Die Hohe Fünf mit Audio88 & Yassin zur Schallplatte

Audio88 & Yassin landen mit ihrem Album „Normaler Samt“ in den Top 20 der Vinyl-Charts. BACKSPIN WEB nimmt diesen Erfolg zum Anlass, den beiden Künstlern von Heart Working Class ein paar Fragen zum schwarzen Gold zu stellen.

Ihr seid – abgesehen vielleicht von Deichkind – die einzigen Vertreter des Rap-Genres in den Vinyl-Charts. Was sagt ihr dazu?
Audio88: Einerseits ist das natürlich schon sehr cool, andererseits ist es schade, dass sich in dieser Liste sehr wenig neue Musik finden lässt. Überwiegend sind das Nachpressungen von Klassikern, von denen jedes Jahr mehrere Neuauflagen erscheinen.

Ich habe da ein etwas zwiegespaltenes Verhältnis. Natürlich ist mir klar, dass mit Veranstaltungen wie dem Record Store Day oder dem Heraufbeschwören eines Hypes vor allem die bösen Majors Kohle scheffeln und die Presswerke mit Müll blockiert werden. Andererseits freue ich mich aber auch, wenn von einem Album, das ich schon lange suche, eine bezahlbare Nachpressung erscheint.

Mir sind Erstpressungen eher egal. Wenn ich mal eine finde, freue ich mich natürlich, aber ich bin nicht bereit, dafür Unsummen zu bezahlen. In erster Linie will ich die Musik hören und mir keinen auf meinen Discogs-Account runterholen. Und natürlich nervt es, dass die Presswerke aktuell kaum hinterherkommen und man lange auf seine Alben warten muss. Aber die meisten Künstler, die sich jetzt darüber beschweren, bringen seit zwei bis drei Jahren Vinyls raus.

Wir haben schon Platten rausgebracht, als es noch keinen Vinyl-Hype gab und wir beschweren uns auch nicht, dass deren Schmutz jetzt die Presswerke verstopft, weil Vinyl gerade läuft.

Yassin: Das wäre ja auch noch schöner, wenn wir uns gerade jetzt beschweren, wo wir es in die Vinyl-Charts geschafft haben. Wobei: Eigentlich wäre das unser Style.

Mal ernsthaft: Es war schon etwas traurig, dass wir unsere Fans kurz nach dem Albumrelease vertrösten mussten, weil die Auflage zu klein war. Das fühlte sich deshalb komisch an, weil man mittlerweile auch als Künstler dazu neigt, sich diesem Diktat der Gleich-jetzt-hier-sofort-haben-wollen-oder-ihr-seid-für-mich-gestorben-Attitüde einiger Hörer zu unterwerfen. Aber eigentlich sollte es das nicht.

Als ich mit zehn oder zwölf Jahren jeden Tag nach offizieller VÖ zu dem coolsten CD-Laden der Stadt gelaufen bin, um zu fragen, wann sie die endlich da haben, hat das für mich einen Teil des Musikhörens ausgemacht. Die Vorfreude darauf, das Ding in der Hand zu halten und sich den ganzen Heimweg zusammenzureißen, noch nicht ins Booklet zu schauen, sondern erst, wenn man zu Hause alle Vorbereitungen getroffen hatte, um das Album am Stück durchzuhören.

Das klingt jetzt nach so einer kitschigen Nostalgie, aber das kommt vermutlich daher, dass ich dieses Gefühl selbst vermisse und es schade finde, dass viele jüngere Hörer das einfach nie erleben werden.

„Verstehe eigentlich eher nicht, warum sich die CD überhaupt durchsetzen konnte.“ (Audio88)

Die Vinyl erlebte in den letzten Jahren wieder einen Boom in puncto Popularität. Woran liegt das?
Audio88: Weil Vinyl-Cover auf Instagram cooler aussehen. Kein Plan. Wir haben uns unsere Käufer schon immer zu Vinyl „erzogen“ und sind auch sehr froh, dass das irgendwie geklappt hat und vermutlich auch deswegen „Normaler Samt“ auf Vinyl so gut lief beziehungsweise läuft. Mal abgesehen davon, dass wir die schönste Vinyl ever gemacht haben.

