Elf Jahre „Hart(z) IV“ –  Eko Fresh, Ghettochef, Junge, denn es muss sein

10 Jahre Hartz 4

2. Juni 2006: Deutschland steht kurz vor der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Und während mehr oder weniger die ganze Nation der Euphorie um das Sommermärchen verfallen ist, findet der deutsche Traum zunächst nur in Köln-Kalk statt. Der selbsternannte König von Deutschland, Eko Fresh, veröffentlicht an diesem Tag die Single „Gheddo“, eine Kollabo mit Ersguterjunge-Mastermind Bushido, die wohl bis heute einem Großteil der hiesigen Hip-Hop-Hörerschaft hinlänglich bekannt sein dürfte. Wenige Tage später steht die deutsche Mannschaft im Achtelfinale um den Titel; derweil steht Eko Fresh mit seinem zweiten Album „Hart(z) IV“ vor einem (musikalischen) Neuanfang.

„Du hast es geschafft, Eko, die Leute reden wieder von dir, nachdem sie dachten du wärst weg auf und davon und krepiert“, schallt es nur ein Jahr zuvor aus den Boxen von sämtlichen Rap-Anhängern oder auch denjenigen, die dem jungen Ekrem Bora trotz seines hochgradigen Talents keinerlei Sympathien abgewinnen können. Diese Zeilen aus Kool Savas’ Disstrack „Das Urteil“ hat Eko aber scheinbar wörtlich genommen und ist trotz metaphorischer Beerdigung wieder auferstanden.

Eko Freshs Reformkurs heißt Hart(z) IV. Ein Albumtitel, der nicht hätte passender gewählt werden können, bringt er doch Ekos damalige Situation nach dem Beef mit KKS auf den Punkt. Kein Mentor mehr, kein Labeldeal mehr und völlig broke in seiner Heimat Köln. Aber genau das ist es, was ihn damals am Leben hält. Der tagtägliche Struggle in der „Grembranx“ mit seinen Jungs von German Dream. Im Interview mit hiphop.de sagt Eko Fresh 2006 zur Wahl des Albumtitels:

„Das hat zwei Bedeutungen. Das erste ist der Hip-Hop/Eko Fresh Grund. Man weiß ja, dass ich Dinge eher ironisch nehme und, anstatt zu heulen, dass es nicht gut lief, nenn ich mein Album einfach Hart(z) IV und mache weiter. Der zweite ist der sozialpolitische Grund. Ich sehe mich ja auch als Sprecher meiner Leute, ich will nicht über materialistische Dinge rappen und dann wieder hier nach Gremberg kommen. Ich möchte so gut wie möglich repräsentieren wo ich herkomme. So weit meine ich das also auch ernst.“

Gemeinsam sind Eko, Hakan Abi, Summer Cem, Kingsize, Capkekz, G-Style, La Honda und Kay One die „Stenzgang“, „Kings of Cologne“, „Soldier, Homie“ oder auf der „Westside“. Dass sich auf der Platte ausschließlich Feature-Gäste aus Ekos persönlichem Umfeld befinden, hat laut ihm einen ganz bestimmten Grund wie er hiphop.de damals verrät:

„Alle großen Klassiker der Rapgeschichte waren in der Familie gehalten. Deswegen habe ich mich dazu entschieden, das auch so zu machen.“

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Freezy huldigt mit der Platte in erster Linie seinem Leben in Cologne („Der Ort, an dem ich in mein Textbuch reinschreibe“). Er versteht es wie kein Zweiter, das Gefühl des Harzens auf den Streets mit einer großen Portion Witz und Charme zu mixen („Darauf kannst du Gift nehmen“). Für diese unnachahmliche „Freshness“ erntet er vor allem auf seinem Debütalbum „Ich bin jung und brauche das Geld“ erste Lorbeeren. Hinzu kommt auf Hart(z) IV eben noch die Ghettoattitüde.

Diese kommt vor allem durch einen Track massiv zum Tragen: „Gheddo“, die erste Singleauskopplung aus Hart(z) IV und gleichzeitig ein Feature mit dem zu dieser Zeit wohl erfolgreichsten Deutsch-Rapper überhaupt, nämlich Bushido. Dessen Album „Von der Skyline zum Bordstein zurück“ erscheint nur wenige Monate nach dieser LP und prägt Deutschrap 2006 nachhaltig.

„Eko Fresh, Ghettochef, Junge, denn es muss sein, Köln-Kalk, Hartz IV, komm in meine Hood rein“

Schon mit den ersten Zeilen sorgt Eko auf einem melancholischen Beat, der aber trotzdem regelrecht nach vorne peitscht, für eine knallharte Delivery. Das Gespann Fresh/Black feuert atmosphärisch ein wahres Meisterwerk ab, das bis heute auf jedem Eko-Konzert ein Highlight darstellen dürfte. „Gheddo“ ist vielleicht bis zum heutigen Tag Ekos wichtigste Single.

„Ek is back“ mit der gleichnamigen zweiten Single, die jedoch schon wieder mehr an den ignorant humorigen Style früherer Tage angelehnt ist. Auch aufgrund des poppigen Instrumentals und der gesungenen Hook von G-Style weicht der Song vom restlichen Album eher ab.

Zudem fallen zwei weitere Titel auf, die sich beide inhaltlich mit Frauen auseinandersetzen, wenn auch in ganz unterschiedlicher Form. Während Ek auf „Bitanem (Meine türkische Freundin)“ die Liebe zu einer türkischen Frau beschreibt, erzählt er in „Noch einmal“ von diversen Groupie-Geschichten.

Die Rap-Farbpalette ergänzt „Bazen“, ein Track auf dem türkisch gerappt wird. An sich bieten die genannten Nummern auf „Hart(z) IV Abwechslung zur Ghettobelletristik, jedoch wird man teilweise das Gefühl nicht los, dass Eko wieder einmal versucht inhaltlich alles und jeden zu bedienen.

In puncto Beats bedient sich Ek hauptsächlich bei Kingsize, Beatlefild, Sti, DJ Rocky und Triple-D. Der Sound, der dabei kreiert wurde, pumpt im Wesentlichen monströs durch die Boxen und animiert zum Kopfnicken. Für ein Gefühl von Ekos Heimatverbundenheit sorgen zudem orientalisch angehauchte Einflüsse in den Instrumentals.

Optik Records, Ersguterjunge, German Dream: Eko Fresh stand bis zum Jahr 2006 schon bei mehr Labels unter Vertrag als dass er Solo-Alben veröffentlichte. Sein zweites Album „Hart(z) IV“ stellt für ihn persönlich eine Zäsur da. Weg von der Optik-Crew, hin zu Ersguterjunge. Dort läutet er an der Seite von Bushido eine neue Ära des Erfolgs ein. Parallel dazu gibt er auch mit seinem eigenen Label German Dream ein erstes Lebenszeichen ab und vergisst dabei seine Kölner Jungs nicht. Mit „Hart(z) IV“ erkämpft sich Ekrem Bora ein neues Standing in der Szene, das teilweise aber auch mit einem Imagewandel verbunden ist. Seine humorvolle und selbstglorifizierende Art hat er sich erhalten, jedoch kommt diese auf der Platte öfter in harten Battle-Tracks zum Ausdruck. Eko selbst bringt es im Titeltrack „Hart(z) IV“ treffend auf den Punkt:

„Ich bin angepisst, keiner will noch zu mir stehen, aber dass ich besser rappe muss sich jeder eingestehen!“

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