Fayzen: „Man muss mit voller Gewalt loslassen.“

Fayzen

Deine Texte sind sehr persönlich und trotzdem veröffentlichst du sie. Ist der Gedanke dahinter, dass du nicht willst, dass andere Menschen sich allein fühlen?

Fayzen: Mir hat das auf jeden Fall immer geholfen. Manche Leute sagen, „Wenn ich schon traurig bin, dann kann ich keine melancholische Musik hören.“ . Aber ich war immer so, dass ich, wenn ich melancholisch war, keine Partymusik hören konnte oder welche, die sehr cool sein will. Ich brauchte immer irgendjemanden, der so ähnlich fühlt. Das hat mir geholfen. Nur so hat es für meine Psyche eine Berechtigung das zu veröffentlichen. Ich denke, „Ja okay, vielleicht gibt es da noch andere, die auch so drauf sind.“ Mir hat das immer derbe gefehlt, weil ich habe das Gefühl auf Englisch gibt es das ganz viel, aber auf Deutsch derbe wenig. Teilweise findet man echt eher in den 60er oder 70er Jahren, solche Sachen. So Hildegard Knef oder sowas. Die ist ja auch super populär und melancholisch gewesen. Ich wüsste jetzt gar nicht wie das heute so ist. Klar, es gibt einen Philip Poisel oder so etwas. Curse und Torch fand deswegen ich in meiner Schulzeit früher so gut. Das hat mich immer gehooked.

Was waren das sonst für Sachen, die dir in der Schulzeit geholfen haben?

Fayzen: Ganz bescheuertes Beispiel: Als ich ganz arg Liebeskummer hatte habe ich zum Beispiel auf ganz blöd, total kitschig von Glashaus „Wenn es Liebe ist“ gehört. Das hat mir total geholfen, dass jemand da auch so einen Herzschmerz hat und daran irgendwie kaputt geht. Ich weiß auch nicht, vielleicht ist es auch assi, dass ich mich freue, dass es jemand anderes auch so fühlt. Aber es hat mir total geholfen. Schlimm ist es wenn du derbe traurig bist und auch noch Angst hast, dass du alleine und verrückt bist und die Gesellschaft um dich herum ganz anders ist. Da kommt so eine Urangst hoch, dass du auf ein Mal nicht mehr akzeptiert wirst von den anderen, weil du zu sehr melancholisch bist, zu sehr in deine Welt getaucht bist irgendwie. Wenn jemand anders mir dann zeigt, dass er auch arg in seine Welt abtaucht, die ähnlich ist wie meine, dann nimmt mir das irgendwie die Angst, dass die Gesellschaft mich verstößt.

 

 

Du hast eine starke Verbindung zu Hamburg in deinen Texten. Am offensichtlichsten ist es wohl bei dem Song „Baumwall“. Würdest du sagen, dass Hamburg dich inspiriert?

Fayzen: Ich habe nie irgendwo anders gelebt und war nie länger als drei Wochen irgendwo anders, als in Hamburg. Ich könnte die Atmosphäre hier gar nicht beschreiben. Das ist glaube ich echt ein Unterschied ob du in Steilshoop, Wandsbek oder in Rothenburgsort wohnst, als zum Beispiel in Eppendorf oder so. Ich mag natürlich, dass Hamburg dieses Zentrum hat, dass alle Leute, egal wo sie herkommen, in die Schanze gehen um zu essen oder zu feiern, oder auf den Kiez um Party zu machen. Da treffen sich alle. Das mag ich. Das wirkt für mich nicht so abgegrenzt. Es ist relativ gechillt. Ich glaube Hamburg hat einen gechillten Ruf und einen gechillten Swag. Es gibt viele Parks, den Stadtpark, Alster, Elbe. Es hat viele Möglichkeiten für Leute, die nicht dick Kohle haben um etwas teures zu unternehmen am Wochenende. Die können sich mit dem Grill immer irgendwo hinsetzen wo es schön ist. Das macht derbe viel aus, dass du nicht denkst „Nur die Reichen können an die schönen Orte.“. Jeder kann in den Stadtpark Planken und Bloomen. Das gibt eine reiche Basis für alle.

Wenn du sagst, du warst im Wald spazieren, ist das dann die Ruhe die man sucht wenn man in Hamburg lebt?

Fayzen: Es geht echt viel in meiner Musik um die Suche nach der Ruhe. Damit meine ich auch gar nicht, „Seid mal alle leise!“ oder, „Warum ist die Großstadt so laut?“ , sondern eher die ganzen Stimmen, die im Kopf sind. Die eine sagt das, die andere das. Und irgendwie fragt man sich dann „Welche Stimme bin ich denn eigentlich von denen?“. Jeder kennt das wenn es so ein bisschen still ist im Kopf, wenn man gechillt ist. Und das kann ich auch echt ganz gut an lauten Orten. Ich kann gut durch die Mönckebergstraße laufen und gechillt sein. Ich brauch da gar nicht so Ruhe von außen.

