Die LP meines Lebens: Vega (aus BACKSPIN MAG #116)

Seine Wahl hatte er schnell getroffen. „Leben“ von Azad hat Vega als die LP seines Lebens auserkoren. Warum sich der Frankfurter, der am 16. Januar 2015 sein neues Album „Kaos“ veröffentlicht, für genau diesen Longplayer entschieden hat und was er mit der LP verbindet, das erzählt er hier.

Vega, die Frage, welches Album die LP deines Lebens ist, hast du mit „Leben“ von Azad beantwortet. Warum hat dich Azads Debütalbum so beeindruckt?

Das hat viele Gründe. Erstens ist es schlichtweg das Album, das mich am längsten begleitet hat. Es hat mich auch am meisten beeinflusst und mir in meiner Jugend – ich war circa 16, als es erschienen ist – am meisten gegeben. Den Legendenstatus aber, diesen 100-prozentigen Wert, den habe ich erst die letzten zwei, drei Jahre geschätzt.

Warum?

Es ist unglaublich vielseitig und war für den damaligen Zeitpunkt auch technisch sehr ansprechend. Zugleich hat es eine unglaubliche Tiefe und Message. Und von der Produktion her, dadurch, dass Azad es selbst produziert hat, war es das erste Album, das diesen Frankreich-Touch hatte – mit den vielen Pianos und so weiter. Für mich war es seiner Zeit einfach weit voraus.

Erinnerst du dich, wie du damals mitbekommen hast, dass es dieses Album gibt? Und hast du es dir gekauft?

So genau weiß ich das gar nicht mehr. Aber ich glaube, dass ich das „Napalm“-Video gesehen habe, was ja wahrscheinlich vorher rauskam. Ich will da jetzt aber auch nichts Falsches sagen. Jedenfalls habe ich auch vorher schon Deutschrap gehört, aber „Napalm“ war der erste Song, das erste Video, was von der Stimmung und von der Richtung her genau meinen Geschmack traf. Die vermummten Leute in dem Video, es wirkte so Untergrundmäßig. Und es war Frankfurt. Außerdem hatte der Song einen anderen Sound als die Rap-Sachen, die ich schon kannte. Ich muss dazu sagen, dass das auch der Anfang meiner Rap-Karriere als Fan war. Und ich war dann so krass geflasht, dass ich zu einem Plattenladen gegangen bin, Ramtam. Das war so ein kleiner Plattenladen in der Wetterau, und der konnte das vorbestellen.

Und da hast du dir das Album dann gekauft?

Genau, die haben das vorbestellt und ich bin am Release-Tag dahin und holte es ab. Lustigerweise bin ich an dem Tag zum ersten Mal mit meinen Eltern in den Urlaub an die Ostsee gefahren. Ich saß dann hinten im Auto mit meinem neuen Discman, der 50 Sekunden shock-resistant war. Der spielte die CD auch weiter, wenn man mal über einen Hubbel fuhr. Sechs Stunden sind wir damals mit dem Auto gefahren, und ich habe die ganze Zeit das Album gehört. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Und auch das Artwork fand ich unglaublich.

Auf dem Album ist auch der Song „Gegen den Strom“, in dem Azad einigen Rappern vorwarf, sich zu sehr in Richtung Mainstream zu bewegen. Wie hast du den Song damals aufgefasst?

Darüber habe ich mir damals noch keine Gedanken gemacht. Dafür war ich noch zu jung. Ich habe mir mit diesem Album erst meine Meinung gebildet und fühlte mich danach immer mehr von dieser Hardcore-Rap- und Real-Hip-Hop-Ecke angezogen.

Besonders kritisiert hat Azad auf dem Album Samy Deluxe. Nun hast du dich vor einigen Monaten auch über ihn geäußert. Schließt sich da ein Kreis?

Was heißt, da schließt sich ein Kreis? Ich denke dass ich heute erwachsen genug bin, das, was Samy jetzt macht, distanziert beurteilen zu können. Damals, als 16-Jähriger, fand ich ihn halt bescheuert, weil Azad ihn bescheuert fand. Samy war damals in Frankfurt ein Tabuthema. Aber die Musik war auch so grundverschieden. Wenn man Azad gefeiert hat, hat man doch automatisch Samy nicht gefeiert.

 

Kann man sagen, dass Azad mit diesem Album einen großen Effekt auf die jungen Typen in Frankfurt hatte? Wie hast du das wahrgenommen?

Mein direktes Umfeld wurde von dem Album begleitet und bis zu einem gewissen Punkt auch mit- erzogen. Das ist das, was ich meine, wenn Azad auf „Leben“ Zeilen hat, in denen er sagt: „Sei ein guter Mensch, denn dein Charakter bestimmt dein Schicksal.“ Der war damals halt schon der Allergrößte. Er war unser Idol, die Nummer eins. Und wenn du ein Idol hast, das dir so einen Grundtenor mitgibt, dann nimmst du dir das krass zu Herzen und versuchst, es umzusetzen. Er hat auf diesem Album Straßenrap gemacht und Hardcore Leute gedisst. Gleichzeitig hat er aber auch gesagt: „Bleib ein guter Mensch.“ Verglichen mit heute, wo die Kinder gesagt bekommen: „Der ist ein Hurensohn und dessen Freundin ficke ich weg“ ist das schon grundverschieden.

