ELF JAHRE „S.J.“ – BEST OF BOTH WORLDS

Eintracht zeigt man in Frankfurt nicht nur auf dem Fußballplatz. Auch in der Rapszene hält man zusammen, unterstützt sich untereinander jederzeit mit Features oder entdeckt neue hungrige Raptalente. Samson Jones, vielen vielleicht besser bekannt unter dem Namen Jonesmann, ist dabei eine zentrale Figur in der jüngeren Frankfurter Hip-Hop-Geschichte. So wurde der Rapper und Sänger selbst 2003 von Azad auf dessen Label Bozz Music gesignt, bevor er sechs Jahre später einen gewissen Haftbefehl auf seinem eigenen Label Echte Musik unter Vertrag nahm. Während Haftis Hype bis heute ungebrochen ist, wurde es um Jonesmann immer ruhiger. Es passt ins Bild, dass Samson Jones 2016 – acht Jahre nachdem sein letztes Album „Echte Musik“ erschien – von Vega erneut gesignt wurde. Der Name des Labels steht hierbei wie kein Zweiter für das, worüber Jonesmann schon immer gegangen ist: Über die Grenze.

Jonesmann hat sowohl als Mensch sowie auch als Musiker die Höhen und Tiefen des Business durchlebt, wie er im April 2016 in einem Interview mit BACKSPIN erzählt. Private Probleme führten in erster Linie zum Ausstieg aus dem Rapgeschäft. Aber auch musikalisch lief es aus seiner Sicht oftmals unbefriedigend. Jonesmann wollte nicht mehr nur Rapper sein. Er wollte seine Vielseitigkeit am Mic noch mehr unter Beweis stellen und einen poppigeren Sound kreieren. Grund genug, auf die Zeit zurückzublicken, in der Samson Jones die Basis für eine nicht immer geradlinige, aber äußerst interessante Karriere legte.

Gleich mit der ersten Single des Albums „S.J.“ zog Jonesmann 2006 unausweichlich Aufmerksamkeit auf sich. Dabei war es jedoch nicht der Track „Bis der letzte fällt“, der in größerem Maße von sich reden machte, sondern vielmehr die B-Seite mit dem Song „F*ck dich“, der als Untergrundhit schon vorab bekannt war. Jonesmann besingt hier auf einem R’n’B-lastigen Beat eine B*tch, die seinen Kopf ab sofort nicht mehr f*ckt. Rückblickend bezeichnet Jonesmann im Interview mit BACKSPIN den Entschluss, „Bis der letzte fällt“ aus der Platte auszukoppeln, als ersten Schritt in die falsche Richtung.

„Ich bin heute aber auch überzeugt davon, dass Azad und Ich damals die falsche Single ausgewählt haben und damit schon der Weg nach unten begonnen hat.“

Das Pendant zu „F*ck dich“ liefert der Frankfurter auf „S.J.“ dann aber auch – ebenso wie den Beweis, dass ein Lovesong nicht immer leise und verspielt sein muss. Die musikalische Untermalung des Tracks „Mehr für mich“ kommt mit knallenden Handclaps daher, die ins Genick gehen und beschreibt wie intensiv eine Beziehung zu einer Frau sein kann. Ich erinnere mich besonders gerne an diese Zeit zurück, da ich dieses Lied damals einem Mädel vorgespielt habe, auf das ich stand. Und was soll ich sagen: Sie hat es geliebt.

Eine weitere spannende Facette des Albums ist das abwechslungsreiche Soundbild, für das sich u.a. Sti, Phrequincy, Monroe und Benny Blanco – auch bekannt als Bazzazzian – auf die Schulter klopfen dürfen. Die Produktionen sind auf einem hohen Level angesiedelt. Mal durch ein akustisches Feuerwerk wie bei „Der Soldat James Rhyme“, mal durch soulige Nummern wie „Homies“ oder „Long Island Ice Tea“. Gerade bei den beiden letztgenannten Tracks dachte ich schon damals, dass sie als deutschsprachige Rapsongs gut im Club funktionieren könnten. Meine Kumpels und ich feierten zu dieser Zeit am Wochenende immer zu Jonesmanns Musik.

„S.J.“ besticht aber vor allem durch die Vielseitigkeit des Künstlers Jonesmann. Als Rapper droppt er seine energiegeladenen Flows so lässig – dennoch überlegt – über den Großteil der Beats, wie es ein paar Jahre vor seiner Zeit vielleicht nur Kool Savas und Eko Fresh gemeinsam gemacht haben. Als Sänger geht er gefühlvoll und persönlich zur Sache ohne dabei peinlich zu wirken. Man könnte sagen, Jonesmann ist in einer Person das, was Jay-Z und R.Kelly zusammen verkörperten: Best of both worlds. Diese These unterstützen die ersten Zeilen vom Titeltrack „S.J.“:

„SJ-Boss bringt euch das Beste aus zwei Welten, der Chef ist bereit und hält das Mic tight in seinen Händen.“

Zwischen all den Aggro Berlinern und Ersgutenjungen, die im Jahr 2006 weitgehend den Ton in der Rapublik angaben, legte der Frankfurter Jonesmann mit seinem Album „S.J.“ den Grundstein für seine Karriere. Er lässt hierauf musikalische Grenzen verschwimmen, zeigt auch den Leuten außerhalb von Frankfurt wo der Hammer hängt und erfindet sich dabei immer wieder neu. Das bleibt bis heute so.

2016, zehn Jahre nach dem Hype um „S.J.“, erscheint mit „Angekommen“ zwar nicht der direkte Nachfolger der Platte, aber Jonesmanns erstes Solorelease seit acht Jahren. Darauf präsentiert er überwiegend melodiösen Pop. Hier und da hört man aber auch einen Jonesmann, der an seine Wurzeln als Rapper erinnert. So ganz mit dem Rappen lassen kann er es also nicht, der Jonesmann. Oder besser gesagt Samson Jones. Egal unter welchem Namen er in Zukunft Musik veröffentlichen wird, eines wird er dabei ganz sicher immer zeigen: Eintracht.

 

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