Die LP meines Lebens: Max Herre (aus der BACKSPIN MAG #110)

Sich zu entscheiden, welches Album einen denn nun am meisten geprägt hat, ist gar nicht so einfach. Als wir Max Herre nach der LP seines Lebens fragten, also nach der Scheibe, die ihm ganz besonders am Herzen liegt, nannte er uns gleich mehrere. Wobei Musik für ihn anfangs vor allem ein „Kassetten-Business“ war. Aber lest selbst…

Max, was ist die LP deines Lebens? Welche Platte hat dich über die Jah- re am meisten geprägt?

Oh, das ist sehr schwierig. Die erste wichtige Platte fällt mir sofort ein: „Udopia“ von Udo (Lindenberg, Anm. d. Red.). Eine weitere, die sicherlich sehr prägend war, ist „Rebel Music“ von Bob Marley, oder, noch lieber, die „Talkin’ Blues“. Müsste ich mich für Stevie entscheiden, hätte ich „Hotter Than July“ gesagt. Die ist nicht seine beste Platte, aber das ist die, die ich als erstes auf Kassette hatte. Würdest du mich ausschließlich nach Live-Alben fragen, wäre es viel einfacher. Dann würde ich „Bill Withers At Carbegie Hall“ nennen oder „Curtis Mayfield live!, die ist wirklich unglaublich. Oder Bob Marley & The Wailers „Babylon by Bus“. Die war übrigens meiner erste Bob Marley-Platte. Für die entscheide ich mich hier nun auch.

Ok, warum ausgerechnet die?

Weil ich mich da bedient habe für das Cover meiner neuen Platte. „Babylon by Bus“ hat auf dem Cover eine gemalte Front von einem Tourbus mit zwei Fenstern. Wenn man die Sleeves aus dem Cover gezogen, gedreht und wieder in das Cover geschoben hat, hat man immer wieder jemand anderen in den Fenstern. Für die Special Edition meines neuen Albums habe ich das auch gemacht. Die Hütte auf meinem Cover hat auch ein Fenster, und wenn man diese Art-Cards rausnimmt und eine andere reinsteckt, hat man ein neues Bild. Vier Karten haben wir dafür. Die haben je ein Motiv, das man vorne in das Fenster stecken könnte. Es können also immer wieder neue Szenarien in diesem Fenster entstehen. Das gibt es allerdings nur bei der Special-Edition-CD. Für das Vinyl haben wir die richtige Stanze nicht bekommen können.

Schade, früher gab es ja öfter mal interessante Gimmicks bei Plattencovern, vor allem, wenn es Gate- Folds waren…

Ja. Aber für die CD ist auch wirklich sehr schön geworden. Das ist so ähnlich wie bei „Kingdome Come“ von Jay-Z, da hatte er doch diese weinrote Folie auf dem Cover – die Welt auf meinem Cover ist mit Hilfe so einer Folie in mintgrün gehalten. Wenn man die wegnimmt, ist das Cover ein Schwarz- weiß-Foto, und da drin sind dann eben diese Art-Cards, die man drehen kann. Ich wollte einfach, dass es ein haptisches und optisches Erlebnis wird.

Zurück zu „Babylon by Bus“. Erinnerst du dich noch, wann du die bekommen hast?
Die habe ich gekauft, und zwar in einem Laden, der hieß Lerche. Da muss ich so 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein.

Was hat dich dazu verleitet, gerade diese Platte zu kaufen? Bob Marley mit 12 oder 13 kann man durchaus als früh bezeichnen…

Ich hatte eine Freundin zu der Zeit, Sarah, deren Mutter eine Plattensammlung hatte. Da standen 3.000 Platten in der Wohnung. Ihre Mutter hatte viele Platten, und ihr Vater, ein GI, auch, dadurch war die Sammlung schon sehr urban und soullastig. Da habe ich damals ganz viele Kassetten aufgenommen. Zudem hatte ich damals einen Freund, der in derselben Straße wohnte. Die Mutter war Surinamesin und kam aus Amsterdam, die war Musicalsängerin u.a. in München für „Hair“ mit Donna Summer. Die hatten auch eine große Soulplattensammlung. Das lustige ist, dass ich so sogar noch vor Bob Marley auf Eddy Grant aufmerksam wurde, und zwar auf das Album, auf dem „Electric Avenue“ drauf ist („Killer On The Rampage“, Anm. d. Red.). Das kannte ich schon vor Bob Marley. Und diesen Song, „Electric Avenue“, den fand ich super (Max singt die ersten Worte der Hook, Anm. d. Red.) Und von da an ging das alles ziemlich schnell, dass ich da immer mit meinen Maxell-Kassetten hin bin und mir Platten aufgenommen habe. Auf einer hatte ich, daran erinnere ich mich auch noch, auf der einen Seite Kurtis Blow, und auf der anderen war „Hotter Than July“, die Kassette habe ich sogar noch. Und dann hatte ich noch einen dritten Freund, dessen Mutter ebenfalls eine Plattensammlung hatte. Da gab es zum Beispiel die „Still Bill“ und die „Justments“-LP von Bill Withers. Die hatte ich mir auch auf Kassette aufgenommen. Das sind so die Platten, vor allem diese beiden Bill-Withers-Platten, die mir bis heute in Erinnerung sind. Die sind mir bis heute wichtig. Johnny Guitar Watson hatte ich mir auch noch aufgenommen.

