Ehrlich Erwachsen: Fabian Römer im Interview

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Copyright: Ramon Haindl

F.R. ist nicht mehr F.R., sondern Fabian Römer. Der Entschluss unter seinem bürgerlichen Namen Musik zu veröffentlichen passt zum neuen Album „Kalenderblätter“ wie die Faust aufs Auge. Denn das ist weit entfernt von Floweskapaden in Hochgeschwindigkeit über den immer gleichen Sample-BumTschak. Stattdessen hat sich Fabian nach über zehn Jahren im Spiel weiterentwickelt und ein melancholiegetränktes Album mit viel Liebe zum Detail und einer Menge Texte zum Nachdenken geschaffen. Ein „Kopfhöreralbum“, wie er sagt. Wir trafen uns mit ihm in Berlin, um über das Zimmer ohne Zeit, verschreckte Fans und kitschige Zeilen zu sprechen. 

Du bist seit deiner Kindheit in der Musikindustrie verankert. Wird man nach so einer langen Zeit zum abgestumpften Medienprofi?

Als Rapkünstler konnte man durch Jams und kleine Festivals schon immer früh vor Publikum spielen. Außerdem hat man das Privileg, dass Szenemedien – wenn man nicht den schlechtesten Rap der Welt macht – relativ schnell auf einen aufmerksam werden. Ein Medienprofi bin ich trotzdem nicht. Was ist das überhaupt? Ich finde so was eher abstoßend. Man sieht es bei Fußballern: Sie geben in Interviews immer die gleichen Antworten, die keine Angriffsfläche bieten.

Obwohl du gerade von deiner Leidenschaft Musik leben kannst und es gut läuft, klingt „Kalenderblätter“ sehr melancholisch. Woher rührt diese Melancholie?

Musik entsteht bei mir oft in komplett einsamen Momenten. Deswegen schreibe ich Texte meistens nachts. Ich denke, dass es daher kommt. Allerdings gibt es auf dem Album neben der melancholischen Grundstimmung auch helle Momente. Trotzdem zieht sich besagter Faden durch das Album; ob man den mit Melancholie oder was anderem benennt, weiß ich selber nicht. Auf jeden Fall ist es keine leichte Kost.

Vor vier Jahren bist du nach Berlin gegangen, weil hier eine gewisse Anonymität herrscht. Hat sich deine Musik in der Stadt verbessert, weil du noch öfter für dich sein kannst?

Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht, ob es da einen Zusammenhang gibt. Ich habe damals ja auch schon komplett für mich geschrieben und mich abgekapselt. Da war mein Rückzugsort mein Kinderzimmer. Jetzt habe ich mehrere solcher Orte. Ich habe das Studio, in das ich jederzeit gehen kann. Sonst schreibe ich bei mir zu Hause oder verreise einfach.

Du hast auch gemeint, dass es spätestens dann an der Zeit ist, etwas anderes als Musik zu machen, wenn du nur noch mit Medien- und Musikmenschen verkehrst. Ist das mittlerweile eingetroffen?

Manchmal lässt es sich tatsächlich nicht vermeiden. Und ich wünsche mir ab und zu immer noch, des studieren willens zu studieren. Allein, um Menschen aus anderen Fachbereichen kennenzulernen. Aber ich schotte mich auch nicht komplett von allem ab und habe einen breit gestreuten Freundeskreis. Die Leute aus Braunschweig haben oft nichts mit Musik zutun, aber viele sind schon in dieser Branche unterwegs. Schlecht ist das natürlich auch nicht. Immerhin hat man schnell eine gemeinsame Ebene. Sie verstehen dein Leben und du verstehst deren Leben.

Fährst du trotzdem manchmal zurück nach Braunschweig, um Texte im Zimmer ohne Zeit zu schreiben?

Tatsächlich nicht. Den Song habe ich in einer schlaflosen Nacht bei mir zuhause geschrieben. Ungefähr dreimal im Jahr gibt es Momente, in denen es mich wie im Wahn packt und Texte durch mich durchfließen. Das sind dann auch die einzigen Momente, in denen ich mich wie ein Künstler fühle. Am nächsten Morgen steht dann plötzlich ein kompletter Song im Handy. Das war einer von ihnen.

Was war der Auslöser für diesen Wahn?

Das kann ich überhaupt nicht sagen. Das wüsste ich auch gerne.

Nur viermal im Jahr Künstler? – Möchtest du dir diese Rolle sonst nicht eingestehen?

Künstler klingt immer so abstrakt und hochgestochen. Ich meine wirklich die Momente, in denen man von der Muse geküsst wird und nicht weiß, woher die Inspiration kommt. Das sind generell die Momente in der Kunst, die dir superviel zurückgeben.

Der Ansatz an deine Musik ist merklich künstlerischer geworden und stellenweise könnte man sagen, du machst Sprechgesang.

