Ebow: „Die Leute haben auf eine politische Kanakin gewartet!“

Tatsächlich – auch wenn ich mir das eigentlich nicht eingestehen will – bin ich vor dem Zusammentreffen mit Ebru Düzgün alias Ebow aufgeregter als vor den meisten anderen Interviews. Ich habe sogar etwas Angst. Angst davor etwas falsches zu sagen. Angst davor unsensibel rüberzukommen. Ebows Musik wirkt auf den ersten Blick sehr fordernd, fast einschüchternd. Es geht gegen alltäglichen Seximus und Rassismus, aber auch gegen die Aneignung migrantischer Ästhetik durch den weißen Mittelstand, vor allem von Rap-Fans. Mit Ebows Eintreffen in einem hippen Cafe im Hamburger Schanzenviertel, in dem wir uns verabredet haben, um über ihr neues Album „K4L“ zu reden, verfliegt meine Nervosität aber sofort. Was jetzt auch mir klar ist: Es geht in Ebows Musik nicht darum, irgendwem Angst zu machen oder gar Menschen zu irgendetwas zu zwingen. Es geht überhaupt nicht um irgendwelche „Anderen“. Es geht um Ebow selbst. Und um ihre Community. Um Selbstliebe, um Empowerment und um ihre Position in unserer Gesellschaft und in der Rap-Szene. Und letzteres wird gerade in einer immer absurderen Zeit immens wichtig.

Die angesprochene Angst ist etwas, mit dem sich Ebow häufiger herumschlagen muss. Häufig wird diese anstatt in Demut in Wut und Hass kanalisiert und endet schließlich in Rassismus oder Seximus. Vor allem in sämtlichen Kommentarspalten des World Wide Webs wird vergeblich nach Gegenargumenten zu Ebows Beobachtungen gesucht. Sie stößt dabei in eine (Des-)Integrations-Debatte, die bisher vor allem literarisch von Autorinnen und Autoren wie Hengameh Yaghoobifarah, Fatma Aydemir und Max Czollek geführt wird und durch die Causa Özil längst auch jenseits des Feuilleton stattfindet. Von der Gegenseite kommen dabei die wirrsten Umkehrungen von Sexismus, Rassismus und Aneignung zum Vorschein. Viele scheinen sich schlicht ertappt zu fühlen und versuchen nun mit allen Mitteln dagegenzuhalten. Eine übliche Reaktion in diesem Diskurs. 

Gefundenes Fressen fürs Feuilleton

Dieser negative Internet-Kommentar-Quatsch soll allerdings gar kein langes Thema unseres Gesprächs werden. Mit Hass-Kommentaren befasst sich die Rapperin aktuell nicht. Dazu passiert im Moment viel zu viel positives in ihrem Leben. Ihre erste eigene Tour, die wenige Stunden nach unserem Treffen im Hamburger uebel&gefährlich gastiert, beispielsweise. Auch der mittlerweile überquellende Stapel an positiven Rezensionen in sowohl Feuilleton als auch Rap-Presse freut die gebürtige Münchnerin: „Größtenteils waren die Leute, die drüber geschrieben haben, einfach weiße Typen. Und die haben voll gecheckt, was ich damit machen wollte! Ich dachte ehrlich gesagt, ich werde ein Bisschen zerrissen, weil ich auch darauf eingehe, dass weiße Leute nicht diese Kanak-Ästhetik für sich imitieren sollen.“ Sie hatte schlichtweg mit mehr Kommentarschreiber*innen in Kritikerpositionen gerechnet.

 

Dass in all der positiven Resonanz der musikalische Teil neben dem politischen Rahmen häufig untergeht und meist erst in einem vorletzten Absatz lediglich der Vollständigkeit halber abgehandelt wird, stört sie dabei auch nicht groß. „Damit wird dem Album etwas das Musikalische abgesprochen, aber es wird halt eben auch das Politische sichtbar gemacht. Die Leute haben alle auf eine Kanakin gewartet, die etwas politisches macht, damit sie darüber schreiben können. Aber solange sie verstehen, was ich mache und solange sie die Message verbreiten, können sie meinetwegen auch eine soziologische Arbeit darüber schreiben.“ Eigentlich legt „K4L“ gerade musikalisch nochmal eine gewaltige Schippe drauf auf das, was der Vorgänger „Komplexität“ bereits andeutete. Diese Komplexität, die sich als Doppeldeutigkeit nicht nur auf Ebows Identität beziehen lässt, sondern auch die von Ebow gewählte, sehr komplexe Erzählform in klassisch intellektuellem Boom Bap á la Retrogott beschreibt, weicht an vielen Stellen einer neuen Eingängigkeit und dem Mut klare Statements zu setzte. Ebow hat mittlerweile Selbstbewusstsein und -sicherheit gefunden um deutlich mehr mit ihrer Stimme zu spielen, sei es in Gesang oder Ad-Lips. Ihre Musik wird immer freier und eigener. Konservative, meist männliche Stimmen, die Ebow früher immer wieder in ihren Schaffensprozess reinredeten, sind ausgemerzt. Es geht nur noch um das authentischste Selbst der Künstlerin. 

