Elf Jahre „Hinterm Horizont“: Das schwarze Loch

Das Album „Hinterm Horizont“ von Selfmade Urgestein Shiml wird heute elf Jahre alt. Unser Autor Arne erinnert sich zurück.
Hinterm

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, Shiml ist dieser Rapper dessen kläglicher Auftritt bei „Feuer über Deutschland“ dafür gesorgt hat, dass die Fremdscham-Skala in Deutschland neu definiert werden musste. Und wie das in HipHop-Deutschland eben so ist, wiegt dieser eine Fauxpas des Bremers schwerer, als die Wohltaten, die Shiml zu verantworten hat. Eine dieser Wohltaten ist mittlerweile elf Jahre alt, hört auf den Namen „Hinterm Horizont“ und ist ein essentieller Teil der Vom-Tellerwäscher-zum-Star-Geschichte des Ruhrpott-Labels Selfmade Records.

Selfmade

Denn so schwer zu ertragen sein Auftritt bei FüD war (Wikipedia untertreibt hier maßlos mit „Sein Auftritt wurde als misslungen gewertet“), macht es durchaus Sinn, dass seine sonst so ratternden Zeilen a cappella an Wirkung verlieren. Denn Jan Viohl a.k.a. Shiml lebt schon immer von der nervenzerreißenden Spannung, die seine Silben auf dem Takt beschwören. Die Luft wird dabei so schnell aus der Lunge zu gedrückt, dass es die Flügel fast zerreißt. Neben Humorbombe Favorite und Image-Rapper Kollegah war Shiml gerade deshalb ab 2005 bei Selfmade die nebelumhangene Erdung, die mein damals 17-jähriges Ich einlullte und in das Schattenreich mitnahm wie eine vertonte Geschichte von H.P. Lovecraft.

Obwohl er erste Aufmerksamkeit vor allem durch aggressiven Battle-Rap mit Weggefährte Montana Max erreichte, war das Battlen nie so pointiert, wie die nächtlichen Ausflüge in einer Gedankenwelt voller bedrohlicher Umrisse und verheißungsvoller Wahrnehmungen. 21 Jahre alt war Shiml, als am 24.Februar 2006 „Hinterm Horizont“ erschien, obwohl ein Großteil der Songs längst fertig war. Hatte er zuvor noch viele Beats samplelastig selbst produziert, wurde fleißig neu aufgenommen und ein Rizbo (bevor die Techno-Einflüsse überhand nahmen), Mitbremer MixChris und andere schusterten der Schattengestalt ein paar düstere Beattreter auf den Leib, die passten wie angegossen.

 

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So finster die Nacht

Das erste Ausrufezeichen, das Split-Video zu „Bis ans Limit/Meine Geschichte“ fesselte die Spätpubertären meiner Generation, die viel Wut in sich trugen, aber sie nicht in Worte fassen konnte. Auf „Hinterm Horizont“ findet Shiml immer wieder diese Worte. Sein zweischneidiges Schwert aus Battle-Rap und tiefschwarzen Allegorien ist auf beiden Seiten scharf genug, um ein schwarzes Loch in die Szene zu reißen, das alles Licht aufsaugt. Da wird auf „So weit du kannst“ ganz unpeinlich ein Konzept um Vögel gebaut oder auf „Pechschwarz“ ein Haus gebaut, das die Ewigkeit überdauern könnte. Aus dieser Instanz heraus zieht der Marodeur durch die spärlich beleuchteten Straßen und räumt auf.

Dunkel wie die Nacht, wenn sie kommt und dich in den Arm nimmt“, lässt Shiml immer wieder Teile eines Mosaiks fallen, aus denen sich der Zuhörer eine komplexe, zerbrechliche und deswegen so interessante Figur zusammensetzen kann. Der düstere Sound ist dabei stets auf Krawall gebürstet und ob Piano- oder Sample-Beat, die verschwörerischen Klänge lassen den Hörer nicht zur Ruhe kommen. „Hinterm Horizont“ wurde so für mich, aber auch für jede Menge andere Jugendliche in ganz Deutschland zu einem unangenehmen, aber loyalen Begleiter, der mich mit seinen kalten Händen stützt, wenn der Fall droht.

 

 

Kein Morgen

Wenn ich das Album elf Jahre später erneut höre, kann ich mich wieder tief in das schwarze Loch bewegen, dass kein Licht hineinlässt und dort Ruhe finden. Zweifel, Wut und Melancholie haben auch Dank Shiml für immer einen festen Platz in der Geschichte des hiesigen Raps. Leider war ihm – im Gegensatz zu seinen Labelkollegen – nie wirklich Erfolg vergönnt. Der Nachfolger „Im Alleingang“ erreichte 2009 immerhin Platz 86 in den Charts, aber das letzte Release („Generation Null“ mit Montana Max) liegt ganze sieben Jahre zurück. Immerhin gab es 2015 auf dem dritten Labelsampler von Selfmade ein unerwartetes Comeback, aber ob wir noch mal mit einer echten Veröffentlichung rechnet dürfen, steht in den Sternen. Und die kann man in den meisten Nächten am wolkenbehangenen Himmel kaum erkennen. Wenn man Shiml zuhört, dann weiß man das. 

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Schlägt bei FIFA entweder den Gegner oder den Tisch kaputt und findet nicht, dass Kollegah wie Rakim rappt.

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