Bee Low: Ein deutscher Hip-Hop Pionier

Alexander Bülow aka Bee Low organisiert schon seit Jahren die Beatbox Battle World Championship. Abgesehen davon ist er ein echter Hip-Hop Pionier in Deutschland, der schon sehr früh den Weg des Hip-Hops eingeschlagen hat – und diesen Weg bis heute mit aller Konsequenz verfolgt. Bee Low nimmt uns mit auf eine kleine Zeitreise: Von den Achtzigern, als vieles seinen Anfang fand, über wilde Neunziger, rund um die 2000er Jahre und schließlich wie er die Szene, vor allem die der Beatboxer, heute erlebt.

Die hohe Fünf mit Bee Low

Was war deine Sozialisierung mit Hip-Hop? Hattest du Vorbilder?

Ich bin 1974 in Berlin geboren und habe dort im US-amerikanischen Sektor der Stadt gewohnt. Durch den Kontakt zu Kindern von US-Soldaten habe ich schon früh viel von Hip-Hop mitbekommen. Speziell im Jahr 1983, als ich neun Jahre alt war, wurde Breakdance riesengroß. Wir sind dann sogar mit weißen Handschuhen und Ghettoblaster auf dem Kurfürstendamm rumgerannt. Durch das breaken war ich gleichzeitig von der Musik im Hintergrund begeistert, allerdings kannte ich es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht unter Rap-Musik. Für mich war das ganz einfach Breakdance-Musik. Vom Breakdance war der Weg zum Graffiti sprühen zu der Zeit nicht weit, das gehörte einfach alles zusammen. Und eben weil damals alles zusammen gehörte, war es dann auch nicht mehr viel weiter zum Beatboxen.

Wann hast du das erste Mal gebeatboxt und wie ist es dazu gekommen?

Besonders inspirierend war der erste Teil von „Police Academy“, mit Michael Winslow, dem Geräuschemacher. Außerdem ist da Doug E. Fresh als Pionier und weitere Inspiration zu nennen. Jedenfalls gab es da in West Berlin diese legendäre Diskothek „River Boat“. Dort wurden Mitte bis Ende der Achtziger Jahre regelmäßig Breakdance Battles veranstaltet und dort wurde dann auch gebeatboxt. Da war dann auch ein Pionier im jungen Beatboxing wie Rafael aka Ckay One – ein herausragender Beatboxer aus den Achtzigern am Start. Dann gab es da noch ein Jugendzentrum in dem ich abgehangen habe, das hieß Spirale. Dass war ein Hotspot für damalige Graffiti-Sprüher. Ich, als kleiner Junge, habe da alles aufgesaugt, komplett verinnerlicht und Hip-Hop als meine Leidenschaft für mich entdeckt. In dem Jungendhaus Spirale gab es in der zweiten Etage auch ein kleines Tonstudio, richtig so mit „Fostex 8 Spur Analog Bandmaschine“ und so weiter. Da haben einige Typen schon ihre ersten Tracks aufgenommen. Ich habe da natürlich große Augen bekommen und wollte auch Beatboxen – außerdem gab es in meinen Freundeskreis  jede Menge Leute, die gebeatboxt haben. Das war neben Graffiti einfach unsere zweite Leidenschaft und bestimmte unseren Alltag. Übrigens war die Spirale auch Treffpunkt der legendären „Giants“ Crew, aus der dann der Graffiti Part der bekannten 36Boys Gang hervorgegangen ist.

Wann und wie kam die Idee Beatbox-Veranstaltungen kommerziell zu betreiben und wie schaffst du es 200 Beatboxer aus 51 Nationen nach Berlin zu bekommen?

