Dissy über seine Top Fünf Musikvideos 2018

Hiesigen Künstlern aus aller Welt ist es immer wichtiger nicht nur musikalisch, sondern auch visuell zu beeindrucken. Die einen versuchen es mit derber Ästhetik, andere suchen bewusst den simplen Materialismus als Grundlage eigener Musikvideos. Daraus resultiert außerhalb der Grenzen dieses Landes eine breite Fläche an künstlerisch-visueller Diversität, national verfällt man, so scheint es, immer wieder dem Stereotyp Deutschrap: Prollig, belanglos, im Video im Lamborghini neben leicht-bekleideten Frauen sitzend, Lila Sprite trinkend und mit jeder Menge Waffen & Weed auf sich aufmerksam machend. Sich gegen scheinbare Muster zu bewegen stellt immer mehr die Ausnahme, als die Norm dar. Genau hier kommt Dissy ins Spiel. Im Zuge seiner „Fynn-EP“, welche bereits letztes Jahr erschienen war, veröffentlichte das Multitalent nebenbei noch einen passenden Kurzfilm. Ästhetik, anhaltende Spannung und kreative Umsetzung geben einem, neben der enormen Musikalität, noch die nötige Portion visueller Gänsehaut mit. Nun möchte Dissy mithilfe seines am 28. September erscheinenden Albums „Playlist 01“ in seiner Doppelrolle als Rapper und Regisseur nachlegen. Grund genug mit ihm über seine Top Fünf Musikvideos aus diesem Jahr zu sprechen.

A.CHAL ft. A$AP Nast – „Cuánto“

Ich hab’s gesehen und war direkt geflashed. Das hat so ein bisschen was von Justice„Stress“, was ja schon ein bisschen älter ist. Das ist für mich sowas wie eine Art Neuauflage, weil es auch um Kinder geht, die Gangster sind, aber diesmal ist das halt wirklich echt, weil das in Peru ja auch auf der Tagesordnung steht. Mir gefällt dieser dokumentarische Stil, diese wacklige Kamera und wie das alles geschnitten ist. Das ist total nah dran und dieser Dexter (Dexter Navy), der diese Videos macht ist sowieso ziemlich krass. Am Ende nehmen die dann noch Drogen, und das sind ja wirklich kleine Kinder diesmal. Die haben am Ende so ’ne Art Ayahuasca-Rausch. Während diesem Rausch erleben die so einen Trip, in dem die auf einmal eine ganz normale Kindheit haben. Das fand’ ich irgendwie ziemlich berührend.

Ist dir bei Musikvideos wichtig, dass das Ganze irgendwie eine tiefgründigere Geschichte erzählt anstatt, dass es nur um Materialismus geht?

Ach, das kommt darauf an, wie es gemacht ist. Wie bei ASAP Rockys „ASAP Forever“. Das beinhaltet ja auch irgendwie den ganzen Gangshit, aber wurde halt künstlerisch geil umgesetzt. Oder auch „Money Man“ vom ASAP Mob: Da ballern die die ganze Zeit rum und es geht auch „nur“ um Drogen verkaufen und Geld. Ich feier‘ das aber manchmal voll, wenn Videos richtig ignorant und schlicht sind.

Wieso hast du „ASAP Forever“ dann beispielsweise nicht mit in die Liste aufgenommen?

Weil ich dachte, dass das wahrscheinlich jeder nehmen würde. Aber ich finde das auch richtig krass – ist für mich gar nicht so einfach. Ich wollte einfach mal ’n paar andere Videos nehmen. „Cuanto“, beispielsweise, ist glaube ich ein wenig untergegangen, aber trotzdem ist es halt ’n geiles Video.

Tyler The Creator -„OKRA“

Tyler hat natürlich auch noch ’n anderes mega aufwendiges Video gemacht, aber dieses „Okra“ ist halt gerade so geil ignorant einfach. Wie er vor dem Baum sitzt in diesem Splitscreen – Das ist so dumm und simpel. Oder auch in der Hook, in der einfach irgendein Auto Burn-Outs dreht. Auch der Beat und der Song sowieso: Einfach 808 Geballer. Wie das Video reinkommt mit diesem Baum – Das ist ein geiles Gesamtwerk und dabei so simpel.

Tyler ist ja generell jemand, der krass visuell-künstlerisch begabt ist. Ist er in der Sache sowas wie ein Vorbild für dich?

Auf jeden Fall, das war er schon immer. Auch Vince Staples ist ne krasse Inspiration. Natürlich auch XXXtentacion irgendwie. Aber auch Sachen aus anderen Musikrichtungen.

