ÉSMaticx: „Kein Mensch der Welt hat einen Hype unverdient“

Hype

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Im Mai veröffentlichte ÉSMaticx ihr Debütalbum „Rot“, jetzt meldet sie sich mit einem neuen Werk zurück. Mit „An die See über Berlin“ präsentierte sie vor fünf Tagen, am 4. November, bereits ihre vierte EP.  Im ersten Teil unseres Interviews sprachen wir mit És über „Rot“, die Erwartungshaltung ihrer VBT-Fans und über bisher unveröffentlichte Tracks. Im zweiten Teil unterhalten wir uns „Track by Track“ über die EP. Dabei geht es unter Anderem um den Egoland Deal, Money Boy, Cro, „Palmen aus Plastik“ und Fans, die immer den neusten Trends hinterherlaufen. Dabei verrät die Rapperin, welche deutschen Musiker sie privat hört und weswegen sie manchmal Zukunftsängste hat.

1. Intro

Im „Intro“ blickst du auf alles zurück, was vor der EP liegt. Dabei beschreibst du aber eher den Enstehungsprozess des Albums, als der EP. Wie kommt es, dass das Intro eher ein Rückblick ist, als ein Ausblick auf die EP?
Ich glaube das erste Album ist immer im Nachhinein noch ein großes Thema. Ich habe dieses Intro aber auch mit dem Gedanken geschrieben, dass ich mich gerade an mein zweites Album setze. Dann war klar, wir machen jetzt erst eine EP. Und das Intro passt, ist cool und rundet das Ganze nochmal ab – es beendet das alte Projekt und startet das Neue.

Im Intro thematisierst du den Egoland Deal, wie auch auf anderen Tracks der EP. Wie hat sich dein Leben durch den Deal verändert?
Vorher hatte ich halt die Möglichkeit alles so zu machen, wie ich wollte. Wenn ich zwei Tage vor Release kein Bock gehabt hätte, dann hätte ich das nicht rausgebracht. Aber das kann nicht jetzt nicht mehr. Paul, mein Manager, ist auf jeden Fall so ein Mensch, der muss das alles in der Hand haben.

Auf Sommer meines Lebens bezeichnest du Paul sogar als „Vaterfigur“.
Er ist so ein Buddy, aber er ist auch streng. Er würde nichts auf mich kommen lassen, aber ist gleichzeitig so: „Elisa jetzt mach mal“. Momentan ist Egoland auf jeden Fall der Platz wo ich bleibe, auch für mein nächstes Album, das übrigens schon geplant ist.

2. Mein Ding

„Habe jahrelang geackert für den Hype und den Respekt“. Hast du das Gefühl, dass du jetzt an einem Punkt angekommen bist, wo sich das Ackern auszahlt?
Ich glaube andere Frauen mussten viel länger arbeiten als ich, um sich zu etablieren. Ich hab ja zwei Jahre einfach für mich und für meine Youtube-Gemeinde gerappt und dann kam das VBT und der BattleBoi Basti Post. Ich hatte einfach unglaublich Glück, dass Basti das geteilt hat und auch das Basti so einen Hype hatte. Ich würde nie sagen, dass das alles nur Talent ist und nur von mir kommt, weil da so viele andere Komponenten dazugehören. Aber letztendlich habe ich auch unglaublich viel dafür getan, wenn du dir überlegst wie anstrengend das VBT ist. Jede Woche ein Video filmen, schneiden und den Text schreiben, aufnehmen und mischen lassen. Das ist so zeitaufwendig. Kein Mensch der Welt hat einen Hype unverdient. Und wenn es ein Money Boy ist, der jahrelang so durchgängig und konsequent seine ironische, seltsame Sache macht und irgendwo kommt der Erfolg, dann hat er das auf jeden Fall verdient. Er hat jahrelang nichts anderes gemacht, als sich das zu verdienen.

Eine andere Line die mir im Kopf geblieben ist: „Sie fühlen sich so betroffen und so  hintergangen, wenn ein Rapper zum Musiker wird.“ Hast du diesen Vorwurf auch innerhalb deiner Fanbase bemerkt?
Voll, aber das sind halt keine richtigen Fans. Ich hab so oft auf meiner Fanpage gelesen: „Ich weiß gar nicht warum ich dich noch geliked habe, hab dich zu VBT Zeiten geil gefunden, aber jetzt machst du nur noch Dreck“. Die Leute feiern nur eine Sache und ich schwöre dir:

„Wenn ich ein Album gebracht hätte, das genauso klingt wie meine VBT Runden und ich dazu noch paar Boxen gemacht hätte und Autogrammkarten, dann wäre das gechartet.“

Denn zu dem Zeitpunkt waren das Millionenklicks, die ich bekommen hab. Klar würden die das kaufen, aber das war mir nicht wichtig. Es ging mir niemals darum die Fans zu behalten, die nur wegen dem VBT bleiben. Geht gerne. Ich fange lieber wieder bei null an und habe 500 Fans die noch bleiben, weil die Musik einfach tight ist.

