Fayzen: „Man muss mit voller Gewalt loslassen.“

Fayzen

Mit „Gerne Allein“ veröffentlichte Fayzen dieses Jahr, nach seinem Debüt „Meer„, sein zweites Album. Nach seinen Anfängen auf der Mönckebergstraße in Hamburg, wo er seine ersten Demos verkaufte, hat sich viel getan. Einige Touren und Erfahrungen weiser und fünf Jahre später, reflektiert Fayzen auf „Gerne Allein“ eine verangene Beziehung, seine Kindheit und seine Aussicht auf das Leben. Anlässlich dessen, trafen wir uns mit ihm in Hamburg zu einem Gespräch über seine Verbindung zu seiner Heimatstadt, die Jahre in der Schule und sein neues Album.
 
Fayzen
 

Hast du die Streicher-Arragements auf deinem neuen Album „Gerne allein“ geschrieben?

Fayzen: Es kommt drauf an, ich mach ganz viel immer schon hier zuhause und dann geh ich damit ins Studio. Da mach ich das mit jemand anderem zusammen fertig. Was man Produzent nennt eben. Mit dem arrangiere und recorde ich die Sachen.

Hast du dir das selbst beigebracht wie man komponiert?

Fayzen: Ich hatte Musik als Leistungskurs in der Schule und habe da kaum was gelernt um ehrlich zu sein. Ich habe viel herumexperimentiert, was passt und was nicht passt und mir so Dinge im Internet, wie Youtube-Tutorials und so einen Scheiß reingezogen.

Wie waren für dich damals die zwei Jahre Musik LK?

Fayzen: Ich habe mich einfach nur gefreut, dass mir das nicht so schwer gefallen ist da neun Punkte zu schaffen. Außerdem hatte ich eine nette Lehrerin. Das war gechillter als andere Fächer. Wir haben da getrommelt und Lieder gespielt. Das ging alles klar. Auf dem Klavier habe ich dann meistens was gespielt. In der Theorie haben wir echt viel so Jazz, Opern, den Unterschied zwischen Oper und Operette, und so einen Scheiß behandelt. Das ging mir total am Arsch vorbei. Ich hatte dazu schon damals keinen Bezug. Das habe ich bis heute zu so was wie Jazzimprovisation nicht. Es hat mich auch nie so richtig gecatcht. Ich mag zwar einige Jazz Songs, weil sie schöne Texte haben, aber dieses sportliche rumgeklimper hat mich noch nie interessiert. Ich bin immer der Meinung, dass man diesen Sportler in sich und diesen Leistungsgedanken in der Musik ganz weit weg haben sollte

Aber wenn du live spielst brauchst du diesen sportlichen Charakter ein bisschen oder?

Fayzen: Ich bin da oft hin und her gerissen. Wenn ich nur gechillt und in Ruhe bin und gar keinen Leistungsgedanken habe und gar nichts großartig will, dann bin ich oft am meisten inspiriert Musik zu machen, zu schreiben, komponieren und texten. Wenn dann so dieser Leistungsgedanke kommt, oder Sachen die ich einfach nur abliefern muss, wie Proben, Üben oder Interviews geben, auf Tour gehen und so ein Scheiß, dann merk ich auf jeden Fall, dass ich nicht in meiner Komfortzone bin, weil ich das zweckbedingt mache. Ich mache das dann einfach um es zu machen. Wenn ich dann aber auf der Bühne stehe ist es derbe geil. Das ganze drum herum, hin fahren, organisieren und so, da denk ich mir schon manchmal „Boah, ey.“. Ich bin da noch nicht ganz angekommen. Wenn ich mich in meinem Traum sehe, dann sehe ich mich irgendwo allein mit meinem Laptop, meiner Gitarre und meinem Keyboard, irgendwo an irgendeinem Ort. Nur die ganze Zeit Musik machen und die ganze Zeit einfach ins Internet hauen. So „Scheiß egal“ mäßig.

 

 

Entsteht die Musik um den Text herum oder steht erst die Melodie?

Fayzen: Ich hab früher immer einen Beat gemacht und da drauf versucht zu rappen. Das habe ich früher öfter gemacht, aber heute bin ich so drauf, dass erst mal der Text da sein muss. Es gibt auch unterschiedliche Arten von Songs von mir. Es gibt einmal welche bei denen ich nur rappe, oder spreche, und welche, bei denen es ein Lied mit Melodie ist. Bei den Dingern wo es nur gerappt ist, mache ich zuerst auf jeden Fall den Text. Manchmal schreibe ich einfach einen und wenn ich denke es ist nicht gerappt und muss es ein Lied werden, guck ich dann nach einer Melodie dafür. Die dritte Option ist, dass ich gleich mit dem Text schon eine Melodie im Kopf hab.

