„Sachen fertig machen, ist immer ein Pain in the Ass.“ Goldroger über Teil II von “Diskman Antishock”

Diskman Antishock

Es ist momentan interessant zu beobachten, wie die Themen, die Goldrogers Musik zu einem Großteil durchziehen, innerhalb weniger Tage von Nischenthemen auf die Startseiten sämtlicher Medienportale gerückt sind. Corona und Kontaktsperren sei Dank unterhält sich aktuell die gesamte Welt darüber, wie man innerhalb der eigenen vier Wände auch mal ausbrechen kann. Einfach mal die Realität zwischen Videospielen, Filmen, Musik und dem Internet irgendwo Links liegen lassen kann. Passenderweise erscheint diesen Freitag der zweite Teil von Goldrogers Trilogie-Album „Diskman Antishock“. Nach einem ausführlichen Gespräch zu Teil Eins im vergangenen Jahr, hat Goldie uns nun nochmal ein Update über den neuen Teil und vor allem die Verbindung zum Vorgänger gegeben. Natürlich ging es auch auch um persönliche Auswirkungen der aktuell allgegenwärtigen Corona-Krise. 

 

Eine Wartezeit von gut einem Monat zwischen Interview und dem tatsächlichen Erscheinen des zugehörigen Textes – dann meist parallel zur Album-VÖ – ist innerhalb eines normalen Release-Zirkel der Musikindustrie eigentlich ein Standard. In dieser Zeit müssen manchmal noch einzelne Details ergänzt oder bearbeitet werden. Wirklich große Änderungen am Text sind allerdings seltenst der Fall. Die Corona-Krise bringt nun jedoch auch zeitliche Wahrnehmungen ziemlich ins Wanken. Die Lage ändert sich gefühlt täglich. Es prasseln immer neue Information auf uns ein und doch bleibt es bei nur einem Thema. So ist es für mich extrem befremdlich, dass es nur vier Wochen her sein soll, als ich mit Goldroger am Telefon noch über das Schicksal unseres Festival-Sommers orakelte. Denn seit einer gefühlten Ewigkeit ist bereits klar, dass es in diesem Jahr nichts wird mit Dosenbier und Live-Musik unter den Kränen von Ferropolis. Auch andere Gesprächsfetzen wirken jetzt bereits völlig veraltet.

„Wenn die Tour abgesagt wird, raste ich komplett aus.“

Mittlerweile ist sogar Goldrogers Tour im Oktober, zu der wir uns eigentlich fest für einen Schnack über Teil Drei von „Diskman Antishock“ verabredet hatten, deutlich in Gefahr. Für unser Gespräch lassen wir die ganzen Corona-Debatten dann glücklicherweise für eine gute halbe Stunde fast komplett hinter uns. Erstmal reden wir vor allem über Musik. Der Mittelteil der „Diskman Antishock“-Trilogie wartet auf sein Release. Teil Drei ist schon in Arbeit. Vor allem der zweiter Teil ist innerhalb eines dreiteiligen Gesamtwerks jedoch häufig der Knackpunkt. Wenn Teil Eins, wie in diesem Fall definitiv geschehen, bereits einschlägige Erfolge wie eine ausverkaufte Tour oder Platzierungen in diversen Jahresbestenlisten feiern konnte, muss nachgelegt werden. Gleichzeitig soll für das große Finale trotzdem noch Luft bleiben. Schließlich bleibt, grade im Fall einer Album-Trilogie noch die Frage nach der Konsumierbarkeit. Und dabei ist sich Goldroger selbst noch nicht so ganz sicher.

Aktuell – und dabei handelt es sich irgendwie um einen sehr interessanten und passenden Zufall – gibt es, je nach Streaminganbieter, zwei Möglichkeiten der Abspielweise von „Diskman Antishock“: Bei Spotify beispielsweise findet man zwei von einander getrennte „Diskman“-Releases in Goldrogers Diskografie. Wagt man nun den Blick zur Konkurrenz von Apple Music, erscheint hier nur ein großes Album mit allen 14 Tracks der beiden Teile. Allgemein kann das ganze Projekt als eine Art Produkt der aktuellen Medien-Situation von Streaming und nachträglicher Bearbeitungsmöglichkeit gesehen werden.

