Felix Krull: „München ist zu steif für urbane Kunst“

bildschirmfoto-2016-11-08-um-12-44-40Denkt man an die Städte Deutschlands, die große Rapper hervorbringen, fallen meist Namen wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder Stuttgart. In dieser Liste findet München zugegebenermaßen seinen Platz recht weit unten. Ein Paradebeispiel, dass aber auch der Süden Deutschlands Künstler hervorbringt, die man auf dem Radar haben sollte, ist Felix Krull. Genau, das ist der Rapper, der seinen Künstlernamen nach einem Hochstapler, der als Protagonist in einem Thomas Mann Roman von 1954 dient, wählte. Wir sprachen mit Felix Krull über die Wahrnehmung von Rap in München, über viel und über wenig Geld und seine Gemeinsamkeit mit Gucci Mane. Weiter klärte er uns über seine Bedeutung von „Kitsch“ auf und darüber, warum das Verschieben eines Albums auch verdammt positive Nebeneffekte mit sich bringen kann.

 

Dein Künstlername bezieht sich auf eine Romanfigur aus einem Thomas Mann Roman, der eine Goethe-Parodie darstellte. Inwiefern siehst du da Parallelen bezüglich dir und der Rapszene?

Felix Krull: Der Ursprung des ganzen liegt darin, dass ich es nicht besonders einfach finde, sich als Rapper aus München zu etablieren. Zwar bin ich nun auch kein Waisenjunge, aber ich hätte mir definitiv nicht Gangstarap auf die Fahne schreiben können. Diesbezüglich war ich auf der Suche nach etwas coolem und da kam mir der Gedanke, dass der Gangster aus München auch viel eher ein Hochstapler ist. Hier gibt es viele, die so ein Blender-Dasein leben, meist sind das aber ganz charismatische Leute. Weil ich den Hochstapler Felix Krull als Avatar habe, ergibt sich für mich natürlich direkt ein ganz anderer Spielraum. Letztendlich kannst du aufgrund dieses Mysteriums für nichts wirklich belangt werden.

Du wohnst in München, was, zugegeben, nicht die typische HipHop-Stadt ist. Ich habe bestimmte Assoziationen, aber beschreib doch bitte mal, wie du München wahrnimmst.

Felix Krull: In meiner Vergangenheit habe ich nicht wirklich viel von Deutschland gesehen. Das hat sich in den letzten paar Jahren durch meine Musik verändert. Seitdem ich etwas rumgekommen bin, verstehe ich auch, wieso München einen bestimmten Ruf hat und von anderen Rappern so hart verurteilt wird. Es herrschen schon krasse gesellschaftliche Unterschiede. Die Leute hier legen viel mehr Wert auf Etikette und es gibt viel mehr Gepflogenheiten, die in anderen Städten scheißegal sind. Beispielsweise sieht man hier kaum jemanden, der einfach auf den Boden rotzt. In Frankfurt oder Hamburg hast du sowas permanent – obwohl das natürlich zwei Extrembeispiele sind, weil die Städte dafür bekannt sind, dass sie rough sind. Betrachtet man den Durchschnitt, drücken sich die Leute in München viel gewählter aus. Es existieren viel weniger Subkulturen, die irgendwelche Slangs benutzen. In Berlin habe ich viele Leute erlebt, die einfach abhängen. In München findest du das nicht, hier sind alle viel mehr auf Karriere getrimmt. Das hat Vor- und Nachteile. Man wächst mit elementaren Eigenschaften wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit auf. Aber hier herrscht ein Mangel an Künstlern. Zwar wird viel Wert auf Kunst im Sinne von Malerei und sowas gelegt, aber im Bereich Musik gibt es da sehr wenig. Ich schätze das liegt daran, dass man sich wohl als extremer Außenseiter fühlt, wenn man aus dem normalen Business-System ausbricht.

Wie wird dort reagiert, wenn man sich als Rapper vorstellt – wird man dann automatisch an den Rand der Gesellschaft gedrängt?

Felix Krull: Das ist tatsächlich ein sehr interessanter Punkt. Vielleicht habe ich mir sogar deshalb unterbewusst Felix Krull ausgesucht. Dadurch habe ich versucht, dem ganzen etwas mehr Tiefgang und Niveau zu verpassen, obwohl ich oft sehr niveaulose Texte habe. Ich versuche den Spagat zwischen Streetrap und der Aufmachung eines Lebemanns zu schaffen. Um auf deine Frage zurückzukommen:

Als Rapper wirst du in München einfach als totaler Hänger wahrgenommen und dich nimmt keiner Ernst.

