Die LP meines Lebens mit: Ahzumjot (aus BACKSPIN #115)

Am 22. August erscheint das neue Album von Ahzumjot. Wir haben ihn vorab mal nach der LP seines Lebens gefragt, jenem Album, das ihn am längsten begleitet und am meisten beeinflusst hat. Zwei Alben kamen für ihn als Antwort infrage. Für welches er sich entschieden und gegen welches es sich bei ihm durchgesetzt hat, das erzählt der in Berlin lebende Hamburger hier.

Ahzumjot, welches Album ist die LP deines Lebens?

Das ist „The Marshall Mathers LP“ von Eminem. Das ist das erste Album, das ich gekauft habe. Das war 2000, da war ich elf. Mein damaliger bester Freund war großer Eminem-Fan. Der hatte die „Slim Shady LP“ rauf und runter gepumpt. Irgend- wann kratzte ich dann mein Erspartes zusammen, um mir wenigstens die „The Real Slim Shady“- Maxi zu kaufen. An meinem Geburtstag gab mein Vater mir schließlich 50 Mark und ich bin ins Schauland in Hamburg gegangen. Dort kaufte ich mir gleich drei CDs: „The Marshall Mathers LP“, „The Writing’s on the Wall“ von Destiny’s Child und „Unleash the Dragon“ von Sisqó, weil ich ein großer Fan vom „Thong Song“ war. (lacht)


Also nicht einfach drei Rap-Alben?

Nein, meine erste gekaufte Maxi-CD war übrigens von Pink. Da ist sie aber noch mehr die R&B- Schiene gefahren, „There You Go“ hieß der Song. Als ich dann das Eminem-Album in den Händen hielt, ging ich mega stolz nach Hause, rief meinen Kumpel an und meinte: „Ey, ich habe die ‚Marshall Mathers LP‘, lass uns die anhören.“ Dann haben wir die rauf und runter gehört, bestimmt dreimal hintereinander. Damals war man noch so richtig stolz auf eine Platte und hat die monatelang den ganzen Tag gepumpt. Ich weiß noch genau, wie geil sie damals mit „Kill You“ anfing. Auf „Bitch Please II“ sind wir damals auch mega abgefahren. Und dann kam „Kim“ – wie schockiert wir bei dem Song waren. Der war schon krass.

War es dieses „Krasse“, was dich an Eminem fasziniert hat?

 Ich glaube, das war einfach die Art, wie er gerappt hat. Für mich war er einer der ersten, die auch the- matisch richtig krass waren. Wenn man sich auf „The Real Slim Shady“ anhört, wie er davon erzählt, wie er zu den MTV Music Awards geht und gleich neben Carsten Daily und Christina Aguilera sitzt und die einfach nur beleidigt und bespuckt – das fand ich lustig, trotz meiner Plattenkäufe von Sisqó und Destiny’s Child. Auf Dr. Dre kam ich übrigens erst im Nachhinein. Wir waren große Fans von „Forget About Dre“. Über den Beat haben wir früher immer versucht zu rappen – natürlich auf Englisch, was für einen Elfjährigen dementsprechend klang. Auf jeden Fall habe ich dann auch N.W.A, die alten Snoop-Dogg-Sachen, Ice Cube und den ganzen Kram retrospektiv für mich entdeckt. Im Gegensatz zu den anderen war Eminem für mich dann aber doch die ganze Zeit wie eine Art Schauspieler. Das fand ich interessant. Abgesehen von den Beastie Boys war er auch so ziemlich einer der ersten weißen Rapper, die im Vordergrund standen. Erinnerst du dich an das Interview, in dem Missy Elliott sagte, dass sie dachte, er wäre schwarz, nachdem sie ihn das erste Mal gehört hatte? Für mich war Eminem damals schon so eine Art Ikone. Der hat diese ganze jugendliche Wut in sich gehabt, das fand ich inspirierend – diese Antihaltung. Eminem war damals irgendwie mein Punk.

Wie viel hast du damals von den Texten verstanden?

Nicht so viel, wie man sollte. Vieles habe ich nach- gelesen. Ich hatte mir die Lyrics besorgt und ging die mit meinem acht Jahre älteren Bruder durch. Beim Hören sind natürlich überwiegend Dinge wie „Kill you“ und „Fuck you“ hängen geblieben. Man hat verstanden, dass er wütend war. Das fand ich gut. Dann bekam ich heraus, wieso der wütend war, und fand das noch geiler. Später, als ich jedes Wort verstand, hat es das natürlich noch mal getoppt. Aber wie er gerappt hat und wie es klang, das war schon damals sehr außergewöhnlich. Einen so krassen Flow haben viele Rapper nicht mal heute.

Die „The Marshall Mathers LP“ gilt mit Diamant- Status als Eminems kommerziell erfolgreichste. Gleichzeitig hast du ihn als wütend und ernst wahrgenommen. Meinst du, dass diese beiden Punkte für den Erfolg des Albums maßgeblich waren?