Im Endeffekt ist sich allerdings auch Juice– und Feuilleton-Autor Daniel Gerhardt in seiner Rezension für Die Zeit bewusst, dass Ebow gefundenes Fressen für das deutsche Feulliton darstellt und dort auch häufig auf die politische Message reduziert wird. Das ist auch nicht erst mit dem aktuellen Album der Fall. Schon vor ihren ersten, selbstbetitelten Album findet Ebow vor allem in öffentlich-rechtlichen TV-Formaten statt, sozusagen als Musterbeispiel für politisch korrekte und gut integrierte Rap-Musik trotz türkischem Nachnamen. Es festigt sich immer weiter ein Status als Kritikerliebling, bisher allerdings ohne den großen kommerziellen Durchbruch. Unpolitische Musik zu machen ist für Ebow dennoch kein Thema. Als Tochter einer alevitischen Familie ist sie seit Kindertagen mit ihren politisch sehr engagierten Eltern auf Demos unterwegs. Schließlich ist auch durch die Geschichte der in der Türkei systematisch unterdrückten Aleviten für Ebow eigentlich jegliche soziale Interaktion politisch geprägt.

„Solange sie die Message verbreiten, können sie meinetwegen auch eine soziologische Arbeit darüber schreiben“

Tatsächlich wird „K4L“, das als Kurzform für den mantraartige eingesetzten Rückgewinnungs-Aufschrei „Kanak for Life“ steht, von rein politischen Songs lediglich ummantelt. Ironischerweise lässt sich der Aufbau von „K4L“ am ehesten mit der wohl deutschesten Kleidungstaktik nach der bayrischen Tracht vergleichen, Stichwort Zwiebelprinzip. Intro und Outro der Platte sind gesprochene beziehungsweise auf Zazaisch gesungene Lyrik. Die nächste Schicht formen die erwähnten Polit-Hymnen, die, neben dem Titeltrack „K4L“, „AMK“ und „Schmeck mein Blut“ heißen. Streift man auch diese einordnende Schicht ab, landet man im Herzen der Platte: Einer Handvoll geschichtenerzählender Tracks, die eher gesungen als gerappt sind und wie eine zusammenhängende Geschichte wirken. Sie erzählen eine moderne, queere Liebesgeschichte, die mit dem wunderschönen R’n’B-Lovesong „Butterflies“ beginnt und über eine schmerzhafte Trennung in Selbstzweifeln, der Flucht in Club und Betäubungsmitteln und schließlich dem folgenden Kater endet.

 

In solchen vermeintlich banalen Erzählungen entsteht im Endeffekt eine viel wirkungsvollere politische Wirkung. Sie fügt Szene und Gesellschaft eine neue Perspektive hinzu. Eine bisher unerzählte Sicht, geprägt von selbstbestimmter Weiblichkeit, freier Sexualität und nationaler Diversität. Das ist auch das erklärte Ziel Ebows: „Ich hoffe, dass das Hip-Hop-Bild, also das Bild von rappenden Menschen so erweitert wird, dass da Frauen dazu gehören, dass da queere Menschen dazu gehören und dass diese wirklich Teil davon werden.“ Schnell lässt sich in dieser Aussage eine direkte Parallele zu den Wurzeln der Hip-Hop Kultur in den USA ziehen: eine weiße und rassistische Musik-Industrie um eine schwarze Perspektive zu erweitern, der eigenen Community über das Mittel der Musik Gehör verschaffen und schließlich auch gesamtgesellschaftlich sichtbarer zu werden.

Eine neue Perspektive für Deutschrap

Vielleicht findet sich hier auch einer der Gründe für die aktuelle Welle an Weiblichkeit, die gerade vor allem die amerikanische Rap-Szene flutet und vor wenigen Jahren noch als absolut utopisch galt. Viele männliche Perspektiven sind einfach auserzählt. Rap als vormalige Gegenkultur ist Mainstream, die meisten Akteure mittlerweile steinreich. Viele Narrative wiederholen sich, stagnieren. Geschichten von Unterdrückung und Empowerment, die tief in der DNA von Hip-Hop und generell Subkultur liegen, kommen 2019 meist von Frauen und Menschen jenseits gesellschaftlicher Gender- oder Sexualitäts-Normen. Und diese Perspektive, das haben die vergangenen Tage und eigentlich das gesamte letzte Jahr noch einmal eindrucksvoll gezeigt, braucht unsere Szene wie unsere Gesellschaft gleichermaßen sehr, sehr dringend. Angst erzeugen sollte das nicht. Dennoch wundert man sich, wie das bei einem Großteil der Rapgemeinschaft, von der man meinen sollte sie besitze so etwas wie Empathie für Unterdrückungsgeschichten, in dieser schieren Panik mündet, mit der sexistische Werte und Einstellungen verteidigt werden. 

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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