es im Deutschrap so einen Overkill, daher ist es schwierig, sich festzulegen. Früher gab es diese Auswahl nicht, deshalb bleibt man in meinem Alter eher an den alten Alben hängen. Früher wurden Platten gemacht, die dich ein Leben lang oder zumindest für ein paar Jahre begleitet haben. Heute ändert sich das so schnell wieder.
Das ist so eine schwere Frage. Zu der Zeit, als ich angefangen habe, Musik zu machen, hat man fast ausschließlich seine eigenen Sachen gehört. Andere Künstler fand man eigentlich prinzipiell wack. Deshalb gab es auch irgendwann keine HipHop-Szene im klassischen Sinne mehr, weil man die Musik der anderen eh nicht unbedingt mochte.
Aus diesem Grund würde ich mich jetzt für mein eigenes Album „Asimetrie“ entscheiden.

Fand man prinzipiell alle anderen wack oder war das eher auf Lokalpatriotismus zurückzuführen, sodass man lediglich Musik aus seiner eigenen Stadt feiern konnte?

Ferris MC: Prinzipiell fand man nur die nicht wack, mit denen man zusammengearbeitet hat. Das würde ja sonst bedeuten, dass ich Afrob zum Beispiel damals wack fand, das fand ich aber nie.
Lokalpatriotismus herrschte bei mir noch nie. Mit meiner ersten Band bin ich in Bremen gestartet, war da aber schon mit den Hamburgern gekoppelt. Als ich dann in Hamburg Musik gemacht habe, gab es bereits die Zusammenarbeit mit den Stuttgartern, Berlinern oder Frankfurtern.
Für mich stand dieses Städte-Ding nie zur Debatte. Man hat nur die vorverurteilt, die man nicht kannte. Das ist heute stellenweise noch so. Man hört ein Album und lernt später den Künstler dahinter kennen und ist total positiv überrascht, was das für ein nicer Dude ist.
Natürlich gibt es auch Kandidaten, bei denen man feststellt, dass sie genauso scheiße wie ihre Musik sind, aber das ist eher die Seltenheit.

Dein neues Album „Asilant“ steht an, dennoch hast du dich gerade, als ich dich nach deinem Lieblingsalbum fragte, für „Asimetrie“ entschieden. Ist es nicht so, dass Rapper ihr neustes Album prinzipiell als ihr bestes bezeichnen?

Ferris MC: Ich bin nicht damit groß geworden, dass ich immer behaupte, mein neustes Album ist besser als die anderen. Das würde ja implizieren, dass die anderen Alben okay, aber nicht so gut wie dieses seien. Ein Album später behauptet man dann wieder, das neue sei das beste. Was ist denn dann mit dem Vorgänger, von dem ich behauptete, es sei das Beste?
Deshalb lass ich die Finger davon und gebe immer mein Bestes. Früher wollte ich mich immer selbst toppen, aber das funktioniert oft nicht. Meistens wirst du eh an deinem allerersten Album gemessen.

Es allen recht zu machen, schaffst du eh nicht. Du musst glücklich mit deinem Produkt sein.

Die meisten Straßenrapper kommen gerade aus der Scheiße, wenn sie ihr erstes Album machen und du kannst nicht jahrelang immer von den selben Themen erzählen, das ist irgendwann nicht mehr authentisch. Ich habe bei „Asilant“ den Punkt gefunden, an dem ich sagen kann, ich wohne zwar nicht mehr auf der Straße, dennoch vergesse ich nicht, woher ich komme.


Das Debütalbum ist zwar das erste musikalische Lebenszeichen, aber wieso spricht man denn immer vom verflixten zweiten Album?

Ferris MC: Das zweite Album ist für fast jeden Künstler eine schwierige Geburt. Die meisten sind sehr jung zu dem Zeitpunkt und man setzt sich selbst unter den Druck, das erste Album toppen zu müssen. Du kannst ein Album nicht toppen, das steht für sich. Gerade, wenn ein Künstler einen Style entwickelt hat und dazu noch viel Content hat, wirkt es für den Hörer schnell ausgelutscht und es ist für den Künstler fast unmöglich, seine ersten Alben zu überbieten.

Widersprechen sich deiner Meinung nach ein einjähriger Releaserhythmus und eine durchschnittliche Produktionsdauer von einem Jahr?