Childish Gambino – „This Is America“

Das hier wird wahrscheinlich in jeder Top-Fünf-Liste drin sein. Deswegen wollte ich das auch erst nicht nehmen, aber es ist einfach ein wirklich krasses Video. Das ist das Video, das ich dieses Jahr gesehen, und mich sofort so mega geflashed hat, dass ich es jedem gezeigt hab’. Da ist einfach alles drin: Ich mag Tanz und Choreographien sowieso voll gerne, dann natürlich dieser Schockmoment am Anfang, dass das so überspielt wird und dann noch der ganze politische Hintergrund. Das hat mich echt umgehauen, als ich das das erste mal gesehen habe.

Findest du denn, dass Musik und ihre visuellen Umsetzungen die Aufgabe haben sowas anzusprechen und damit sozial- und gesellschaftskritisch sein sollten?

Ich glaube Entertainment ist das aller wichtigste, ansonsten guckt sich das ja auch keiner an. Ich will ja auch unterhalten werden, wenn ich mir etwas angucke. Wenn es mich aber voll entertained und nebenbei noch eine tiefer-greifende Message dahinter steckt, dann ist das etwas, bei dem ich echt Gänsehaut bekomm`. „Cuanto“ hat ja auch ’ne tiefere Message. Aber irgendwo haben das ja diese Prollvideos auch, wenn es beispielsweise darum geht etwas aus sich zu machen.

Würdest du dich manchmal so ein bisschen als den deutschen Donald Glover bezeichnen?

Auf jeden Fall n krasser Vergleich. Er ist auf jeden Fall auch eine krasse Inspiration und daher würde ich es geil finden und mich mega geschmeichelt fühlen, wenn man den Vergleich so ziehen würde. Ich bin ja aber eher der visuelle Typ und mach’ halt Musikvideos. Er ist ja zusätzlich noch richtig Drehbuchautor, also ihm gehts glaube ich dann noch mehr um Inhalt, als mir (lacht).

XXXTENTACION – „SAD!“

Das ist denke ich das emotional krasseste Video, was dieses Jahr gedreht wurde. Alleine diese ganzen Geschichten drumherum und die Frage, ob er jetzt wirklich tot ist, wenn er ein paar Tage vorher ein Video veröffentlicht, in dem er selber im Sarg liegt. Mich berührt das nochmal ganz besonders, weil es bei „Fynn“ ja auch ganz viel um meine böse Seite und Dämonen bzw. darum geht, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. In dem Video prügelt er sich ja quasi mit seiner bösen Seite oder mit seinem alten Ich. Das wurde dann ja auch total kontrovers diskutiert, weil er diese Verbrechen begangen hat. Er geht ja zu dessen Beerdigung, auf der er sagt, dass er sein altes Ich ausschalten wird. Am Ende tötet bzw. besiegt er das auch. In dem Text darunter geht es auch ganz viel darum, dass Liebe verbreitet werden soll. Und dann mag’ ich noch diese düstere Aufmachung, das ist ja auch voll mein Ding, solche dämonischen Traumwelten zu erschaffen. Auch wegen dem Hintergrund, dass er kurz danach gestorben ist und sich aber auch alles selber ausgedacht hat.

Bist du, unabhängig von dem Video XXXtentacion „Fan“ gewesen oder bist es Immer noch?

Ja, voll! Auf irgendeine Weise hat das alles ja auch zu seiner gesamten Kunst gepasst, deswegen fragt man sich auch die ganze Zeit, ob der wirklich gestorben ist. Das passt so zu seiner Musik, und zu dem was er vorher gesagt hat. Als ich von seinem Tod gehört hab’ dachte ich einfach „Mega Schade“, weil er auf jeden Fall der interessanteste junge Künstler für mich war.

Findet du denn, dass Persönlichkeit und Kunst getrennt werden können?