Glücklicherweise geht es mir überhaupt nicht so. Das Schulsystem ist sehr streng in Bayern und die meisten haben doch Thomas Mann gelesen. Deshalb assoziieren die meinen Namen direkt richtig und gehen davon aus, dass ich etwas auf der Pfanne haben muss – zumindest nehme ich das so wahr. Ganz oft erlebe ich, wie andere MCees aus der Gegend überhaupt nicht ernstgenommen werden. Es sei denn, sie machen bayrischen Rap, den dann wieder jeder lustig findet. Andernfalls hast du es als Rapper in München echt schwer. Die Stadt ist so steif, was urbane Kunst betrifft.

Apropos Lebemann: Ich habe auf deinem Instagram-Account gesehen, dass du dir ein Martini- Glas unters Auge hast tätowieren lassen. Außerdem hast du dir eine Krone und Onkel Dagobert aus Dagobert Duck stechen lassen. Was hat dich dazu inspiriert?

Felix Krull: Ich bin wirklich ein Hardcore-Rapfan und finde, was das Entertainment betrifft, ist in Deutschland echt noch Luft nach oben. Ich liebe diese freaky Artists aus Amerika. Steigt man frisch in die Musikszene ein, ist vermutlich jeder noch zaghaft und überlegt, ob er überhaupt ernsthaft über eine Karriere nachdenken kann. Eigentlich wollte ich schon immer verrückte Tattoos haben, ich finde das geil. Vielleicht mögen es viele als ziemlich hängengeblieben betrachten, dass Gucci Mane sich eine Eistüte ins Gesicht hat tätowieren lassen. Aber ich finde das geil und ich bin riesiger Fan.

Die Amerikaner haben viel mehr verstanden, dass sie selbst ein Produkt sind.

Vor Ewigkeiten habe ich mal ein Interview von Bushido gelesen. Dort hat er gesagt, dass er sich sicher war, dass er aus dem normalen Berufsleben aussteigt, wenn er sich dieses „B“ auf den Hals tätowieren lässt. Das hat mir damals sehr gut gefallen und ich wusste immer, dass ich auch all in gehen und mir ein krasses Tattoo machen werde, wenn ich mir sicher sein kann mit der Musik. Das war der ausschlaggebende Punkt für das Martini-Glas. Da ich mir jetzt kein krasses Gang-Tattoo stechen lassen kann, habe ich mich für das Martini-Glas entschieden. Außerdem assoziiert man Martini ja auch gleich mit James Bond, das finde ich witzig und es passt zu mir. Die anderen Motive stehen für Geld. Im Grunde genommen steht ja auch Felix Krull für Geld, Leben im Überfluss und für Kitsch, wie ich es gern bezeichne. Ich habe ein Hang für verrückte Dinge und bin schon eine Art Paradiesvogel. Jetzt habe ich inzwischen endlich genügend Selbstbewusstsein, um das auszuleben und der Artist sein zu können, der ich schon immer sein wollte.

Welche Rolle spielt Geld und dieser fancy Lifestyle, der damit verbunden ist, für dich?

Felix Krull: Jeder Mensch hat verdient, in Hülle und Fülle zu leben, nur dass es auch einiges abverlangt. Man muss nach gewissen Prinzipien leben, um zu Wohlstand zu kommen. Man muss das etwas differenziert sehen: Mir geht es nicht lediglich darum, Geld zu haben. In meinen Augen, geht es viel mehr darum, ein erfülltes Leben im Überfluss zu leben, wozu natürlich auch Geld gehört. Es ist aber nicht das einzige, worauf ich aus bin. Im Endeffekt ist Geld eine Verlängerung der Persönlichkeit. Ich beschäftige mich viel mit Geld. Was mir in meinem Leben so passiert ist, stellt wieder eine Parallele zur Romanfigur Felix Krull dar. Meine Eltern hatten auch eine Firma, die leider pleite ging. So bin ich aus einem sehr behüteten Elternhaus mit meiner Mutter und meinen zwei Geschwistern in einen Plattenbau gezogen. Wenn man plötzlich nicht mehr alles haben kann, dies aber schon mal konnte, sieht man auch die Kehrseite der Medaille und da fällt einem als Kind auf, dass es eben nicht selbstverständlich ist.

Ich kenne Kitsch als Bezeichnung für geschmacklose Gegenstände. Ich nehme an, du definierst Kitsch etwas anders?