Der Ursprung des ganzen war tatsächlich in Hamburg. Ich war von 1997 bis 2001 öfters auf DJ Battles in Hamburg, sowohl auf den ITF DJ Battles  sowie auf den DMC DJ Battles, die ich dann moderiert habe. Außerdem war ich auf vielen kleinen Underground DJ Battles und auch auf Rap-Battles als Moderator im Einsatz. Da hatte ich dann diesen einen Key Moment in der Hamburger Markthalle, vor ausverkauftem Haus. Während eines DJ Battles, ich glaube es war ein Halbfinale, hatte einer der DJs einen technischen Fehler mit seinem Mischpult oder so und es ging nicht mehr weiter. Ich stand dann als Moderator vor der Crowd, die immer ungeduldiger wurde. Ich habe mir also gedacht: „Ok, ich muss das Ganze jetzt überbrücken.“ Ich habe mich vor die Leute gestellt und angefangen Beatbox zu machen. Nach ein paar Minuten ging alles normal weiter und das Thema war quasi erledigt. Gar nichts los, ich habe da gar nicht mehr drüber nachgedacht. Am nächsten Morgen im Hotel gehe ich runter zum Frühstück und dachte mir so: „Ich toure jetzt schon die ganze Zeit mit den Jungs rum, moderiere DJ Battles, aber wie wäre denn mal mit einem Beatbox Battle?“ Natürlich war die Idee jetzt keine Neuerfindung von mir, die gab es in den Staaten schon in Clubs in New York und sogar schon in West-Berlin damals. Organisiert hat die dann – so 1986- 1987 mein damaliger Mentor Maxim (R.I.P) mit amerikanischen GI’s in irgendwelchen Ami-Diskotheken. Allerdings nicht mit einem festen Wettkampfreglement oder einer richtigen Jury. Als mir an dem Morgen die Idee kam, habe ich mich dann am Reglement eines DJ Battle orientiert und dieses dann passend für ein Beatbox Battle umgeschrieben. Anschließend habe ich viel Networking betrieben und die Idee mit meinen Beatbox Freunden besprochen. Zu der Zeit, also so 2001 rum, war Beatbox ziemlich tot, es gab keinen großen Markt, es war eher ein Relikt aus den Achtzigern. Es bedurfte also jeder Menge Enthusiasmus um Leute für so ein Battle zu begeistern. Es hat dann aber insofern geklappt, als das wir mit einem Projekt der Hip-Hop Sommerschule in der Berliner Volksbühne an den Start kamen. Das war ein Riesen Workshop über zwei Wochen in allen Hip-Hop Disziplinen. Dort habe ich einen Beatbox Workshop gemacht, an dem über 20 Leute aus dem gesamten Bundesgebiet teilgenommen haben. Da habe ich dann gemerkt, dass es klappen könnte. Diese 20 Leute und noch einige mehr waren dann letztendlich auch die Teilnehmer an der ersten Deutschen Beatboxmeisterschaft am 19. September 2002. Mit dabei waren unter anderem Maxim, DJ Mesia, Beatbox Eliot und ich als Moderator. Der Zulauf war sehr gut – wir hatten Besucher aus dem ganzen Bundesgebiet, dass wir danach komplett überzeugt von dem Konzept waren und merkten, dass das auf jeden Fall Potential hat. Was die Beatbox Weltmeisterschaft heute betrifft, so ist das natürlich eine gewaltige Herausforderung. Alleine schon logistisch. Wir haben keinen großen Hautsponsor im Nacken oder so. Dass heißt wir müssen uns komplett selbst finanzieren. Das wiederum bedeutet natürlich ein enormes finanzielles Risiko für mich und meine Familie. Natürlich ist das ganze ein Job und ich möchte, wenn möglich ein paar Euro verdienen, aber es ist vor allem auch meine Leidenschaft die mich da antreibt. Für mich ist es eine absolute Bereicherung, wenn Beatboxer aus der ganzen Welt zusammen kommen und sich kennen lernen. Als Beispiel, der südkoreanische Beatboxer lernt den aus Brasilien kennen, von dem er sich gerne die Videos im Internet angeschaut hat. Das bedeutet mir menschlich und kulturell sehr viel. Außerdem wollen wir einen Dokumentarfilm über die WM machen, wir haben schon seit ein paar Jahren alles in Bild und Ton aufgenommen und wir wollen dann mit dem neuen Material endlich einen Film machen.

Braucht man für das Beatboxen ein besonderes Talent und wie sieht die Zukunft für das Beatboxen aus?

Im Grunde kann dass jeder machen, der Bock hat das zu erlernen. Im Rahmen der Beatbox Academy machen wir oft Workshops mit jungen Leuten, die noch nie was mit Beatboxen zu tun hatten. Da bringen wir denen das Beatboxen auf einem Basic Level bei. Stichwort: „Mütze-Katze“, das bedeutet, dass es erst mal ganz Talentfrei ist – für die Basics zumindest. Die bekommt eigentlich jeder nach etwas Übung hin. Letztendlich entscheidet aber die Leidenschaft – natürlich aber auch das Talent im Bezug auf Musikalität und wie man dann kreativ aus den verschiedenen Geräuschen komplette Beat-Abläufe hinbekommt.