Ferris MC: Das ist genau so, als würde ich einmal im Jahr ein „Asimetrie“-Album bringen. Aber Hörer stecken Künstler in eine Schublade und diese Künstler haben verstanden, dass sie in dieser Schublade stecken und schlachten das so lange aus, bis ihr Konto voll ist.

Geld stand bei mir nie an erster Stelle, was Musik betrifft.

Natürlich wollte ich aus der Scheiße raus, aber ich musste nie damit reich werden. Heutzutage kannst du dir übrigens auch sicher sein, dass kaum jemand von denen, die einmal jährlich releasen, seine Texte selbst schreibt.

Das liegt vermutlich auch an der Nähe zum Mainstream und der Tatsache, dass heute viele Künstler schnell das große Geld wittern und Musik nicht nur noch ausschließlich aus der Passion heraus gemacht wird.

Ferris MC: Genau deshalb wird es auch wieder eine Blase geben, die platzen wird. Aktuell sind wir ja schon beim Rap-Overkill. Die Pioniere, die bestimmte Styles geprägt haben und seit Jahren dabei sind, werden es auch weiterhin schaffen. Aber irgendwann wird der Punkt kommen, an dem alle, die lediglich auf den Zug mit aufgesprungen sind, runterfallen. Die Zuhörerschaft hat auch nicht unendlich viel Geld. Deshalb gibt es so viele Facebook-Fans und YouTube-Klicks, die sind nämlich umsonst. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass all diejenigen die Platte kaufen, geschweige denn zu den Konzerten kommen werden.

Was muss man als Künstler tun, um dieses eventuelle Platzen der Blase zu überleben?

Ferris MC: Ich bin kein Hellseher und ich habe kein Rezept. Glück gehört aber definitiv dazu. Außerdem brauchst du ein Fundament, das du dir bereits aufgebaut hast. Bei mir speziell ist der Fall, dass ich mich nicht von Rap abhängig machen lasse. Bist du jemand, der ausschließlich von Rap leben will, kannst du viel schneller fallen als jemand mit mehreren Standbeinen. Mehrere Baustellen sind der gesündere Weg.
Anfangs hat man die Digitalisierung total gefeiert, weil sich plötzlich auch Künstler ohne Plattenfirma, etc. sich von allein hocharbeiten konnten. Mittlerweile würde ich bei diesem Überangebot aber nicht mehr bei Null anfangen wollen. Das wird immer schwieriger heutzutage.

Fragt man Künstler heutzutage, hegen viele die Vorstellung, schnell von Rap allein leben zu können. Wieso ist das in deinen Augen nicht intelligent?

Ferris MC: Die Frage ist immer, wie hoch die Ansprüche sind. Wenn du sagst, du kommst mit 500€ im Monat hin, kannst du dich auch von Rap abhängig machen. Viele Newcomer leben ja heute aber etwas ganz anderes vor, zum Beispiel, dass ihnen sofort eine Rolex von ihrem Label geschenkt wurde. Das erweckt einen völlig falschen Eindruck.
So wird vorgegaukelt, dass es jeder problemlos schaffen könnte. Oder dass du dich sofort in solchen Sphären bewegst, sobald du Musik machst. Selbst Leute wie die 187 Strassenbande oder Xatar haben das ja nicht von heute auf morgen geschafft. Man muss einen langen Atem haben, etwas besonderes anbieten und Rückschläge in Kauf nehmen. Dann könnte es vielleicht irgendwann klappen.

Hattest du in deiner Karriere auch jemals diese falsche Illusion vor Augen und wenn ja, wann hast du bemerkt, dass diese Vorstellung nicht der Realität entspricht?

Ferris MC: Ich habe immer schon gemacht, hatte dabei aber keine Zielsetzung. Während meiner Lehre habe ich damit begonnen, Musik zu machen und mich ausschließlich darauf konzentriert, nachdem ich die Lehre abgeschlossen hatte. In den 90ern hast du einfach nicht so gedacht. Für mich war wichtig, dass ich machen konnte, was ich wollte und immer genug zum Essen und zum Kiffen hatte. Das Geld kam irgendwann von allein, weil ich plötzlich in einem Hype drin war. Dennoch habe ich zu dem Zeitpunkt nie groß darüber nachgedacht, sondern immer im hier und jetzt gelebt.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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