Die Hohe Fünf mit Falk Schacht über seine Radiosendung „Da Flava“

Falk Schacht

Falk Schacht ist ein Urgestein des deutschen Hip-Hop-Kosmos. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich mit der Hip-Hop Kultur. Nicht nur als Fan, sondern auch als Musiker, Moderator und Journalist. Im Laufe seiner Karriere schrieb er unter Anderem für diverse Hip-Hop Magazine, moderierte die Sendung Mixery Raw Deluxe auf VIVA, führt auch auf BACKSPIN diverse Interviews und hat seit neustem das Format „Frag Falk“ auf unserem Kanal.

Im Jahr 1997 begann er, zusammen mit DJ Lord Wax und Demar, als Redakteur und Moderator an der Radiosendung Da Flava zu arbeiten. Mit der Zeit waren jeden Menge Gäste und heutige Großkaräter der deutschen Hip-Hop Szene bei den drei zu Gast. Darunter Curse, Eins Zwo und viele mehr. Jetzt, über 20 Jahre nach der Erstausstrahlung hat Falk seine Show aus den Archiven gekramt und lädt jede Woche eine neue Folge davon hoch. Wir haben die Neuauflage zum Anlass genommen, um mit ihm die Show  aus heutiger Sicht nochmal zu reflektieren.

Woher kam die Idee, nach über 20 Jahren, die Show wieder hochzuladen? Hat das etwas mit der momentanen Quarantäne-Situation zu tun?

Gründe gibt es diverse. Zum einen weil so viele gefragt haben, die das Ganze noch mal hören wollten. Zum anderen aber auch, weil es inzwischen historischen Charakter hat. Man kann in der Sendung mithören, wie Deutschrap beginnt zu laufen. Ich treffe auf Dynamite Deluxe und kenne die nicht. Der Rapper von denen kann nicht zum Interview kommen, weil er zu viel gekifft hat. Wenn man heute weiß, welches Verhältnis Samy zu seiner Grünen Brille hat, dann ist das natürlich skurril und lustig zu gleich mitzuhören.
Eigentlich wollten Demir Caesar und ich die Sendungen zum 20-jährigen Jubiläum 2017 veröffentlichen. Wie du bemerkst haben wir das aus diverse Gründen nicht geschafft. Jetzt ist die Zeit, in denen man Projekte machen konnte, die bisher immer liegen blieben.

Es hat etwas damit zu tun, weil frei gewordene Ressourcen jetzt dafür genutzt werden konnten. Es hat drei Jahre gedauert das Material zu digitalisieren. Und jetzt muss auch jede Sendung, bevor sie online geht, tontechnisch überarbeitet werden. Das mache ich jede Woche. Dazu kommt aber auch, dass ich jede Folge am Ende noch mal kommentiere und auch Hintergründe aufzeige.

 

Wie bewertest du die Sendung rückblickend? Was findest du gut und was würdest du heute vielleicht anders machen?

Erst mal ist es schon erstaunlich, sein 20 Jahre jüngeres „Ich“ zu erleben. Diese Sendungen sind auch einfach ein Sammelsurium an skurrilen Hip-Hop Persönlichkeiten. Das ist etwas, was ich an Hip-Hop immer mochte. Ich bin auch erstaunt darüber, dass der Sender uns hat machen lassen. Das war manchmal schon sehr hart und extrem, was wir da gemacht haben. Und trotzdem verstehe ich es auch. Das war keine normale Radio Sendung, dass war Hip-Hop wie er damals existierte. Und auch Musik Selection mässig, was wir für unglaublich gute Musik gespielt haben. Also vor allem Lord Wax von MB1000. Anders machen würde ich nicht sehr viel. Einige Dinge die damals gesagt wurden müsste man heute nicht so sagen, aber dafür ist es ja auch ein historisches Artefakt.

Wie würdest du den damaligen Hip-Hop-Journalismus bewerten? Hauptsächlich Fandom oder kritischer Journalismus?

Wahnsinnig unschuldig und von Fans für Fans. Das ist auch dieser chaotische DIY Charakter, der eigentlich sehr charmant ist. Heute ist ja alles wesentlich durchgeplanter und organisierter. Aber damals haben wir auch kein Geld bekommen, weswegen wir das dann nach der eigentlichen Arbeit gemacht haben. Und was Kritik betrifft, dass ist erst ein Thema, seit Deutschrap eine größere gesellschaftliche Relevanz erreicht hat. Seitdem sich die Eltern mit Haus und Boot um ihre Kinder Sorgen machen. Damals war Deutschrap nicht so groß als das es jemandem aufgefallen wäre, dass man da vielleicht mal was kritisieren sollte. Wenn du dir den Deutschrap der Neunziger anschaust, dann dominiert da auch der Mittelschichtsrap. Erst später wurde Deutschrap Aggro.

Da Flava

Wie bewertest du die Relevanz vom Radio 2020?

Radio ist nach wie vor ein Riesenthema. Das kannst du auch daran erkennen, dass Streaming Anbieter sich auf das Radio zubewegen. Playlisten alleine sind cool, aber sie sind auch unpersönlich. Da wird sich noch sehr viel tun die nächsten Jahre.

Siehst du Hip-Hop Journalismus durch Selbstpromotion gefährdet?

Gefährdet von was und wem, und im Gegensatz zu welchem Zustand, in dem er vorher nicht gefährdet war? Der Journalismus hat sehr viele Formen. Deshalb gibt es das pluralistische Prinzip. Warum sollte es das im Hip-Hop Journalismus nicht auch geben? Und Hip-Hop ist am Ende nichts anderes, als pure Selbstpromotion. Das ist Selbstermächtigung, also Selfempowerment. Deshalb ist Hip-Hop Namebelts gewesen und heute custom made Goldketten, es war der eigene Name auf dem T-Shirt und heute auf deinem AMG, es war der Flyer mit dem Crew Namen, billig im Copy Shop vervielfältigen und ist heute dein Social-Media Post. Der aus dem epischen Interview bekannte Rakim rappte mal: „Writing my name in Graffiti on the wall“. Warum schreibt man seinen Namen an eine Wand? Ist das Werbung?
Hip-Hop bedeutet „Ich will gesehen werden“. Und deshalb diente Hip-Hop immer dazu, den Namenlosen, Ungehörten und vor allem Ungewollten zu helfen, den eigenen Namen zu verbreiten. Du kannst das heute gerne Cloud Chasing nennen. Am Ende geht es seit 47 Jahren darum, zu verdeutlichen, dass man „jemand“ ist. Dieses oft von Reverend Jackson aus den Siebziger Jahren zitierte Gedicht, aus der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen, bringt dieses Gefühl, dass dann in Hip-Hop seinen Ausdruck findet, perfekt auf den Punkt:
“I am – Somebody. I may be poor, but I am – Somebody! I may be on welfare, but I am – Somebody! I may be uneducated, but I am – Somebody!“.

 

 

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