Das Beatboxen hat meiner Meinung nach heute, im Juli 2018, seinen Zenit überschritten. Natürlich hat die junge Community durch das Internet in den letzten zehn bis zwölf Jahren einen krassen Push bekommen. Ich gehe aber noch ein mal einen Schritt zurück, als wir 2001/2002 angefangen haben, mussten sich alle Teilnehmer mit einem Demotape, damals sogar noch einer Kassette, bei uns bewerben. Dazu musste noch eine Art Lebenslauf geschickt werden. Wir haben natürlich fast alle teilnehmen lassen und es waren auch keine krassen Stars dabei. Als dann aber die ersten Internetplattformen an den Start kamen, haben wir schnell die ersten online Championships auf einer Plattform organisiert. Darüber konnten sich die Teilnehmer dann für unser reales Turnier qualifizieren. Um dann aber noch mal auf die Evolution vom Beatboxen zu kommen, so ist durch das Internet natürlich jede Menge Schwung in die Szene gekommen, die in diesem Zuge dann natürlich auch extrem angewachsen ist. Das Beatboxen ist auf jeden Fall eine audiovisuelle Sache, zum einen natürlich die Geräusche die entscheidend sind, aber auch das visuelle durch die Bewegungen des Künstlers. Dass macht schon ein großen Unterschied, wenn die Menschen die Performance in Bewegtbildern betrachten können. So konnten die Leute dann auch sehen, dass es kein Fake ist und die Künstler die Geräusche wirklich selber machen. Ein weiterer Vorteil war natürlich die Möglichkeit der Vernetzung und dass man sich plötzlich mit Künstlern auf der ganzen Welt austauschen konnte. Heute geht es oft hauptsächlich darum möglichst schnell viele Geräusche zu machen. Dieser Oldschool Flavour, bei dem das Beatboxen auch Musik ist und es um Musikalität geht, ist in den letzten Jahren leider ein wenig auf der Strecke geblieben. Wenn du dir in der Jury über Stunden nur Drums anhören musst, ist das teilweise schon sehr anstrengend. Wenn heute jemand cool grooved, musikalisch ist und einen schönen Beat macht, dann ist das schon ein Highlight. Dementsprechend würde ich sagen, den ersten Pik hatten wir um 2009 und 2012, das war das absolute Topjahr. Das sieht man schon an den Klickzahlen, das Finale aus dem Jahr hat um die 32 Millionen Aufrufe, die anderen Finals danach oder davor haben um die sechs Millionen. Das nächste große Ding wird, obwohl das natürlich nicht ganz neu ist, dass Beatboxen mit einer Loopstation. Das normale Beatboxen kennt mittlerweile jeder aus zahlreichen Casting Shows und so weiter.

Sind die Beatboxer heute besser als zu deinen Anfängen und was erwartest du dir von der diesjährigen Weltmeisterschaft?

Ich glaube die Beatboxer heute sind schon früh besser, komplexer, machen teilweise schönere Kompositionen, einfach weil sie ganz andere Möglichkeiten haben. Sie können ins Internet gehen und sich zig Videos und Tutorials anschauen und dann üben. Außerdem ist heute die musikalische Vielfalt viel größer, wir haben Dupstep, Drum’n’bass und weitere Elemente, bis hin zu Songs aus den Charts die heute im Beatboxen vertreten sind. Wir hatten diese Möglichkeiten natürlich nicht, bei uns war das alles eher auf einem Oldschool Level.

Was das Turnier dieses Jahr angeht, so werden wir zum ersten Mal das Loopstation Battle als eigene Kategorie veranstalten. Darauf freue ich mich schon sehr, die Loopstation bringt dann auch die oft vermisste Musikalität zurück. Was außerdem cool ist, ist das einige amtierende Weltmeister ihren Titel verteidigen wollen. Sonst hat man das oft, dass viele nach einem Titel Gewinn eher in die Jury gehen, aber bei dieser WM werden wir drei amtierende Weltmeister aus verschiedenen Kategorien im Battle sehen.

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