Ich habe zwar auch viele CDs zu Hause, empfinde die aber eher als Haushaltsgegenstände. MP3s sind natürlich praktisch, aber ich persönlich würde mir nur in absoluten Ausnahmen ein Album digital kaufen. Da digitalisiere ich mir lieber die Platte. Und Streaming ist der Teufel!

Bei Vinyl bekommst du in der Relation einfach viel mehr für dein Geld. Ich bezahle doch keine 12 Euro für ein Album bei iTunes und habe dann einen MP3-Ordner, wenn ich das für 16 Euro als Doppel-LP irgendwann meinen Kindern vermachen kann. Vinyl hat einfach eine viel höhere Wertigkeit und klingt dazu noch erheblich besser, sofern jemand Fähiges gemastert hat. Verstehe eigentlich eher nicht, warum sich die CD überhaupt durchsetzen konnte.

Yassin: „Retro“ ist halt ein sehr ausdauernder Trend. Nach Möbeln, Klamotten, Autos und so weiter hat es auch den Tonträger erwischt. Man bekommt zu akzeptablen Preisen eine Gegenposition zum Mainstream verkauft und kann sich dabei noch auf die guten alten Werte stützen.

Finde ich überhaupt nicht schlimm, aber ich denke, das hatte einen großen Einfluss auf diesen Boom. Wobei man sagen muss, dass dieser Prozess und der Boom sich ja eher in anderen Genres abspielen als im Rap, wo Vinyl ja immer ein respektables und gern gesehenes Medium war.

Ihr habt eure Releases ja stets auch in kleineren Vinyl-Auflagen herausgebracht. Ist es euch wichtig, dass dieses Format weiterhin am Leben erhalten wird und nicht im heutigen Streaming-Zeitalter komplett untergeht?
Audio88: Ja, schon. Wir werden auch weiterhin Vinyl veröffentlichen, ganz gleich, in welche Richtung sich dieser Hype entwickelt. Nur Tapes wird es nicht geben. Das war schon immer ein richtig beschissenes Medium. Also für Alben, nicht für Mixtapes.

Yassin: Ja. Ich mag das allein durch den Platz, den das Artwork gewinnt. Es macht Spaß, auf Vinyl zu releasen.

„Unsere Erstpressungen erreichen ja teilweise auch absurde Preise.“ (Audio88)

Seid ihr Sammler? Welche sind eure wertvollsten LPs?
Audio88: Ich sammle schon und poste ja auch gelegentlich meine Platte des Tages. Ich habe auch ein paar wertvollere Platten. Unsere Erstpressungen erreichen ja teilweise auch absurde Preise. Wir machen übrigens nur Nachpressungen, um den Ebay– und Discogs-Ottos ihr ekelhaftes Biz zu versauen.

Ich habe aber ein paar Platten, die für mich persönlich einen hohen Wert besitzen. Zum Beispiel hat mir meine Freundin die Erstauflage von der „Funcrusher“ von Company Flow geschenkt, als wir uns kennenlernten. Also die „Funcrusher“, nicht die „Funcrusher Plus“, auf der auch noch „Corners ’94“ ist. Richtig bombe!

Yassin: Ich kaufe mittlerweile leider fast gar kein Vinyl mehr. Aber aus meiner Zeit als wacker DJ habe ich noch eine ganz ansehnliche Sammlung. Zumindest die für mich wichtigsten Alben habe ich so gut wie alle auf Vinyl.

Habt ihr LPs im Kopf beziehungsweise auf der Liste, denen ihr seit Längerem hinterherjagt und die ihr unbedingt haben müsst?
Audio88: Ja, viele. Ich suche – wie jeder andere vermutlich auch – nach „L’Ecole Du Micro D’Argent“ von IAM. Hatte mich auch sehr gefreut, dass da jetzt eine „Nachpressung“ kam. Ist aber leider nur ein sehr schlechtes Bootleg. Das Artwork wurde scheinbar durch einen „South-Park-Filter“ gejagt oder von einem Schülerpraktikanten nachgemalt. Klingt dazu auch noch richtig kacke.

Und „Unter Tage“ von RAG. Die fehlt leider wirklich.

Yassin: Ich habe das bei vielen irgendwann vor Jahren aufgegeben. Mittlerweile bin ich aus diesem Jagen komplett raus, aber feiere es voll, das bei anderen zu beobachten. Vinyl sammeln ist auf jeden Fall eines der dopesten Hobbys – neben Vinyl machen.

Danke.

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