Die Leiden des jungen Aykut Anhans: Drei Jahre „Russisch Roulette“

russisch roulette

Blicke ich auf das Deutschrap-Jahr 2014 zurück, so denke ich an den Anfang des spektakulären Siegeszugs Kollegahs mit „King“ sowie an den zweiten Langspieler von Shindy, der mit „FBGM“ zumindest soundtechnisch neue Maßstäbe in Deutschland setzen konnte. Und dann war da noch „Russisch Roulette“, welches sich fünf Wochen vor Jahresende noch einmal in die Köpfe der Deutschrap-Hörer einbrennen sollte. Um ein wenig zu spoilern, für mich persönlich ist dieses Album das Beste, was ich jemals gehört habe. Und ich bin mir sicher, dass ich da nicht der Einzige bin. Sogar die ZEIT spricht vom „deutschen Dichter der Stunde“. Zwar gab es nach „Russisch Roulette“ auch weiterhin starke Straßenrap Platten („Baba aller Babas“, „Ebbe und Flut“, „High & Hungrig 2“, „Odyssee 579“), so konnte doch keiner am Ende nachhaltig so prägen, wie es Haftbefehl mit seinem vierten Album tat.

Die äußeren Umstände für solch ein großartiges Album konnten zu der Zeit aber durchaus einfacher für Haftbefehl sein. Denn auch nach drei Studioalben, mit „Azzlack Stereotyp“, sogar einem selbst erschaffenen Straßenklassiker, war er nach wie vor nicht wirklich angekommen in der deutschen Rapszene. Zumindest bei einer Vielzahl der deutschen Rapfans stoßte der Name des Rappers nach wie vor auf großen Unmut. Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung war möglicherweise auch ein gewisser Julien Sewering, den meisten wohl eher als JuliensBlog bekannt, der den Vorzeigeazzlack in seiner Rap-Analyse öffentlich demontierte und damit zumindest einem Teil des jüngsten Publikums das Gehirn wusch. Da spreche ich aus Erfahrung. „Der kann kein Deutsch“, „der reimt nicht richtig“, – alles Vorwürfe, die sich der Rapper mit türkisch-kurdischen Wurzeln immer wieder gefallen lassen musste. Mit „Russisch Roulette“ konnten zumindest die meisten dieser Stimmen verstummen. Ob es an der Zusammenarbeit mit Universal Urban gelegen hat? Geschadet hat es ihm sicherlich nicht, wie man aus der Ferne beurteilen kann.

Schon im Opener „Ihr Hurensöhne“ stellt Haftbefehl klar, dass sein Wechsel zum Industrieriesen Universal keineswegs heißt, dass die brachiale Härte seiner Musik abhandenkommt. Ja, solche Ängste gab es 2014 noch. Dazu war Trap in Deutschland viel mehr ein Wort als ein Stil.  Haftbefehl schafft es auf diesem Track bereits gekonnt, seine harten Lyrics auf ebenso noch härteren Beats von Bazzazian zu verpacken. Er übermittelt (wieder) einmal das roughe Straßenlebens eines Kanacken, der den Großteil seiner Freizeit lieber in Drogengeschäfte als in nachhaltiges wie Bildung investiert. Hafti wird es wohl am besten wissen müssen, denn war er doch damals selbst Teil dieses schwierigen Milieus. Und das schon „seit Knopfhosen von Adidas“.

„1999 Pt. I“ markiert den ersten Teil der interludeartigen Trilogie, die das Herzstück des Albums bildet. In diesem ersten Teil ist die Stimmung noch durchaus gelöst, Haft erzählt von den Anfängen seiner Drogenkarriere, nennt viele Namen und Orte – und reimt „Abdel Kazim“ auf „Germany“. Ja, das geht!

„Es ist Aykut Anhan – Hermann-Steinhäuser-Straße, Mainpark
Abdel Kazim – Abschiebung in jungen Jahren aus Germany“

1999 Pt. I

In „Lass die Affen aus’m Zoo“ lässt Haftbefehl die Azzlackz aus dem Sack und porträtiert das Leben auf FFMs Straßen so hart und ehrlich wie es nur ein Azad zu seinen besten Zeiten konnte . Es geht um „Kapitalverbrechen für Kapital“, sonst gibts „Kugeln für dein Kafa“. Alles auf dem wohl brachialsten Baba-Beat, den Bazzazian jemals für Haftbefehl gezaubert hat. Mit der Hook zum Song machte sich Baba Haft aber nicht nur Freunde, denn nicht wenige sahen in dieser eine Eins zu Eins Kopie von Kaaris Hit „Zoo“Ein Vorwurf, der bis heute Bestand hat.

Saudi Arabi Money Rich“ wiederum ist der stabile Representer Track, der eigentlich auf keinem Rapalbum fehlen darf. Auch hier wird wieder klar, dass Universal nicht plant, seinen neuen Vorzeigerapper „majorgerecht“ zu gestalten, denn wie sonst kann man sich diese Line erklären?