Da würde ich dir widersprechen. Ich finde es immer falsch, wenn man Rap wie eine Zirkusattraktion sieht und denkt, man müsste rechts, links, vorne, hinten irgendwelche Flow-Verrenkungen machen. Ich finde “Zimmer ohne Zeit“, „Kalenderblätter“, oder „Nach dir“, sind allesamt pur Rap. Wirklich Pur Rap! Es ist viel anspruchsvoller auf langsamen Beats einen souveränen Flow auszupacken, der trotzdem eine starke Reimstruktur hat, als sich verquere Flows auszudenken. Das fällt mir so leicht und macht wenig Spaß. Deswegen finde ich es falsch, meine neue Musik nicht mehr Rap, sondern Sprechgesang zu nennen. Ich mache ja keinen Poetry Slam oder lese Gedichte vor. Sprechgesang klingt mir zu sehr nach degradierenden Fanta 4-Rezensionen. Das stimmt einfach nicht.

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Copyright: Ramon Haindl

Die instrumentale Ebene verzichtet auf Bum-Tschak und Sample-Loops. Stattdessen wirkt alles viel musikalischer als früher.

Das ist einfach so gekommen, weil alle Songs mit einem Produzenten der Beatgees und einem Instrumentalisten entstanden sind. Bei meinen vorherigen Alben saß ich meistens mit Phillip von den Beatgees zusammen, habe Beats gebaut und Instrumente wurden maximal im Nachhinein dazu gespielt. Diesmal war es oft so, dass ein Instrumentalist mit im Raum saß. Dadurch wurde es etwas musikalischer. Ich finde auch, dass wir Urban-Referenzen mit drinnen haben. Es gibt auf jeden Fall Querverweise darauf, dass Phillip auch Drake und J Cole hört. Wenn du „Kalenderblätter“ zum Beispiel mit einem Clueso- oder Bosse-Album vergleichen würdest, würde man vor allem in der Produktion viele Unterschiede feststellen. Wir haben versucht, beide Welten zu vereinen.

Deine alteingesessenen Fans könnte das Album verschrecken. Gab es da schon negative Resonanz von Leuten, die dich lieber wieder freestylend im 3XL-Shirt sehen würden?

Ja, aber diese Resonanzen habe ich bei jedem Album. Ich hatte sogar das Gefühl, dass es beim letzten Album noch einen Tick härter war. Leute fordern dann: „Mach doch mal wieder wie früher. Rap mal schneller.“ Das interessiert mich aber nicht, weil mir Kalkül in der Musik fremd ist. Ich kann nur das machen, was kommt. Es fließt einfach durch mich hindurch und die Sachen, die im Studio entstehen, bringe ich raus – weil ich keine andere Musik machen kann, als die, die einfach so entsteht. Wenn dann viele Leute wegfallen, habe ich Pech gehabt. Wobei die erste Resonanz auf meine neuen Sachen überwältigend positiv war. Wahrscheinlich weil „Zimmer ohne Zeit“ noch am ehesten an die alten Sachen herankommt. Klar, wenn mich Leute als Rapper mögen und dann „Blauwahlherz“ hören, auf dem ich hauptsächlich singe, kann ich die Abneigung schon verstehen. Trotzdem habe ich das Gefühl, das viele alte Fans dem Album eine Chance geben werden.

Ist dir Gesang als Ausdrucksmittel mittlerweile genauso wichtig wie Rap?

Das würde ich nicht sagen. Es ist schon noch ein Rapalbum. Ich singe öfter, aber Rap ist meine Leidenschaft. Wenn du seit deinem zwölften Lebensjahr nichts anderes machst, dann wird das immer über allem stehen. Ich ziehe aber nicht mehr so starke Grenzen. Rap und Gesang verfließen und es ist nicht mehr klar zu unterscheiden.

Es gibt Passagen auf deinem Album, die in Kitsch ausufern. Zum Beispiel der „grinsende Chinamann“ auf „Dreh den Nebel um“. Die stempelst du im Song aber als Klischee ab. Hast du dich mit deinen eigenen Aussagen unwohl gefühlt?

Mit der asiatischen Kultur werden oft grinsende Menschen verbunden, obwohl das ein ziemliches Klischee ist und obwohl sie natürlich auch mal traurig sind. Aber die Mentalität ist von Gund auf positiver. In „Dreh den Nebel um“ soll es um positive Dinge gehen und da fand ich das Bild des chinesischen Imbissbudenbesitzers, der lächelt, obwohl es regnet, zwar unglaublich kitschig aber gut, um eine Stimmung auszudrücken. Ich als Schwarzmaler mag es ohnehin von Leuten umgeben zu sein, die über Probleme hinwegsehen können und sie einfach weglächeln.

Damit dein nächstes Album positiver klingt, musst du dich also nur mit diesen Leuten im Studio einschließen.

(lacht) Das glaube ich nicht. Ich könnte nie mit vielen Leuten Songs schreiben. Bei Amis sieht man manchmal, wie sie mit ihren ganzen Leuten im Studio sind, Champagner spritzen lassen und darüber erzählen, was sie am Tag erlebt haben. Das könnte ich nicht. Obwohl so mit viel Alkohol manchmal sehr lustige Spaßsongs entstehen. Die werden aber wahrscheinlich nicht erscheinen.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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