Hi My Name Is… Rapperin Finna: “Die soziale Klimaerwärmung ist der erste Schritt.”

Die Hamburger Rapperin Finna gewann 2015 bereits den Hamburger Musik-Preis Krach & Getöse. Seitdem ging es schnell: Sie spielte Supportshows für Frittenbude und hatte mit ihrem gefeierten Titel „Musik ist Politik“ ein erstes Release beim Hamburger Label Audiolith. Dazu folgten Liveshows von Freiburg bis Finnland und befreundet ist sie mit Neonschwarz. Heute erscheint wieder über Audiolith das Video zu ihrer neuen Single “Cool ist mir zu kalt”, in dem auch Sookee vorbei schaut. Bei uns erzählt Finna euch, woher sie kommt, was sie bewegt und was ihr sonst noch über sie wissen müsst:

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Foto: Lena Hähnchen

This is where I’m from:
Geboren bin ich in Hamburg, aufgewachsen allerdings größtenteils in Ahrensburg, einer sehr konservativen Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Ich hab die meiste Zeit meiner Kinderheit und Jugend damit verbracht, viel Energie da reinzustecken irgendwie, irgendwo, bei irgendwem dazu zu gehören und geliebt zu werden. Doch stattdessen war ich immer zu laut, zu leise, zu arm, zu dumm oder zu anders und blieb lange Zeit einfach das Assi-Kind, das von allen bemitleidet wurde, weil ich keines der intellektuellen, emotionalen oder materiellen Statussymbole aus dem Elternhaus vorzuweisen hatte. Das soll jetzt gar nicht so klingen, als ob meine Eltern scheiße waren, sie hatten nur einfach verdammt viele Probleme mit sich selbst und haben mir im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer das gegeben, was sie konnten. Welche Jugendliche kommen schon nach Hause und kriegen gratis Kippen und Bier oder kann umsonst besoffen nachts mit dem Taxi nach Hause, weil der Vater als Taxifahrer arbeitet und alle kennt.
Ich sag mal, alles hat seine Vor-und Nachteile 😉

I know my roots:
Beim Singen war ich immer frei, lange mein persönlichstes Geheimnis. Meine ganz private Pause-Taste, wenn ich alleine war. Die Pause vom Alltag, sozialen Barrieren, Zwängen, Zweifeln und Ängsten. In meiner Traumwelt, einmal die Person sein, die geliebt, statt verstoßen wird und dafür nichts tun braucht, außer die zu sein, die sie ist. Ich denke, dass wir alle uns im Kleinen genau das wünschen und auf der Suche nach bedingungsloser Liebe sind, es jedoch verdammt viel Mut und Überwindung braucht sich WIRKLICH zu zeigen, besonders, wenn man damit Angst vor Ablehnung hat. Und die Ablehnung kommt dann auch, doch kann man dann darauf vertrauen, dass die Menschen, die bleiben, es wirklich ernst mit einer meinen, was alles um das hundertfache wieder wett macht. Frei nach dem Motto: “Lieber eine*n wahre*n Freund*in statt tausend Falsche.” Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich das eigentlich erst jetzt vor 1 1/2Jahren mit ‘Musik ist Politik’ so richtig geschafft habe mich zu trauen, anderen zu zeigen wer ich bin und was ich so denke. Für mich geht es in meiner Musik nicht nur um die Musik, sondern meine persönliche Emanzipation aus systemischen Zwängen.

Ein riesiges Netzwerk aus Liebe, das mir gezeigt und vorgelebt hat, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist.

You know my steez:
Songwriting war für mich immer schwierig, da ich immer viel zu viel Text für viel zu wenig Akkorde hatte und eher versuchte, meine Gedichte irgendwie auf Teufel komm raus in eine Art Songstruktur zu quetschen, was dann schnell in einer Art leierndem, erzählendem Singsang-Singer-Songwriter-Zeug endete, der leider null tanzbar war. Dann versuchte ich mit der Band Turboton irgendwie musikalischen Fuß zu fassen, der leider auch irgendwie nicht ganz meiner war, da das Publikum, vor dem wir spielten, sich nur wenig für politische Inhalte interessierte und ich für all meine Themen noch keine Sprache gefunden hatte.

