Ein Interview mit “LeidenSchafft”-Regisseur Mirza Odabaşı

Mirza Odabaşı ist ein deutsch-türkischer Regisseur, Sänger/Songwriter und Fotograf aus Berlin. Der gebürtige Remscheider hat in Düsseldorf Kommunikationsdesign studiert und setzt seit jeher seine Ideen in allen möglichen Formen um. Nachdem er vor drei Jahren mit seinem Kurzfilm “93/13: 20 Jahre nach Solingen” schon viele Menschen begeistern konnte, veröffentlichte er dieses Jahr seinen zweiten Film “LeidenSchafft”, eine Dokumentation über Hip-Hop und Migration in Deutschland. Der Film hatte viele Gastauftritte, darunter bekannte Musiker wie Eko Fresh, Chefket, Marteria und viele weitere. Ich habe Mirza interviewt. Wie er mit der Resonanz umgeht, was ihn dazu antrieb und vieles mehr erfahrt ihr hier.

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“LeidenSchafft” war bereits auf der Premiere in Ehrenfeld gut besucht und der Film dreht Runden in der deutschen Hip-Hop-Landschaft. Nach einer Fernsehpremiere gibt es ihn jetzt in diversen Mediatheken. Wie nimmst du diese ganze Resonanz auf?

Die Resonanz ist toll. Die zahlreichen Besucher, die Quoten und Views. Die unzähligen Mails und Nachrichten und natürlich die Tatsache, dass es im TV läuft und seine Anerkennung dadurch auch noch bekommt, ist für mich eine unglaublich wichtige Motivation und Kraft für die Arbeit, die geleistet wurde und für die Arbeit, die ich noch leisten möchte.

Wenn dich jemand nach deiner Arbeit fragt, antwortest du gerne mit: „Ich dokumentiere“. In welchem Alter und vor allem wie kamst du zu dem Entschluss?

Also was das Filmen betrifft, habe ich schon relativ früh ganz unterschiedliche Sachen gemacht. Da wir schon mit circa 13 Jahren Musik gemacht haben, drehten wir auch zeitgleich unsere eigenen Videos. Einfach hobbymäßig, neben sportlichen Aktivitäten  Videos gedreht und selbst geschnitten. Also Film- und Videoaffinität war schon immer da, ohne dass ich es selbst gemerkt habe. Kombiniert mit dem Alter und dem Drang, das zu kommunizieren, kam dann zustande, was ich jetzt bin. Leute von außen kommen und sagen zu mir: „Du bist voll der Künstler“, dabei weiß ich nicht einmal für mich selbst, was es heißt, Künstler zu sein. Ich bin auch nie bewusst diesen Schritt gegangen und habe mir diese Mütze aufgesetzt. Ich hatte einfach den Drang, eine Leidenschaft wie Film und Musik mit einem Hobby zu kombinieren. Bis jetzt funktioniert das. Die Leute verstehen mich. Ich fühle mich sehr wohl darin und kann mir nicht vorstellen irgendwann etwas anderes zu machen.

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Du bist nicht der typische Regisseur, der einen Film macht und das Produkt einfach abgibt, du führst die Gedanken stets weiter und bemühst dich um Kommunikation. Für viele junge Türkinnen, Türken, aber  sowohl  junge als auch ältere Menschen verschiedenster Herkünfte stellst du mittlerweile einen Wegweiser dar. Hättest du je damit gerechnet, auch so eine Rolle einzunehmen?

Ich hab weder diese Haltung oder Erwartung gehabt, noch überhaupt irgendeine. Nicht nur auf der emotionalen/psychischen oder auf der filmischen Ebene war es so, dass ich gesagt habe, ich bin voll der krasse Filmemacher, der unbedingt Gehör bekommen muss. Meine Beweggründe haben sehr viel mit mir selbst zu tun. Ich habe ganz viel für mich selbst getan, gar nicht egoistisch. Ich hatte den Drang das zu verarbeiten und mit mir selbst ins Reine zu bringen, auch um mir das Leben in Deutschland angenehmer zu gestalten. Die Themen in meinen Werken beziehen sich nunmal auf meine Identität. Ich bin mir immer dessen bewusst gewesen, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht. Sonst hätte ich mir die Filme alleine auf der Couch angeguckt. Aber niemals mit der Erwartung, Sprachrohr für Jugendliche zu sein oder zu werden. Wenn es dann aber so kommt, dann sind es schöne Nebeneffekte. Natürlich motiviert mich das auch und trägt dazu bei, an meinen Projekten weiter zu arbeiten. Ich kriege ganz unterschiedliche Feedbacks von  den verschiedensten Leuten, die mir ziemlich persönliche Sachen erzählen ohne mich zu kennen. Und das weil sie sich in den Projekten so sehr wiedererkennen, dass sie eine starke Beziehung zu mir aufbauen. Das ist sehr beeindruckend und vor allem schön für mich, sowas aufzufassen und daraufhin weiterzuarbeiten, aber ich bin nie mit dieser Intention an meine Arbeit gegangen.