„Ich soll ihnen erzählen von meinem Major-Deal, den ich mit Penis unterschrieb“

Saudi Arabi Money Rich

Mit „Ich rolle mit meim Besten“ schafft es Haftbefehl in den Clubs dieser Republik gespielt zu werden. Heutzutage kann man Deutschrap und Club ohne Probleme in einem Satz erwähnen, denn die Bemühungen der Rapper, eine clubtaugliche Hitsingle zu landen, sind heute ziemlich groß. Dazu spielen die beliebten Trends dieser Entwicklung noch zu. Doch Haft schaffte es in die Clubs, ohne jegliche Kompromisse in seiner Musik zu schließen. Auch „Ich rolle mit meim Besten“ ist die erwartete Straßenraphymne – ähnlich wie „Lass die Affen aus’m Zoo“, nur das jener Beat ein wenig tanzbarer erscheint, gleichwohl mit einer Roughness daherkommt, wie man sie von Haftbefehl gewohnt ist. Die Videoauskopplung zum Song erschien mit Marteria, denn zur Deluxe Edition der Platte erschien auch eine Remix CD, mit allen 14 Tracks des Albums – inklusive Featureparts von K.I.Z., Marteria, Xatar, MoTrip, Samy Deluxe, Sido und vielen mehr.

Nachdem die Stimmung bis jetzt ziemlich hart und erdrückend war, fängt ab „Engel im Herz, Teufel im Kopf“ langsam an, die Stimmung zu kippen. Denn spätestens hier fängt der junge Aykut Anhan an, neben der bloßen Darstellung seiner Eindrücke auch zu reflektieren, wenn auch (noch) vermehrt in der Hook als in den Zeilen. Die Geschichte ist fix erzählt: Eigentlich ist Haftbefehl ein Engel, doch die Lebensumstände, die ihn tagtäglich aufs Neue begleiten, lassen dem Teufel freie Hand, sich seine Opfer zu suchen. Auch Haft kann sich dem Teufel nicht entziehen, im Gegenteil. Er ist geradezu besessen von ihm. Somit verwundert es nicht, dass im folgenden Titeltrack auch wieder mit der Berreta um sich geschossen wird – Opfer inklusive.

Die nächsten zwei Songs markieren den großartigen Wendepunkt des Albums. Im zweiten Part der 1999 Trilogie steckt der 14-Jährige Aykut in der größten Sinnkrise, in der ein drogentickender Teenager nur stecken kann. Vorbei sind die Zeiten irgendwelcher Glorifizierungen, nein, die harte Realität tritt ein. Der kleine Aykut ist gedankenverloren, umtrieben von Paranoia, dass seine Mutter das Abiat entdeckt, wie es die Tante in der Vergangenheit schon einmal tat. Und wenn am Ende wieder einmal der Teufel stärker ist als die Liebe zu Mama und zu Gott, ist klar, dass auf kurz oder lang (oder im nächsten Track) der Gasherd zum Drogen kochen angeschmissen wird. Denn hier offenbaren sich die wahren Gedankengänge eines Dealers. Es geht um die Frage: Hofnarr sein oder King? Leben in einem Schloss oder ein Durchschnittsbürger sein? Hier siegt der Durst nach Geld, nach gesellschaftlicher Anerkennung, die man sich anscheinend ja wohl doch erkaufen kann. Stand jetzt verliert Haftbefehl den Kampf gegen den Şeytan. Doch abgerechnet wird am Schluss. Zuvor malt Hafti in „Azzlackz sterben jung 2“ noch sein tristes Umfeld nach, an dem er selbst nicht unschuldig ist, immerhin ist er ja auch Teil des Problems. Aber nach und nach kriegt der Hörer hier nun das Gefühl, dass Haftbefehl immer weniger glorifiziert und verherrlicht, sondern mehr und mehr beobachtet und reflektiert.

„Shore in den Venen, aus Schwestern werden Zombies
Wandelnde Leichen, abgefuckte Junkies
Babos werden reich, denn Golden Brown war ein Hit
Hör die Geige des Tods, während der Bruder grade spritzt“

Azzlackz sterben jung 2

Doch die Versuchung, wieder zur Marionette des Iblis zu werden, ist groß. Da gibt es beispielsweise die berühmte „Anna Kournikova“, an der ein Dealer aus den Main-Blocks wohl nicht herumkommt. Haft denkt zurück, nicht immer war alles schlecht. Wenn am Ende nichts mehr bleibt, bleibt immer noch jene Anna Kournikova. Auf der elften Anspielstation findet sich übrigens der erste Gast des Albums, in Form von Miss Platnum. Aber wen wundert es, wozu braucht Haftbefehl denn auch Features, wenn „Russisch Roulette“ doch sein Leben erzählt? „Anna Kournikova“ ist mit Abstand der experimentellste Song des Albums. Der größtenteils von Bazzazian auferlegte Sound des Albums klingt wie ein Hybrid aus Trap und eher traditionellen Klängen. Auf „Anna Kournikova“ experimentiert Haftbefehl gekonnt mit Autotune, zu einer Zeit, in der in Deutschland noch nicht wirklich daran zu denken war, dass Autotune und Rap jemals miteinander harmonieren könnte. Allen voran nicht im maskulinen, testosterongeladenen Gangster- und Straßenrap. In „Haram Para“ tut sich Haft mit Gangstern aus dem benachbarten Frankreich, namentlich Kaaris, zusammen um noch einmal ordentlich auf den Rap-Putz zu hauen, bevor er konsequent dem Teufel abschwört und sich Gott und der Moral zu wendet. Er wäscht seine „Seele“ rein, wendet sich vom Iblis ab. Nachdem die Seele nun endlich sauber ist, rappt der Offenbacher noch einen letzten, reflektierenden Sechzehner für den Abschluss der 1999 Trilogie ein. Am Ende war es das bewegte Leben, Life und Hayat des heranwachsenden Aykut Anhans.

Russisch Roulette“ könnt ihr euch hier kaufen!

 

 

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1 Comment

  1. Memo

    28. November 2017 at 21:54

    Sehr gute Zusammenfassung. Eines der besten Alben.

Erzähl Digger, erzähl

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