Bis meine beste Freundin Rahsa mir Hip Hop gezeigt hatte. Dabei fand ich Hip Hop bis dahin eigentlich immer kacke, bis ich ihn dann langsam durch sie verstanden hab. Sie zeigte mir Rapper*innen wie Angel Haze, Gavlyn, Kate Tempest und natürlich alle von Ticktickboom und Sookee. Diese entwickelte sich im Laufe der Zeit in meinem Kopf zu meinem direkten Vorbild und Idol. Ich sog jedes Wort und jeden Gedanken auf wie ein lernender Schwamm und fand die Worte für die Themen, die mich schon die ganze Zeit beschäftigten. Vor 2 Jahren lernte ich sie dann das erste Mal unter peinlicher Fan-Heul-Attacke durch einen Text-Workshop von Rock-City, mit Händchen halten von Andrea Rothaug, dann persönlich kennen. Was uns beiden, glaube ich, gleichermaßen unangenehm war. Doch sie hat mir geholfen, eine gute Ebene zu finden und mich von Anfang an ernst genommen und unterstützt. Noch immer ist sie für mich eine der wichtigsten Künstler*innen im deutschsprachigen Rap, die der nun nachwachsenden Generation von Rapper*innen aus dem queerfeminstischen Kontext den Weg geebnet hat. Ohne ihre jahrelange unermüdliche politische und künstlerische Arbeit durch sie und ihr wundervolles Label Springstoff wäre es für mich jetzt lange nicht so leicht, mir Gehör zu verschaffen. Sie haben quasi für uns alle die Ohren gespitzt, damit auch Leute, wie ich oder Jennifer Gegenläufer, denen der universitäre Background fehlt, in dieser Welt Gehör finden.

That’s my motherf****** name:
Finna ist eine Kombination aus den Namen Finn und Jana. In meinem Perso steht Jana, doch wäre ich ein Junge geworden, hätte ich Finn heißen sollen. Ich hab es lange Zeit verflucht, ein “Mädchen” geworden zu sein und lange Zeit immer das Gefühl gehabt, ich müsste mich irgendwann für eine Schublade entscheiden. Baggy oder Kleid, Ausschnitt oder Schlabberpulli, bin ich homo oder hete etc. Mittlerweile weiß ich, dass ich mich für gar nichts und alles gleichzeitig entscheiden kann. Daher ist Finna für mich mehr als ein Kunstname, sondern das auch namentliche Ankommen bei mir selbst.

Turn my music on:
Cool ist mir zu kalt’ ist meine zweite Single, die ich jetzt bei Audiolith veröffentlicht habe und beendet für mich eindeutig ein Jahr voller Zweifel, ob ich zu emotional, zu verletzlich, zu unbeskillt oder zu uncool für diese Hip Hop-Welt bin, in der es von Selbstdarstellungs-Ego-Prollos nur so wimmelt. Der Song entstand in Finnland in den Grind-Studios, in die ich durch ein Export-Projekt namens MusicFinland mit finnischen und deutschen Rap- und Produzentengrößen wie Sir Jai, Hanibal, Disarstar, Greeen, Noah Kin etc.  eingeladen worden war.
Ich wusste null was mich erwartet, kannte niemanden, weil ich Hip Hop nunmal bis vor kurzem noch sehr kacke fand… (wie ihr ja schon wisst 🙂 ) und stolperte ziemlich naiv in diese hochprofessionelle anfänglich kühle superhöfliche Major-Label-Atmo. Ich war krass verunsichert und hätte am liebsten sofort losgeheult, weil ich null reingepasst hab, allein schon, weil ich ‘ne Frau bin, gerade erst angefangen habe und mich noch krampfhaft an meinen Haus-Maus-Reimen festkrallen musste, damit ich überhaupt rapmäßig vermitteln kann, was ich denke und fühle.
Weil ich keinen Bock hatte, mich schon wieder irgendwo anzupassen, um Respekt zu bekommen, habe ich mich darauf konzentriert, mich an mir selbst festzuhalten und drauf zu scheißen, was jetzt alle davon halten. Ich dachte mir, dass die, die dann immer noch nett sind, es wenigstens wegen mir und nicht auf Grund irgendeines Status (den ich eh nicht hab) sind.
Am Ende der Woche hatte ich dadurch von allen dort mehr bekommen als oberflächliche Buisness-Kontakte, sondern vielmehr habe ich wundervolle einzigartige Menschen kennengelernt, die für kurze Momente die geschäftliche gegen die private Ebene mit mir eingetauscht haben. Das ist für mich mehr Wert als irgendeinem Zirkus gerecht zu werden, in dem ich eh nicht gut jonglieren kann. Mit Antti Hynninen und Brandon Bauer war ich da genau in der richtigen Session-Gruppe. Ich wählte das Thema, schrieb den Text und der Vibe im Raum war quasi so, dass dieser Song aus uns allen gemeinsam rausgesprudelt kam. Mit dem 360° Video vereine ich nun alles, was ich seit ‘Musik ist Politik’ eingesammelt hab. Ein riesiges Netzwerk aus Liebe, das mir gezeigt und vorgelebt hat, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist und wenn man sich für nichts und niemanden verstellt, zwar weniger aber genau die richtigen Menschen um sich rum hat. Ich kann mich gar nicht oft genug bedanken, bei allen mitwirkenden Herzens-Menschen, das ganze Team von Audiolith, Andrea Rothaug, Aron Krause und einfach alle, alle, alle Menschen, die mich irgendwie auf irgendeine Art umgeben und meine Vision von Message, Bild und Ton und nun das Release in dieser Form überhaupt möglich gemacht haben. Ohne all diesen Rückhalt und die Liebe, wäre ich nichts und hätte vermutlich noch mein ganzes Leben depressiv in der Psychatrie verbracht.

