Fashawn – „Straight outta Grizzly“ (aus der BACKSPIN MAG #111)

Die Mutter cracksüchtig, der Vater die meiste Zeit im Knast – die Weichen für den jungen Santiago Leyva schienen von Geburt an gestellt gewesen zu sein. Doch weder das fehlende Elternhaus, noch die in seiner Heimatstadt Fresno an jeder Straßenecke lauernde Kriminalität warfen ihn aus der Bahn. Statt eine weitere Nummer in der Verbrechensstatistik wurde Santiago schnell erwachsen und schließlich ein Mann namens Fashawn, den man in der weltweiten Hip-Hop-Gemeinde für seine Qualitäten als Lyricist schätzt. Also Bühne frei für The Phenom aka Fash aka Fashawn!

 

Fashawn, in den Lyrics zu „This Generation“ rappst du „With the madness grew up a little quicker than your average“. Warum bist du schneller als die anderen erwachsen geworden?

Die meisten Kinder bekommen Halt, Struktur und Sicherheit von ihren Eltern. So etwas habe ich nie bekommen. Mit elf Jahren hatte ich schon so viel erlebt, dass ich mit 12 anfangen musste, zu schreiben. Wenn dir niemand sagt, was richtig oder falsch ist, musst du deine eigenen Entscheidungen treffen, und deinen Alltag selbst gestalten. Stell dir vor, du kommst eines Tages nach Hause und auf einmal ist dein ganzes Zimmer leer. Kein Bett mehr, keine Videospiel-Konsole mehr, kein Bett mehr, keine Videospiel-Konsole mehr, kein Fernseher mehr, alles ist weg. So etwas ist mir andauernd passiert. Meine Mutter hat unsere Sachen für Drogen verkauft. Das hat mir gezeigt, dass ich alleine auf der Welt und für mich selbst verantwortlich bin. Sowas ist für viele Kids aus den 90ern, die die gleiche Hautfarbe wie ich haben, Realität.

Wie sah denn dann dein selbst bestimmter Alltag aus?

Ich schildere dir mal einen Tag, als ich so 14 war. Um 10 Uhr morgens habe mich mit meinem Homie getroffen, wir haben Weed geraucht und Graffiti-Videos geguckt. Um 11 sind wir dann los gezogen und Ältere haben uns Alkohol gekauft. Später waren wir dann in irgendeinem Cypher und haben Rhymes gespittet. Am Abend habe ich dann geklaut. Heutzutage fühle ich mich schlecht dafür, aber damals hatte ich keine Alternative.

Und wie hast du dich von den Problemen deiner Mutter befreit und bist deinen eigenen Weg gegangen?

Rapper wie Nas oder Talib Kweli waren meine Vaterfiguren. Ich war besessen von ihrer Mu- sik und allem, was sie gesagt haben. Ich wollte auch wissen, wo ihr Knowledge herkam und wer sie inspiriert hatte. Dieser immense Hunger wurde zu meiner Möglichkeit, aus der Hood he- rauszukommen. Das war mein Ausweg – meine musikalischen Fähigkeiten zu verbessern und zu glauben, dass ich es schaffen kann. Ich habe mich selbst „ausgegraben“ und „frei geschrieben“. Irgendwann war ich nicht mehr Santiago, sondern Fashawn.

Wie ist eigentlich deine Heimatstadt Fresno? Kannst du sie beschreiben? Wie grenzt sie sich von Los Angeles ab?

Ich fange mit L.A. an – Gewalt, Geld, Armut, Reichtum und imposante Bauwerke. Wo ich herkomme, gibt es weniger Häuser, Freiland und Wüste. Trotzdem ist Fresno eine kleinere Version von L.A. – es gibt nur keinen Strand. Fresno liegt genau in der Mitte von San Francisco und L.A., der Bay Area. Wir Kids aus Fresno wachsen deswegen mit Einflüssen aus beiden Städten auf und haben dennoch unseren eigenen Style.

