Ferenc: “Im Deutschrap gönnt dir keiner was”

JimokeIn kaum einer Szene ist es wohl so wichtig, aus welcher Stadt ein Künstler stammt. Ob nun jemand in Hamburg oder in Berlin wohnt, unterscheidet sich für viele schlicht und einfach am Dialekt und einer gewissen Vorliebe für Franzbrötchen. Noch vor ein paar Jahren war die Frage nach der Heimatstadt eines Rappers elementar und verriet unweigerlich einiges über seinen Stil.
Mittlerweile sind die Grenzen fließender und der Umgang der stadtinternen Szenen weitaus harmonischer.
Doch wie klingt es eigentlich, wird man musikalisch nicht nur von einer, sondern von einer Vielzahl von Städten beeinflusst? Die Liste von Orten, die Ferenc, der aktuell in Amsterdam lebt, bereits sein Zuhause nannt, ist vermutlich länger als bei dir und mir.
Wir sprachen mit dem ehemaligen GUDG-Member über musikalische Inspiration, Schulverweise und sein Solodebüt “Dieser Ferenc jetzt”.

Vor wenigen Tagen erschien dein Album “Dieser Ferenc jetzt. Wie war der Produktionsprozess für dich?

Ferenc: Auf Grund unzähliger Probleme musste ich das Album zwei Mal recorden und das hat neben dem Umzug nach Amsterdam und dem Neustart meines Studienlebens zeitweilig für Stress gesorgt. Dank dieser Verzögerungen konnte ich das Album aber dann genau so machen wie ich wollte, Sachen umschreiben, und so weiter.

Die Frage nach deiner Herkunft ist nicht besonders leicht zu beantworten: Gebürtiger Ungare, der in Wien geboren ist und unter Anderem in Amsterdam und Washington D.C. gelebt hat. Wie kommt man dazu, in so jungen Jahren so viele Städte sein Zuhause nennen zu können?

Ferenc: Meine Eltern sind beide aus Ungarn, mein Stiefvater jedoch Österreicher. In Wien habe ich auch bis zu meinem 13. Lebensjahr gelebt, bis wir dann schließlich nach Washington D.C. zogen. Nach meinem Abi an der Deutschen Schule Washington D.C. zog ich vorerst wieder nach Wien, um da Musik zu machen, entschloss mich dann aber nach einem Jahr, nach Amsterdam zu ziehen, wo ich zur Zeit auch bin.

Was war bisher dein Favorit/ Wo würdest du gern dauerhaft leben? Wenn man so aufwächst, kommt es dann überhaupt in Frage, eine Stadt dauerhaft zu seinem zuhause zu machen?

Ferenc: D.C.,oder genauer Maryland ist schon aufjedenfall mein All-Time Favourite. Die Veränderung von Europa zu Amerika war für mich wahrscheinlich auch auf Grund des sozialen Aufstieges, den wir durchlebt haben, so krass. Im Endeffekt merkt man, wenn man viel reist, dass diese ganze Welt relativ klein ist. Jede Stadt ist nur ein kleiner Punkt auf dieser Erde. In einer Stunde bin ich in Berlin, in sieben in D.C. So leicht. Nothing more.

Wie schwer ist es, sich ständig neu zu sozialisieren? Ist es überhaupt möglich, feste Freundeskreise aufrecht zu erhalten?

Ferenc: Das war mir eigentlich immer sehr einfach. Man muss nur die richtigen Leute finden, das ist meist das schwerere. Ich hab meine Clique, die meisten sind aus D.C., mit denen bleibe ich auch in Kontakt egal, wo ich bin. Manche chillen in Australien, ein anderer in Beijing, die meisten back in D.C, ein Homie ist jetzt sogar in Kolumbien. Wir sind Gang.
Klar ist es nicht einfach, eine Fernbeziehung oder so zu haben, aber wenn man die Familie und Freunde prioritär sieht, läuft das.