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In letzter Zeit ist immens viel vorgefallen, was einem als Türke bzw. Muslim in Deutschland ein Dorn im Auge ist. Beispielsweise der Putschversuch und die Folgen, die jener brachte. Wie hast du die Ereignisse aufgenommen und vielleicht verarbeitet?

Dass es unser Leben sehr, sehr stark beeinflusst, ist ja kein Geheimnis. Ich glaube, es ist egal welche Meinung man über die Akteure in der türkischen Politik hat, man kommt [als Türke] nicht drum rum sich damit zu befassen. Bei mir war in den zwei, drei folgenden Tagen absoluter Notstand und ich habe mich nicht auf meine Projekte konzentrieren können. Ich war zu der Zeit bei meinen Eltern und wir saßen bis acht Uhr morgens zusammen vorm Fernseher. Meine emotionale Bindung zu dem Land ist natürlich sehr stark und lässt sich nicht einfach abstellen. In Deutschland kann ich mich noch entscheiden: Geb ich mir das oder geb ich mir das nicht? Und einfach abschalten. Aber wenn es um die Türkei geht, keine Chance. Ich habe nichts mit dem Land zu tun, habe die Heimatstadt meiner Eltern vor 13/14 Jahren zuletzt gesehen, habe keine direkte Verbindung zu den Menschen, bin aber auf emotionaler Ebene connectet als gäbe es kein Morgen. Ich versuche mit meiner öffentlichen Person und meinen Projekten nicht damit zu interagieren. Ich bin sehr vorsichtig, was meine Meinung zu der Türkei betrifft. Als der Putsch stattfand, haben mir viele Leute geschrieben, dass sie ein Posting oder ein Statement dazu wollen. Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen es unbedingt wissen wollen. Aber ich halte mich eher geschlossen, da ich dabei sehr emotional werde, was bei den meisten Türken der Fall ist. Die Reaktion auf Politik hat nichts mit Politik an sich zu tun. Jede Diskussion findet auf einer emotionalen Ebene statt. Gerade das macht es aber immer gefährlicher und man sieht auch wo das hinführt. Ich versuche da in dem Sinne keinen Beitrag zu leisten, um nicht noch mehr Unfrieden zu stiften. Wenn ich was dazu sagen würde, würde ich wahrscheinlich Worte wie “versöhnen” oder “Wogen glätten” benutzen. Ansonsten fühle ich mich nicht darin wohl, öffentlich darüber zu diskutieren.

Du hast mir erzählt, dass du als nächstes Projekt einen Spielfilm geplant hast. Kannst du mir schon sagen, worum es geht und wie weit das Ganze schon ist?

Worum es geht, ist für mich persönlich noch nicht so klar. Ich habe zwei, drei Ideen zu denen ich tendiere, die aber alle komplett unterschiedlich sind. Es ist für mich noch nicht 100 Prozent klar, deswegen macht es keinen Sinn, jetzt schon eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Es sind schon zwei Exposés entstanden, die bereits an diverse Produzenten gegangen sind. Ich denke aber, dass ich spätestens Ende des Jahres weiß, in welche Richtung es gehen wird. Es können aber auch Kurzfilme werden, mit denen ich auf Festivals gehe. Das steht für mich alles noch nicht fest. Was aber feststeht, ist, dass ich unbedingt nach diesen zwei Dokumentarfilmen schauen will, was für mich als Filmemacher in der Welt der fiktionalen Spielfilme alles drin ist. Das ist eine Herausforderung, die ich sehr gerne annehme.

Verfolgst du bei deinen Projekten einen roten Faden oder würdest du deine Projekte als einzeln isoliert betrachten?

Für mich stehen die Authentizität und die Ehrlichkeit an vorderster Stelle. Wenn man auf meine Projekte zurückblickt, sieht man, dass die Identitätsfindung und das deutsch-türkische Verhältnis im Vordergrund stehen. Das kann ich gar nicht abstreiten, würde ich auch nicht wollen. Ich könnte auch einen Film über Mexikaner in den U.S.A. machen, einfach nur weil es mich interessiert. Darauf könnte ich aber meine Gedanken und mein persönliches Weltbild nicht in dem Maße projezieren und zum Ausdruck bringen. Ich glaube schon, dass das Besondere an den Projekten, die ich bis jetzt gemacht habe, ist, dass ich so viel von mir einbringe und diesen Faden will ich auch weiterhin im Hintergrund halten. Ich will das nicht machen, um die türkische Flagge hochzuhalten oder die Integrationsfahne zu schwingen. Die Projekte könnten für jeden interessant sein, der diesen Identitätswandel mitgemacht hat. Ich werde auch weiterhin in den Spielfilmen darauf achten, dass ich meine eigenen Fragen, meine Ansichten und Intentionen mit einfließen lasse. Ansonsten hätte das alles keinen Mehrwert für mich.

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