Der Rest entsteht dann erst?

Fayzen: Ja. Es ist witzig. Ich merke immer mehr, je mehr ich mir das Lied im Kopf schon vorstellen kann, desto leichter wird es das fertig zu machen. Ich habe früher noch mehr rumprobiert, herumexperimentiert, mir irgendwelche Loops reingezogen oder, irgendwelche random Sachen ausprobiert in der Hoffnung, dass das irgendwas geil ist. Aber ich hab das Gefühl, dass im Kopf, wenn man sich Musik vorstellt, die flashigsten Sachen rumkommen und ich versuche mir eigentlich immer mehr anzugewöhnen, dass ich erst mal komplett nur meine Fantasie benutze, ohne mir irgendwelche Sachen reinzuziehen, die es schon gibt. Ich versuche mir das komplett ein Mal im Kopf vorzustellen.

Fällt dir das inzwischen leichter?

Fayzen: Wenn ich (singt) im Kopf habe, wusste ich vor zehn Jahren weniger intuitiv was für ein Instrument das sein muss, oder was ich da eigentlich höre. Wenn ich inzwischen ein Lied von anderen höre, dann kann ich besser abstrahieren was für ein Instrument und was das für eine Melodie ist, wie ich die nachspielen kann und was das für eine Taktart ist. Das klingt total bescheuert, aber dadurch kann ich auch das was in meinem Kopf ist leichter nachbauen. Das ging , wie gesagt, vor zehn Jahren noch überhaupt nicht. Alles war mit ausprobieren oder andere haben die Beats gemacht und mich hat es immer genervt, dass ich das, was ich in meinem Kopf habe nicht machen kann. Auch da: Youtube-Tutorials haben mir derbe geholfen, Melodien die ich im Kopf habe schneller zu finden auf dem Klavier.

Die Songs auf dem Album strahlen eine große Ruhe aus. Du sprachst vorhin von einem Leben weit draußen. Du sagst aber, dass du z.B. Youtube-Tutorials schaust. Wenn man kreativ arbeitet, ist das Internet doch eher ablenkend oder?

Fayzen: Das sind so Phasen. Meistens mache ich das nachts, bevor ich einpenne und wenn ich herausfinden will, wie ich meine Drums geiler verzerrt kriege, ohne dass die an Knackigkeit verlieren. So einen Scheiß google ich dann und versuche irgendwelche Techniken auszuchecken, die ich vorher nicht kannte. Aber beim Musikmachen selbst, da bin ich nicht am youtuben oder googeln. Ich versuche einfach so schnell es geht das Lied, das ich gerade im Kopf habe aufzuschreiben oder eine Melodie dazu zu machen bevor dieses Gefühl weggeht. Ich kenne das auch wenn man so einen Text schreibt und man denkt „Derbe geil.“. Dann hat man ein Gefühl, denkt man lässt das erst mal sacken und macht in zwei Wochen weiter. Dann ist es aber leider oft schon weg.

Bei dem Song „Gern allein“ in der letzten Strophe sprichst du darüber, dass du, wenn du feiern bist und keiner redet, aufs Handy schaust. Das war für mich ein krasser Gegensatz zu der Ruhe die du sonst auf dem Album ausstrahlst. Die dritte Strophe ist sehr hektisch. War das bewusst?

Fayzen: Der Song ist so ein bisschen widersprüchlich. In der Zeit als ich das Lied geschrieben habe war ich selbst auch sehr widersprüchlich. Meine Freundin hatte sich von mir getrennt und ich war auf dem Film „Niemand braucht eine Freundin. Beziehungen sind für Idioten.“. Ich wäre gern mit so einem Schild rumgelaufen „Ich bin gerne allein.“. Ich habe aber gemerkt, dass ich eigentlich nie allein bin. Ich konnte viel besser allein sein, als ich noch eine Partnerin hatte. Da konnte ich mal allein im Wald spazieren gehen. Das mach ich jetzt gar nicht mehr. Obwohl ich allen sage „Man soll allein sein im Leben.“ Deswegen hat emotional für mich das Arrangement auch am besten gepasst. Das ist so ein bisschen dieses Balla-Balla Gefühl.

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Stuttgarter Heidelberger, der in Hamburg ist, sich in der Musik zuhause fühlt und von Hannes Wader erzogen wurde Hip-Hop zu lieben.

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