Fynn Kliemann: “Ich mache fast jeden Tag einen Song.”

Manchmal fühlen sich die fünf Sekunden, die man warten muss um Werbung überspringen zu können, die vor einem YouTube-Video geschaltet wird, wie eine Ewigkeit an. Die Generation Ad-Blocker weiß sich natürlich zu helfen. Dennoch uncool, wenn man dem Kumpel mal kurz ein Video zeigen möchte. Ein Video von Fynn Kliemann zum Beispiel. Ein Typ wie du und ich, der sich ein marodes Haus in der norddeutschen Provinz zugelegt hat und die dort anfallenden Arbeiten aus Geldgründen, aber auch aus Neugier und Bock selbst erledigt – ohne jedoch großartig zu wissen, was er dort tut. So war es jedenfalls anfangs. Mittlerweile werden Schweißnähte gezogen, die sich sehen lassen können und Konstruktionen gebaut, die mit einer durchschnittlich ausgestatteten Hobbywerkstatt wohl nur schwer umzusetzen sind. Das alles hält er auf Video fest und durch seine sympathische Art schnellen die Klickzahlen des norddeutschen Originals immer mehr in die Höhe. Dabei verzichtet er gänzlich auf Werbung, denn wie gesagt – das nervt. Außerdem lehnt er 15.000 Euro Angebote für Werbedeals und die meisten Talkshow-Einladungen ab. Der Mehrwert, den er aus seinen Videos zieht, ist ein anderer: Er kann seinen Zuschauern selbst komponierte Musik unterjubeln, die in seinem Homestudio entstanden ist. Dabei wird sehr schnell deutlich, dass er nicht nur Rap-affin ist, sondern sich sogar richtig gut auskennt.

Die Hohe 5 mit Fynn Kliemann

Wie wurdest du musikalisch sozialisiert? Du spielst immerhin Gitarre, Piano und Saxophon.
Naja, Saxophon spiele ich überhaupt nicht. Das habe ich nur mal in einem Video im Keller gefunden und fünf Töne rausgepresst, weil das da gerade lag. Piano ist noch recht frisch, habe ich vor ein paar Jahren angefangen drauf rumzudrücken nachdem sich meine Band aufgelöst hat und ich alleine lernen musste ein Orchester zu sein. In der alten Combo habe ich Gitarre gespielt und gesungen. Das war so ein Zwei-Mann Akustik Pop/Rock Ding. Wir haben auf unserer selbstorganisierten Tour damals aber im Grunde nur in Fussgängerzonen gespielt und gerade so viel Geld verdient um immer frischen Tabak in der Tasche zu haben. Eigentlich bin ich Schlagzeuger. Da hatte ich zehn Jahre Unterricht. Mein Vater hat dafür gesorgt, dass wir immer die freshesten Rock-LPs hatten und der hat mir auch mit fünf Jahren oder so ein Drumset hingestellt. Seitdem tüdel ich mit allem rum, wo ein Ton rauskommt.
Du sagst, dass der größte persönliche Vorteil, den du aus deinen Videos ziehst, der sei, dass du deine Musik einer breiten Masse zeigen kannst. Warum veröffentlichst du dann keine Musik außerhalb deiner Videos bzw. nur so wenig?
Naja, im Grunde habe ich eine zeitlang jeden Tag was rausgehauen, aber immer nur so Snippets bei Facebook, Snapchat usw. Ich mache fast jeden Tag einen Song. Mein großes Problem ist nur, dass mich das schnell anödet und ich auf der Suche nach anderen Sounds, um den Song zu komplettieren, immer irgendwelche Sounds oder Samples finde und dann ein neues Projekt damit starte. So kriege ich halt nichts richtig fertig. So einen halb fertigen Loop dann auf 1:20min zu bringen ist aber immer drin und das passt eben perfekt ans Ende von einem Video. Mittlerweile habe ich auch so viele Baustellen, dass für eine echte Ausarbeitung einfach immer die Zeit fehlt. Hört man ja auch, da ist nichts richtig abgemischt. Ich schreibe kurz was zusammen und raus damit.
Was hast du bei Four Music im Studio getrieben?
Noch nicht spruchreif, Diggi (grinst).
Du sagst, dass du gerne hart rappen würdest, wenn du selbst Musik machst, aber immer „Softie-Scheiße“ dabei heraus kommt. An wen orientierst du dich dabei?
Naja, ich habe ja einen normalen Job und somit gute acht bis zehn Stunden am Tag Zeit Mucke zu hören und da habe ich mega viele Einflüsse aus unheimlich vielen Richtungen. Wenn es um Deutschrap geht und ich es mir aussuchen könnte, hätte ich gerne eine ruhigere Rapstimme. Dieses Casper Gekrächze steht irgendwie nur ihm. Ich kann aber nicht anders als immer latent zu schreien. Ich finde eigentlich die gesamte Sichtexot-Crew oberfresh und Jungs wie Eloquent, TUFU oder auch Döll (der Beste aller Zeiten) haben so eine schön unangestrengte Art richtig aufzuräumen. Oder Geschichtenerzähler-Style wie die alten Suave-Sachen.
Ich wäre auch gerne so smart wie Luk&Fil oder so harmonisch wie Dramadigs. Wenn ich was schreibe und es ernst meine – also nicht über Bohrmaschinen rede – ist in meinem Kopf immer ein riesen Haufen Schmalz. Ich habe jetzt aber gemerkt, dass es mir leichter fällt ein echtes Thema zu beackern und nicht so ein allgemeinen Die-Welt-ist-okay Bullshit zu texten. Es kommt langsam.
Kannst du dir vorstellen, dass deine Musik nicht ernst genommen werden könnte, da du sonst eher als witziger Hobbyhandwerker auffällst? 
Ach naja. Wer sich so ein Video angeschaut hat, weiß, dass ich mit dem Handwerk recht wenig am Hut habe. Ich mache das aus Bock und weil ich gerne wissen will, wie Dinge funktionieren. Das ist komplett gesondert von der Musik auch wenn mal was da einfließt. Warte mal ab, wenn irgendwann was Echtes kommt, verstehst du, was ich meine.
Fotos: https://www.instagram.com/fimbim 
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Hanfosan

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