Ein langes Album oder drei kurze Alben?

Dabei ist es schlussendlich auch völlig egal, wie man das Projekt und die einzelnen Teile betitelt oder in welcher Reihenfolge man sich die Songs anhört. Eigentlich will Goldroger die Alben getrennt voneinander betrachtet wissen. Dann räumt er aber auch ein, dass sich die aktuelle Platte eigentlich sehr gut direkt hinter dem Erstling hören lässt. Folglich hätte man allerdings – sobald Teil Drei erscheint – viel zu viel Material für ein einzelnes Album. Und doch können Konsument*innen sich dann einfach aus den vorhandenen Songs eine kompakte Playlist zusammenkompilieren. Streaming macht es möglich.

 

Eigentlich bestehen alle drei Teile sowieso aus einer Ansammlung von etwa 40 Demos, die innerhalb von nur einem Monat entstanden sind. „Der eigentliche Faden in diesem „Diskman“-Projekt ist, dass ich alle Songs im November 2018 geschrieben habe.“ Damals löste sich für ihn eine lange Schreibblockade mit einem riesigen Knall kurz nach einer Trennung. Die neue Texte sprudelten nur so aus ihm heraus. Als die ersten Demos Mitte 2019 dann fertig ausproduziert sind, bahnt sich bereits die nächste Schaffens-Krise an. „Sachen fertig machen, ist immer ein Pain in the Ass,“ fasst es Goldroger ziemlich simpel zusammen. Nach einem Arschtritt seitens seines kongenialen Produzenten-Duos Dienst&Schulter, die bereits seit „Avrakadava“ für sämtliche musikalische Untermalung im Hause Goldroger zuständig sind, wird die Entscheidung gefällt, die ersten sieben fertigen Songs einfach zu veröffentlichen.

40 Songs in nur einem Monat 

Mittlerweile ist Goldie sehr glücklich über die gewählte Release-Strategie. Auch, weil er selbst Trilogien einfach sehr gern mag. Vor allem aber, weil dieser durchaus riskante, weil innovativ gedachte Plan nun mehr und mehr Früchte trägt. Sowohl auf künstlerischer, als auch auf der businesstechnischer Seite. Die Gefahr, dass drei als EPs wahrgenommene Veröffentlichungen im schnelllebigen Medienkosmos untergehen, bestand durchaus. Das kann man auch innerhalb der eher dürftigen Beachtung von „Diskman Antishock I“ sehen. Auf der anderen Seite wurden Hörer*innen so zunächst langsam an die einzelnen Handlunsgstränge und Gedankengänge von „Diskman I“ herangeführt. Diese werden nun noch einmal in ein anderes Licht gerückt und so auch für weitere Durchläuft interessanter gemacht werden. „Weil das Ganze auf so einem engen Zeitraum entstanden ist, kommen bestimmte Motive öfter vor,“ antwortet Goldroger, wenn ich ihn nach einzelne textlichen Parallelen frage. Einige clevere Kniffe in Songwriting und Tracklisting verstärken diese Verbindung noch.

Rappen steht auf “Diskman Antishock II” deutlicher im Mittelpunkt 

Am deutlichsten kommt das wohl im Intro der neuen Platte zum Tragen. Neben dem offensichtlichen Zitat einiger Zeilen von „Bomberman“, also dem Intro von Teil Eins, schließt „Tesla“ auch direkt an Erstlings-Outro „Halt“ an. Dem Kampf gegen die Rückwärtsgewandtheit vor allem der konservativen Politik hierzulande wird ein Heilmittel zu Seite gestellt: es geht natürlich um das Internet. Eine klare Parallele findet sich auch in den jeweiligen zweiten Tracks der „Diskman“-Teile. „Lavalampe Lazer“ und „Lip Gallagher“ erzählen jeweils Coming-Of-Age-Geschichten, die eine bemerkenswert enge Bindung zwischen Musik und Freundschaft durchblicken lassen. Der Unterschied zwischen den beiden Tracks liegt dabei, neben einem kleinen Zeitsprung, vor allem in dem präferierten Genre. Während „Lavalampe Lazer“ noch von Moshpits und verrückten Gitarrenriffs erzählt, wird auf „Lip Gallagher“ auf dem Rücksitz über Kendrick Lamar-Tapes gefreestylet.

