Estikay: „Sich auszuruhen ist der falsche Weg“

040 – direkt aus Hamburg City, digga.
Läuft bei Estikay und zwar richtig gut zur Zeit: Nach einem Sommer mit Live-Gigs mit bis zu 50.000 Zuschauern und einem Signing bei Sidos Label Goldzweig, steht nun sein Debütalbum „Auf entspannt“ in den Plattenregalen. Der Titel kommt nicht von ungefähr – der Hamburger verliert nie seinen Fokus, dennoch scheint ihn nichts in der Welt aus der Ruhe bringen zu können.
In Berlin trafen wir ihn zum Interview, um über das Debütalbum, Mode im Rap und über die verschiedene Feierkultur in Berlin und Hamburg zu sprechen.

Morgen steht das Release deines Debütalbums „Auf entspannt“ an – wie ist deine Gefühlslage?


Estikay: Das ist so ein krasses Gefühl, das Album endlich in der Hand zu haben. Vorgestern habe ich es das erste Mal bekommen. Eigentlich ist’s schon heute soweit, weil heute Abend die Releaseparty stattfindet.

Streng genommen sprechen wir hier gar nicht von deinem Solodebüt, du rappst schon seit geraumer Zeit.

Estikay: Letztes Jahr haben wir zwar die „Genau hier“-EP veröffentlicht, aber ein Album aufzunehmen, ist schon was ganz anderes.

Also gilt das Album als erstes, offizielles Lebenszeichen deinerseits. Wieso habt ihr die EP damals nicht stärker gepusht?

Estikay: Ich glaube, es lag einfach daran, dass wir zu verballert waren. Wir haben schon Jahre davor rumgehangen und Songs aufgenommen, die man auch hätte veröffentlichen können. Es gab sogar gute Freunde, die irgendwann echt sauer deshalb waren. Wir haben die Songs zwar auf Myspace hochgeladen und sowas, aber um Reichweite zu generieren, braucht es schon mehr. Jetzt haben wir natürlich auch Hilfe an der Seite für sowas.
Es gibt jetzt Leute, die sich um das Drumherum kümmern und dafür sorgen, dass Deadlines eingehalten werden. Das ist ziemlich perfekt so, weil man sich so wieder ausschließlich auf die Musik konzentrieren kann.

Nach Adesse bist du das zweite Signing auf Sidos Label. Wieso glaubst du, dass Goldzweig die richtige Labelheimat für dich ist?

Estikay: In erster Linie, weil Sido meinen Film gut versteht. Selber habe ich sowas zum Glück nie erlebt, aber man hört ja immer wieder Geschichten von Künstlern, die bei irgendeinem riesigen Label signen und der Sound und alles weitere plötzlich in ganz bestimmte Richtungen gehen muss.

Dass Sido geil findet, was ich mache und mich machen lässt, ist perfekt.

Dazu verstehen wir uns wirklich gut. Man merkt ja recht schnell, ob man mit jemandem kann oder eben nicht. Das ist alles sehr natürlich entstanden. Es ging ziemlich schnell, wir waren auch schnell gemeinsam auf Tour, wo man sich noch besser kennenlernt, weil man vier Wochen auf engem Raum zusammen verbringt.

Was ist das wichtigste, das du bisher von ihm gelernt hast?

Estikay: Sido ist extrem fleißig, er ist immer am machen. Da kann sich der eine oder andere definitiv eine Scheibe von abschneiden. Wenn das eine Album draußen ist, ist das nächste schon fast fertig. Daraus kann man lernen – konstant Output zu schaffen.

Dein Album trägt den Titel „Auf entspannt“, passend dazu wirkst du auch wie die Ruhe in Person. Gibt es zwischendurch nicht Momente, in denen dir bewusst wird, was gerade um dich rum passiert?

Estikay: Auf jeden Fall gibt es Momente, in denen mir bewusst wird, wie krass das ist. Vor zwei Jahren haben wir noch in der Wohnung gechillt, Bong geraucht und hier und da ein paar Songs aufgenommen und zwei Jahre später spiele ich eine Tour mit Sido und da stehen 10.000 Leute.

Welcher für dich der krasseste Moment im letzten Jahr?

Estikay: Es gibt mehrere, aber was wirklich unfassbar krass war, war der Auftritt auf dem Frauenfeld Open Air letzten Sommer. Da standen 50.000 Zuschauer und es sah aus wie ein Meer – du hast einfach kein Ende gesehen. Theoretisch finde ich aber jeden Auftritt krass und genau so sollte man da auch rangehen. Das live spielen sollte nicht normal werden. Außerdem finde ich Konzerte nicht unbedingt besser, nur weil sie größer sind. Kleine Auftritte haben auch ihren Charme und können genauso krass sein.

Gibt es konkrete Ziele, die du dir für deine Karriere gesteckt hast?

Estikay: Konkret habe ich mir keine Ziele gesteckt. Es ging alles so Schlag auf Schlag. Es war ja nicht so, dass wir die EP veröffentlicht haben und uns sicher waren, dass auf jeden Fall zehn Angebote kommen werden. Das Interesse nach der Veröffentlichung war von heute auf morgen echt groß und eigentlich bestand gar keine Zeit, um sich groß Gedanken um weitere Ziele zu machen. Jetzt würde ich sagen, ist mein Ziel, konstant fleißig zu bleiben. Sich ausruhen ist definitiv der falsche Weg.