Die „Ain ́t that a bitch“ mit „Super- man Lover“ drauf?

Nein, das war eine Best-of. Das war ja eh oft so, man ging damals in den Plattenladen und hat erst mal eine Best-Of gekauft, weil man sich nicht weiter auskannte. Oder bei Stevie war es zum Beispiel so, dass ich, noch bevor ich die „Hotter Than July“ hatte, schon „The Woman In Red“ kannte, denn das lief im Radio. Und dann später „Part Time Lover“, diese 80er- Jahre-Sachen eben. Es war ja eh so, dass man viele der Künstler erst mal über ihre 80er-Jahre-Platten kennengelernt hat. Bei Aretha Franklin war das auch so. Ich kannte zuerst „Jump To It“ bevor ich „Aretha ́s Gold“ kannte mit „Say A Little Prayer“. Viele Künstler aus den 70ern haben ja noch in den 80ern eine Rolle gespielt. Dass die noch eine Vorgeschichte hatten, merkte ich erst hinterher. Selbst bei Michael Jackson war es so. Was er schon alles an Legacy hinterlassen hatte bis zu „Thriller“ – damals kannte ich „Off The Wall“ auch noch nicht. Wenn du mich jetzt nach der besten Jackson-Platte fragen würdest, dann würde ich natürlich „Off The Wall

Hast du denn, nachdem du dir all diese Platten auf Tape aufgenommen hattest, einige noch mal als Original gekauft?

Lange habe ich mich mit meinen Aufnahmen auf Tape begnügt, ich habe da einiges zusammengetragen. Kool and the Gang, später Run DMC und so weiter. Ich hatte da auch einen Kollegen, der immer alles aus dem Radio mitgeschnitten hatte: Whodini, Kool Moe Dee etc. Aber insgesamt war es für mich erst mal ein Kassettenbusiness, Platten habe ich wenn dann mal geschenkt bekommen. Und manchmal habe ich auch eine gekauft. Aber meist war es mein Bruder, der die Rap-Platten gekauft hat, der ist zweieinhalb Jahre jünger als ich. Der kam damals mit den ganzen Golden- Era- und den Native-Tongue-Sachen an. Einige hatte ich damals dann aber noch gekauft, „De La Soul is dead“ zum Beispiel. Und Digable Planets. Pete Rock und CL Smooth und so etwas habe ich erst später gekauft. Aber die “Babylon by Bus“ habe ich schon damals gekauft. Und dann gab es ja auch immer so Phasen, in denen man eigentlich nur Platten aus einem Genre kauft. Reggae war für mich zum Beispiel eine ziemlich lange Phase. Da wollte ich auch auf alle Konzerte und wir hatten natürlich auch selbst eine Band, mit 15, 16 war das. Ich hatte in meinem Zimmer die Reggae- Summer-Jam-Poster und all das. Durch einen Freund, mit dem ich damals die Band hatte, kam ich dann auch zu dem Fusion-Kram, so begann die Jazz-Phase. Auf den Konzerten ging es damals für uns immer darum, wer als erster erkennt, ob das nun ein 9/4 Takt ist, oder ein 7/8-Takt. Das war unser Ding (lacht). Ein anderer Freund hatte damals schon ein recht teures Saxophon gekauft, also besorgte ich mir ’ne Posaune. Wir sind dann in den Anzügen meines Vaters rumgelaufen und dachten, wir wären Denzel Washington in „Moe Better Blues“. Mit 17, 18 sind wir mal nach Berlin gefahren, da saßen wir in einem Jazz-Laden, Lomeyers hieß der, da spielte an dem Abend eine Band, die hieß New York Jazz Quartett, so Typen aus Harlem. Und wir saßen da in unseren Anzügen und haben Senior Service Zigaretten geraucht, ohne Filter, und haben gedacht wir sind John Dury oder Barton Fink.

Die Musik hat euch also auch immer ein Stück Identität mitgeliefert…

Ja, das war immer so. Es kam immer erst der Style und dann erst der Skill – bis heute. (lacht)

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