Allgemein sieht Goldroger hier den größten musikalischen Wendepunkt zwischen Teil Eins und Zwei: „Der zweite Teil ist deutlich rappiger. Ich flexe viel mehr,“ findet der Protagonist. Gleichzeitig – und da liegt eine der Stärken der neuen Platte – haben sich Beats und Hooks eher einen Schritt von Rap entfernt. Hall und Delay sind gefühlt immer voll aufgedreht. Gitarren und Drums wurden dafür noch verschwobener. Die Gradlinigkeit aus den alten Songs ist etwas gewichen. „Teil Eins hatte eine klarere Linie. Zwei ist jetzt etwas zerstreuter,“ bringt es Goldie auf den Punkt. Ein weiterer Wunsch war es, neue Facetten zu zeigen. Hierbei sticht dann vor allem die geniale Kopfstimmen-Hook von „Parabellflug“ heraus. Die von neuer Selbstsicherheit aber auch von Trends in den USA heraufbeschworene Experimentierfreudigkeit mit der eigenen Stimme steht Goldroger dabei sehr gut.

„’Bomberman’ und ‘Horcrux’ sind Momente, auf die ich stolz bin.“

Die düsteren Phasen von Teil Eins, also vor allem „Portion“ und „Coup de grâce“, bekommen auf Teil Zwei dann nach einer ungewohnt positiven ersten Hälfte doch noch eine Fortsetzung. Die hat es dafür in sich. „Als ich meinem Manager Malte den „Stromkreis“-Song geschickt hab, hat der mich erstmal angerufen und meinte ‚Alter, das ist schon ganz schön besorgniserregend‘.“ Die depressiven Phasen von Teil Eins werden hier zu einer waschechten Spielerei mit Suizid-Gedanken. Am Ende schließt die Platte dann mit dem pechschwarzen Gegenstück zum melancholisch-schönen „Wie Leicht“. „Horcrux“ beschreibt die Trennung, die zentral im gesamten „Diskman Antishock“-Universum schwebt und eben auch Auslöser der Flut an Texten für das Projekt war: „Den Song habe ich relativ kurz nach der Trennung geschrieben, weil ich mir auf jeden Fall auch wie so ein Monster vorkam. Dadurch kommt auch diese ganze Metapher.“

 

Schließlich wird auch „Diskman Antishock III“ noch einmal auf diese ganze Chose eingehen. Auch hier soll das bereits fertige Intro direkt an den vorherigen Teil anschließen. Die Befürchtung, dass es sich dabei irgendwann nur noch um Ausschussware und irgendwelche B-Seiten handelt, lässt Goldroger gar nicht erst aufkommen. Für „Diskman III“ habe er die teilweise besten Demos erst noch übergelassen. „Diese Songs habe ich aber zu der Zeit damals nicht umgesetzt bekommen, weil ich mit meiner Stimme erstmal klarkommen musste.“ Das hat sich mittlerweile geändert. Deswegen freut sich Goldie auch darauf, die letzten Tracks endlich fertig zu machen. Allerdings macht ihm da aktuell – und hier kommen wir doch wieder auf dieses leidige Thema zu sprechen – die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung.

„Vielleicht ist das die perfekte Phase für ein Goldroger Album.”

Das liegt jedoch nicht daran, dass die Kontaktbeschränkungen ihn von Studioarbeit hindern. Vielmehr ist es der ganze Trubel drumherum, der Goldroger aus der Bahn wirft: „Diese ganze Situation fickt mich richtig krass. Das kann man nicht anders sagen. Ich hab Angst wieder in eine depressive Phase zu fallen. Ich brauche auf jeden Fall Struktur und gewisse Routinen und da wurde ich halt voll rausgeschnitten jetzt. Das merke ich vor allem daran dass ich mich aktuell super schlecht auf Mukke konzentrieren kann.“ Am Ende bleibt nur die Hoffnung im Oktober dann doch noch durch die Clubs des Landes zu ziehen. Dann hoffentlich mit der gesamten Trilogie im Gepäck.

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