Gibt es in Fresno ein Viertel, das man mit Compton vergleichen kann?

Ja, mein Viertel – ich nenne es Grizzly City. Das ist meine kleine Insel in Fresno und sie er- innert mich an Compton. Die Grizzlies sind unser Baseballteam. Auf der kalifornischen Flagge sind aber auch Grizzlies abgebildet. Letztlich gibt es in jeder Stadt eine Grizzly City – auch in L.A.. Da Fresno in der Mitte von Kalifornien liegt, repräsentiert es auch den gesamten Bundesstaat. In Grizzly City ist alles zusammengefasst, wodurch sich Kalifornien definiert: unsere Ansichten, unseren Hunger, unsere Aggressivität… Als Grizzly hat man gewisse Skills zum Überleben, um sich im harten Dschungel von Kalifornien zurechtzufinden. Ich selbst bin so ein Grizzly.

Hat die Rap-Schule von Compton dich beeinflusst?

Natürlich. Ohne „The Chronic“ wäre ich heute nicht das, was ich bin. Als Kind habe ich nicht alles verstanden, aber ich habe dieses Album definitiv geliebt. Der Großteil der kalifornischen Rapper kommt aus Compton und Dr. Dre ist derjenige, der so viele andere Karrieren möglich gemacht hat. Am Endes des „Nuthin‘ But A G Thang“-Videos sieht man dieses Mädchen, das zu fly für alle ist. Doch am Ende wird sie mit Champagner nass gespritzt – „And if you bitches talk shit, I‘ll have to put the smack down“. Das ist unsere Einstellung. Denk bloß nicht, dass du zu gut bist. Dann dreht es sich ganz schnell um. Das ist Compton. Das ist Fresno. Ich liebe das.

Kannst du den Fresno-Rap-Style charakterisieren?

Das ist schwer, weil sich der Style in Fresno immer noch entwickelt. Ich kann nur sagen, dass Fresno die Heimat von den vielfältigsten Lyricists ist, weil wir alles gehört haben und keine eigene Szene hatten. Einer der Vorreiter ist natürlich Planet Asia und ich bin es in der nächsten Generation. Planet Asia ist ein Rapper in der Art von Wu-Tang und Black Thought und ich bin ein junger Typ mit vielen Einflüssen.

Auf der einen Seite rappst du „Life as a shorty can be so rough“, aber auf der anderen Seite bist du sehr positiv. Woher kommt das?

Ich war mal ein Nichts und nun werde ich manchmal wie ein König behandelt. Diese Einstellung hatte ich schon immer: Du solltest wie ein König behandelt werden, du solltest es besser haben. Nicht nur ich als Individuum oder meine Familie, sondern jeder von uns sollte es besser haben. Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: „Gottes Lieblinge sind die, die am meisten kämpfen“. Nicht die Lebensumstände definieren, wer man ist. Hat man das begriffen, wird man automatisch zu einer sehr positiven, starken Person. Man wandelt den erlebten Schmerz um und kann wie ein Magier die Welt reflektieren. Als Künstler ist deine Vorstellungskraft unendlich.

Also vermitteln die Medien ein falsches Bild von einer Person wie dir?

Das ist eine komplexe Sache, die die Medien da betreiben. Sie hassen schwarze Menschen und behaupten einfach etwas, um uns schlecht zu machen. Es gibt viele Journalisten, die gar nicht an den guten Dingen interessiert sind, die man erreicht hat. Denen geht es nicht darum, dass ich ein guter Vater bin, sondern dass ich zu viel Weed rauche und die Schule nicht beendet habe.

Planet Asia, Evidence und The Alchemist gelten als deine Mentoren – was haben diese Menschen für dich getan?