Es entsteht der Eindruck, als seist du ein sehr extrovertierter und kommunikativer Typ, woher nimmst du das Selbstbewusstsein?

Ferenc: Ich bin einfach von mir selbst überzeugt. Ich bin sehr selbstkritisch, aber kenne ebenso meine Stärken. Ich mache etwas, das ich gut kann und rede über Sachen, die ich verstehe. Wenn ich etwas nicht kann oder weiss, höre ich gerne zu. Ich finde es eher traurig, dass Selbstbewusstsein heutzutage in vielen Fällen negativ konnotiert ist.

Ich stelle es mir sehr schwierig vor, besonders im jungen Alter oft aus seinem gewohnten Umfeld gerissen zu werden und ständig „Der Neue“ in Schule und Freundeskreisen sein zu müssen. Wie waren da deine Erfahrungen?

Ferenc: Das war eigentlich wirklich nie ein Problem. Den ersten Schulwechsel hatte ich nach dem Schulverweis in der 7. Klasse. Da habe ich mich easy integrieren können, auch wenn es nur für ein Jahr war. In D.C. hatte ich anfangs Schwierigkeiten, weil ich aus einer ganz anderen sozialen Schicht kam. Das war ein bisschen trippy. Aber ich muss ehrlich sein, meine Zeit auf der DSW hat mich hart geprägt und mir neue Perspektiven gegeben. Nebenbei habe ich dort meine Gang und Freundin kennengelernt.

Inwiefern hat das stetige Reisen dich musikalisch beeinflusst? Aus welcher Region nimmst du deine größte Inspiration für Musik und warum?

Ferenc: Amerika hat mich schon krass beeinflusst. Bevor ich dort gelebt habe, habe ich hauptsächlich Punkrock und solche Sachen gehört. Dann bin ich irgendwann direkt in die Trap-Ecke gesprungen. Richtigen HipHop habe ich eigentlich damals nie gefeiert, erst jetzt ein bisschen.

Müsstest du deinen Stil in eigenen Worten beschreiben, wie wäre er?

Ferenc: Das ist schwer. Offensichtlich rappe ich, sehr gut sogar. Trap ist auch sehr wichtig. Ansonsten ist meine Mukke einfach real. Es geht um feelings. Future shit.

Die Rapszene in Deutschland ist äußerst groß, die Szene in Österreich wächst stetig. Wie sieht die Rapszene in Ungarn oder Amsterdam aus?

Ferenc: Die ungarische Rapszene ist mir leider relativ unbekannt. In Amsterdam gibt es schon paar richtig krasse Typen, zum Beispiel Sevn Alias.

Was kann die Deutsche Rapszene noch aus anderen Ländern lernen?

Ferenc: In Deutschland haten alle. Es gibt so viel Hass und keiner gönnt dem anderen was. Es ist uncool, ein gutes Leben zu haben. Und an den Live Performances müssen EINIGE Rapper noch arbeiten.

Ist es für die eigene Kunst ein Vor- oder ein Nachteil, dauerhaft mit so vielen verschiedenen Einflüssen konfrontiert zu werden? Wieso?

Ferenc: Ich denke auf jeden Fall, dass es gut ist. Zumindest für die Qualität der Texte und des Sounds selbst. Das Problem stellt sich eher da, dass sich wenige Deutsche mit mir identifizieren können.

Auf deinem Album sind Features von Ali As und Frauenarzt. Wieso gerade diese beiden Künstler? Welche Geschichte steckt dahinter?

