Die Hohe Fünf mit Kuchenmann

Bayern ist für viele immer noch ein Niemandsland auf der deutschen Raplandkarte. Dass Künstler aus dem Freistaat wirklich polarisierten, passierte bisher relativ selten. Zu unrecht muss man sagen, denn in Franken brodelt es gerade gewaltig. Johnny Rakete konnte mit seinem zurückgelehnten Soundentwurf schon einige Herzen erobern. Doch auch Gruppen wie die Kornkreis Mafia oder das Smilingstreet Kollektiv überzeugen durch eine eigene Ästhetik und unvorbelastete Herangehensweise an Musik. Auch Produzent und Rapper Kuchemann ist Smilingstreet Member, hat zudem eine Rapcrew mit zwei New Yorker Künstlern und ist einigen vielleicht durch das Projekt Spark The Mic bekannt. Jetzt erschien seine EP „Lisa“ über Radio Juicy. Grund genug mit ihm mal ein paar Worte über seine Musik, New York und Rap in Franken zu wechseln.

Du hast gerade deine EP „Lisa über Radio Juicy veröffentlicht. Wer und was ist „Lisa“?

Der Titel ist zum einen durch die Cartoon Figur Lisa Simpson und einige ihrer Charaktereigenschaften beeinflusst. Vor allem die, die sie in den ersten fünf Staffeln zeigt. Danach wurden die Charaktere ja etwas verändert, finde ich. Außerdem habe ich gelesen, dass Lisa die Kurzform eines Namens ist, der aus dem Hebräischen kommt und so viel heißt wie: „Gott gewidmet“. Ich fand die beiden Bereiche recht passend. Sie spiegeln die EP in ihrer Gesamtheit ganz gut wider.

Die Instrumentale wurden alle von Vertiqua produziert. Du baust auch selber Beats.Warum trotzdem die Entscheidung mit einem anderen Produzenten zusammenzuarbeiten?

Ich rappe eigentlich nicht so gerne auf Beats, die ich selber produziert habe. Wenn ich einen Beat höre, dann entscheiden meistens die ersten zwanzig Sekunden, ob ich Bock darauf habe oder nicht. Das klappt meiner Meinung nach besser, wenn einem der Beat gegeben wird. Dadurch ist dieser Moment der Inspiration intensiver, als wenn man zwei Stunden daran rumschraubt und vielleicht schon eine halbe Stunde an irgendeiner Hi Hat hockt.

Vertiqua ist Teil unseres Kollektivs Smilingstreet, zusammen mit ein paar anderen Leuten aus meiner Gegend, mit denen wir zusammen Musik, Videos usw. machen. Ich kenne ihn jetzt seit einem Jahr. Er ist erst 15 Jahre alt und ich habe relativ schnell gemerkt, dass der Dude richtig heftig talentiert ist. Er macht ja eher diesen LoFi mäßigen Sound und das finde ich ganz gut so. Wir haben seit dem Zeitpunkt, an dem wir zusammen abgehangen haben auch gesagt: wir machen ein Projekt. Das ist „Lisa“.

Es gibt aus deiner Gegend (Nürnberg, Bamberg, Erlangen, Fürth …) was Rap angeht gerade erstaunlich viel frischen Wind. Gibt es dafür mittlerweile ein größeres Publikum und beispielsweise die Möglichkeit regelmäßig aufzutreten?

Es ist ein Hustle, wenn man eher progressive Dinge macht und nicht die Sachen wiederholt, die schon vor zehn Jahren gemacht worden sind. Ich rede wirklich von Wiederholen. Aber es passiert viel in meinem Umfeld, in verschiedene Richtungen. In Bamberg sind Robanzee und Emrou, Mavie und Freddy Kana machen meiner Meinung nach die beste deutschsprachige Trapmusik, die eben nicht so klingt, wie die zehnte Brick Squad Adaption. Und auch Leute wie LACA, Johnny Rakete und Beatinyo machen gute Musik. An sich gibt es aber nicht allzu viele Möglichkeiten aufzutreten. Es hängt davon ab, ob Leute bock haben etwas zu veranstalten.