Hat es für dich eine Rolle gespielt, dass das Album auf 3p, also einem Frankfurter Label, erschienen ist?


Auch darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Die RHP-Sachen hatte ich nicht direkt mitbekommen, dafür war ich damals noch zu jung. Als ich später Leute traf, die schon länger in der Szene waren, bekam ich aber mit, dass das damals eine relativ verrückte Geschichte gewesen sein muss. 3p stand ja für kommerzielle Musik. Dennoch haben sie von Azad so ein Underground- Ding releast. Als ich dann später anfing, Moses zu hören, war das Thema, dass man einen als Kommerz-Rap-Chabo verschrien hat, auch schon wieder vorbei. Ich feiere Moses jedenfalls unglaublich und habe ihn auch auf meinem Album.

Wenn man sich deine Karriere anschaut, wird deutlich, dass das, was Azad und Frankfurt schon damals vertreten haben, auch in deiner Musik von Anfang an eine sehr große Rolle gespielt hat. Wie viel Einfluss hatte das Album auf dich als Rapper und auf deinen Karriereweg?

Es hatte einen unglaublichen Einfluss. Für mich waren „Leben“ und „Feuerwasser“ von Curse genau die Mucke, die ich immer machen wollte. Das hört man natürlich. Wenn ich mir in meiner Findungsphase eine Richtung hätte aussuchen können, in die die Sachen gehen sollen, hätten sie auf jeden Fall wie „Feuerwasser“ von Curse und „Leben“ von Azad geklungen. „Leben“ war in meinen Augen von der Vielfalt und von dem Sound her nahezu perfekt. Natürlich habe ich mich daran in meiner Anfangsphase brutalst orientiert.

Also kann man sagen, dass du diesen typischen Frankfurt-Rap, den Leute wie Azad gestartet haben, ein Stück weit fortführst?

Ich denke, dass es einen Frankfurt-Sound gibt, den man auch immer noch hört. Aber den kann man nicht allein Azad auf die Mütze schreiben. Vor ihm gab es Konkret Finn oder auch die Asiatic Warriors, wobei die noch auf Englisch gerappt haben. Zu diesem Frankfurt-Sound haben jedenfalls viele Köpfe etwas beigetragen – und das wird in der Stadt von Generation zu Generation weitergegeben. Jedenfalls haben wir uns an denen orientiert und die, die nachkommen, werden sich dann wahrscheinlich an Haftbefehl oder vielleicht Bosca oder mir orientieren. Und so bleibt der Sound dann traditionell erhalten.

Ist dir das wichtig?

Ja, ich finde das schon wichtig. Gerade in den Staaten hast du das ja auch ganz extrem, dass gewisse Regionen einen gewissen Sound vertreten. Und ich finde es wichtig, dass wir das in Frankfurt auch haben. Ich glaube auch, dass wir damit in Deutschland relativ alleine sind. Man kann sagen, dass alles, was aus dieser Stadt kommt, diesen Frankfurt-Sound hat. Das hat man woanders nicht so krass.

Hörst du heute noch manchmal das „Leben“- Album?

Sehr sporadisch. Aber Azad macht ja immer noch Mucke. Und ich freue mich immer, wenn er etwas Neues herausbringt und ich feiere auch seine Weiterentwicklung. Die neuen Sachen sind wesentlich besser gerappt, und sie klingen auch besser. Demnach höre ich dann eher die neuere Mucke.

Auf deinem Album habt ihr einen gemeinsamen Song. Wie war die Zusammenarbeit?

Für mich war das eine unglaubliche Erfahrung, zu sehen, wie er arbeitet und wie perfektionistisch er ist. Das bringt auch ein bisschen Licht ins Dunkel, weil das ganze Land ja gerne mal jahrelang auf seine LP wartet. Wenn man einmal mit ihm zusammengearbeitet hat, weiß man, warum. Er will es perfekt machen und ist sehr detailverliebt. Es war für mich auch viel mehr, als nur diesen Song aufzunehmen. Ich habe viel mit ihm geredet, auch über alte Zeiten. So bekommt man einen Einblick in eine frühere Frankfurter Rap-Welt, den man sonst in meinem Alter nicht bekommen kann. Die Gespräche und die Zeit, die ich mit ihm da verbracht habe, waren am Ende fast wertvoller als das Stück Musik, das dabei herausgekommen ist.

Strebst du als Rapper danach, auch so ein Album in deiner Diskografie zu haben, wie es Azads „Leben“ für dich ist?
Natürlich wünscht man sich das. Wobei es auch sein könnte, dass ich – wenn man das auf meine Gegend bezieht – das vielleicht schon habe. Ich sehe, dass viele von den jungen Leuten, die hier in Frankfurt anfangen, Musik zu machen, mein erstes Album „Lieber bleib ich broke“ ähnlich beeinflusst hat wie mich damals „Leben“. Das Album ist allerdings noch relativ jung, es kam 2009. Aber ich habe die Hoffnung, dass in zehn Jahren jemand dasselbe über dieses Album sagen wird wie ich über „Leben“.

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