3. Manege Frei

In deinem Track „Manege Frei“ vergleichst du die deutsche Rap-Szene mit einem Zirkus. Wie bist du auf diesen Vergleich gekommen?
Ich habe vieles von meinen Erfahrungen mit reingepackt, aber ganz nüchtern betrachtet ist es ja tatsächlich so. Sagen wir mal ein Drake bringt jetzt ein Album aus dem Nichts, ohne Promophase und Sierra Kidd macht dann das gleiche. Das kommt von Amerika rüber, wird kurz zum Hype bei uns und ist wieder vorbei. Und das ist schon immer so gewesen. Dann kommt nämlich ein Cro und macht was super krasses und innovatives: Nämlich ganz gechillten Rap, auf super krass poppigen Beats mit den catchigsten Melodien, die ich im Hip-Hop jemals gehört hab. Und dann kommt ein Liont und diese ganzen Youtube-Rapper und machen genau das Gleiche. In der Hoffnung, dass es auch einen Hype bekommt, bekommt es auch kurz und ist wieder weg. Und das ist die ganze Zeit so. Dann kommt Trap und jeder macht auf einmal Trap. Es ist immer dasselbe und Rapper sind gar nicht mehr innovativ, weil es nur noch um den schnellen Hype geht.
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Ist der Track auch eine Kritik an die Fans, die immer dem neusten Trends hinterherlaufen?

„Du weißt nicht wie viele „Fans“ ich habe, die zu mir kommen – und das ist keine Lüge – und sagen: „Ey du bist doch EstA. Lass uns mal ein Foto machen“.

Ich sag da nichts, lächel, mach das Foto und sag: „Schönen Tag euch noch“. Niemand beschäftigt sich mit einem Künstler, es geht einfach nur um den Hit. Wie dieses ganze „Palmen aus Plastik“ Ding. Weil das auf einmal jeder feiert, klar ist ja auch catchy. Aber wenn du nach zwei Monaten irgendwen auf der Straße fragen würdest, wäre das so: „Kennst du den Song?“, dann sagen alle ja. Und wenn du dann fragst, von wem der ist, dann wissen das nur noch die Hip-Hop Heads, aber der normale Hip-Hop Fan weiß das nicht mehr.

Ist das bei dir anders, wenn du etwas feierst? Manchmal hat man ja auch keine Lust sich mit den Künstlern auseinanderzusetzten und will einfach nur die Musik hören.
Ich hab ein krasses Elefantengedächtnis und kann mir alles merken, ich lese einen Titel und vergesse ihn nicht mehr. Ich habe aber auch ganz andere Ansprüche an Musik. Was Rap angeht, höre ich eigentlich immer dieselben, ansonsten höre ich eigentlich nur Eighties.

Eher Deutschen oder Englischen Rap?
Kaum Englischen Rap. Ich höre gerne Cro und Fabian Römer, da auch immer noch alte Sachen. Alte Samy Deluxe Sachen. Aber mit jeder Musik, die ich höre und die mich krass beschäftigt, habe ich mich auf jeden Fall schon auseinandergesetzt.

4. Taub

„Große Flows, kein Glück, großes Ego, große Shows, erstes Album, alles Rot, große Träume, großes Los, überfordert mit mir selbst, überfordert mit der Welt und überfordert mit der momentanen Situation.“ – spiegelt das wieder, wie es dir nach dem Release deines Albums ging, oder fühlst du dich immer noch überfordert?
Es sind zwei Seiten in diesen Zeilen. Einerseits kommt auf einmal dieser große Erfolg, die Shows, „Rot“ kommt und alles ist krass und fühlt sich einfach gut an. Und dann gibt es diese andere Seite, wo ich immer noch keine Arbeit, keine Ausbildung hab und gar nicht weiß wohin mit mir selbst und das ist dann letztendlich diese Überforderung. Eine Zukunftsangst, die wahrscheinlich jeder mal hatte oder hat.

Bei „Rot“ wurde viel Kritik daran geäußert, dass das Album so traurig sei. Bei der „An der See über Berlin“ EP könnte dieses Thema wieder auf den Tisch kommen.
Ich frag mich warum die Menschen der Musik nicht einfach mal die Chance geben, auf sie wirken zu lassen. Denn letztendlich hat jeder von uns Ängste. Und ich mach halt einfach Herzmusik.

5. Sommer meines Lebens

War der Sommer 2016 der Sommer deines Lebens?
Schon. Ich weiß ja nicht, was noch für ein Sommer kommt. Vielleicht kommt ja noch ein überkrasser Sommer, in dem ich mit Katy Perry und Eminem zusammen toure – ich bin ein großer Katy Perry Fan. Aber dieser Sommer, in dem ich mit meinen Freunden 3000 Mal im Urlaub war, auf dem Splash war, mein erstes Album gebracht hab und ich mit meinem Manager auf Radiotour war, ist eine Erfahrung, die krieg ich niemals wieder. Auf jeden Fall bisher der Sommer meines Lebens.

Was muss im nächsten Sommer passieren, abseits von Katy Perry und Eminem, dass dieser getoppt wird?
Ich muss super zufrieden mit meinem neuen Album sein und das müsste noch besser ankommen als „Rot“. Es wird krass viel gehört, wir spielen eine noch größere Radiotour und meine Songs laufen im Radio hoch und runter. Ich müsste super viel Geld damit verdienen und ein krasses, geiles Leben führen und würde extrem shoppen gehen. Wenn das passiert….

…Dann gibt es „Sommer meines Lebens 2“?
Ganz genau, dann würde ich den ganzen Tag ein Selfie-Video machen und mein Lotterleben in Saus und Braus filmen und damit jeden neidisch machen. Das wäre das „Sommer meines Lebens 2“ Video.

Allein für das Video sollte man dafür sorgen, dass es soweit kommt.

Ja genau, das ist auch so ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, dass alle meine nächste CD auch kaufen.

Vielen Dank, dass du dir so viel Zeit genommen hast.

ÉSMaticx – „An die See über Berlin“ kaufen

Teil eins des Interviews findet ihr hier

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Aus der südlichsten Ecke in den hohen Norden gezogen um über Hip-Hop zu schreiben. I'm all the way up.

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