Felix Krull: Ein Bekannter von mir ist Zigeuner und hat dieses Wort ständig für schöne, prunkvolle Dinge benutzt. Das fand ich so geil, dass ich es so umgemünzt habe und es fortan für das verwendet habe, was andere Rapper vermutlich als Swag definieren würden. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob es Worte für Swag einen richtigen Begriff gibt. Mit Kitsch meine ich eigentlich alle Dinge, die fancy, extravagant und luxuriös sind. Damit beschreibe ich Dinge, die ich sehr feiere und die für dieses good life stehen. Irgendwo ist das Wort zweckentfremdet und von mir neu eingesetzt.

Ursprünglich war „Kitsch“ bereits im Sommer angekündigt. Nun erscheint die Platte doch erst Ende Oktober – welche waren die Beweggründe?

Felix Krull: Sobald das ganze etwas professioneller wird, ist man plötzlich mit vielen Dingen konfrontiert, die man vorher nicht kannte. Bisher habe ich meine Releases ja immer auf eigene Faust veröffentlicht und hatte alles selbst in der Hand. Wenn aber viel mehr Leute an einer Albumproduktion beteiligt sind, gibt es immer Dinge, die nicht nach Plan verlaufen. Dadurch, dass ich vorher ausschließlich digital releast habe, gab es keine Booklets. Jetzt gibt es eins, bei dem viel abgeändert werden musste. Außerdem habe ich dieses Mal viel mehr Videos und Blogs drumherum gemacht. Es gab in jedem Fall viele kleine Stolpersteine, die dazu geführt haben, dass der Releaseplan am Ende des Tages nicht eingehalten werden konnte und wir die Platte nochmal verschieben mussten. Umso mehr du machst, umso mehr kann schiefgehen. Allerdings bin ich ganz happy, weil sich in der Zwischenzeit noch viele coole Dinge ergeben haben.

Was denn so?

Felix Krull: Plötzlich kam beispielsweise ein French Montana Feature reingeschneit. Das ist eine Sache, mit der ich ursprünglich gar nicht gerechnet habe. Außer meiner eigenen Jungs, also der Kitsch-Gang, wollte ich eigentlich gar keine Gäste auf dem Album haben. Nun ist French Montana aber so ein außergewöhnliches Feature, dass ich dem sofort zugestimmt habe.

Welche Rolle spielt denn der Releasezeitpunkt für dich? Es gibt ja durchaus Platten, die genau auf eine Jahreszeit konzipiert sind.

Felix Krull: Das Album wurde nicht zu einer Jahreszeit konzipiert. Weil das Album „Kitsch“ heißt, wollte ich es so oder so, unabhängig von der Jahreszeit, als ein gutes, lockeres, ungezwungenes Album mit einer guten Stimmung machen. Auf der Platte findet sich kein deeper Track. Zwar könnte man sagen, dass es ein super Sommer-Album ist, dennoch glaube ich nicht, dass der Releasezeitpunkt der Sache einen Abbruch tut. Im Gegenteil: Ich bin auch niemand, der sich im Winter irgendwelche deepen Sachen reinzieht. Die Leute wissen, dass sie lachen müssen und gut drauf kommen, wenn sie meine Musik hören. Das hat sich über die Jahre so rauskristallisiert. Früher habe ich auch deepe Songs gemacht. Allerdings habe ich irgendwann festgestellt, dass ich am besten ankomme, wenn ich der lustige Typ bin – Hauptsache das Leben wird gefeiert. Meine Fans sind ja im Prinzip die Leute, die ermöglicht haben, dass ich überhaupt im größeren Stil Musik mache und an genau die ist das Album gewidmet. Den Flair der Platte kann man sich das ganze Jahr über geben.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview, die letzten Worte gehören dir.

Felix Krull: Es gibt tatsächlich etwas, das ich noch gern erwähnen würde. Was bei „Kitsch“ ganz cool ist: Es gibt zwei Versionen. Neben der Standardversion und der Deluxeversion, die nur digital verfügbar ist, gibt es eine Premiumversion. Bei der Premiumversion erhält man zusätzlich das ganze Album „Xanadu“. Heißt: Wer sich das Album auf CD kauft, bekommt ein Doppelalbum. Das Release von „Xanadu“ stand unter keinem guten Stern, dennoch ist es in meinen Augen ein wirklich starkes Album. Weil jetzt zum ersten Mal so ein großes Release ansteht, haben wir „Xanadu“ also als Gimmick für die Fans dazu gepackt. Es lohnt sich also wirklich, sich das Album auf CD zu kaufen. Ansonsten gehen die Grüße natürlich raus an alle Supporter des Kitsch und an alle Kitschgang-Member.

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