Gehört diese Ruhe auch zum Song „Baumwall“?

Fayzen: Diese sechs Stationen in dem Song sind von meiner alten Wohnung zu meiner damaligen Freundin. Die Strecke bin ich immer zu ihr gefahren. Ein Mal hatte ich es echt, dass ich an der Hoheluftbrücke stand und eigentlich in die andere Richtung musste, aber ich mir dachte „Ich will in die andere Richtung.“. Dann bin ich einfach eingestiegen. Während der Fahrt dachte ich „Vielleicht fahr ich einfach zu ihr, obwohl sie wahrscheinlich nicht da ist und wir seit Jahren nicht mehr telefoniert haben.“

Du reflektierst auf dem Album viel von deiner Vergangenheit. Hast du das Gefühl, dass du jetzt bereit warst dafür? Musste das raus?

Fayzen: Ich weiß nicht ob das wirklich so ist, aber wahrscheinlich schon. Man sagt, dass du genau das Produkt bist, von den Tagen und den Sekunden der Vergangenheit. Ich hab schon so ein bisschen immer den Hang mich verstehen zu wollen. Auch krampfhaft, auch wenn das bescheuert ist. Deswegen mach ich das eigentlich gerne , in die Vergangenheit zu reisen. Bei der Musik die ich mache geht es ja die ganze Zeit eigentlich nur, wenn man so will, um die Suche nach mir selbst. Da spielt die Vergangenheit eine sehr entscheidende Rolle. Wer bin ich? Was bin ich? Bin ich meine Gedanken, bin ich meine Taten? Welche Stimme von den tausenden in meinem Kopf bin ich?

 

 

Verfolgen dich diese Gedanken im Alltag?

Fayzen: So im Alltag erinnere ich mich auch gar nicht so viel interessanterweise. Vielleicht muss ich deswegen dann das in der Musik verarbeiten. Im Alltag versuch ich eigentlich immer mich weniger auf das zu konzentrieren, was gerade so ist. Ich versuch mich immer wieder so an dieses Momente leben zu halten. Da hab ich einfach am meisten Power, wenn ich Spaß habe einfach so im Moment. Und es ist auch egal, ob ich albern bin oder nicht. Dann fühlt sich das für mich immer richtig an nicht zu denken. Vielleicht brauche ich das auch in der Musik mich einfach mal zu erinnern und mich hinzusetzen und mir Gedanken zu machen. Mich interessiert auch immer sehr warum ich irgendeinen Wunsch habe. Ich bin kein Typ, der sagt „Ich wünsche mir das, ich will das.“. Ich frage mich dann erst mal „Warum wünsche ich mir das eigentlich, woher kommt das?“ . Dann komme ich auf „Du wünscht dir das, weil du dir eigentlich das wünscht.“ . Dann frag ich mich „Warum wünscht du dir eigentlich das?“ Dafür allein schon ist dieses in die Vergangenheit reisen nicht unwichtig.
Ich sag jetzt gar nicht dass das jeder so machen soll. Überhaupt nicht. Ich sage nur das ist der Grund warum ich das so mache.
Bis heute habe ich auch nicht verstanden warum ich Musik mache. Ich kann das nicht erklären. Ich hab ja dieses „Unschuldig“ Video gemacht. Mit dem Thema beschäftige ich mich auch mein Leben lang schon, dass ich mich schuldig fühle. Dass wir den anderen in den armen Ländern das Essen wegfressen und ich Steuern in einem Land zahl, dass auch Waffenexporte macht. Ich denke mir dadurch immer „Ich muss was zurückgeben. Ich will auf Krampf mich nicht mehr schuldig fühlen.“ Das war auch mal ein ganz großes Thema.

Das Outro deines Albums bricht es musikalisch komplett auf. War das bewusst gewählt als Ende?

Fayzen: Man muss mit voller Gewalt loslassen.

Also auch das loslassen von den ganzen Emotionen und Gedanken, die du auf dem Album sammelst?

Fayzen: Das Album ist ja eigentlich eine Reise von dem Moment, wo meine Freundin abhaut, bis ich sie dann irgendwie loslasse. Und jeder Song ist eigentlich so ein Strohhalm um diesen Schmerz loszuwerden. Um raus zu kommen aus der Dunkelheit und dem Schmerzgefühl. Das Outro war befreiend. Da hab ich sie nach zwei Jahren das erste mal wieder gesehen und ich war erstaunt, wie cool ich mit der Situation war. Da hab ich direkt den Song geschrieben und dann war das Album auch fertig.

 

Gerne Allein” hier bestellen.

The following two tabs change content below.
Stuttgarter Heidelberger, der in Hamburg ist, sich in der Musik zuhause fühlt und von Hannes Wader erzogen wurde Hip-Hop zu lieben.

Seiten: 1 2

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.