Die Hohe Fünf mit D-Bo über die Forderung nach mehr regional entstehender Musik im Radio

D-Bo

Die Corona-Krise wirkt sich auch dramatisch auf unsere Kulturlandschaft aus. Das Wegfallen des Live-Sektors bedeutet vor allem für kleinere Künstler*innen starke und teils existenzbedrohende Umsatzeinbuße. D-Bo, der unter anderem ersguterjunge zusammen mit Bushido gründete und mittlerweile sein eigenes Label Wolfpack Entertainment führt, sieht eine Lösung in der Einführung einer Deutschen Radioquote. Gemeinsam mit einem Zusammenschluss hiesiger Künstlermanager*innen, hat er eine Forderung ins Leben gerufen, die die musikalischen Vielfalt und die Unterstützung kleinerer Artists langfristig etablieren soll.

Die Vereinigung fordert einen Musikanteil von 50% von in Deutschland, Österreich und der Schweiz lebenden Künstlerinnen. Dazu fordern sie eine Sendung von 15:00 bis 20:00 Uhr, in der nur Musik von eben diesen Artists gespielt werden soll. Gleichzeitig sprechen sie sich für viel Partizipation aus. Die Forderung soll von allen Seiten mitgestaltet werden können. Damit möchten sie allen Geschlechtern, Religionen und Ideologien eine Chance geben, neben etablierten Musiker*innen im Radio stattzufinden.

Update: Ursprünglich schrieben wir, dass es um deutschsprachige Musik geht. Wir meinten aber regional entstehende Musik.

Wie hat sich der Zusammenschluss der Musikmanager*innen gebildet, die die Initiative unterstützen?

Also, ich möchte etwas Wichtiges voranstellen: Unsere Forderung ist nicht endgültig, sie ist offen und kann von allen Seiten mitgestaltet werden, wichtig ist uns nur, dass wir nicht den einen Etablierten der Musikbranche etwas nehmen und es anderen Etablierten geben, nur weil sie einen anderen Pass besitzen, sondern, dass ganz klar die etwas davon haben, die aktuell einfach durch eingefahrene Abläufe keine Chance haben, in dem Uhrwerk Radiolandschaft zu einem kleinen Zahnrädchen zu werden.

Der Zusammenschluss der Musikmanager*innen ist erwachsen aus einer Idee meines geschätzten Kollegens Nikos Tsagarikis, unter anderem Manager der Rockband Kissin’ Dynamite. Ihm wurde es irgendwann zu bunt, dass so viele Manager*innen, die independent arbeiten und oft aus Liebe zu ihren Künstler*innen oder ihren Strukturen ihr großartiges Talent nicht an an eine Major Company verkaufen, unbeirrt weiter gegen Windmühlen kämpfend, ihre Frau oder ihren Mann stehen und nicht irgendwie ohne Verpflichtung connectet sind.

Niko erkannte, dass da ein unheimliches Potential schlummert, hat alle seine Kontakte in eine unverbindliche Whatsapp-Gruppe eingeladen und nachdem der harte Kern sich immer mal wieder hin und her mit Infos oder Kontakten geholfen hat, wurde die Gruppe irgendwann geöffnet. So trudelten nun nach und nach immer neue großartige Manager*innen ein. Als dann die Corona-Krise begann und den Künstler*innen vor allem die Live-Einnahmen für das Frühjahr und den frühen Sommer weggebrochen sind, stolperte ich im Social Media über die Forderung, als deutsche Radiostation müsse man eigentlich all den kleinen Künstler*innen, die nun Verluste erleiden, einen Ausgleich anbieten und das Programm umstellen. Diese Idee habe ich in der Gruppe geteilt und mit Marc Feldmann und Kleo Tuemmler, die nicht nur Manager*innen sind, sondern auch Radio-Promotion betreiben, sehr schnell ein konkrete Forderung verschriftlicht. Diese wurde kurz darauf veröffentlicht und nun, nach wenigen Tagen, erkennen wir, dass die Radios so ganz langsam hellhörig werden und auch die Medien an Hintergrund-Infos interessiert zu sein scheinen.

Ich für meinen Teil denke, dass die ausgesendete Forderung nicht alle wichtigen Punkte aufgegriffen hat, aber es ist halt auch ein so diverses Thema, dass parallel immer weiter unter uns Manager*innen ausdiskutiert wird, und jedes Anliegen, das die oder den einen bevorzugt, benachteiligt jemand anderen an anderer Stelle potentiell. Deshalb ist es auch unmöglich, ohne ausführliche Interviews, so wie dieses hier und davon wird es noch viele brauchen, allen Interessierten wirklich nahezubringen, welche Vorteile das Anliegen hat und wir als Musikmanager*innen lernen dann auch durch eine öffentliche Diskussion, an welchen Stellen wir nachbessern und uns anpassen müssen.

Radioquote

 

Wie wichtig ist es für Künstler*innen im Streaming-Zeitalter, dass ihre Songs im Radio laufen?