Ferenc: Mit Arzt habe ich schon länger connected. Er hat mir damals für meine Verses auf “Geld Fliesst” und “BMWBP” Shoutouts gegeben, da habe ich mich natürlich krass gefreut. Dann war er bei einem unserer Shows in Berlin dabei und wir haben uns gut verstanden. Er ist natürlich eine Legende und Vorreiter des Trap und Heavy Bass Sounds in Germany, also Future Shit wie ich.
Ali As ist einer der krassesten Rapper Deutschlands. Ich habe ihn früher nicht so geahnt, aber nach “Euphoria” habe ich mich mehr mit ihm beschäftigt und einfach gepeilt, dass er es verstanden hat. Wir hatten früher etwas Tweef, dann hat man irgendwann mal connectet und gesprochen. Der Track “#IchSoVielBesserAlsIhr” ist einfach so sick, ich musste Ali nach nem Verse fragen.

Hörst du privat viel deutsche Musik? Welche Künstler feierst du und was waren deine drei Lieblingsalben dieses Jahr?

Ferenc: Ich höre immer mehr deutsche Musik, ich finde es nice. Es entwickelt sich Teils in die richtige Richtung. Es gibt viele Künstler, die ich interessant finde, beispielsweise Leute wie LGoony oder Crack Ignaz. Das finde ich eine coole Bewegung. Die Based030 Jungs sind heavy am upturnen. Medikamenten Manfred ist auf seinem Rockstar Shit. Chima Ede aufjeden Fall auch sehr oft am bumpen. Ehrlich gesagt habe ich mich dieses Jahr nicht so sehr mit Releases befasst, da ich mein eigenes im Kopf hatte. Ich habe mir “Hinter der Hauptrolle”, das Album von Spinning 9 gecoppt –da waren ein paar richtige nice BluntRide Tunes dabei. “Mutterficker” von Frauenarzt habe ich auch krass gefeiert. SXTN auch sehr dope. Und und und.

In der Vergangenheit warst du auch Member der GUGD. Wieso geht ihr inzwischen getrennte Wege und welchen Einfluss hat das auf deine Karriere?

Ferenc: Beezy und ich haben connected way before GUDG. Er sah Potential und hat mir viel geholfen. Er ist aufjeden Fall ein Homie for life und ich appreciate den shit forever. Aber ich verfolge einfach nicht mehr ganz die selben Ziele und kann mich nicht mit jeden der Moves und Vibes identifizieren. Wir sind all cool, aber das business wird getrennt.

Wie wichtig ist kommerzieller Erfolg für dich? Immerhin steht dein Album zum kostenlosen Streamen im Internet zur Verfügung.

Ferenc: Kommerzieller Erfolg mit Deutscher Musik ist für mich nicht so wichtig. Das ist nur der erste Schritt. Ich will einfach etwas teilen. Ich möchte meinen Part in der Gestaltung dieses Rapgames abliefern, danach bin ich wieder weg.

Womit vertreibst du dir deine Zeit neben Rap?

Ferenc: 

Ich habe letztes Jahr wieder mit dem Studieren begonnen. Ansonsten geht viel Zeit für Skype und Besuche drauf. Die meisten Wochenenden bin ich auf Kurztrips nach Berlin, Wien, Ungarn etc. Da bleibt leider nicht viel mehr Zeit.

In deiner Vergangenheit hast du einst eine Ausbildung zum Friseur begonnen – wie und wieso hast du dich im Endeffekt doch für einen anderen Weg entschieden?

Ferenc: Ich bin damals von der Schule geflogen und hatte quasi nicht wirklich eine Wahl, da keine Hoffnung auf Abitur bestand. Für meine Mutter ging das nicht klar, dann durfte ich in Amerika meine zweite Chance nutzen. Es war ein blessing, und ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich hab Perspektive gewinnen dürfen – etwas, das leider vielen fehlt.

Was steht als nächstes Projekt an?

Ferenc: Ich habe letzte Woche zusammen mit Maxzwell eine ganze EP aufgenommen. Wir haben in dem Penthouse meines Bruders in Wien eine Woche angenehm relaxed, Beats gemacht und funny shit gerappt. Das Projekt heißt “Schwarze Katze” und spiegelt meine Zeit in Wien wieder.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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