Das klingt jetzt mega kitschig, aber ich glaube, dass jeder eigentlich etwas gutes in sich hat und dass die Scheisse die er gebaut und mit seinem Vater erlebt hat, auch irgendwo herkommt. Das ist auf gar keinen Fall ne Entschuldigung, aber ich glaub’ halt immer an das Gute. Und wenn man die ganz alte Musik von ihm schon hört, da stecken so viele Momentaufnahmen drin, und ich hab das so wenig so krass erlebt, dass Menschen so sehr die Musik als Ventil benutzen wie er. Die ganze Wut und so hat er ja so krass in seine Musik gebracht. Am Ende gings ja in den Texten auch ganz viel darum, dass er sich bessern will. Das ist schon ’ne krasse Entwicklung in so einem jungen Alter. Und auch wenn der scheiße gebaut hat, also richtig, richtige Scheisse, gibt es für mich immer noch so ein bisschen die Trennung zwischen dem Menschen und der Kunst, die er macht. Und es gibt ja ganz viele Menschen die Scheisse gebaut haben, und denen hat er ja vielleicht trotzdem das Gefühl gegeben, dass man vielleicht ein besserer Mensch werden kann. Bei Religionen geht es ja auch darum, dass man selbst Menschen, die was schlimmes verbrochen haben, versuchen muss zu verzeihen. Es bringt nichts immer böse auf Leute zu sein.

Füffi – „Peng / Voll in die Fresse“

Füffi ist n Homie von mir, der auch ganz viel Artwork für mich, und gleichzeitig auch selber Mucke macht. Der Hintergrund ist auch, dass die das nur zu zweit, er und sein Kumpel, gemacht haben. Da kann man mal sehen, wie man auch zu zweit so nen geilen Scheiss rocken kann. Ich feier‘ irgendwie, dass das auch von den Farben und der Ästhetik so cool geworden ist, ohne dass da jetzt ’n krasses Team oder viel Budget dahinter gesteckt hat.

Was glaubst du, woran das liegt, dass sowas im Verhältnis relativ wenig Aufmerksamkeit bekommt?

Erstmal, weil es ja gerade so eine Riesen Masse gibt und es glaube ich echt schwer ist mittlerweile auf den Radar zu kommen, weil es so unfassbar viel Output gibt und die Leute einfach gar nicht mehr so viel aufnehmen können, von dem was erscheint. Dann ist das alles natürlich auch ein bisschen anspruchsvoll und nicht mehr so leicht bekömmlich, wie andere Musik, die gerade so erscheint. Das ist nicht so eingängig und vor allem inhaltlich muss man da genau zuhören, um das zu verstehen. Und das ist natürlich jetzt nicht so mega zeitgemäß, oder das was gerade alle machen.

Und bei dir?

Ich bin da schon ganz happy momentan. Ich denk mir auch oft, bei dem was gerade mega bekannt ist und was gerade alle gucken, dass das so weit weg ist von dem, was mir gefällt, dass es kein Wunder ist, dass das so wenig Reichweite hat.

Das ist das einzig nationale Video in deiner Liste. Hat Deutschrap vielleicht ein Problem damit, sich visuell gut auszudrücken?

Ja, ich glaube in Deutschland gibt es nicht so richtig das Publikum für Kunst. Da macht man lieber so Partymucke, was die Leute dann feiern. Da wird dann rein investiert. Aber so richtig Kreatives – dafür gibt es in Deutschland, hab’ ich das Gefühl, nicht so wirklich großes Publikum. Vielleicht ist das auch nur ’ne Unterstellung und man muss es einfach mal machen, aber das Budget liegt halt weniger bei den Leuten, die was wirklich kreatives machen würden, sondern bei denen, die halt dasselbe wie der Rest machen. In Amerika ist das Publikum für Kunst viel, viel größer und da wird viel mehr Geld in eigene Visionen von einzelnen Leuten gesteckt. Ich glaube hier reden einem zu viele Leute rein bei den einzelnen Labels. Ich hab jetzt wirklich mal die Möglichkeit meine eigene Vision umzusetzen, weil ich die Mittel dafür jetzt hab’. Da bin ich schon ganz happy drüber.

Was gehört deiner Meinung nach in ein gutes Musikvideo? Was ist dir persönlich wichtig?

Das wichtigste ist, dass man gute Leute dabei hat und dass man viel Zeit hat. Wenn es geil werden soll, brauch man viel Zeit zum schneiden, weil man das immer nochmal angucken und sacken lassen muss. Und diese Zeit ist halt meistens nicht da. Wenn ich von anderen Leuten angefragt werde, hat man meistens nur zwei Wochen Zeit, um ein Video zu machen und so zwei Tage Zeit, um zu Schneiden. Dann macht man das halt schnell und dadurch ist es oft gar nicht möglich ein richtig geiles Video dann zu machen. Weil Zeit ja auch wieder Geld kostet. Ich leg immer viel Wert auf `ne geile Visualität.

Danke, Dissy!

Dissy auf Facebook.

Dissy auf Instagram.

Dissy auf Twitter.

Dissy im Web.

The following two tabs change content below.
Triff mich U1 Endhaltestelle und ich erzähl dir was von Hip-Hop.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.