Planet Asia war für mich das gleiche, was Rakim für Nas war. Er war der erste, der aus Fresno richtigen Erfolg hatte und die Grenzen der Stadt hinter sich gelassen hat. Mit zehn Jahren habe ich für ihn beim „Rap College“ gerappt und er war von mir beeindruckt und hat mich nach meiner Nummer gefragt. Aber er hat mich nie angerufen. Da war ich aber nicht enttäuscht, sondern dachte mir, dass ich besser werden muss. Mit 18 habe ich dann mein erstes Mixtape „Grizzly City 1“ veröffentlicht und schon klingelte das Telefon. Planet Asia hat mich dann mit auf Tour genommen und ich konnte erstmalig erfahren, wie das Leben eines Rappers ist. Planet Asia hat mich auch Evidence vorgestellt. Ev hat gesagt: „Dieses Kid ist dope“. Von da an wollte er mich um sich haben. Wir haben zusammen Weed geraucht und meine Musik zusammen gehört. Er ist wie ein Bruder für mich. 2008 habe ich sogar ein halbes Jahr bei ihm gewohnt. Das war die beste Zeit meines Lebens: meine Tochter wurde geboren, ich hatte meinen ersten Plattenvertrag und mein erstes Album war in den Startlöchern. Evidence hat mir beigebracht ein richtiger Rapper zu sein. Nun kommen wir zu The Alchemist. Der wohnt in der Nachbarschaft von Evidence und die beiden sind Blutsbrüder. Am Anfang mochte The Alchemist meine Sachen gar nicht. Er meinte zum Beispiel, dass mein Akronym-Song „F-A-S-H-A-W-N“ so etwas wie der Alphabetssong im Kindergarten sei. (lacht). Doch einige Zeit später bekam ich dann die Chance den Song „The Far Left“ mit Ev und ihm zusammen zu machen. Ev fragte mich: „Willst du bei einem Song auf einem Alchemist-Beat dabei sein?“. Ich war sarkastisch und antwortete: „Natürlich nicht!“. Dabei wollte ich ihn dieses Mal einfach nur beeindrucken. Das ist mir wohl gelungen. Von da an war ich wie sein kleiner Bruder und wir haben ein ganzes Album zusammen gemacht. Ich durfte auch in seiner Wohnung in New York wohnen. Das war so ein schönes Haus, Frauen hätten vorbeikommen und ich hätte eine gute Party feiern können. Das habe ich natürlich gelassen. Mittlerweile sind wir beste Freunde und telefonieren und schreiben uns regelmäßig.

Hast du jeweils drei Worte, die dein Leben vor und während deiner Rap-Karriere definieren?

Kampf, Hunger und Intuition versus Perspektive, Wohlstand und Chaos.

Wie wichtig ist dir Heimat?

Meine Heimat ist der Ort, wo ich alles kenne und wo ich aus dem Traum erwache, den ich lebe. Jedes Mal, wenn ich dorthin zurückkomme, treffe ich Freunde, die immer noch kämpfen müssen. Ich würde auch noch an diesem Punkt sein, wäre die Musik nicht gewesen. Für mich ist das ein demütigender Ort, der mich an alles erinnert. Aber dort lebt meine Familie und es ist der einzige Ort, an dem ich richtigen Schlaf bekomme.

Dein erstes Album „Boy Meets World“ war auf dich fokussiert, wie der Name schon sagt. Dein neues Album „The Ecology“ wird sich mehr um dein Umfeld drehen. Woher kommt diese Perspektive? Bist du jetzt erwachsen geworden?

Auf „Boy Meets World“ habe ich meine Geschichte erzählt – wie ich die Welt mit meinen Augen sehe. Die erste Person, das Ich. Da wusste ich noch nicht, wie es ist, Vater und Vorbild zu sein. Mit meinem nächsten Album „The Ecology“ möchte ich unsere bzw. ihre oder seine Geschichte erzählen. Ich möchte beobachten, was in der Welt passiert und wie wir darauf reagieren, sei es Natur, Politik, Religion, Gesellschaft oder der Mensch. „The Ecology“ ist meine Entwicklung vom Jungen zum Mann.

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