Ich schätze das ist ein Problem, seit Leute im Süden oder in Franken angefangen haben zu rappen. Es gibt keine krassen Labels und keine großen Agenturen. Aber hey: Ich will damit auch nicht die Leute diskreditieren, die wirklich was machen. Denn es finden Sachen statt, nureben im kleineren Stil. Es gibt nicht diese Strukturen wie in anderen Bereichen Deutschlands und es steckt nicht so viel Geld dahinter. Aber wir haben 2015: Wir haben das Internet. Es gibt Soundcloud, Youtube und Facebook. Man kann sich mit den Leuten conecten. Das hat alles, was mit dieser Musikindustrie zutun hat ein wenig demokratisiert, finde ich. Deswegen ist es eigentlich so, dass ich nicht unbedingt nach Hamburg oder Berlin ziehen muss, nur um gescheiten Rap machen zu können. Man trifft dort vielleicht mehr Leute, aber es gibt hier genauso aktive Menschen.


Du hast mit Physical Graffiti und Henry Quester eine Crew. Wie kam es dazu, dass du mit New Yorker Rappen Musik machst?

Ich war mal in New York. Meine Mutter hatte mir schon Jahre vorher versprochen: „Wenn du dein Abi schaffst, dann fliegen wir zusammen nach New York!“ Das hat geklappt, also mein Abi. Dann waren wir dort, ich bin in einem Plattenladen gewesen und habe da zufällig Henry getroffen, der hauptberuflich Schallplatten verkauft. Wir sind dann ins Gespräch gekommen und ich meinte:„Ich baue auch Beats und rappe.“ Wir sind dann zusammen nach New Jersey gefahren. Meine Mutter kam auch mit (lacht). Da haben wir rumgehangen, uns etwas Musik gezeigt und Physical Graffiti kam auch noch rum. Das war so die erste Begegnung.

Im Sommer 2013 bin ich dann noch mal zu ihnen rübergeflogen und wir haben die „The Pursuit“ EP aufgenommen. Diesen Sommer hatten wir auch einige Auftritte in Deutschland, zum Beispiel in Bayreuth und in Nürnberg. Und so wie es jetzt aussieht wird es eine kleine Europatour durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz geben, bei der ich auch dabei sein werde.

Abgesehen von der Tour; Was stehen bei dir in nächster Zeit für Projekte an?

Ich habe eine Sängerin kennengelernt und versuche ein bisschen als Executive Producer bei ihrem aktuellen Projekt zu fungieren. Das wird sich die nächsten Wochen und Monate schätze ich mal ein bisschen mehr formieren. Und für meine nächste EP … Ich habe das Gefühl, dasssich Rapper in Deutschland immer ihre Schublade suchen. Sie gestalten sich immer so ein komplettes Package bzw. Image und bleiben für die nächsten zehn Jahre durchschaubar, um dann wieder zu verschwinden. Darauf habe ich nicht so Bock. Ich habe jetzt diese LoFi Sache mit Vertiqua gemacht und werde auch in Zukunft noch viel mit ihm arbeiten.

Aber was ich meinte: Ich habe keine Lust als Nächstes noch mal das Gleiche zu machen. Dafür habe ich zu viele musikalische Einflüsse, die ich ausdrücken will. Und es würde mich nicht befriedigen jetzt noch mal so ein Tape rauszuhauen, obwohl es relativ erfolgreich war. Immerhin führen wir gerade auch ein Interview.

Der normale Deutschrapper Weg wäre, das Gleiche jetzt noch fünf mal zu machen und dann aufzuhören. So kommt es mir zumindest manchmal vor. Ich schätze mein nächstes Projekt  wird ein bisschen abstrakter und baselastiger. Und auch lyrisch versuche ich mich noch weiterzuentwickeln. Es wird schon ein bisschen anders werden, denke ich.

Hier geht es zur EP: http://radiojuicy.com/album/lisa-ep

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.
Hanfosan

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