Neben der Musik bist du Mitgründer der Modemarke Maine und warst als Foto-Assistent unterwegs. Wo wärst du heute, läge der Fokus nicht auf der Musik?

Estikay: Wir würden nach wie vor das Klamotten-Ding machen. Ich mache auch immer noch viele Fotos und ein paar Film-Sachen. Es wäre auf jeden Fall in die kreative Richtung gegangen, allerdings brauche ich immer noch jemanden, der etwas Ordnung und Struktur reinbringt.

Hat diese kreative Ader Auswirkung auf das Drumherum deiner Kunstfigur?

Estikay: Voll! Ich habe eigentlich immer ziemlich konkret im Kopf, wie etwas aussehen soll, bin aber offen für neue Ideen. Dann muss es aber auch noch viel krasser als meine ursprüngliche Idee sein. Vermutlich nervt das die anderen auch. Gerade, was Bildsprache angeht, weiß ich immer, was ich aussagen möchte und ob ich jetzt einen Grün- oder Gelbstich verwenden will.

Als Rapper, der nebenbei auch Inhaber einer Modemarke ist, stehst du nicht allein da. Welche Rolle spielt Mode heutzutage im Rap?

Estikay: Mode war schon immer sehr wichtig für HipHop. Man kann sich das vorstellen wie eine Art Rad: Alle zwanzig Jahre dreht sich das Rad und dann ist derselbe Trend von früher wieder aktuell.

Vor zehn Jahren wäre zum Beispiel wohl kaum denkbar gewesen, dass heutzutage alle halbwegs passende Jeans tragen.

Ich glaube, dass das Thema Mode gerade bei Männern, nicht nur im Rap, immer wichtiger wird aktuell. Männer geben inzwischen auch mehr Geld für Kleidung aus. Das war, glaube ich, noch nie so krass, wie es gerade ist.

Ursprünglich bist du Hamburger, bist aber die letzten 1,5 Jahre zwischen Hamburg und Berlin gependelt. Welche Gründe hatte das?

Estikay: Bevor die Zusammenarbeit mit Sido zustande kam, war ich schon viel hier, weil wir mit Maine in Berlin Fuß fassen wollten. Dazu hat sich das Signing ergeben und das war eigentlich perfekt, da ich genau gegenüber von DJ Desue gewohnt habe, wo ich fast mein ganzes Album aufgenommen habe. Das war Zufall, aber besser hätte es nicht sein können.

Kannst du dir vorstellen nach Berlin zu ziehen?


Estikay: Grundsätzlich schon. Hamburg und Berlin sind schon die geilsten Städte Deutschlands. In Hamburg ist halt mein ganzer Kreis und ein Großteil meiner Familie. Zum Glück ist die Entfernung so gering, du kannst morgens einfach in den Zug steigen und rüberfahren. In den nächsten Jahren werde ich vermutlich nicht komplett herziehen, aber das hin und her pendeln ist schon perfekt.
Hier ist mehr los als in Hamburg. Das ist ganz witzig, viele Freunde von mir sind nach Berlin gezogen und meinten, hier kann man sieben Tage die Woche feiern. Bei mir war es genau umgekehrt: Ich bin in Hamburg immer unterwegs und in Berlin konnte ich in meiner Wohnung chillen und hatte meine Ruhe. Ich habe hier wirklich viel weniger gefeiert als in Hamburg.

Das Thema Feiern findet ausgesprochen viel Platz auf deinem Album. Wie unterscheidet sich in deinen Augen die Hamburger Feierkultur von der Berliner?

Estikay: In Hamburg ist alles gechillter. In Berlin findet man mehr Techno, mehr Drogen und mehr Action. Grundsätzlich finde ich, dass es eigentlich überall dasselbe ist, wenn man in einen durchschnittlichen Club geht, da ist egal, wo man ist. An Berlin gefällt mir, dass du im Sommer viele Locations sind, die halb drinnen und halb draußen sind oder sich am Wasser befinden, das findest du in Hamburg nicht.
Außerdem ist in Berlin jedes Viertel wie eine eigene, kleine Stadt. In Hamburg bist du immer in zwanzig Minuten am Flughafen, ganz egal, wo du bist. In Berlin überlege ich mir zwei mal, ob ich abends noch wen besuchen gehe, wenn ich da erstmal vierzig Minuten hinfahre. Das ist ein großer Unterschied. Außerdem hat man in Berlin ja auch alles. Ich habe in Berlin am Kottbusser Tor gewohnt und du hast alles um die Ecke. Deshalb verstehe ich, dass Berliner vielleicht eher in ihrem Kiez bleiben als Hamburger.

Wenn wir schon über die Feierkultur sprechen: Wie verhindert man, in Städten wie Hamburg oder Berlin im Nachtleben zu versinken?


Estikay: Die Gefahr besteht grundsätzlich immer. Man sollte ab und zu selbst reflektieren und wissen, wo seine Grenzen liegen. Wahrscheinlich gibt es immer Phasen, die stärker sind als andere. Solang man sich allerdings selbst sicher ist, noch im grünen Bereich zu sein, ist alles gut.

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