Es ist höchste Zeit aufzustehen, um sich gemeinsam genau die politische Tanzfläche zu erobern, auf der all diejenigen Platz zum Tanzen finden, die grad gezwungen werden, am Rand zu stehen.

Yo see the difference:
“Wenn wir uns nähern, statt entfern’ bilden wir Banden zu ‘nem Kern…”
“Wenn wir uns verbunden und den Mut ham’ zu handeln, können wir uns’re Wut auch in Liebe verwandeln…”

Eigentlich geht und ging es mir in meiner Kunst nie um die Abgrenzung zu anderen Menschen, sondern eher um die Betonung der Gemeinsamkeiten, der hörenden oder erlebenden Personen. Kunst schafft Atmosphäre. Wenn ich Musik mache, schaffe ich eine Atmosphäre. Meine Atmo is nie perfekt, immer n’bisschen schäbig, manchmal sexy, oft ranzig, stinkt ein bisschen, fühlt sich aber im gesamten irgendwie ganz geil an. Wer das cool findet und keine Aal-glatte Hip-Hop-Trap-Popmukke erwartet, sondern sich auch in schrubbelige Beats verlieben kann, ist bei mir genau richtig. Ist halt selbstgemacht. Ich mochte aber gebastelte Geschenke schon immer lieber als fertig gekaufte.

My brand new album/mixtape:
Cool ist mir zu kalt’ ist hiermit der totale Widerspruch zu dem, was sonst bisher war und was in näherer Zukunft kommen wird und dennoch genau das, was es sein soll und wovon ich schon immer geträumt habe. Ich bin seit ich Musik mache irgendwie endlich ein Teil von etwas, was sich bewegt, ohne mich anpassen zu müssen und behalte dennoch die Freiheit, die volle Verantwortung für mein Denken und Handeln zu tragen. Quasi wie eine riesige Demo, zu der alle als Einzelpersonen aus ihrem eigenen Kontext kommen, doch durch ein Anliegen gemeinsam gerufen, zwar nicht mit allen eins werden, aber lauter für alle außerhalb zu hören und zu sehen sind.

I know what I want:
Wie sich mein Sound wohl noch entwickeln wird und wo ich letztendlich musikalisch lande, ist mir noch nicht klar und ich erwarte da von mir auch erstmal keine klare Linie. Ich möchte spielen und forschen. Ich hab mich in Hip Hop verliebt und nun guck ich auf welche Arten sich was, wie gut anfühlt. Suchen, probieren, wachsen und gedeihen ist da mein Plan. Wenn man an Blumen reißt, wachsen sie ja auch nicht schneller. 🙂 Mit Audiolith hab ich da in jedem Fall genau das Label gefunden, welches mir den Raum gibt, mich zu pushen statt an mir zu zerren.

Look into the future:
Die Welt ist grad mehr als beschissen genug und wir haben alle n’Arsch voll zu tun, um sie zu verändern. Die soziale Klimaerwärumg ist der erste Schritt. Wir sind viele, aber noch lange nicht genug. Es ist höchste Zeit aufzustehen, um sich gemeinsam genau die politische Tanzfläche zu erobern, auf der all diejenigen Platz zum Tanzen finden, die grad gezwungen werden, am Rand zu stehen.

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Live könnt ihr Finna in der nächsten Zeit hier sehen:
05.08.16 Osnabrück – SubstanZ
06.08.16 Hamburg – Spektrum
13.08.16 Berlin – Rand. Gestalten. Festival
19.08.16 Leipzig – Beats im Block
27.08.16 Hamburg – Eigenarten Festival
27.08.16 Kiel – Festival am kleinen Strand
28.08.16 Berlin- Reclaim your Kiez
03.09.16 Hamburg-Action Mond und Sterne
10.11.16 Mainz – Schon schön (+ Kobito)
11.10.16 Karlsruhe – Kohi (+ Kobito)
17.11.16 Flensburg – Kühlhaus (+ Kobito)
18.11.16 Rostock – Zwischenbau (+ Kobito)
19.11.16 Kiel – Hansa 48 (+ Kobito)
24.11.16 Münster – Skaters Palace (+ Kobito)
25.11.16 Braunschweig – Nexus (+ Kobito)
26.11.16 Bremen – Schlachthof (+ Kobito)
16.12.16 Hamburg – Molotow (+ Kobito)

Finna in den sozialen Netzwerken:
https://www.facebook.com/finnaluxus
www.instagram.com/finnaluxus

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Diana

Die Stuttgarterin ist seit Dez' 2015 in Hamburg. Sie liebt die Welt der Bässe, Beats, Melodien und Lyrics. Im Studium hat sie sich fast nur mit Hip Hop beschäftigt und könnte endlos darüber nachdenken und schreiben.

Erzähl Digger, erzähl

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