Definitiv. Dieses Zusammenspiel von Message und Wut war sicherlich einer der Gründe. Popmusik im eigentlichen Sinne ist das Album ja nicht, es gab nur kleine Gesangspassagen. Mittlerweile gibt es die ja leider sehr viel mehr. „Stan“ hat das Ganze auch kommerziell auf ein sehr hohes Level gebracht. Was Eminem wiederum inhaltlich gesagt hat, war jedoch nicht unbedingt fundiert. Er war einfach jung, wütend und wahrscheinlich komplett auf Droge. Deswegen konnten sich wohl viele Kids darin wiederfinden.

Hat das Album dir deinen Weg als Rapper gezeigt?
Eminem war der Grund, warum ich mich noch mehr für Hip-Hop interessiert habe. Natürlich habe ich vorher schon ein bisschen was von Nas mitbekommen und auch die Fugees haben mir gut gefallen. Eminem war aber schnell so etwas wie meine Ikone. Ich schrieb dann auch bald meine ersten Texte – auf Englisch. Natürlich merkte man schnell, dass ich der Sprache nicht wirklich mächtig war. Mit 14, 15 fing ich schließlich an, ernsthaft Texte auf Deutsch zu schreiben.

„Eminem war der Grund, warum ich mich noch mehr für Hip-Hop interessiert habe.“ 

Hörst du das Album heute noch? Wie textsicher bist du, wenn eine der Nummern im Radio läuft?

Das Album höre ich heute eher selten. Mitrappen könnte ich aber noch immer sehr viel. „Criminal“ fand ich damals zum Beispiel sehr geil, später habe ich den jedoch nicht mehr so gepumpt. Wenn ich den Song heute höre, merke ich übrigens, dass ich mir als Kind da einige Worte falsch ausgemalt hatte. Als du mich fragtest, welche Platte die LP meines Lebens ist, habe ich auch überlegt, „Hell Hath No Fury“ von Clipse zu nennen. Das ist so ziemlich eines meiner Lieblings-Hip-Hop-Alben. Jeder Song darauf ist krass, die Beats sind bombe. Dieses Album hat mich also auch sehr beeinflusst. Die „The Marshall Mathers LP“ hat mich aber vielmehr als Musikhörer und Mensch geprägt. Meine Mutter hingegen fand Eminem furchtbar. Für sie war das keine richtige Musik.

Warst du vom Nachfolger „The MMLP2“ enttäuscht?

Ich fand das furchtbar. Auf dem Weg zu einem Festival habe ich das einmal durchgehört. Ab „Encore“ ging es aber sowieso für mich bergab mit ihm. „Relapse“ fand ich okay, „Recovery“ fand ich dann schon scheiße. Da ging es dann ja auch los mit Rihanna-Features und so. Da bin ich aus- gestiegen. Bei „Berzerk“ dachte ich noch: Okay, der versucht jetzt, noch mal cool zu sein und diese Beastie-Boys-Schiene zu fahren. Diese Wut kam für mich aber einfach nicht mehr authentisch rüber. Danach kam „Rap God“: Das ist ja wohl der schlimmste Rap-Beat aller Zeiten. Da dachte ich mir: Das kann doch nicht dein Ernst sein! Wobei er für mich schon immer nicht den glücklichsten Beat-Geschmack hatte.

Wenn man als Künstler einmal so ein Holy-Grail- Album gemacht hat, wird es anschließend erst mal sehr schwer, oder wie stellst du dir das vor?

Das Los hat er sich ja selbst gegeben. Ist „The Marshall Mathers LP“ nicht sogar das erfolg- reichste Hip-Hop-Album aller Zeiten? Wie kann man danach dann so ein Album machen? Das ist wohl dieses Alte-Herren-wollen-es-noch-mal- wissen-Phänomen. Warum treten Leute nicht ein- fach ab, wenn es am besten ist? Wobei bei „The MMLP2“ die Enttäuschung nicht so riesig war, ich hatte Eminem sowieso schon lange nicht mehr so gehört wie früher. Meine weiße Mutter hat damals ausschließlich schwarze Musik gehört, mein schwarzer Vater hingegen nur weiße. Sie hat ihm damals Michael Jackson, Bob Marley und Prince eingeimpft. Zu mir hat sie dann immer gesagt: „Der rappt wie ein Weißer. Das kann man sich ja nicht anhören.“ Meine Mutter hatte also mehr Ahnung als Missy Elliott. (lacht)

Wie viel steckt von „The Marshall Mathers LP“ in deinem kommenden Album?
Da ich Texte auf Emotionen basierend schreibe, schwingt auf meinem Album bestimmt etwas von dieser Wut mit, wenn auch eher unterbewusst. Das sieht man ja schon an dem Albumtitel: „Nix mehr egal“. Ich bin halt jetzt an einen Punkt geraten, an dem ich Dinge selbst in die Hand nehmen und entscheiden will. Das Album geht auch mit einem Song los, der „Wann bin ich dran?“ heißt. Da stelle ich mir die essenzielle Frage des Albums. Das zieht sich sozusagen durch die gesamte LP. Dieses „Jetzt bin ich am Zug“ ist quasi die „Wut“, die mich schon durch Eminem geprägt hat.

Interview: Niko Hüls | Fotos: Christopher Voy

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