Denen, die damit ‘ne Menge Geld machen, ist das sehr wichtig, alle anderen spielen das Medium Radio gerne runter und werten es, vermutlich auch für das eigene Wohlbefinden, ziemlich ab. Fakt ist: Das Radio ist in der Summe das am meisten konsumierte Musikmedium in Deutschland. Trotz dieser Stellung bildet die Radiolandschaft unserer Meinung nach nicht konsequent und prominent genug ab, was in Deutschland, Österreich und der Schweiz, also den Regionen in denen die vernetzten Musikmanager*innen wirken, an Musik und weiteren Radio-Inhalten entsteht. Und mit dem „Entstehen“ ist nicht nur der kreative Schaffensprozess gemeint. Auch das Betreuen der Produktions und das Bereitstellen von Studios. Musiker*innen, die juristische Vertretung benötigen, die zahlreichen Termine mit Personen für Kampagnen ausarbeiten und den alltäglichen Arbeitsaufwand bewältigen usw..

Natürlich ist regional entstehende Musik schon jetzt präsent im Radio, aber Festivals oder Tourneeveranstalter erfahren schon länger, wie zahlreich Musikfans auch zu Auftritten von Künstler*innenn strömen, die in der Radiowelt gar nicht existent sind. Diese Relevanz bilden die Streamingportale vor allem bei dem jungen Publikum schon eher ab und dürfen hier, trotz aller berechtigten Kritik an fehlender Diversität in Playlisten, als Medien, die das Angebot positiv verändert haben, betrachtet werden.

Das Radio übernimmt (…) ein bisschen die Rolle von jemandem, den du nicht so richtig kennst, aber respektierst und der Dir einfach mal seiner Meinung nach gute Musik vorstellt. (…) Diese Ebene ist vor allem ein Sendungskanal, der heutzutage leider vielen Künstler*innen fehlt und darauf sollte eigentlich keine*r verzichten.

 

Wie wichtig findest du eine Radioquote, zur Sicherung der musikalischen Vielfalt?

Ich persönlich bin ein so neugieriger und aufgeschlossener Mensch, dass ich Quoten immer irgendwie als unnötig starre Segmentierung, die mich irgendwie einschränkt, empfunden habe. Ich verstehe alle, bei denen sich bei solchen Begriffen die Nackenhaare aufstellen, aber die Realität ist, dass ohne Quoten keine Räume geschaffen werden, in die sich gewissen Experten oder Talente hineinentwickeln und konkurrenzfähig werden können. Quoten sind wichtig, um zu verhindern, dass irgendwann erfolgreiche Gruppen eine Welt in der Welt erschaffen und andere strukturell ausschließen können, ohne unfair zu wirken.

D-Bo

Was ist Grund für die geforderte Radioshow zwischen 15:00 und 20:00 Uhr? Geht es darum, dass die verlangte Quote nicht an unbeliebten Sendezweiten, wie bspw. mitten in der Nacht, erfüllt wird?

Genau! Ziel ist es nicht nur, die Quote umzusetzen. Wir wollen wirklich ein Commitment der Radiosender, das alle oben genannten Wirkungen generiert und gerne auch mehr… Hier geht es darum, dass die Sender anerkennen, dass es eine Realität neben der von ihnen geschaffenen Welt gibt und das diese Realität Vorschläge hat, wie man die Radiowelt neu gestalten könnte. Mal schauen, ob es angenommen wird. Vielleicht kommt ja sogar eine Gegendarstellung, die uns mundtot macht, oder ein alternatives Angebot, das noch viel wirkungsvoller und besser ist!?

Viele Menschen, auch Künstler*innen warnen vor einem zu großen Eingriff in die Programmfreiheit, wie es in der DDR der Fall war, sowie vor entstehendem Populismus und Vaterlandsliebe. Wie wollt ihr solchen Problemen entgegenwirken?

Ganz easy: Es geht hier nicht um Nationalitäten oder Ethnien, es geht um keine Ideologie. Es gilt einfach auf dem Musikmarkt, wie das im Live-Bereich und auch im Social Media Bereich oder in eigentlich allen Wirtschaftsbereichen, in denen eine künstlerische, handwerkliche und/oder von Personen abhängige Dienstleistungsebene vorhaben und absolut üblich ist, eine lokale Bezugsgröße hinzuzufügen.

Zusätzlich zur globalen, liberalen, freiheitlichen Vernetzung, die wir absolut unterstützen, möchten wir eine regionale Quote als Ergänzung. Shop local! Stream local! Local Airplay-Time!

Und noch Mal, weil es so wichtig ist: Unsere Forderung ist offen! Wer einen guten Gedanken ergänzen oder eine berechtigte Sorge mitteilen möchte, der ist eingeladen, das bei dem Kontakt unserer Initiative zu tun: 
 
Marcsfirma
Marc Feldmann
Torstraße 171
10115 Berlin
 
 
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"Wir sind die Generation, die kein Geld hat und auch nie welches verdienen wird. Wir wachsen, indem wir schrumpfen."

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